
GRUNDLAGEN DES REVOLUTIONÄREN MARXISTISCHEN KOMMUNISMUS
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Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus in der Lehre und in der Geschichte des internationalen proletarischen Kampfes
Vorwort
Plan der Darstellung
Vorschau der Gegnerschaft
I. Klassenpartei und Klassenstaat als wesentliche Waffen der kommunistischen Revolution
Die grosse Frage der Macht
Irrtümer, die seit einem Jahrhundert aufgedeckt wurden
Zäher und wiederauflebender Proudhonismus!
II. Die Wirtschaftsorganisationen des versklavten Proletariats als elender Ersatz für die revolutionäre Partei
Geschichte ohnmächtiger Systeme
Die Wahnvorstellungen der lokalen »Kommunen«
Der Mythos der revolutionären Gewerkschaft
Die Sorelianer und der Marxismus
Der Prüfstein des Weltkriegs
Die Betriebsorganisation
Geschichte der Betriebsräte
Vergebliche Rückkehr zu leeren Formeln
III. Kleinbürgerliche Entstellung der Wesenszüge der kommunistischen Gesellschaft in den »gewerkschaftlichen« und »betrieblichen« Auffassungen der proletarischen Organisation
Die kommunale Form
Die gewerkschaftliche Form
Stärke der zwischengewerkschaftlichen Formen
Die ökonomische Funktion
Eine Polemik, die sich ständig wiederholt
Worte, die nicht mehr vergessen werden dürfen
Auf sozialem Massstab
Die russische Erfahrung und Lenin
Gewerkschaften und Staatskapitalismus
Die Betriebsrats-Form
Marxismus und Betriebsratswirtschaft
Schluss
Notes
Source
Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus in der Lehre und in der Geschichte des internationalen proletarischen Kampfes
Unserem Vortrag schicken wird zunächst folgende Anmerkung voraus: erwarten darf man hier keine systematische allumfassende Abhandlung über die kommunistische Auffassung und das kommunistische Programm in allen Aspekten ihrer ökonomischen, historischen und politischen Ausstrahlungen. Wir können auch nicht die verschiedenen Aspekte jenes Reflexes der kommunistischen Lehre behandeln, die man als Bindegewebe der anderen ansehen könnte und der der Originalität unserer Methode entspricht, also der Art, in der ausschliesslich der Marxismus (mit vollständigen und endgültigen Antworten seit seiner allerersten Erscheinung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts) die Knäuel in der Verbindung zwischen Theorie und Aktion, Ökonomie und Ideologie, determinierender Kausalität und Dynamik der menschlichen Gesellschaft unserer Überzeugung nach endgültig entwirrt hat: wir meinen hier jenen Reflex, den wir der Kürze halber mal philosophischen Aspekt des Marxismus, mal dialektischen Materialismus nennen.
Wir würden uns dazu dem üblichen Vorwurf der Abstraktheit aussetzen, falls wir beim Systematisieren dieser Begriffe noch unsere ureigene Anschauung der Funktion des Individuums in der Gesellschaft, des Zusammenhanges von Individuum und Gesellschaft mit dem Staat und der Bedeutung des Wesens Klasse im Aufbau unserer Lehre klären wollten. Wir würden uns also dem Risiko des Missverständnisses aussetzen, wenn wir einen Grundzug unserer Lehre in Vergessenheit geraten liessen, nämlich dass die Formeln, die diese Fragen beantworten, nicht unveränderlich bleiben für alle Zeiten, sondern sich verwandeln mit der Ablösung von grossen geschichtlichen Zeitaltern, die für uns von den grossen gesellschaftlichen Formen und Produktionsweisen gebildet werden.
Unsere Wiederdarlegung wird also - obwohl dabei die Beständigkeit der marxistischen Antworten über die episodischen Wenden der geschichtlichen Situationen hinaus behauptet wird - mehr auf die unglückliche Phase bezogen sein, die die revolutionäre Bewegung gegen das Kapital heute, seit Jahrzehnten und gewiss für Jahrzehnte durchmacht. Wir werden die Ecksteine unserer wissenschaftlichen Lehre in die richtige Stelle rücken, jene Bausteine befestigen, die der Feind mit grösster Beharrlichkeit zu zerstören versucht und gegen seinen entstellenden Druck wirken.
Zu diesem Zweck werden wir drei Hauptgruppen von Kritikern der orthodoxen, doktrinären Positionen - der einzigen revolutionären - betrachten und uns dabei hauptsächlich mit jener Kritik befassen, die am zähesten beansprucht, sich derselben Prinzipien und Bewegungen zu bedienen, auf die wir uns berufen.
Wir erinnern die Leser daran, dass ein gleichartiges Thema in der Mailänder Versammlung von 1952 entwickelt wurde (»Die historische Invarianz des Marxismus«), wo in einem ersten Teil die historische Invarianz des Marxismus mit der These behauptet wurde, dass der Marxismus keine Lehre in ständiger Ausbildung ist, sondern im dazu geeigneten historischen Augenblick - das heisst beim Auftreten des modernen Proletariats - als Ganzes entstanden ist. Ein Prüfstein unserer historischen Anschauung ist der Beweis, dass diese Klasse den ganzen historischen Bogen von der Entstehung bis zum Zusammenbruch des Kapitalismus derselben und unangetasteten theoretischen Waffen durchlaufen wird. Der zweite Teil behandelte das Thema »Der Aktivismus als falsches Hilfsmittel« und entwickelte die Kritik - der wir uns auch hier widmen werden - an der Rückkehr von »voluntaristischen« Illusionen, eine äusserst gefährliche Form, den Marxismus zu entarten, die in den Wellen der opportunistischen Epidemien immer ausgenutzt wird.
Im ersten Abschnitt teilen wir die Feinde unserer Position in: Verneiner - Verfälscher - Aktualisierer.
Die ersten werden heute von den offenen Verteidigern und Apologeten des Kapitalismus als endgültiger Form der menschlichen »Kultur« vertreten. Denen schenken wir keine grosse Aufmerksamkeit mehr: wir gehen davon aus, dass sie von Karl Marx Knockout geschlagen wurden. Wir erledigen sie, in dem wir diese rechtzeitig erlernten Schläge gegen die anderen zwei Gruppen wiederholen. (Setzen wir hier in Klammern und zwar ein für allemal ein, dass die Absicht dieser offen als Wiederholung erklärten Darlegung nicht so sehr der endgültige Sieg auf einer polemischen Arena ist, sondern - vor allem solange wir uns im Rahmen einer Zusammenfassung bewegen - uns selbst klar zu definieren und unsere kritischen Kennzeichen hervorzuheben, um zu beweisen, dass sie in viel mehr als hundert Jahren nicht abgeändert werden können).
Die zur Zeit nur doktrinäre und morgen gesellschaftliche Niederlage der ersten Gruppe, der Verneiner des Marxismus, wird dadurch nachgewiesen, dass sie Tag für Tag mehr dazu übergehen, die von Marx entdeckten Wahrheiten zu »stehlen«, und in der Überzeugung, sie nicht widerlegen zu können, wenn sie unverfälscht formuliert werden, sich der zweiten Schar, den Verfälschern, und (warum nicht?) der dritten anschliessen. Wir Revolutionäre zerschmettern im Gegenteil die klassischen Thesen des Feindes ohne Furcht in ihrer ursprünglichen Form.
Die Verfälscher sind jene, die historisch »Opportunisten«, Revisionisten, Reformisten genannt werden; jene, die die Erwartung der revolutionären Katastrophe und die Anwendung der bewaffneten Gewalt von der Gesamtheit der Marxschen Theorien ausgeklammert haben, in der Annahme, dass dies ohne eine Vernichtung des Ganzen möglich wäre. Es gibt aber - und wir werden es sofort beweisen - auch unter jenen, die zeigen, dass sie die rebellische Gewalt anerkennen, Scharen von Verfälschern, die in allem, auch im Aberglauben des Aktivismus, Richtungsgefährte der ersten sind. Sie alle schrecken vor dem ausschliesslichen und kennzeichnenden Inhalt der Theorie von Marx zurück: vor der bewaffneten Macht, aber nicht mehr der Faust des einzelnen Individuums oder der unterdrückten Gruppe, sondern der siegreichen und befreiten Klasse: der Klassendiktatur, Schreckgespenst in den Augen der Sozialdemokraten und der Anarchisten. Um 1917 konnten wir der Illusion verfallen, dass auch diese schmutzige zweite Gruppe unter Lenins Schlägen zu Boden gefallen wäre. Während wir aber jenen Sieg theoretisch als endgültig betrachteten, waren wir unter den ersten, die bemerkten, dass die Bedingungen vorhanden waren, unter denen jenes schändliche Pack wieder entstehen werde, dass wir heute im Stalinismus und im nach dem 20. Kongress zirkulierenden Nach-Stalinismus feststellen.
Zum Schluss stellen wir in den dritten, in dem Sektor der Aktualisierer, jene Gruppen fest, die, obwohl sie in dem Stalinismus der zweiten Gruppe eine neue Form des von Lenin geschlagenen klassischen Opportunismus erkennen, diesen furchtbaren Zusammenbruch der revolutionären Arbeiterbewegung Fehlern und Unzulänglichkeiten des ersten Bauwerkes Marx' zuschreiben und sich anmassen, es anhand der Daten der der Theorieentstehung folgenden historischen Entwicklung berichtigen zu können, einer Entwicklung, die nach ihren Aussagen dieser Theorie widersprochen hätte.
In Italien, in Frankreich, überall gehen im Schosse dieser zahlreichen Gruppen und Grüppchen die ersten proletarischen Reaktionen auf die furchtbaren Enttäuschungen des Stalinismus mit demoralisierenden Ergebnissen verloren; Enttäuschungen, zu denen der Stalinismus - die opportunistische Schwindsucht, die Lenins III. Internationale vernichtete - mit seinen Entstellungen und Zersetzungen führte.
Eine dieser Gruppen beruft sich auf den Trotzkismus, begreift aber in Wirklichkeit nicht, dass Trotzki in Stalin eben immer die Abweichungen von Marx verurteilte, auch wenn er in hohem Masse zu persönlichen und moralischen Urteilen griff, was ja eine unergiebige Methode ist, wie deren unverschämte Anwendung auf dem 20. Kongress, um den Verrat an den Traditionen noch weiter als Stalin selbst zu treiben, beweist.
All diese Gruppen werden gemeinsam von der anderen Krankheit - vom Aktivismus - überfallen, und deren enorme kritische Entfernung vom Marxismus verhindert, dass sie verstehen, dass es sich dabei um denselben Fehler von Bernstein handelt, der den Sozialismus im Rahmen der parlamentarischen Demokratie erzeugen wollte und dazu die Alltagspraxis der (seiner Meinung nach) grauen Theorie entgegensetzte und auch von Stalins Nachkommen, die Marx', Lenins und Trotzkis Positionen über den internationalen Charakter der sozialistischen ökonomischen Umwandlung zertrümmert haben, in einer anstössigen Darbietung von gehobenen Fäusten, mit deren Hilfe ihr aufs äusserste gereizte Herrschaftswille die sozialistische Umwandlung bereits erzeugt hätte!
Stalin ist der theoretische Vater der Methode, den Marxismus zu bereichern und zu aktualisieren, die, wenn sie auftaucht, immer die Zerstörung der Auffassung des Proletariats als revolutionäre Weltkraft bedeutete. (siehe unsere Texte »Dialogato con Stalin« [1953] und in »Dialogato coi morti (Il XX. congresso del Partito Comunista Russo)« [1956]).
Als so stellen wir uns gegen die drei Gruppen zugleich. Die wesentlich ist die Wiederherstellung müssen wir jedoch gegenüber den trügerischen Entstellungen und anspruchsvollen »Neubauten« der dritten Gruppe vornehmen, denn sie sind zeitgenössisch und daher besser bekannt, und weil es nach der stalinistischen Verwüstung den heutigen Arbeitern nicht leichtfällt, sie auf alte historische Betrüge zurückzuführen, denen gegenüber wir eine einzige Haltung vorschlagen: die vollständige Rückkehr zu den kommunistischen Positionen des »Manifests« von 1848, die im Keim unsere ganze historische und soziale Kritik enthalten; und wir beweisen, dass alle nachfolgenden Wechselfälle des Kampfes, mit blutigen Schlachten und Niederlagen des Proletariats im Laufe eines Jahrhunderts, die Solidität all dessen, das man irrsinnigerweise fallen lassen wollte, bestätigen.
I. Klassenpartei und Klassenstaat als wesentliche Waffen der kommunistischen Revolution
Wenn wir, mit dem einzigen Zweck, die theoretische Folgerung zu erleichtern, unsere Aufmerksamkeit auf die zahlreiche Schar der Kritiker der Moskauer Entartungen lenken (und diese Schar hat sich trotz der vorbeugenden Gegenmassnahmen des 20. Kongresses nach den Ereignissen in Ungarn, Polen und Ostdeutschland bis zu den Rändern der offiziellen stalinistischen Parteien des Westens verbreitet, mit der Loslösung von Elementen, die unseres Erachtens mehr als zweideutig und kleinbürgerlich sind, wie Picasso, Sartre & Co.) können wir feststellen, dass die Verurteilung nicht ohne Erfolg so lautet: Missbrauch der Diktatur, Missbrauch der Form der der Zentraldisziplin unterworfenen Partei, Missbrauch der Staatsmacht in diktatorische Form. Die ganze Sippschaft sucht ein Heilmittel in folgender Richtung: mehr Freiheit, mehr Demokratie, Rückkehr des Sozialismus zur politischen und ideologischen Atmosphäre des liberalen Wahlrechtes, Verzicht auf Gebrauch der Staatsgewalt im allgemeinen in den Beziehungen zwischen den verschiedenen politischen Vorschlägen bzw. Meinungen. Wie üblich geben wir den Vorzug, als Ziel unserer Schläge, nicht denjenigen, die das alles als offene Verteidiger der solchem juristischen, politischen und ideologischen System entsprechenden bürgerlichen Produktionsweise sagen, sondern jenen, die dieses sinnlose Geschwätz auf den marxistischen Stamm aufpfropfen wollen.
Und stellen wir sofort unsere entgegengesetzte Behauptung auf: die revolutionäre Bewegung, frei von knechtischer Bewunderung für die amerikanische freie Welt, frei von der Unterwerfung unter die Moskauer Korruption, frei von der Anfälligkeit für die furchtbare Seuche des Opportunismus, wird nur in dem Masse wiederaufleben, dass sie die ursprüngliche radikale marxistische Plattform wiederfindet und sich auf die Grundlage stellt, dass der Sozialismus seinem Wesen nach als Begriffe, die der Verteidigung und Erhaltung des Kapitalismus dienen, die Freiheit, die Demokratie, den Wahlparlamentarismus überwindet, verneint und schändet, sowie als äusserste Lüge und konterrevolutionäreres Hilfsmittel die Forderung nach einem Staat, der gegenüber den Interessen der Klassen und den Vorschlägen der Parteien - also gegenüber der tölpelhaften Meinungsfreiheit - untätig und neutral sein soll. Ein solcher Staat und eine solche Freiheit sind nichts anderes als monströse Erfindungen, die die Geschichte niemals gekannt hat und niemals kennen wird.
Nicht nur ist es unbestreitbar, dass der Marxismus von Anfang an diese Positionen genommen und behauptet hat, sondern muss noch hinzugefügt werden, dass die Auffassung vom Gebrauch der physischen Macht gegen die gegnerischen Minderheiten und auch Mehrheiten die Einschaltung von zwei Grundelementen des geschichtlichen »Schemas« des Marxismus, von Partei und Staat, voraussetzt.
Es gibt ein »marxistisches Schema der Geschichte« in dem Masse, dass - anders ausgedrückt - der marxistischen Lehre die Möglichkeit, ein Schema der Geschichte zu zeichnen, zugrundeliegt. Wenn man nicht dazu käme, das Schema zu finden, oder wenn das gefundene Schema versagt hätte, würden der Marxismus verfallen und seine Verleugner der ersten Gruppe Recht haben. Wahrscheinlich wird aber nicht einmal diese Feststellung ausreichen, um die Verfälscher und »Anpasser« des Marxismus zur Kapitulation zu bringen!...
Wer sich unserer These widersetzt, dass Partei und Staat nicht Neben- sondern Hauptelemente im marxistischen Schema sind, und behaupten möchte, dass die Klasse das Hauptelement, während Partei und Staat Zubehör der Geschichte und des Klassenkampfes seien, die man wie die Reifen und Scheinwerfer eines Autos »wechseln« kann, dem wäre sofort und direkt von Marx selbst mit seinem Brief an Weydemeyer (1852), von Lenin in seinem Klassiker »Staat und Revolution« zitiert (dessen historische Konstruktion wir voll beanspruchen), widersprochen. Dass es Klassen gibt, sagte Marx, habe ich nicht entdeckt, sondern viele bürgerliche Schriftsteller und Historiker. Nicht einmal den Klassenkampf habe ich entdeckt, sondern viele andere, die nicht desto trotz weder Kommunisten noch Revolutionäre sind. Der Kern meiner Lehre besteht im historischen Begriff der »Diktatur« des Proletariats, notwendiger Übergangsphase zwischen Kapitalismus und Sozialismus. So weit Marx, in einer der seltenen Stellen, wo er von sich spricht.
Die statistisch begriffene Arbeiterklasse interessiert uns also kaum, und nicht vielmehr die Arbeiterklasse, die sich in Gruppen bewegt, um ihre Interessenkonflikte mit den anderen Klassen (es gibt immer mehr als zwei Klassen) zu lösen. Uns interessiert die Klasse, die die Diktatur ergriffen hat, das heisst die bürgerliche Macht besiegt, den bürgerlichen Staat vernichtet und ihren eigenen Staat errichtet hat, wie Lenin meisterhaft zur Schande der II. Internationale - die den Marxismus »vergessen« hatte - erklärte. Wie stützt sich auf eine Klasse eine diktatorisch autoritäre Staatsmacht, ein Staatsapparat, der dem alten entgegensteht, wie die siegreiche Armee auf den Positionen der besiegten? Welches ist das Organ? Die Philister werden sofort antworten, dass es für uns der Mann, in Russland Lenin war, den man waghalsig in einen Sack mit dem heute verbrannten und gestern - sagt man - von seinen Handlangern ermordeten, gemeinen Stalin steckt. Unserer Antwort war, und ist heute mehr denn je, eine andere.
Das Organ der Diktatur und der Handhabung der Waffe Staat ist die politische Klassenpartei, die Partei, die in ihrer Lehre und in der langen historischen Kette ihrer Aktion die Klassenaufgabe der Gesellschaftsumwandlung potentiell innehatte. Die Partei. Wir beschränken uns nicht auf die Behauptung, dass der Kampf und die historische Aufgabe der Klasse sich nur verwirklichen können, wenn sie diesen zwei Organen anvertraut werden: dem diktatorischen Staat (der die anderen nunmehr besiegten und unterworfenen Klassen von sich ausschliesst, während sie noch leben) und der politischen Partei. Wir behaupten, dass in unserer dialektischen und revolutionären Sprache erst dann von Klasse die Rede sein kann, erst dann ein dynamischer Zusammenhang zwischen einer heute unterdrückten Gesellschaftsklasse und einer künftigen und revolutionierten Gesellschaftsform festzustellen ist, erst dann der Kampf zwischen der Klasse, die den Staat in ihren Händen hat, und der Klasse, die ihn vernichten und durch ihren eigenen Staat ersetzen muss, berücksichtigt werden kann, wenn die Klasse keine kalte statistische Feststellung auf dem niedrigen Niveau des bürgerlichen Denkens ist, sondern sich in ihrer Partei ausdrückt, denn ohne dieses Organ hat sie weder leben noch Kampfkraft.
Also nicht nur kann man keineswegs die Partei von der Klasse wie ein Nebenelement vom Hauptelement abtrennen, sondern haben die neuen Entsteller des Marxismus, in dem sie eine proletarische Klasse ohne Partei oder mit einer sterilisierten und ohnmächtigen Partei haben wollen, oder indem sie einen Ersatz für die Partei suchen, die Klasse verschwinden lassen: sie haben die Möglichkeit vernichtet, das die Klasse für den Sozialismus - und schliesslich sogar für ihr tägliches Brot - kämpfe.
Irrtümer, die seit einem Jahrhundert aufgedeckt wurden
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Bis zu solchen Auswüchsen haben sich die modernen »Bereicherer« durch dieselbe kritische Verwirrung treiben lassen, die sie unbesorgt auch dazu verleitet hat, sich die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Unterstellungen zu eigen zu machen, die entstanden sind, als die russische Revolution noch eine Linie verfolgte, die auch ihrer Meinung nach ruhmreich war. Klasse, Staat, Partei und Parteimänner standen damals auf dem selben revolutionären Boden, gerade weil über jene wesentlichen Einstellungen überhaupt kein Zögern bestand.
Es fällt ihnen nicht auf, dass sie, durch die Verwässerung der Partei und ihrer Funktion des ersten Organs der Revolution, das Proletariat deklassieren und ohnmächtig dem Joch der herrschenden Klasse unterwerfen, das das Proletariat nicht zerstören und nicht einmal mildern kann, auch nicht unter beschränkten Gesichtspunkten. Sie glaubten, den Marxismus verbessert zu haben, nur weil sie aus der Geschichte die banale, des letzten Schwindlers würdige Lehre zogen: »Man darf den Bogen nicht überspannen«! Sie können nicht begreifen, dass so etwas keine Berichtigung ist, sondern eine Ausrottung, oder besser, ein Minderwertigkeitskomplex aus ohnmächtiger Begriffsstutzigkeit.
Partei und Staat und sind wesentliche Punkte der ersten Texte unserer Lehre und bilden zwei Hauptetappen in der epischen Darstellung des »Kommunistischen Manifestes«.
Zwei sind die revolutionären Wenden des Kapitels »Proletarier und Kommunisten«. Die erste, im vorigen Kapitel »Bourgeois und Proletariat« bereits erwähnt, ist die Organisation der Proletarier zur politischen Partei. Dieser Passus folgte der anderen sehr bekannten Behauptung, dass jeder Klassenkampf ein politischer Kampf ist. Ihre Formulierung ist also noch deutlicher und stimmt mit unserer These überein: historisch ist das Proletariat eine Klasse, wenn es dazu kommt, den politischen Kampf um die Partei ins Leben zu rufen. Der Text sagt tatsächlich:
»Diese Organisation des Proletariats zur Klasse, und damit zur politischen Partei«.
Die zweite revolutionäre Wende ist die Bildung des Proletariats zur herrschenden Klasse. Hier tritt die Frage der Macht und des Staates auf:
»Wir sahen schon oben, dass der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse ist«.
Kurz danach folgt die knappe Definition des Klassenstaates:
»Das als herrschende Klasse organisierte Proletariat«.
Es ist nicht nötig, vorzugreifen und zu zeigen, wie auch eine andere wesentliche These, die Lenin wieder aufgestellt hat - das spätere Absterben des Staates - in diesem ersten berühmten Text enthalten ist. Die allgemeine Definition: »Die politische Macht ist die organisierte Gewalt einer Klasse, um eine andere Klasse zu unterdrücken« unterstreicht die klassischen Behauptungen: die öffentliche Gewalt verliert ihren politischen Charakter; die Klassen und somit jede Klassenherrschaft, auch die des Proletariats, verschwinden.
Im Mittelpunkt der marxistischen Auffassung stehen also Partei und Staat . Hier muss man nehmen oder lassen. Die Klasse ausserhalb ihrer Partei und ihres Staates zu suchen ist vergebliche Mühe; sie ihr vorzuenthalten, bedeutet, dem Kommunismus und der Revolution den Rücken zu kehren.
Dieser irrsinnige Versuch, den die »Aktualisierer« für eine neuartige Entdeckung der zweiten Nachkriegszeit halten, stammt aus der Zeit vor dem »Manifest« und wurde auch vor dem »Manifest« mit dem grossartigen polemischen »Pamphlet« von Marx gegen Proudhon - »Das Elend der Philosophie« - zerstört. Dieses grundlegende Werk vernichtet die für ihre Zeit sehr fortgeschrittene Auffassung, dass die gesellschaftliche Umwandlung und die Abschaffung des Privateigentums ausserhalb des Kampfes um die politische Macht zu erreichen wäre. Am Ende des Werkes kann man den berühmten Satz lesen:
»Man darf nicht sagen, dass sie soziale Bewegung die politische Bewegung ausschliesst«,
der zu unserer unmissverständlichen These führt: unter Politik verstehen wir keinen friedlichen Meinungswettstreit oder - was noch schlimmer ist - die parlamentarische Opposition, sondern den »Zusammenstoss Mann gegen Mann«, die »totale Revolution« und letzten Endes, mit den Worten der Dichterin Sand: »Kampf oder Tod«.
Proudhon schreckt vor der Notwendigkeit des politischen Kampfes zurück, weil seine Auffassung der gesellschaftlichen Umwälzung nur ein Bein hat, die vollständige Überwindung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses nicht enthält, wettbewerbsmässig und lokal-genossenschaftlich ist, in der bürgerlichen Auffassung von Betrieb und Markt gefangen bleibt. Er schrie, dass das Eigentum Raub sei. Sein System jedoch, in dem es ein Marktsystem bleibt, bleibt auch ein Eigentums- und Bourgeoissystem. Seine Kurzsichtigkeit hinsichtlich der ökonomischen Revolution ist dieselbe der modernen »Betriebsrätler«, die mit weniger Kraft die alte Utopie von Owen wiederholen, der die Arbeiter durch die Arbeiter-Betriebsleitung in der bürgerlichen Gesellschaft befreien wollte. Ob sich diese Herren im italienischen Stil auf die »Ordine Nuovo«-Gruppe von Gramsci berufen, oder im französischen der Gruppe »Socialisme ou Barbarie« verpflichtet fühlen, ein phroudhonianischer Schlag begleitet sie seit der weit zurückliegenden Herkunft und für sie, wie für Stalin, gilt die Invektive: »Elend der Bereicherer«.
Zäher und wiederauflebender Proudhonismus!
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In Proudhons System werden individueller Tausch, Markt, freie Entscheidung des Käufers und des Verkäufers äusserst hochgepriesen. Es wird ferner behauptet, dass es genügen würde, den Tauschwert jeder Ware dem in ihr enthaltenen Arbeitswert anzupassen, um jede gesellschaftliche Ungleichheit abzuschaffen. Marx zeigte - und dasselbe wird gegen Bakunin, gegen Lassalle, gegen Dühring, gegen Sorel, gegen die jüngeren Zwerge, wovon hier die Rede ist, gezeigt -, dass hinter alledem nichts anderes als die Apologie und die Erhaltung der bürgerlichen Wirtschaft steckt, wie auch nichts anderes die stalinistische Behauptung bedeutet, dass in einer sozialistischen Gesellschaft, wie er sich einbildet, Russland sei eine, das Äquivalententauschgesetz bestehen bleibt.
Seit jenem Text zeigt Marx in wenigen Zeilen den Abgrund zwischen diesen Taschenausgaben des kapitalistischen Systems und der kolossalen Anschauung der kommunistischen Gesellschaft von morgen. Das geschieht in Beantwortung der proudhonschen Konstruktion einer Gesellschaft, in welcher das unbeschränkte Spiel der Konkurrenz und das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage das Wunder wirken, jedem die nützlichsten und lebenswichtigsten Dinge zu den Mindestkosten zu sichern, ewiger kleinbürgerlicher Traum der albernen Knechte des Kapitals. Es war für Marx ein Leichtes, diesen Trugschluss umzuwerfen und in seiner ganzen lächerlichen Anmassung blosszulegen: »Anstatt mit jedermann zu sagen: wenn das Wetter schön ist sieht man viele Leute spazierengehen, lässt Herr Proudhon seine Leute spazierengehen, um ihnen gutes Wetter zusichern zu können«. »In einer künftigen Gesellschaft, wo der Klassengegensatz verschwunden ist, wo es keine Klassen mehr gibt, würde der Gebrauch nicht mehr von den Minimum der Produktionszeit abhängen, sondern die Produktionszeit, die man den verschiedenen Gegenständen widmet, würde bestimmt werden durch ihre gesellschaftliche Nützlichkeit«.
Das ist einer der vielen Schätze, die wir aus den klassischen Schriften unserer grossen Schule holen können und die die Albernheit des stalinistischen und vulgär-antistalinistischen Gemeinplatzes blosslegen, wonach Marx den Kapitalismus in seinen Gesetzen beschrieben hätte, jedoch nie die sozialistische Gesellschaft, den somit wäre er... in den Utopismus zurückgefallen.
Der Utopismus ist im Gegenteil Proudhon-Stalin vorzuwerfen, die das Proletariat unter Beibehaltung des Markttausches »befreien« wollen. Eine letzte Ausgabe des Versuchs ist die Reform der russischen Industrie durch Chrustschow (1).
Der individuelle und freie Tausch, der die Grundlage des Systems von Proudhon bildet, entwickelt sich als Tausch zwischen Betrieben, zwischen Werkstätten, zwischen Unternehmen, die von den Arbeitern verwaltet werden, in der ranzigen Banalität, die den Inhalt des Sozialismus in der Eroberung des Betriebes durch seine Belegschaft sieht.
In seinem Kreuzzug in Verteidigung der Konkurrenz verfällt der alte Proudhon dem jetzt modernsten Hirngespinst des produktiven »Wetteifers«. Der Fortschritt, hört man die Spiesser jener Zeiten sagen (und sie ahnten nicht, dass sie weniger reaktionär als die modernen Chruschtschows waren!), entsteht aus dem gesunden »Wetteifer«. Proudhon verwechselt aber den industriellen Wetteifer mit der Konkurrenz selbst. Zum Wetteifern neigen alle, die einem selben Ziel zustreben, wie z.B. »eine Frau für den Liebenden« sein kann. Marx bemerkt mit Sarkasmus: wenn das unmittelbare Objekt des Liebenden die Frau ist, so ist das unmittelbare Objekt des industriellen Wetteifers das Produkt und nicht der Profit. Da aber das Rennen um den Profit vor sich geht, löst sich der vermeintliche Wetteifer in der bürgerlichen Welt (und das gilt seit über 100 Jahren) in eine kommerzielle Konkurrenz auf, dieselbe, die sich Amerikaner und Moskauer sehnlich wünschen mit dem verführenden, gegenseitigen Lächeln dieses schwülen Sommers.
Mehr als in der verkrüppelten Auffassung der revolutionären Gesellschaft, erscheint Proudhon als Vorläufer der modernsten Neo-Betriebsrätler auch in ihrer vorsichtigsten Position, in der Beseitigung der Partei und des Staates, weil sie Führer erzeugen, Hierarchen, Verwahrer der Macht, und die Schwäche der menschlichen Natur bringt unvermeidlich mit sich, dass sie sich in eine neue privilegierte Schicht, in eine neue herrschende Klasse (oder Kaste?) auf dem Rücken des Proletariats verwandeln.
Diese Hirngespinste über die »menschliche Natur« hatte Marx schon damals den Systementwerfer Proudhon hinunterschlucken lassen, mit dem kurzen und plastischen Satz: Herr Proudhon weiss nicht, dass die ganze Geschichte nur eine sich fortsetzende Umwandlung der menschlichen Natur ist.
Unter diesem massiven Grabstein können die idiotischen Antimarxisten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haufenweise ruhen.
In Bestätigung unserer Erklärung, dass wir keine Vorbehalte oder Einschränkungen, auch nicht zweitrangiger Art, dem »vollen Einsatz« der Waffen Partei und Staat in der proletarischen Revolution setzen, fügen wir hinzu, dass eine einzige Organisation in der Lage ist, ein wirkungsvolles und endgültiges Heilmittel den unvermeidlichen, individuellen Äusserungen der Psychopathologie entgegenzusetzen, die Proletarier und kommunistische Militante nicht wegen ihrer menschlichen Natur angreifen kann, sondern wegen ihrer Natur von Untertanen der kapitalistischen Gesellschaft und deren schrecklichen, individualistischen Ideologien und Mythologien der Menschenwürde; und diese Organisation ist eben die politische Partei des Kommunismus während des revolutionären Kampfes und der Ausübung - die ihr voll zusteht - der Klassendiktatur. Andere Organe, die die Partei ersetzen wollen, werden nicht nur wegen ihrer revolutionären Ohnmacht weggeschoben, sondern auch weil sie hundertmal mehr als die politische Partei den Entartungen, kleinbürgerlichen und bürgerlichen Einflüssen zugänglich sind. Und die Kritik dieser von vielen Seiten und seit unvordenklicher Zeit vorgeschlagenen Organe soll eher historisch als »philosophisch« vollzogen werden. Dabei ist es aber von erster Wichtigkeit zu zeigen, dass die Gründe, die ihre Erzeuger vorbringen, im Lichte unserer Untersuchung leicht blossstellen, dass sie sich in der Finsternis einer Ideologie befinden, deren Ursprung und Wesen bürgerlich sind, und sogar nicht - einmal - bürgerlich, wie die Ideologie der »Intellektuellen«, die die Peripherie der proletarischen Bewegung gefährlich verpesten.
Die Partei, die den Nicht-Proletarier dem Proletarier organisatorisch gleichgestellt, ist das einzige Organ, das dem ersten ermöglicht, die theoretische und historische Position zu erreichen, der die revolutionären Interessen der Arbeiterklasse zugrunde liegen, und schliesslich nach harter historischer Arbeit, in unseren Reihen als revolutionäre Mine und nicht als bürgerliche Gegenmine zu dienen.
Die Überlegenheit der Partei besteht eben darin, dass sie die »labouristische« Infektion, die Seuche »reine Arbeiterbewegung«, überwindet. Der Partei tritt man infolge der eigenen Stellung im Mann gegen Mann der geschichtlichen Kräfte im Kampf um eine revolutionäre Gesellschaftsform bei, und nicht wegen der gewöhnlich gerühmten, knechtischen Abbildung der persönlichen Stelle des Militanten, des organisierten, »im Produktionsmechanismus« d.h. im Mechanismus, den die bürgerliche Gesellschaft errichtet hat, und der für sie und ihre herrschende Klasse als »physiologisch« gilt.
II. Die Wirtschaftsorganisationen des versklavten Proletariats als elender Ersatz für die revolutionäre Partei
Im Kampf gegen den stalinistischen Verrat und seine Entstellungen der ökonomischen Theorie - Aspekte, die tausendmal schlimmer sind als die »Ausschreitungen der Macht«, die in sehr verschiedenen Entwicklungsstufen den Trotzkisten und Chrustschowisten auf den Sack gefallen sind und als die berühmten »Verbrechen«, mit denen das ganze Philistertum der westlichen Quäker- und Freien Welt die Schlagzeilen gefüllt hat - haben wir uns immer auf die klassische These von Marx gegen Proudhon berufen, die im ersten Band des »Kapitals«, Kapitel 22, Note 24, so formuliert wird:
»Man bewundere die Begrifflichkeit Proudhons, der das kapitalistische Eigentum abschaffen will, indem er ihm gegenüber - die ewigen Eigentumsgesetze der Warenproduktion geltend macht.«
Die ganze Horde von vermeintlichen Antistalinisten stützt sich in ihrer Kritik und in ihrem Versuch, neue Programme aufzustellen, auf die lächerliche Forderung, Partei und Staat zu »entgiften« - was vom revolutionären Standpunkt aus ihrer Sterilisierung entspricht -, Formen, die Stalin infolge der ewigen Machtgier missbraucht hätte (In Italien gibt man diese äusserst stinkende These als Prüfungstext in Latein: der Tyrann, seine Knechte und das Vaterland! Cicero wäre also ein »Aktualisierer« von Marx avant-la-lettre.). Es ist wichtig, zu zeigen, dass alle, die diese Sorge pflegen (kratzt man sie etwas ab, merkt man sofort, dass sie alle, verzehrt von der Gier nach persönlichem Erfolg, nach einem Führungsposten streben), in der sozioökonomischen Auffassung in die reaktionäre Illusion Proudhons zurückfallen und den historischen Gegensatz zwischen Kommunismus und Kapitalismus, also zwischen Kommunismus bzw. Sozialismus und Marktwirtschaft, nicht sehen können.
Zunächst muss man die historische Beweisführung vornehmen, um das elendes Ende aller Versionen zu zeigen, die mit dem Zwecke die Scheusale politische Partei und politischen Staat zurückzustossen, den Zusammenschluss der proletarischen Klasse in ihrem Kampf gegen das Kapital und die Verwirklichung der nachkapitalistischen Gesellschaft mit anderen Organisationsformen zu erreichen trachten.
Im dritten Teil dieser Darlegung werden wir die ökonomische Seite behandelt, das heisst wir werden zeigen, das Ziel und Programm all dieser parteiverneinenden und »staatsverneinenden« Bewegungen nicht eine sozialistische und kommunistische Wirtschaft war, sondern eine kleinbürgerliche wirtschaftliche Illusion, die sie alle in das Kräfte Spiel der Parteien und Staaten des modernen Kapitalismus wieder versenkt hat.
Alle diese Bestrebungen auf der Grundlage von Formeln oder »Rezepten« für mannigfaltige wunderwirkende Organisationsformen zeigen ihren gemeinsamen Antimarxismus schon durch die allererste These, abgepinselt von den uralten Banalitäten der politischen Schacherer und der Reklameredner, die die Wechselfälle des historischen Kampfes auf eine Folge von »Modellen«, wie in der Bekleidungsmode, herabsetzen. Diese Klugscheisser schwätzen: die grosse französische Revolution wurde von politischen Clubs angetrieben, und der Kampf zwischen diesen Clubs ( Jakobiner, Girondisten, usw.) lieferte den Schlüssel der Ereignisse. Dann war dieses Modell nicht mehr modisch und man hatte die parlamentarischen Parteien... danach dachte man an die lokalen, von den Anarchisten verherrlichten kommunalen Körperschaften... heute (wir denken an 1900) hat man das moderne Rezept: die Berufsgewerkschaft, die alles übertrifft und sich mit ihrem revolutionären Potential der Partei und dem Staat gegenüberstellt (Georges Sorel). Alte Leier. Heute (1957) hören wir die Lobpreisung einer anderen »selbstgenügenden« Form: der Betriebsräte, die in verschiedener Weise von holländischen »Tribunisten«, italienischen Gramscisten, jugoslawischen Titoisten, sogenannten Trotzkisten, »linken« antibürokratisch-spontaneistischen Grüppchen letzter Garnitur, vor allen anderen Formen in den Vordergrund gerückt werden.
Eine einzige These von Marx, Engels, Lenin begräbt das ganze leere Gerede:
»Die Revolution ist keine Frage von Organisationsformen«.
Die Frage der Revolution besteht im Zusammenstoss der historischen Kräfte und im programmatischen Gesellschaftsziel am Abschluss des langen Zyklus der kapitalistischen Produktionsweise. Der alte vormarxistische Utopismus bestand darin, dass das Ziel nicht in den vergangenen und gegenwärtigen Bestimmungen wissenschaftlich entdeckt, sondern erfunden wurde. Das Ziel ausklammern, und an seine Stelle die sich hin und her bewegende Organisation setzen, darin besteht der neue postmarxistische Utopismus. (Bernstein, Führer des sozialdemokratischen Revisionismus: »Das Endziel, was immer es sei, ist mir nichts, die Bewegung alles.«)
Wir werden diese Vorschläge von Moderzeichnern kurz erörtern, die das Proletariat als »Mannequin« benutzten und ihm in harten Niederlagen das wieder befestigte Joch des Kapitals aufbürdeten.
Die Wahnvorstellungen der lokalen »Kommunen«
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Die anarchistischen Lehren sind Ausdruck der These: Das Übel ist die zentrale Gewalt. Es wird angenommen, dass die Abschaffung dieser zentralen Gewalt das ganze Problem der Befreiung der Unterdrückten darstellt. Zur Klasse gelangt der Anarchist nur als Nebenbegriff. Er will das Individuum, den Menschen, befreien, und eignet sich dadurch das Programm der bürgerlich-liberalen Revolution an. Dieser wirft er nur vor, eine neue Macht errichtet zu haben. Es wird ausser Acht gelassen, dass dies die notwendige Folge davon ist, dass Inhalt und Triebkraft der bürgerlichen Revolution nicht die Befreiung der Person oder des Bürgers war, sondern die Besitzergreifung über die Produktionsmittel durch eine neue Gesellschaftsklasse. Die Anarchie, der Libertarismus - und auch der Stalinismus in seiner westlichen Propagandafassung, wie schon eine erste Untersuchung zeigen kann - ist nichts mehr als der klassische revolutionäre bürgerliche Liberalismus mit irgendeiner Zutat (lokale Autonomie, Verwaltungsstaat, Mitwirkung der Arbeiterklasse in den Verfassungsgewalten). Durch solche kleinbürgerlichen Tölpeleien wird der bürgerliche Liberalismus, der zu seiner historischen Zeit etwas wirkliches und ernstes ist, zu einer rein tödlichen Illusion für die proletarische Revolution, und von dieser Illusion ist die Arbeiterbewegung heute durchtränkt.
Der Marxismus hingegen ist die dialektische Negation des kapitalistischen Liberalismus, den er nicht teilweise erhalten und teilweise verbessern, sondern in der Tat samt allen seinen Institutionen - die alle, lokal und vor allem zentral, Klassencharakter haben - zerschmettern will. Nicht durch die Berauschung mit niedrigen Autonomie- und Selbstbestimmungsideen kann man diese Aufgabe erfüllen, sondern mit der Bildung einer zentralen Zerstörungsgewalt, deren Organe gerade die durch keine andere Form zu ersetzende Klassenpartei und Klassenstaat sind.
Die Vorstellung, das Individuum, die Person, loszulösen und zu verselbständigen, reduziert sich zunächst auf die lächerliche Formel des subjektiv Rebellierenden, der die Augen zuschliesst und die Gesellschaft mit ihrer drückenden Struktur - die er nicht brechen kann und wo er eines Tages eine Höllenmaschine einsetzen möchte - ignoriert. Das alles endet im zeitgenössischen, gesellschaftlich ohnmächtigen Existentialismus.
Diese kleinbürgerliche Forderung, die aus dem Ärger des vom Grosskapital enteigneten kleinen Produzenten und also aus einer Verteidigung des Eigentums (das für Stirner und andere reine Individualisten eine nicht zu unterdrückende »Verlängerung der Person« darstellt) entsteht, hat sich der grossen historischen Tatsache des Anwachsens der Arbeiterbewegung angepasst und mit der Zeit einige organisierte Formen anerkannt. Zu Zeiten der Krise in der I. Internationale (nach 18170) trennen sich die Anarchisten von der Marxisten ab, noch unter Zurückweisung der ökonomischen Organisationen und sogar der Streiks. Schon damals stellt Engels fest, dass ökonomische Gewerkschaft und Streik für die Lösung des Problems der Revolution nicht genügen, die revolutionäre Partei sie jedoch unterstützen muss, da sie - wie bereits im »Manifest« erklärt - ihre Bedeutung in der Ausdehnung und Zusammenfassung der proletarischen Organisation zu einer einzigen und zentralen Form, die politisch ist, haben.
In dieser Phase predigen die Libertären eine schlecht definierte lokale revolutionäre »Kommune«, ein Organ, das manchmal als eine Kraft dargestellt wird, die im Kampf gegen die bestehende Macht ihre Autonomie behauptet und alle Bindungen mit dem zentralen Stab bricht, und manchmal als Verwaltungsform einer neuen Wirtschaft. Es handelte sich nur um eine Rückkehr zur ersten kapitalistischen Form der selbständigen Kommunen des späten Mittelalters in Italien und Flandern, wo eine junge Bourgeoisie gegen das Kaiserreich kämpfte. Wie immer, war das damals eine revolutionäre Erscheinung infolge der Entwicklung der Produktivkräfte, heute ist es leeres Gerede in einer Verpackung von falschem Extremismus.
Fünfzig Jahre lang haben die Anarchisten die Pariser Kommune von 1871 als Modell eines solchen lokalen Organes gefeiert. In der viel mächtigeren und unwiderruflichen Analyse von Marx und Lenin ist die Kommune hingegen das erste und grosse historische Beispiel der proletarischen Diktatur, des zentralen und zunächst räumlich beschränkten Staates des Proletariats.
Der kapitalistischen Staat Frankreichs, die Dritte Republik von Thiers, musste ihre Hauptstadt verlassen, um das proletarische Paris von aussen anzugreifen und zu zerschlagen und war bereit, das auch an der Seite des einkreisenden preussischen Heeres zu tun. Nach dem verzweifelten Widerstand und dem entsetzlichen Massaker konnte Marx schreiben, das seit jenem Tag die Heere aller bürgerlichen Nationen gegen das Proletariat verbündet sind.
Es ging nicht darum, den historischen Kampf vom nationalen auf kommunalen Rahmen zu verkleinern (man denke bloss an eine wehrlose Randkommune!), sondern international auszudehnen.
In den Jahren der II. Internationale trat aber sogar eine Version von Sozialismus zutage (die auch den unruhigen Geist des Vorkriegs-Mussolinis beeindruckt), »Kommunalismus« genannt, die die Zelle der sozialistischen Gesellschaft durch die Eroberung der autonomen Kommunen bilden wollte, aber nicht mehr - o weh! - mit den Bomben wie die Anarchisten, sondern mittels Kommunalwahlen! Die Einwendungen von damals wären heute unnötig, wo die unerbittliche, den Marxisten wohlbekannte, wirtschaftliche Entwicklung jede Lokalstruktur in ein immer verstrickteres Netz von wirtschaftlichen, verwalterischen, politischen Bindungen zum Zentrum gewickelt hat. Man braucht sich nur das lächerliche Unterfangen vorzustellen, dass jede kleine rebellische Kommune einen Rundfunk- und Fernsehsender baut, um mindestens die Sendungen des Urfeindes, des zentralen Staates, zu stören. Der Gedanke von Organisationen, die die Arbeiter einer Kommune zusammenschliessen, oder von einer Kommune, die sich politisch selbständig und wirtschaftlich autark erklärt, ist von sich aus gestorben. Die bürgerliche Illusion der »Autonomie« wird aber bei der Verdummung des Kopfes und Lähmung der Fäuste der Militanten der Arbeiterklasse ihre Rolle weiter spielen.
Grösser und komplexer ist die Geschichte von anderen Formen von »unmittelbaren« Arbeiterorganisationen, die dazu neigten, sich im Kreise von Berufsgewerkschaft, Industriegewerkschaft und Betriebsrat zu bewegen. In dem Masse, dass solche Formen zu Lasten der revolutionären politischen Partei Einfluss gewinnen, fällt die Geschichte ihrer Bewegungen und ihrer mehr oder weniger inkonsequenten Lehren mit der Geschichte (der wir lange Arbeiten gewidmet haben) des Opportunismus der II. und III. Internationale zusammen. Wir werden versuchen, uns auf wenige Hinweise zu beschränken, obwohl die Unwissenheit der Massen über diese Geschichte von ungeheueren Opfern des europäischen Proletariats sehr gross ist, und es not tut, dass das Proletariat eines Tages diese schrecklichen Erfahrungen nützlich verwendet.
Die Geschichte des Lokalismus und des sogenannten anarchistischen oder antiautoritären Kommunismus ist die Geschichte des Opportunismus in der I. Internationale selbst, von denen sich Marx sowohl durch die theoretische Kritik als auch durch einen harten organisatorischen Kampf gegen Bakunin und seine hartnäckigen Anhänger in Frankreich, in der Schweiz, in Spanien und Italien befreien musste.
Trotz der Geschichte der russischen Revolution sehen viele »Linke« und erklärte Feinde des Stalinismus die Anarchisten noch als möglichen Verbündeten an. Es war notwendig, wieder klarzustellen, dass der Antiautoritarismus eine erste Form von Erkrankung der proletarischen Bewegung, der Vorläufer aller anderen Opportunismen, inklusive dem stalinistischen Opportunismus selbst, darstellt, denn er rückt die politischen und historischen Positionen auf eine schiefe Kompromissebene, um die kleinbürgerlichen und sogar mittelbürgerlichen Gesellschaftsschichten an die Seite des Proletariats heranzuziehen: darin lag immer die Quelle aller Fehler und die Ursache aller Zusammenbrüche. Nicht die proletarische Führung über die »Volksmassen« hat man erreicht, sondern die Vernichtung jeglichen proletarischen Charakters der allgemeinen Bewegung und die Versklavung des Proletariats unter das Kapital.
Vor dieser Gefahr hat der Marxismus seit seinen frühen Jahren gewarnt und es ist traurig, feststellen zu müssen, dass heute missverstanden wird, was bereits vor einem Jahrhundert klar war, und das obwohl seit Marx' Zeit mehr Erfahrungen hinzugekommen sind, um dieser Gefahr entgegenzutreten. Die »volkstümliche« Ausgabe der Arbeiterrevolution hat auch Engels mit Entsetzen zurückgewiesen, unter anderem in der Einleitung zu den »Klassenkämpfen in Frankreich«:
»Wir teilten nach den Niederlagen von 1849 keineswegs die Illusionen der um die provisorischen Zukunftsregierungen in partibus gruppierten Vulgärdemokratie. Diese rechnete auf einen baldigen ein für allemal entscheidenden Sieg des 'Volkes' über die 'Dränger'; wir auf einen langen Kampf, nach Beseitigung der 'Dränger', unter den in eben diesem 'Volk' sich verbergenden gegensätzlichen Elementen«.
Für die marxistische Lehre bestehen seit dem die Grundlagen, alle heutigen »volkstümlichen« Auffassungen »aller« Opportunisten zu verdammen, einschliesslich der »Kleeblatt«-Grüppchen (2) und Barbaristen (3), die soeben den ungarischen Ereignissen lange Palinodien gewidmet haben und wie immer eine »Volksbewegung« fälschlich für eine Klassenbewegung ausgeben wollen.
Das »Volk« wird von all denen anstelle der Klasse gesetzt, die auch das Proletariat vor und über die Kommunistische Partei stellen, im Glauben, ihm dadurch die höchste Ehre zu erweisen, während es in Wirklichkeit, erniedrigt und aufgelöst in der Unbestimmtheit des »Volkes«, der Konterrevolution geopfert wird.
Der Mythos der revolutionären Gewerkschaft
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Um die Jahrhundertwende waren die politischen Parteien des Proletariats in ganz Europa zu zahlreichen und mächtigen Organisationen geworden. Ihr Vorbild war die deutsche »Sozialdemokratie«, die nach einem langen Kampf gegen die Sozialistengesetze von Bismarck den bürgerlich-kaiserlichen Staat zur Abschaffung dieser Gesetze gezwungen hatte und bei jeder Wahl ihren Stimmenanteil und die Anzahl ihrer Sitze im Parlament erhöhte. Diese Partei hätte der Nachfolger der Tradition von Marx und Engels sein sollen, und als solcher verdankte sie ihren Ruhm innerhalb der 1889 gebildeten II. Internationale.
Aber gerade in dieser Partei hatte sich eine neue, revisionistisch genannte Strömung gebildet, deren höchster Theoretiker Eduard Bernstein war. Diese Strömung behauptete offen, dass die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre neuen Aspekte während der sozial und international relativ friedlichen Epoche nach dem preussisch-französischen Krieg »neue Wege zum Sozialismus« aufzeigten, die sich von Marx' Weg unterschieden.
Die jungen Arbeitermilitanten von heute sollen sich nicht wundern, wenn damals genau dieselbe Losung vom 20. russischen Kongress von 1956 mit genau denselben Worten ausgesprochen wurde die man für eine funkelnagelneue Erfindung dieses Kongresses hält.
Der italienische Revisionist Bonomi, der 1912 von der sozialistischen Partei ausgeschlossen wurde, später unter Giolitti die Aufgabe übernahm, nicht die Faschisten sondern die Proletarier im Kampf gegen den Faschismus erschiessen zu lassen und noch später einer der Führer der Regierung der antifaschistischen Republik wurde, schrieb vor einem halben Jahrhundert ein Buch mit dem Titel: »Die neuen Wege zum Sozialismus«. Diesem Buch entlieh Giolitti den schönen Satz, dass die Sozialisten Marx in den Dachboden gestellt hatten. Die gegenwärtige Bewegung der internationalen kommunistischen Linke knüpft sich an die Gruppen des linken Flügels an, die in jenen entrückten Zeiten als Antwort darauf ihre Zeitung »Der Dachboden« nannten.
Die Revisionisten behaupteten, dass in der neuen Situation Europas und der kapitalistischen Welt der Übergang zum Sozialismus und die Befreiung der Arbeiterklasse nicht mehr der Aufstandskämpfe, der Anwendung von Waffengewalt, der revolutionären Eroberung der politischen Macht bedurften, und beseitigten vollständig die zentrale These von Marx: die Diktatur des Proletariats.
Anstelle dieser »Zusammenbruchstheorien« setzte man die verfassungsmässige Wahlkampagne, die gesetzgeberische Tätigkeit im Parlament. Man kommt sogar zur Beteiligung von gewählten Sozialisten an den bürgerlichen Kabinetten (Possibilismus, Millerandismus), um dadurch für das Proletariat günstige Gesetze durchzusetzen, obschon die internationalen Kongresse bis zum Ersten Weltkrieg diese Taktik immer verworfen hatten und vor dem Krieg Kollaborationisten wie Bonomi (aber nicht wie Bernstein, oder in Italien Turati), von der Partei ausgeschlossen wurden.
Diese Entartung in der Politik und in der Lehre der sozialistischen Parteien - mit der wir uns hier nicht mehr beschäftigen können - folgte in breiten Arbeiterschichten eine Misstrauenswelle gegen die politische Partei an sich, die das Spiel der antimarxistischen und anarchistischen Kritiker erleichterte. In einer ersten Zeit stellten sich auch nur weniger wichtige Strömungen auf den Boden des antirevisionistischen Kampfes mit dem Ziel, der ursprünglichen Lehre des Marxismus treu zu bleiben (Radikale in Deutschland, unnachgiebige Revolutionäre in Italien, woanders Harte, Starre, Orthodoxe, usw. genannt).
Diese Strömungen, denen in Russland der Bolschewismus mit Plechanow (der mit dem Krieg Pleite machte, wie der Deutsche Kautsky) und Lenin entspricht, haben keine Sekunde die Forderung nach der Partei und - mit voller Klarheit nur bei Lenin - nach dem Staat aufgegeben. Für vielleicht ein Jahrzehnt erklärte aber eine andere Schule, der revolutionäre Syndikalismus, dem sozialdemokratischen Revisionismus den Kampf. Obwohl die Ursprünge dieser Schule weiter zurückgreifen, kann man Georges Sorel als ihren theoretischen Führer ansehen. Sie waren stark in den romanischen Ländern und kämpften zunächst in den Reihen der sozialistischen Parteien, die sie später verliessen, sei es durch die Wechselfälle des Kampfes, sei es aus theoretischer Konsequenz einer Lehre, die die Partei als Organ der Klassenrevolution ausschloss.
Für sie bestand die Hauptform der proletarischen Organisation in der ökonomischen Gewerkschaft, die in erster Linie nicht nur den Klassenkampf um die Verteidigung der unmittelbaren Arbeiterinteressen führen sollte, sondern sich auch auf die Führung des revolutionären Endkrieges um die Vernichtung des kapitalistischen Systems vorbereiten, ohne sich dabei in irgendeiner Form einer politischen Partei unterzuordnen.
Es würde uns zu weit führen, die Perspektive und die Entwicklung dieser Lehre, sei es bei ihrem ideologischen Führer Sorel, sei es in den mannigfaltigen Gruppen, die sie in den verschiedenen Ländern vertraten, zu untersuchen. Wie wir erklärt haben, werden wir nur zusammenfassend ihre historische Bilanz ziehen und ihre äusserst fragwürdige Auffassung einer künftigen nichtkapitalistischen Gesellschaft behandeln.
Sorel und nicht wenige seiner Anhänger haben am Anfang auch in Italien erklärt, sie wären die wahren Nachfolger von Marx im Kampf gegen die pazifistische und evolutionistische Verkleidung der legalitären Revisionisten. Danach mussten sie einräumen, selbst einen anderen Revisionismus darzustellen. Dieser Revisionismus schien auf den ersten Blick eher nach links als nach rechts zu laufen, in Wirklichkeit liessen sich aber beide auf dieselben Ursprünge zurückführen und bargen in sich dieselben Gefahren.
Was Sorel von Marx zu erhalten glaubte, war die Anwendung von Gewalt und der Zusammenstoss der proletarischen Klasse gegen die Institutionen und die Macht der Bourgeoisie, vor allem gegen ihren Staat. Er zeigte also Treue zur Marxschen Kritik, wonach der aus der liberalen Revolution entstandene gegenwärtige Staat in seinen demokratischen und parlamentarischen Formen das spezifische Verteidigungsorgan der Interessen der herrschenden Klassen bleibt, deren Macht auf dem Boden der Verfassung nicht geschlagen werden kann. Die Sorelianer forderten die illegale Aktion, die Gewaltanwendung, den revolutionären Generalstreik, und machten aus dieser letzten Parole ihr höchstes Ideal; das alles zu einer Zeit, als die Mehrheiten der sozialistischen Parteien solche Losungen nachdrücklich zurückgewiesen.
Die sorelsche Theorie der »Direkten Aktion« (d.h. ohne rechtmässig gewählten Vermittler zwischen Proletariat und Bourgeoisie) gipfelt in der Auffassung eines gleichzeitigen Generalstreiks für alle Arbeiterberufe, für alle Städte eines Staates und sogar eines internationalen Generalstreiks (von solchen Streiks fehlen aber die konkreten Beispiele). Trotzdem behält der syndikalistische Aufstand in Wirklichkeit die Form und den Rahmen einer Aktion von Einzelnen oder höchstens von vereinzelten Gruppen und erhebt sich nicht zur Auffassung einer Klassenaktion. Das ist eine Folge ihrer Abscheu vor einer revolutionären politischen Organisation, die notwendigerweise auch militärische Formen und nach dem Sieg Staatsformen (proletarische Staat - Diktatur) annehmen muss, während die Sorelianer auf den Fussstapfen der Bakunisten von dreissig Jahren früher weder Partei noch Staat noch Diktatur haben wollten. Der für siegreich erklärte nationale Generalstreik fällt (am selben Tag?) mit der Enteignung zusammen (Begriff des Enteignungsstreiks). Die Auffassung des Übergangs von einer Gesellschaftsform in eine andere ist nebelhaft und schwach und wirkte enttäuschend und hinfällig.
1920 in Italien, als der Enthusiasmus für Lenin, für die Parteiform, für die zentrale Machteroberung und die »expropriierende Diktatur« voll blühte, wurde diese pseudo-extremistische Parole des Enteignungsstreiks sowohl von maximalistischen als auch von ordinovistischen Kreisen übernommen. Diese war eine unter vielen Gelegenheiten, wo man ohne Erbarmen und ohne Angst, als Feuerwehr angesehen zu werden, die marxistische Rute ergreifen musste.
Sorel und all diese Leute, die im Grunde seine Epigonen sind, stehen ausserhalb des marxistischen Determinismus. Bei ihnen bleiben die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Politik unbeachtet. Als Individualisten und Voluntaristen sehen sie in der Revolution die Gewalttat erst als Folge einer unmöglichen Gewissensentscheidung. Sie stellen den Marxismus auf den Kopf, die Lenin in »Was tun?« zeigt. Für sie leben Bewusstsein und Wille bereits im Inneren der Person und müssen bloss gezündet werden, damit mit einem einzigen Schritt bürgerlicher Staat, Klassenteilung und Klassenpsychologie vernichtet seien. Sie können die Alternative nicht verstehen: kapitalistische Diktatur oder kommunistische Diktatur, und gehen demzufolge aus der Klemme durch den einzig möglichen historischen Weg: Wiedererrichtung der Kapitaldiktatur. Ob bewusst oder nicht, ist ein anderes Problem, das für sie freilich alles bedeutet, für uns aber überhaupt nichts.
Es ist für uns uninteressant, den logischen Weg von Georges Sorel weiter zu verfolgen: über Idealismus und Spiritualismus in den Schoss der katholischen Kirche.
Wie wir schon mehrmals bemerkt haben, können wir hier nicht die ganze kritische Geschichte des sozialistischen Zusammenbruchs beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 wiedergeben. Es muss nur erläutert werden, ob dieser Zusammenbruch ausschliesslich die politischen Parteien mit sich zog oder auch die gewerkschaftlichen Organisationen und selbst die Ideologen der syndikalistischen Schulen, die sich nicht Partei nennen wollten, in Wirklichkeit aber eine Partei waren, mit kleinbürgerlicher Klassengrundlage trotz des Aberglaubens einer Arbeitereinheit. Damals bildeten sie - wie übrigens die Anarchisten ungefähr schon immer getan haben - schlecht definierte »Gruppen«, die sich unpolitisch, unparlamentarisch, unparteilich nannten (verzeiht alle diese schrecklichen Ausdrücke missbrauchter Entsagung!). Wir haben eine Fülle von zeitgenössischen Beispielen dafür, dass diese Schamhaftigkeit gegenüber Partei und revolutionärer Politik am Ende diesen labilen und lockeren Gruppierten doch erlaubt, in opportunistischen und bürgerlichen Parteien zu arbeiten und für schmutzige Klassenverräter Wahlkämpfe mitzumachen. Die Selbstbestimmung über alles!
Es steht ausser Diskussion und ist eine Grundlage für die ganze zu Lenins Zeiten unternommene Wiederherstellung des revolutionären Marxismus, dass die grössten sozialistischen Parteien Europas einen ekelhaften Bankrott erlebten. Wir brauchen jetzt nicht zu erzählen, wie Lenin für drei Wochen nicht einmal für seine unvergleichliche Gefährtin zu sprechen war, an die Nachrichten nicht glaubte und die Zeitungen unter den Füssen zertrat, finster in der schweizer Bude auf und ab ging wie ein Tier im Käfig.
Wir ändern keinen Buchstaben an allem, was wir immer gesagt und getan haben gegen die verräterischen Parlamentarier, die für die Kriegskredite stimmten und den Burgfrieden-Regierungen beitraten. In Italien aber entwickelte sich mit dem Vorteil von neun Wartemonaten der Kampf, um die Fahnenflucht der Parteiführer kurz vor dem Mobilisierungserlass zu verhindern. Die Parteiführung benahm sich gut; die Parlamentsfraktion, obwohl in ihrer Mehrheit reformistisch und gegen den nationalen Generalstreik, verpflichtete sich, gegen die Kredite und die Regierung zu stimmen, und hat es auch einstimmig getan. Die defätistische Haltung nahmen die Führer der Confederazione del Lavoro (Gewerkschaftsbund) ein, deren Sabotage an dem Streikvorschlag von uns entlarvt werden musste. Sie gaben vor, ein Scheitern des Streiks zu fürchten, während sie in Wirklichkeit aus bürgerlichem Patriotismus vor dessen Erfolg zitterten.
Es waren die grossen Gewerkschaftszentralen, die in allen Ländern die politischen Parteien hinter sich auf dem Wege der ungeheueren Schande geschleppt hatten. So in Frankreich, in Deutschland und in Österreich. In England ging das Monstrum aller Zeiten, der Meister der Konterrevolution, die Labour Party, der die Trade-Unions (die Gewerkschaften) angehören, kompakt auf die Kriegsseite über, während sich die kleine englische Sozialistische Partei in der Opposition hielt.
Die sorelianischen Kritiker des Parlamentarismus hatten mit Recht viele Schanden denunziert. Sie hatten aber nicht überlegt, dass die Arbeiterabgeordneten, die vor den bürgerlichen Behörden antichambrierten, von den Gewerkschaftsfunktionären auf der Suche nach materiellen Konzessionen für ihre Mitglieder dahin getrieben wurden. Wie Lenin und auch Marx und Engels seit den Briefen über die Konterrevolution in Deutschland von 1850 gezeigt haben, liegt die Ursache des Opportunismus - von dem beim Ersten Weltkrieg die klassischste Blüte aufging - nicht im Verrat oder in der Niederträchtigkeit der revolutionären Führer: das ist nur dessen untrennbare Begleiterscheinung. Der Opportunismus ist eine gesellschaftliche Erscheinung, ein tiefgehender Kompromiss zwischen den Klassen, und es wäre reiner Wahnsinn, dies nicht sehen zu wollen. Der Kapitalismus hat den vom Kriegsdienst befreiten Industriearbeitern einen Pakt angeboten. Und wenn in Italien die Gewerkschaft der Eisenbahner in der Frage des Streiks gegen den Gewerkschaftsbund auftrat und die Kriegsdienstbefreiung ihrer Mitglieder aus Spiel setzte, geschah dies aus politischer Kraft, wegen der klaren Bindung, die zwischen dieser kämpferischen Organisation und dem extremen Flügel der marxistischen Partei bestand.
In der Krise von 1914 wie in allen anderen ähnlichen, wenn auch weniger aufsehenerregenden Krisen, waren die Gewerkschaften - in ihren Führungskreisen freilich, aber wie die Parteimilitanten mit ihren Führern und die sozialistischen Wähler mit ihren Abgeordneten, haben die Arbeiter diese Verräterschicht erst nach langen Jahren weggesprengt - ein Klotz am Bein der Klassenparteien. Die Sorelianer mussten diese ganze Masse von evidenten Zusammenhängen übersehen, um als Medikament gegen den Revisionismus den Boykott der Parteien und die Zuflucht in die Arbeitergewerkschaften vorschlagen zu können.
Vielmehr ereignete sich in Frankreich und in Italien, wo es auch Gewerkschaftsverbände der anarchosyndikalistischen Strömung gab. In Frankreich war dieser sogar der grösste, mit seinem Sekretär Jouhaux, derzeit Sorelianer und Feind der Partei und seiner Parlamentsfraktion. Aber nicht nur Jouhaux, von seiner ganzen Organisation und seinen Massen gefolgt - abgesehen von am Anfang absolut verschwindenden Minderheiten - unterstützte die patriotische Politik der sozialistischen Abgeordneten, sondern sogar der berühmte und kultivierte Anarchist Elliseus Reclus und der noch berühmtere (wenn auch eine Esel) Gustave Hervé, Führer der europäischen Antimilitaristen, Direktor des »Guerre Sociale« (»Sozialer Krieg«), Organisator des »Citoyen Browning«, des »Revolverbürgers«, der die Aufgabe auf sich genommen hatte, le drapeau tricolore dans le fumier, die französische Fahne in den Misthaufen zu stecken. Den Namen seiner Zeitung änderte er in »Victoire«, (»Sieg«); gegen die Boches führte er die giftigsten Hetzkampagnen und meldete sich freiwillig bei dem ihm gebührenden Mist Haufen.
Aus den Reihen der Sorelianer kam also nichts besseres als aus der S.F.I.O. (Sozialistische Partei), obwohl auch diese schon damals als Marxismus keinen Groschen wert war. Die »unparteilichen« Syndikalisten endeten wie die Guesde und Cachin, die nach Italien kamen, um die Zeitung von Mussolini mit dem Geld des französischen Staates zu kaufen (wir meinen hier Cachin, der nach einer hitlerischen Zwischenphase, später antifaschistischer Widerstandskämpfer und »Kommunist« wurde).
In Italien gab es, neben der Confederazione del Lavoro, die Unione Sindacale Italiana. Die erste konnte mit dem niedrigsten Reformismus durchtränkt sein, hat sich aber nie der Kriegspolitik angeschlossen. Die Anarchosyndikalisten spalteten sich aber in zwei Gewerkschaftsunionen: eine gegen den Krieg, die andere unter De Ambris und Corridoni offen für den Kriegsbeitritt. Die Partei hat die Prüfung besser bestanden, denn als Mussolini im Oktober 1914 austrat, hat sich in der Ausschlusssitzung der Mailänder Sektion keine Stimme zu seiner Verteidigung erhoben.
Der Vorschlag, auf die proletarische politische Partei zu verzichten, um die Achse des revolutionären Kampfes auf die Berufsgewerkschaft zu versetzen , wird einerseits theoretisch vom totalen Verlassen der Grundlagen der marxistischen Lehre notwendig begleitet, und kann ausserdem nur unterbreitet werden, wenn man, wie die Sorelianer schliesslich und vorher die Anhänger Bakunins, sein Bekenntnis zur ökonomischen und philosophischen Theorie des Marxismus widerruft. Die historische Bilanz dieses Vorschlages beweist seine absolute Hilflosigkeit. Die Überlegung, dass in die Partei Elemente eintreten können, deren Ursprung nicht strikt proletarisch ist, und die schliesslich die Führungsposten einnehmen, während das in den Gewerkschaften nicht möglich wäre - was nicht wahr ist - wird durch die krassesten historischen Beispiele widerlegt.
Die Beschränktheit des gewerkschaftlichen Horizonts im Vergleich zum politischen besteht darin, dass er keine Klassen- sondern nur eine Kategoriengrundlage hat und die Folgen der mittelalterlichen strengen Berufstrennung verspürt. Die neuere Umwandlung der Berufsgewerkschaften in Industriegewerkschaften bedeutet keinen Schritt vorwärts. In dieser Organisationsform wird zum Beispiel ein Tischler, der aber in einer Autofabrik arbeitet, der Metallgewerkschaft und nicht der Holzgewerkschaft angehören. Beiden Formen ist es aber gemeinsam, dass der Kontakt an der Basis nur zwischen Mitgliedern erfolgt, die nur die Probleme einer begrenzten Produktionssparte und nicht alle sozialen Probleme gemeinsam haben und infolgedessen besprechen. Die Interessen der lokalen, beruflichen oder industriellen, Proletariergruppen werden nur durch einen Apparat von Organisationsfunktionären zusammengefasst.
Die Überwindung der Interessenbeschränktheit erfolgt also nur in der Parteiorganisation, die die Proletarier weder nach Berufen noch nach Produktionsbranchen trennt. Nach dem Ersten Weltkrieg, als es allen klar war, dass der Verrat an der Arbeiterklasse nicht nur von den Parlamentsfraktionen und den Parteien sondern auch von den grossen Gewerkschaftsorganisationen und Gewerkschaftsbünden ausging, nahm die Überbewertung einer neuen unmittelbaren Organisationsform der Industriearbeiter ein grosses Ausmass an. Es handelt sich um die Betriebsräte.
Die Theoretiker dieses neuen Systems vertraten die Ansicht, dass diese Organe besser als alle anderen die historische Aufgabe der modernen Arbeiterklasse in zweifacher Hinsicht erfüllen konnten. Die Verteidigung der Arbeiterinteressen gegenüber den Unternehmern ging von der Gewerkschaft zum Betriebsrat über, der sich auch mit den anderen Räten in einem »Rätesystem« nach Ortschaften, Ländern und Nationen und nach Industriebranchen verbindet. Eine neue Forderung erschien aber: die Produktionskontrolle und, langfristig, die Produktionsleitung. Die Räte sollten ein Mitspracherecht nicht nur in Fragen der Behandlung der Arbeiter durch die Firma haben (also Löhne, Arbeitszeit und alle anderen Arbeitsverhältnisse), sondern auch in Fragen der technisch-wirtschaftlichen Betriebsleitung (also Fertigungsprogramme, Rohstoffbeschaffung, Bestimmung der Produkte), die bis dahin den Unternehmensentscheidungen überlassen waren. Eine Reihe von »Errungenschaften« in diese Richtung sollte zum Ziel einer ausschliesslichen Arbeiterverwaltung, also der effektiven Beseitigung und Enteignung der Arbeitgeber führen.
Dieses in einer ersten Zeit verführende Blendwerk wurde zumindest in Italien von den revolutionären Marxisten sofort als trügerisch erkannt. Diese Perspektive liess die Frage der Zentralmacht beiseite, da sie die Koexistenz (das erste Beispiel von Zusammenleben von Wolf und Lamm!) der bürgerlichen Staatsmacht mit einem fortgeschrittenen Grad von Arbeiterkontrolle und schliesslich mit einer bestimmten Quote von Arbeiterverwaltung in einer gewissen Anzahl oder Kette von Betrieben für möglich hielt.
Es handelt sich um nichts anderes als um einen neuen Revisionismus. Wenn man bedenkt, dass in diesem hypothetischen System der soziale Wirtschaftsplan, den die klassischen Revisionisten einem von der Arbeiterklasse mit friedlichen Mitteln eroberten politischen Staat anvertrauten, wegen des Sichüberschneidens der Lokalverwaltungen verloren geht, zeigt sich dieser Revisionismus sogar als eine eher verschlechterte als verbesserte Ausgabe des Reformismus.
Es ist ein leichtes, theoretisch festzustellen, dass dieses System genauso antimarxistisch wie der sorelianische Anarchosyndikalismus ist. Wir sehen, wie mit gleichartigem Vorgehen die ominösen Figuren Klassenpartei und Klassenstaat aus der Szene des Dramas entfernt werden. Die klassischen Revisionisten beschränken sich wiederum auf die offene Sabotage der Klassengewalt und der Klassendiktatur. Das alles »was die Form anbelangt«: im wesentlichen werden in beiden Fällen Revolution und Sozialismus über Bord geworfen.
In den folgenden Jahrzehnten führte das zähe Anhalten des banalen Misstrauens gegenüber Partei und Staat zur Identifikation des »Inhalts des Sozialismus« mit diesen zwei Forderungen: Arbeiterkontrolle über die Produktion und - Arbeiterverwaltung der Produktion. Und so was sollte der neue Marxismus sein!
Sagte Marx welches der »Inhalt des Sozialismus« ist? Marx hat eine dermassen metaphysische Frage nicht beantwortet. Der Inhalt eines Gefässes kann sowohl Wasser als auch Wein oder eine stinkende Flüssigkeit sein. Als Marxisten können wir uns fragen, welcher historische Prozess zum Sozialismus führt, und können uns auch fragen, welche Verhältnisse zwischen den Menschen »im Sozialismus«, das heisst in der nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, herrschen werden.
Unter beiden Aspekten sind absolut idiotisch die Antworten: Kontrolle über die Produktion in der Fabrik - Verwaltung der Fabrik, oder die andere, die sie oft begleitet: Selbstbestimmung des Proletariats.
Was den historischen Prozess anbelangt, der von einer vollindustriellen kapitalistischen Gesellschaft zum Sozialismus führt, haben wir ihn schon vor einem Jahrhundert beschrieben: Entstehung des Proletariats, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei, Organisation des Proletariats zur herrschenden Klasse. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die Kontrolle und die Leitung der Produktion, aber nicht im Betrieb und nicht durch die Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und durch den von der Klassenpartei geführten Klassenstaat.
Wenn diese Suche nach dem lächerlichen »Inhalt« sich aber auf die vollständig sozialistische Gesellschaft bezieht, verlieren die Formeln Arbeiterkontrolle und Arbeiterverwaltung in noch weiterem Mass jeglichen Sinn. Im Sozialismus gibt es nicht mehr die zwischen Produzenten und Nichtproduzenten gespaltene Gesellschaft, weil es keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn man dieses metaphysische Wort verwenden will) des Sozialismus wird nicht die Selbstbestimmung des Proletariats, wird nicht die proletarische Kontrolle und Verwaltung sein, sondern das Verschwinden des Proletariats; der Lohnarbeit; des Tauschs und auch des am längsten überlebenden: des Tausches zwischen Geld und Arbeitskraft; und schliesslich des Betriebs. Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten dasein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre. Wer solche ideologischen Phrasen gebraucht, zeigt nur seine absolute theoretische und praktische Ohnmacht, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die nicht eine schlechte Nachahmung der bürgerlichen Gesellschaft sei. Sie wollen nur die Autonomie ihrer selbst - gegenüber einer harten Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur. Der ganz junge Marx, noch in den Windeln der hegelschen Formeln - an die solche Leute noch heute glauben - hätte geantwortet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die Autonomie des Bourgeois, ewiges Vorbild des Menschen, findet (siehe »Die jüdische Frage«).
Die Räte der italienischen Ordinovisten haben ihre Vorläufer in den angelsächsischen Ländern und ihre Urahnen in den alten Gilden, die nicht für den Krieg gegen einen bürgerlichen Arbeitgeber, sondern für den Krieg gegen andere Gilden und gegen feudale Formen entstanden waren.
Im Rahmen der unglückseligen Verfälschung der russischen Revolution von erstem Kapitel der proletarischen Weltrevolution in Bauernkampf um die »Landeroberung« wurde die oberflächliche Parallele der »Fabrikeroberung« gezogen. Auf diese Weise verlor und verliert man den Leitfaden der Eroberung von Macht und Gesellschaft.
In einem anderen Text haben wir gezeigt, wie Lenin dieses Problem in Russland sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Industrie erledigte, und die Wiederholung ist hier nicht erforderlich. Die Syndikalisten und Anarchisten in der ganzen Welt haben ihre Sympathien für die russische Revolution zurückgezogen, als ihnen klar wurde, dass die leninsche »Arbeiter- und Bauernkontrolle« - ewiger Gegenstand verfälschender Spekulation - dem mächtigen Boden der Machtkontrolle entsprang und sich nur auf Betriebe bezog, die der russische Staat noch nicht enteignen konnte. Die Versuche selbständiger Leitung der Fabriken mussten - manchmal sogar mit Gewalt - unterdrückt werden, um wirtschaftliche und, in ihren politischen und militärischen Auswirkungen auf den Bürgerkrieg, absurde und antisozialistische Katastrophen zu vermeiden.
Sehr bald berichtigte man die Verwechslung zwischen dem Staat der Arbeiterräte, territoriale und politische Organe, und der ordinovistischen Fiktion eines Staates der in ihrer eigenen Verwaltung selbständigen Betriebsräte. Hierzu genügt, dass man die Thesen des 2. Kongresses der Kommunistischen Internationale über die Gewerkschaften und Betriebsräte liest, wo die Aufgabe dieser Organe vor und nach der Revolution definiert wird. Der Schlüssel für die marxistische Lösung ist das Eindringen der revolutionären Partei in diese beiden Organe, und ihre Unterordnung (alles andere als Autonomie!!!) gegenüber dem revolutionären Staat. In unserer Untersuchung über Russland haben wir die darauffolgenden Parteidiskussionen über dieses Thema erörtert.
Es ist nützlich, kurz auf die italienische Erfahrung einzugehen. 1920 fand die bekannte Episode der Fabrikbesetzungen statt. Unzufrieden mit der feigen Haltung der grossen Gewerkschaften, und unter dem Druck der wirtschaftlichen Lage und der offensiven Politik der Industriellen nach der ersten Nachkriegseuphorie, haben sich die Arbeiter in den Fabriken verschanzt, die Betriebsleitungen verjagt, die Verteidigung der Fabriken organisiert und in vielen Orten versucht , die Arbeit fortzusetzen und manchmal sogar über die Erzeugnisse kommerziell zu verfügen.
Diese Bewegung hätte sich grossartig entwickeln können, wenn zu jener Zeit - im September 1920 - das italienische Proletariat eine starke und entschiedene revolutionäre Partei gehabt hätte. Im Gegenteil war damals die Krise der Sozialistischen Partei voll im Gange, nach dem Einheitskongress von Bologna 1919, der von einem glänzenden Wahlsieg - 150 Sitze im Parlament - gefolgt wurde. Ferner entfaltete sich die Krise des falschen Extremismus der »Maximalisten« von Serrati, die sich erst im Januar 1921 mit der Spaltung von Livorno lösen sollte. Für die Entscheidungen wurden immer Mischorgane aus der Parteiführung (mit einigen Randorganisationen der Partei, die von den verschiedenen Tendenzen hin und her gezerrt wurden), aus den sozialistischen Parlamentariern und aus Führern des Gewerkschaftsbundes einberufen. Umsonst forderte die Linke, dass ausschliesslich die Partei über solche Fragen des politischen Arbeiterkampfes entscheiden und die entsprechenden Direktiven geben sollte, die die Abgeordneten und Gewerkschaftsfunktionäre dann als Parteimitglieder nur ausführen müssten, zumal es sich um spezifische politische Aktionen im nationalen Massstab handelte.
Andererseits hat eine wahre Orgie von falschen extremistischen Positionen den Beweis dafür erbracht, wie sehr das Fehlen einer festen theoretischen Grundlage sich in der Partei verheerend auswirkt. Die tapfere Bewegung der Fabrikbesetzungen wurde mit der Bildung der Sowjets - Arbeiterräte - in Italien verwechselt und gerade diejenigen, die sich der Losung der Machteroberung widersetzten, waren dazu geneigt, die Errichtung von Sowjets zu verkünden. Sie vergassen die überaus klaren Positionen Lenins und der Weltkongresse, wonach die Sowjets keine Organe sind, die mit dem herkömmlichen Staat koexistieren können, sondern in einer Periode des offenen Kampfes um die Macht, wo der Staat schwankt, entstehen, um die exekutiven und legislativen Staatsorgane der Bourgeoisie zu ersetzen. In der allgemeinen Verwirrung und wegen der absurden Zusammenarbeit zwischen Revolutionären und Legalitären fiel die Bewegung in die Ohnmacht.
Der bürgerliche Führer Giolitti hat die Lage viel klarer überblickt. Auch vom Standpunkt der Verfassung hätte er die Arbeiter, die die Betriebe besetzt hatten mit Heer und Polizei vertreiben lassen können. Trotz der Anregungen der Rechten und des entstehenden Faschismus, hat er sich aber davor schwer gehütet. Die Arbeiter und ihrer Organisationen zeigten keinerlei Absicht, die besetzten und praktisch gelähmten Betriebe bewaffnet zu verlassen, um die bürgerlichen Streitkräfte anzugreifen und die Besetzung der Behörden und Polizeigebäude zu versuchen. Der Hunger würde sie schon aus ihren unhaltbaren Positionen herausjagen. Giolitti hat kaum einen einzigen Schiessbefehl gegeben und trotzdem brach die Bewegung im Land zusammen. Nach einer unbedeutenden Anzahl von Zwischenfällen sind Arbeitgeber und Leiter recht bald und unter denselben Bedingungen von früher wieder an den Besitz und an die Führung der Fabriken gelangt. Der Sturm auch ohne jegliche ernste Schädigung der Macht und des Privilegs der Bourgeoisie vorübergegangen.
Die ganze Geschichte dieser Nachkriegsjahre in Italien zeigt eindeutig - und die Geschichte des Faschismus beweist es - dass auch unter günstigen Bedingungen der proletarische Kampf zum Zusammenbruch verurteilt ist, wenn die revolutionäre Partei fehlt, die allein in der Lage ist, die Frage der Macht radikal zu stellen.
Es handelt sich um den Bankrott der Theorie, die die Revolution für die politische Kontrolle der Gesellschaft, den Ansturm auf den bürgerlichen Staat und die Errichtung der proletarischen Diktatur durch die erbärmliche Illusion der Eroberung und Kontrolle der Produktionsstätte durch die Arbeiter ersetzen will, welche sich in Betriebsräten organisieren, die die gesamte Belegschaft ohne Berücksichtigung von politischen Direktiven und Parteizugehörigkeit umfassen.
Die ordinovistische Strömung in Italien ist damals nicht dazugekommen, die Nutzlosigkeit der Partei zu behaupten, weil die Wende in der III. Internationale zu einer Konvergenz ihrer Ideologie einer Einheitsfront zwischen Arbeiter, Industriellen und Kleinbürgern mit der Taktik von Kontaktaufnahmen mit den verschiedenen, auch reformistischen und opportunistischen Arbeiterparteien führte. Die späteren Ereignisse um die Geschichte des Sieges des Opportunismus in Italien und in der Internationale haben aber gezeigt, wie gefährlich es ist, von der Theorie des sich selbst und der Revolution genügenden Betriebsrates und von der Illusion auszugehen, dass für den Sieg des Kommunismus der Übergang der einzelnen Produktionsstätten von den Händen des Unternehmers in die Hände der Belegschaft ausreiche, ohne die allgemeine Frage einer neuen Organisation des gesamten Menschenlebens zu stellen, in deren Rahmen das alte Produktionsschema - dem das unmittelbare Netz der Gewerkschafts- und Betriebsorgane anhaftet - zuerst entlarvt und dann völlig vernichtet werden muss.
Vergebliche Rückkehr zu leeren Formeln
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Auf jede vergangene und heutige Welle des tragischen Involutionsprozesses in Russland folgten Versuche, proletarische Organisationsformen mit neuem Leben zu erfüllen, die sich von der politischen Partei und der proletarischen Diktatur, also von jenen Formen unterscheiden, worauf die grossen Bahnbrecher der Oktoberrevolution die ganze unermessliche Anstrengung stützen, die sie an die Spitze des drohenden proletarischen und antikapitalistischen Vormarsches am Ende des Ersten Weltkrieges setzte.
Keine brauchbare theoretische und praktische Konstruktion einer grossen Wiederaufnahme der Klassenbewegung wird die aus diesem ängstlichen Misstrauen gegenüber den für die historische Umwälzung des Klassenverhältnisses unerlässlichen Organisationsformen Partei und Staat entstehen. Der kindische Einwand reduziert sich voll auf die Überzeugung, dass die menschliche Natur unrettbar dazu verurteilt ist, bei der Machtausübung von der Verteidigung der Interessen der Gesellschaftskräfte, die dem »hierarchischen« (das Wort ist exakt) Apparat das Mandat verliehen haben, zur Verteidigung der persönlichen Interessen und der eitlen Herrschsucht des in Partei und Staat Machtfunktionen ausübenden Individuums überzugehen.
Der Marxismus erbringt den Beweis, dass es eine solche oberflächliche Verurteilung gar nicht gibt, und dass die Taten des Einzelnen von gesellschaftlichen Interessen und Bedürfnissen bestimmt werden und abhängig sind, sowohl wenn es sich um Handlungen von einzelnen sozialen Atomen, die in der Masse parallel zu anderen reagieren als auch - und vor allem - wenn es sich um Einheiten handelt, die von der sozialen Dynamik an die entscheidenden Posten des geschichtlichen Kampfes gestellt werden.
Entweder betrachten wir die Geschichte als Marxisten, oder wir fallen in die akademischen Masturbationen zurück, die kolossale Ereignisse mit den Manövern des Monarchen erklären, dem es gelingt, eben mit solchen Manövern die Übertragung der Krone auf seine Erben oder auf seine Familie zu sichern, oder mit den genialen Siegen des Feldherrn, der aus dem Drang nach unsterblichem Ruhm die Fähigkeit zu seinem Erfolg schöpft! Der Marxismus behauptet, dass das Bindeglied zwischen einer bewussten Voraussicht, eine Willenskraft und einem direkten Ergebnis, das die Gesellschaft und die Geschichte »formt«, nicht das Individuum sein kann. Das gilt nicht nur für den armen Teufel - das im sozialen Magma verstreute Atom - sondern vor allem für den Gekrönten, den Herrscher, für den mit Amt und Würde bekleideten, für denjenigen, dessen Namen von Titeln und Ehrenbezeichnungen strotzt: dieser ist es gerade, der nicht weiss, was er will, und nicht erreicht, was ihm vorschwebte, und für den - man verzeihe uns das edle Bild - der historische Determinismus die meisten Fusstritte in den Hintern bereithält. Der Führer bekleidet - unserer Lehre nach - höchstens die Funktion einer Marionette der Geschichte.
Wenn wir das Aufeinanderfolgen aller Revolutionen mit dem Schlüssel der Überwindung einer Produktionsweise durch eine andere studieren, so erkennen wir am Anfang eine dynamische Phase, in der die soziale Determinante in Richtung eines grösseren Wohlstandes bestimmte Kräfte erzeugt: Kämpfer, die mit grossem Opfergeist in den vordersten Reihen ausharren und ausser dem eigenen Leben auch die »Machtkarriere« opfern. Sie gehorchen den noch unentzifferten Kräften, die die geschichtliche Geburt der Gesellschaftsform von Morgen begleiten. In der historischen Endphase jeder Gesellschaftsform zersetzt sich diese soziale Dynamik, weil eine andere, ihr entgegengesetzte, in ihr entsteht. Die konservative Verteidigung der traditionellen Gesellschaftsform wird dann immer mehr vom persönlichen Egoismus gesichert, von der individuellen kleinlichen Gemütlichkeit, von der krassen Korruption, wie wir aus vielen Beispielen von käuflichen erpresserischen Beamten, Prätorianern, feudalen Höflingen, liederlichen Pfaffen und niederträchtigen Bürokraten der bürgerlichen Geschäftemacherei von heute ersehen können.
Trotz alledem - selbst in einem gesellschaftlichen Meer von Zynismus und existentieller Gleichgültigkeit aller ihrer Schergen und Helfershelfer - führen die Staatsapparate und die politischen Parteien der herrschenden Klasse weiterhin mit Beharrlichkeit und Kraft die Verteidigung der kapitalistischen Formen gegen ihren Sturz. Und an mehr als einem geschichtlichen Wendepunkt haben sie gezeigt, wie sie sich fest zu einer einzigen konterrevolutionären Macht organisieren (wobei wir nicht nur das faschistische Deutschland und Italien meinen, sondern ebenso - wenn man ein bisschen tiefer unter die oberflächliche Heuchelei zu blicken weiss - das heutige England, Amerika und Russland). Und dabei hat sich unter anderem gezeigt, dass sie es wagen, sich die brennende Macht unserer Kenntnisse über die Geologie des geschichtlichen Bodens anzueignen!
Wir, ausgerechnet wir, sollten so feige sein und die Macht und die Formen verraten, die unsere ureigene und unaufhaltsame Energie wird annehmen müssen: die revolutionäre Partei und den stählernen Diktaturstaat? An den Knotenpunkten dieser Apparate werden zweifelsohne Personen stehen, auch in Erfüllung einzelner Funktionen. Diese Personen werden jedoch nicht manövrieren und geheime Intrigen und Überraschungen vorbereiten, sondern zwangsläufig die Aufgaben erfüllen, die der historische Werdegang den Organen der irreversiblen Umwälzung der Wirtschafts- und Gesellschaftsformen vorgeschrieben hat.
Der Vorschlag, in anderen Organen als in der Partei Garantien gegen das Abweichen eines Führers oder eines Funktionärs zu suchen, bedeutet nichts geringeres, als die Verleumdung unserer ganzen Lehre.
Das Netz der »Führer« und »Hierarchen« gibt es nämlich in jenen anderen Organen genauso wie in der Partei; im allgemeinen wird dieses Netz auch nicht von Arbeitern alleine gebildet; und schmerzliche Erfahrungen in der Geschichte haben uns klar gelehrt, dass der ehemalige Arbeiter, der seine Arbeit verlassen hat, um einen Gewerkschaftsposten einzunehmen, im allgemeinen eher dazu neigt, seine Klasse zu verraten, als das aus nichtproletarischen Schichten stammende Element. Beispiele dafür könnte man zu tausenden bringen.
Diese ganze verräterische Litanei wird gewöhnlich als Annäherung, als engere Bindung zu den »Massen« dargestellt. Was sind eigentlich die Massen? Sie sind die Klasse noch ohne historische Energie, das heisst ohne Partei, die sie an ihrem revolutionären, historischen Weg festhält; also die Klasse, die nur an ihre Lage der Unterworfenheit gebunden ist und sich mit ihr identifiziert, die durch ihre Aufsplitterung in der bürgerlichen Gesellschaftsstruktur gefesselt ist. Und in gewissen historischen Situationen sind die Massen quantitativ grösser als die »Arbeiterklasse«, weil sie halbproletarische Schichten umfassen.
In absolutem Einklang mit der marxistischen Lehre zeigt unsere Darlegung ein doppeltes Moment dieser Situation und in deren Unterscheidung kann man das zuvor Gesagte zusammenfassen.
Als die bürgerliche Revolution noch zum Ausbruch kommen musste und es darum ging, die feudalen Formen zu sprengen, wie zum Beispiel 1917 in Russland, gab es in diesen noch nicht proletarischen »Volks«-Schichten Kräfte und Energien, die sich gegen die Staatsmacht und die Spitzen der Gesellschaft richteten. Bei einem raschen Übergang konnten diese Schichten das damalige Proletariat ergänzen, nicht nur in dem sie seine Anzahl vergrösserten, sondern auch in dem sie einen potentiellen revolutionären Faktor hinzubrachten, brauchbar in der Übergangsphase unter der Bedingung der klaren historischen Anschauung und der mächtigen autonomen Organisation der Partei der Arbeiterdiktatur und deren Hegemonie, die durch die Bindung mit dem Weltproletariat garantiert wird. Wenn dann der revolutionäre antifeudale Druck erschöpft ist, wird dieser »Rahmen«, der das revolutionäre und klassenbewusste Proletariat umgibt, sogar noch viel reaktionärer als die grosse Bourgeoisie selbst; jeder Schritt, sich an ihn zu binden, ist Opportunismus, Zerstörung der revolutionären Macht, ist Solidarität mit der Erhaltung des Kapitalismus. Das gilt heute für die ganze weisse Welt.
In ihrem alles mit sich reissenden Rennen zur Verleugung der letzten revolutionären Parolen haben die heutigen russischen Opportunisten zwar die Parteiform noch nicht zum alten Eisen geworfen; bei jeder Etappe ihrer Involution rechtfertigen sie sich aber mit der Berufung auf die Massen, und es kommt ihnen sehr gelegen, sich der Solidarität dieser Massen zu rühmen.
Wir brauchen keinen anderen historischen Beweis a posteriori für die völlige Unhaltbarkeit dieses alten, heimtückischen und widerwärtigen Rezepts und für die Tatsache, dass es zur Vernichtung der revolutionären Partei führte.
III. Kleinbürgerliche Entstellung der Wesenszüge der kommunistischen Gesellschaft in den »gewerkschaftlichen« und »betrieblichen« Auffassungen der proletarischen Organisation
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Im Anspruch auf eine vollständige, strukturelle Anpassung der Kampforganisation der Arbeiter an das Produktionsnetz der bürgerlichen Industriewirtschaft, Anspruch, der in Gramscis System seinen höchsten Ausdruck fand, und auf den sich heute verschiedene Gruppen von Kritikern der stalinschen Degeneration berufen, verbirgt sich - und es könnte auch nicht anders sein - ausser der Ohnmacht in der Aktion, die Unfähigkeit, die gegensätzlichen Charakterzüge zwischen der Wirtschaftsstruktur von heute und der von morgen zu unterscheiden, der kommunistischen Gesellschaft, die über den Klassensieg des Proletariats den Platz der kapitalistischen Gesellschaft einnehmen wird. Damit bleibt er weit hinter den klassischen Ergebnissen der marxistischen Kritik der bestehenden Wirtschaft zurück.
Sein ökonomischer Fehler ähnelt in allem den Fehlern des stalinistischen Systems, welche ja gerade unter dem Vorwand, Stalin zu kritisieren und zu korrigieren, in dem vom 20. russischen Kongress eingeleiteten nachstalinistischen Phasen enorm verschlimmert wurden. Der Fehler ist immer der gleiche, und besteht darin, dem Trugbild einer Gesellschaft zu verfallen, in der die Arbeiter innerhalb der Kommune, innerhalb der Berufsgruppe, innerhalb der Fabrik gegen die Unternehmer die Partie gewonnen haben, jedoch im Netz einer Überlebenden Marktwirtschaft verstrickt geblieben sind, ohne zu bemerken, dass diese dasselbe ist wie Kapitalismus.
Die Wesenszüge einer nichtkapitalistischen und nicht marktwirtschaftlichen Gesellschaft, wie sie aus der wahren marxistischen Untersuchung hervorgehen - als Resultat einer kritischen und wissenschaftlichen, von jeder Spur von Utopismus freien Voraussicht - können in ihrer programmatischen Form nur von der Partei erreicht und besessen werden, insofern die Partei eben nicht der Sklaverei unterliegt, sich der Aufgliederung »anzupassen«, die die kapitalistische Produktionsweise der Arbeiterklasse aufzwingt. Das Zurückschrecken vor der Notwendigkeit von Partei und Staat führt zu einem gänzlichen Verlust der programmatischen Errungenschaften, was den totalen Gegensatz der kommunistischen Formen gegenüber den kapitalistischen anbelangt, während die marxistische Partei darüber absolut im Klaren war. Es genügt, an die Forderungen zu denken, zu denen das marxistische Programm gelangt: Aufhebung der technischen und sozialen Arbeitsteilung, was ein niederreissen der Grenzen zwischen Betrieb und Betrieb bedeutet; Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land; gesellschaftliche Zusammenfassung der Wissenschaft und der praktischen, menschlichen Tätigkeit; es genügt, an all das zu denken, um zu verstehen, wie jeder »konkretistische« Plan für die proletarische Organisation und Aktion, der sich vornimmt, das gegenwärtige Gerüst der Wirtschaft wiederzuspiegeln, dazu verurteilt ist, in den Grenzen und Formen des Kapitalismus gefangen zu bleiben und gleichzeitig dazu verurteilt ist, nicht zu begreifen, dass er antirevolutionär ist.
Der Ausweg aus dieser Unterlegenheit führt - wenn auch durch eine lange Reihe von Gegensätzen - über Organe, die keinen Rohstoff und kein Modell aus Organen der bürgerlichen Welt übernehmen, und jene Organe sind ausschliesslich proletarische Partei und proletarischer Staat, in denen die künftig Gesellschaft keimt noch bevor sie geschichtliche Existenz hat. In den Organen, die wir als unmittelbar bezeichnen, und die das Physiologische der heutigen Gesellschaft nachahmen und erhalten, kann sich virtuell nur die Wiederholung und Rettung dieser Gesellschaft herauskristallisieren.
Die Beschränktheit der Anschauungen der Anarchisten, die um 1870 herum in der I. Internationale mit Marx polemisierten und die wir bereits erwähnt haben, und die Absonderlichkeit des äusserst verbreiteten Vorurteils, dass sie »fortgeschrittener« seien als Marx, wird dadurch offensichtlich, dass sie - obwohl sie in Worten antimilitaristisch und antipatriotisch waren - in der Verurteilung der bürgerlichen Wirtschaft den mächtigen Übergang nicht erfassten, der von ihrer Betrachtung im nationalen Rahmen zur Untersuchung der Gesetze ihrer Weltverbreitung, zur wichtigen Bedeutung der Bildung des Weltmarktes führt. Marx stellt fest, dass die Schaffung des Weltmarktes die Krönung der historischen Aufgabe der modernerem Bourgeoisie bedeutet. Darüberhinaus gibt es nur die Errichtung der proletarischen Diktatur in den entwickelten Staaten der Welt; der Vernichtung der nationalen Staaten - die mit dem Kapitalismus entstanden sind - folgt die Festigung und Ausdehnung der proletarischen Weltmacht. Die Anarchisten schlagen hingegen vor, den kapitalistischen Staat zu vernichten, um ihn bestenfalls (wenn es nicht direkt um die unbegrenzte Autonomie jedes Individuums geht, auch des »gestern noch« Bourgeois) durch die kleinen menschlichen Einheiten der sogenannten Produzentenkommunen zu ersetzen, die alle - nach dem Zusammenbruch der zentralen Staatsmacht - autonom wären, auch in ihren Beziehungen zueinander.
Man sieht überhaupt nicht, worin diese abstrakte Form einer von den lokalen Kommunen gegründeten zukünftigen Gesellschaft sich von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft unterscheidet, und welche anderen Wirtschaftsformen sie kennzeichnen könnten. Diejenigen, die sich um deren Schilderung bemühten, wie Bakunin und Kropotkin, haben nichts anderes getan als sie mit philosophischen Phrasen in Zusammenhang zu bringen und nicht mit einer Kritik an den bis heute historisch feststellbaren Wirtschaftsgesetzen. Wo sie eine solche Kritik von Marx übernommen haben, waren sie nicht zu mehr fähig, als nur einen winzigen Teil der Schlüsse daraus zu ziehen: vom Konzept des Mehrwertes beeindruckt, dass ein ökonomischer Lehrsatz ist, haben sie nur die moralische Verurteilung der Ausbeutung darauf aufgebaut, und haben die Ursache dafür in der Tatsache der »Macht« des Menschen über den Menschen »entdeckt«. Unfähig, dialektisch zu denken, konnten sie zum Beispiel nicht begreifen, dass der Übergang von der Naturalabgabe und Fronarbeit zur Mehrwertproduktion des Kapitalismus eine effektive »Befreiung« darstellte, die Abschaffung von härteren Formen von Unterdrückung und Knechtschaft, obwohl die Notwendigkeit einer Teilung in Klassen und einer Staatsmacht fortbesteht, zum Vorteil der Bourgeoisie, doch auch - in jener Phase - zum Vorteil der ganzen restlichen Gesellschaft.
Eine der wichtigsten Ursachen für die grössere Ergiebigkeit der menschlichen Anstrengungen und für eine bessere, durchschnittliche Entlohnung bei gleichbleibender Anstrengung war die Bildung des nationalen Marktes und die Aufteilung der produktiven Arbeit in Industriezweige, die ihre Zwischen- und Endprodukte in freier Zirkulation austauschten, und immer unaufhaltsamer dazu neigten, diesen Tausch auch über die Grenzen jedes Staates hinaus auszudehnen.
In voller Übereinstimmung mit der gesamten marxistischen Beschreibung wuchs der Reichtum der Bourgeoisie und die Macht eines jeden ihrer Staaten und somit die Produktion von Mehrwert (was nicht unmittelbar eine Erhöhung dessen absoluter Entnahme zu Lasten der unteren Klassen bedeutet, dass sie sich unter anderem mit einer gewissen Kürzung des Arbeitstages und mit einem allgemeinen Anwachsen der Befriedigung der Bedürfnisse vereinbaren lässt); um die kapitalistische Macht niederzureissen, hat es folglich keinen Sinn, den nationalen Staat wiederum in die kleinen Machtinseln zur zerstückeln, die das vorbürgerliche Mittelalter charakterisierten. Und sogar rückschrittliche Bedeutung hat die Idee der Produktions- und Konsumkreise der Wirtschaft in jene engen Grenzen zu sperren, nur zu dem Zweck, in jedem kleinen Kreis die Mehrwertentnahme der wenigen nicht arbeitenden Müssiggänger auszuschalten.
In diesem System von egalitären Gemeindemitgliedern ist sicher, dass die Ernährungskosten für einen Tag in Arbeitsstunden aller erwachsenen Mitglieder der Kommune (lassen wir das kleine Argument beiseite: wer wird diejenigen zur Arbeit zwingen, die nicht arbeiten wollen?), viel höher liegen werden als in einer Nation, wie z.B. im modernen Frankreich, wo der Wirtschaftsfluss zwischen Kommune und Kommune kontinuierlich vor sich geht, und man ein gewisses Erzeugnis aus derjenigen Zone kommen lässt, wo man es mit geringerer Schwierigkeit herstellt, und das trotz der »100 Familien«, die sich dabei gratis voll fressen.
Den Kommunen und würde nichts anderes übrigbleiben als in ein freies Tauschverhältnis zueinander zu treten. Selbst wenn wir annehmen, dass ein »universelles Gewissen« allein diese Beziehungen zwischen den örtlichen Wirtschaftskreisen friedlich regeln würde, würde daran nichts ändern, dass durch die Schwankungen der Äquivalenzen zwischen den Waren es zu Aneignungen von Mehrwert und Mehrarbeit einiger Kommunen durch die anderen käme.
Dieses imaginären System kleiner Wirtschaftskommunen ist zuguterletzt nichts anderes als eine philosophische Karrikatur des Self-Government, der Selbstregierung der Kleinbürger aller Zeiten. Es ist leicht zu ersehen, dass dieses System genauso marktwirtschaftlich ist, wie das Russland unter Stalin und das immer antiproletarischere der Nachfolger Stalins, und dass es ein voll bürgerliches System von Geldäquivalenten ist (ohne den Staat, der Geld prägt?!), und für den durchschnittlichen Produzenten eine schwerere Last darstellt als ein System grosser nationaler und imperialer Industrien.
Bereits behandelt wurde der historisch-politische Teil der Kritik der gewerkschaftlichen Auffassung des proletarischen Kampfes, im Hinblick auf die doktrinäre Unzulänglichkeit und die schlechte Erfahrung in der Vergangenheit mit der Formel: Gewerkschaft gegen bürgerlichen Staat; entstanden war diese Form als Versuch, ohne dass Kampforgan politische Partei und ohne das leitende Gesellschaftsorgan auszukommen, das vom sowohl unentbehrlichen als auch geschichtlich vorübergehenden marxistischen revolutionären Staat gebildet wird.
In der Ideologie von Sorel und Anhängern genügte die Gewerkschaft allein sowohl für die Funktion der Kampfführung als auch für die der Organisation und Leitung der proletarischen, nicht mehr kapitalistischen Wirtschaft. In diesem Abschnitt geht es uns darum, zu zeigen, wie diese Auffassung nur möglich ist, wenn der Charakter der kommunistischen Produktionsweise vollkommen verwirrt und verwischt wird, zu einem Gespenst, zu einer Gesellschaft ausserhalb der Geschichte wird, die sich weder realisieren wird noch realisieren kann, und nur in den Illusionen eines halbbürgerlichen Denkens umherirren kann, genährt von einem gewissen Hass gegen die Grossbourgeoisie, jedoch unfähig, den Gegensatz zwischen der heutigen Gesellschaft und jener, die aus dem Sieg des Proletariats hervorgehen wird, in seiner ganzen Tragweite zu erfassen.
Eine grosse Verwirrung hat der Opportunismus aller Epochen in Bezug auf das Programm der zukünftigen Gesellschaftsform angerichtet, wie es von den politischen Parteien verfochten wurde, die sich auf den Marxismus beriefen, und die sich schamlos zur Behauptung erniedrigten, die Formulierung eines solchen historischen Endprogramms (dass man maximal nannte, nicht so sehr um es einem unmittelbaren und »minimalen« Programm entgegenzustellen, als um dessen Notwendigkeit zu verspotten) sei vollkommen pleonastisch. Und lang war und wird der Kampf sein, um zu beweisen, dass die entscheidenden Merkmale dieses Programms bereits seit dem ersten Erscheinen der marxistischen revolutionären Strömung gegeben sind. Noch grösser jedoch wird die Unbestimmtheit dieser Gesellschaftsform, wenn sie aus Zerstörung und Zusammenbruch des politischen Staats der Bourgeoisie im Rahmen eines Sieges der ökonomischen Gewerkschaftlern über das kapitalistische Unternehmertum hervorgehen sollte.
Viele Missverständnisse gab es in der Geschichte der sozialistischen Strömungen bezüglich der Formen einfacher Kooperation, die - selbst in wichtigen Texten - mit der sozialistischen Wirtschaftsform verwechselt wurden, während sie hingegen Sprösslinge des vormarxistischen Utopismus sind. Der Zusammenhang jedoch mit der sozialen Perspektive eines Netzes von Produktionsgenossenschaften wird in den nächsten Seiten besser verständlich werden , wo wir uns mit den Betriebsrätlern und den Betriebsräten beschäftigen werden. Angesichts einer gewerkschaftlichen, sorelianischen Auffassung der Gesellschaft wie sie nach der Niederlage der Kapitalisten funktionieren wird, müssen wir uns vor allem fragen, ob die Zellen, aus denen sie sich zusammensetzt, aus in kleinen Bezirken umschriebenen, lokalen Berufsgewerkschaften oder aus nationalen und potentiell internationalen Berufsgewerkschaften bestehen werden.
Wir dürfen nicht vergessen, dass unter den ökonomischen Widerstandsorganisationen, wie sie sich am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts abzeichneten, vor allem in den romanischen Ländern eine Einrichtung durch ihre dynamische Aktivität über die anderen hervorragte, und das war die Arbeitskammer, die sich in Frankreich weniger zutreffend »Bourse du Travail« (»Arbeitsbörse«) nannte. Wenn auch die erste Bezeichnung nach bürgerlichem Parlamentarismus stinkt, so ist die zweite schlechter, weil sie an einen Arbeitsmarkt erinnert, an einen Verkauf der Arbeiter an den meistbietenden Unternehmer, und noch weiter entfernt scheint von einem Kampf, der sich radikal gegen das Prinzip der Lohnarbeit selbst wendet.
Während jedenfalls die einzelnen Gewerkschaften und selbst ihre nationalen Bünde - weniger einheitliche und zentralisierte Organe - stark unter der Beschränktheit der Berufsgruppe mit ihren Sorgen um prekäre und begrenzte Forderungen leiden, wurden die städtischen und provinziellen Arbeitskammern durch die Entwicklung der Solidarität zwischen Arbeitern verschiedener Berufe und verschiedener Arbeitsstätten dazu gebracht, sich Klassenfragen eines höheren und klar politischen Ranges zu stellen; man diskutierte dort rein politische Probleme, nicht im banalen Sinne der Wahlpolitik, sondern der revolutionären Aktion - auch wenn sie sich durch ihren lokalen Charakter nicht ganz jenen Mängeln entziehen konnten, die wir in der Kritik der »kommunalen« und lokalen Formen untersucht haben.
Stärke der zwischengewerkschaftlichen Formen
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Wir könnten etliche Episoden aus den roten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Italien anführen, wo das spezifische und rege Organ der Arbeitskammer, genannt »Consiglio Generale delle Leghe« (deren Dachverband), in kräftigen, offen im Namen der sozialistischen und dann kommunistischen Parteigruppen gemachten Appellen folgte, und weitergreifende Strassenbewegungen beschloss, und dabei sogar auf die Formalität einer Einberufung seitens der Gewerkschaftsfunktionäre verzichtete. In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts war es in Frankreich an der Tagesordnung, dass die »Sureté« vor den Kampfwellen zitterte, die von den »Bourses du Travail« ausgingen. Diese waren, ohne es zu wissen, politische Organe des Machtkampfes, aber die reformistischen und manchmal auch anarchistischen Bonzen des Gewerkschaftsbundes spekulierten auf ihre lokale Isolierung, um Bewegungen nationaler und internationaler Tragweite (wie im Falle des 1919 versuchten Streiks zur Verteidigung des von den bürgerlichen und Entente-Armeen angegriffenen Russlands) zu verhindern.
Während der Fabrikbesetzungen in Italien im September 1920 zogen die erschrockenen bürgerlichen Krämer ihre Rolläden wieder hoch und liessen zu, dass in den Arbeitskammern Depots von Konsumgütern gebildet wurden, die dann von dort aus an die Arbeitslosen verteilt wurden: eine Funktion, die wahrhaftig über die gewerkschaftlichen Fragen der Arbeitsentlohnung hinausging; und dem Generalprokuristen der bestehenden Ordnung, Giovanni Gioletti, ist es als grosses »Verdienst« anzurechnen, dass er seine Kaltblütigkeit bewahrte und uns nicht als Diebe prozessierte, was streng juristisch gesehen vollkommen in Ordnung gewesen wäre.
In der darauffolgenden faschistischen Phase waren es nicht die Aktionen der Stosstrupps Mussolinis, die damals eine Reihe blutiger Niederlagen erlitten, sondern die der staatlichen Wehrmacht, und sogar der Artillerie (Empoli, Prato, Sarzana, Parma, Ancona, Fogia, Bari, wo sogar die Krie