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IN JANITZIO KENNT MAN KEINE ANGST VOR DEM TOD
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In Janitzio kennt man keine Angst vor dem Tod
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In Janitzio kennt man keine Angst vor dem Tod
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»In Mexiko im See von Patzcuaro liegt die kleine Insel Janitzio.
Auf 2350 Meter Höhe bietet sich den Besuchern eine erstaunliche Landschaft: stilles Gewässer, zerklüftete Berge, ein Himmel, der so nah scheint, als könnte man ihn fast mit den Händen greifen. Die Tarasken, Nachkommen einer stolzen Indianerrasse, kämpften gegen die spanischen Eroberer. Sie wurden geschlagen und übernahmen die christliche Religion der Eindringlinge; aber die von ihnen verehrten Heiligen haben die Züge der alten Gottheiten Sonne, Wasser, Feuer und Mond behalten. Die Tarasken sind geschickt bei der Lederbearbeitung, beim Holzschnitt, bei Tonarbeiten und der Wollweberei - und auch als Fischer. Wenn sie ihre seltsam geformten, wie Riesenschmetterlinge aussehenden Netze einholen, sind sie immer prallgefüllt mit Fischen. Jedoch, wie arbeitsam auch immer, sind die Tarasken noch sehr primitiv. In der Tat betrachten sie das Leben als einen Übergangszustand, als einen kurzen Moment, den man durchmachen muss, um die Glückseligkeit des Todes zu erreichen. Der Tod ist kein unabwendbares Schicksal mehr; im Gegenteil wird er als ein Gut, als das einzige wirklich unschätzbare Gut betrachtet. Das ist der Grund, weshalb für die Einwohner Janitzios der »Tag der Toten« kein trauriger Tag ist. Früh morgens beginnt eine Feier. Die Häuser werden geschmückt und die Bilder der Heiligen mit Spitzen und Papierblumen verziert. Die aufgestellten Porträts der Toten werden von zahllosen Kerzen beleuchtet. Die Frauen bereiten die Lieblingsspeisen der verstorbenen Verwandten zu, damit diese sich freuen, wenn die Lebenden sie besuchen.
Auf dem Friedhof hinter der Kirche werden die Gräber, die meistens keine Namen tragen, geschmückt. In Janitzio gibt es keine Grabinschriften! Aber das heisst nicht, dass die Toten vergessen werden. Der Weg, der vom Friedhof zum Dorf führt, ist mit Blütenblättern bedeckt, damit die Toten den Weg nach Hause leicht finden können.
Am »Tag der Toten« machen sich die Frauen Janitzios schön. Sie kämmen ihre langen dunklen Zöpfe und legen sich Silberschmuck an. Die Tracht besteht aus einem langen, roten, schwarzumrandeten Rock mit breiten Falten. Die bestickte Bluse verschwindet unter dem »Reboso«, der Kopf und Schultern bedeckt und aus dem oft der kleine Kopf der Neugeborenen herausguckt. Um Mitternacht gehen die Frauen alle zusammen zum Friedhof und knien nieder, um für ihre lieben Toten zu beten. Sie zünden Kerzen an: die grossen zum Gedenken an die Erwachsenen und die kleinen für die, die dieses »Tal der Tränen« schon früh verlassen haben. Dann geben sie sich einer Meditation hin, die nach und nach mit Worten begleitet wird. So fängt eine Litanei an, die nicht traurig klingt, sondern die Zusammengehörigkeit der Lebenden und der Toten ausdrückt.
Währenddessen versammeln sich die im Dorf zurückgebliebenen Männer in der Nähe der Kirche, wo ein schwarzer Altar aufgebaut wurde - er ist den Toten gewidmet, die niemanden mehr haben, der für sie beten kann. Im Morgengrauen kehren sie nach Hause zurück, während ihre Frauen, die die Nacht über auf dem Friedhof gewacht haben, halbversteckt in ihrem »Reboso« zur Messe gehen. So verläuft in Janitzio der »Tag der Toten«. Auf den Gesichtern der Dorfbewohner sieht man keine Trauer, sondern die freudige Erwartung auf den Besuch ihrer Liebsten
«.

• • •

Wir haben diesen Artikel mit seinem Originaltitel aus einer italienischen Kinderzeitschrift wortwörtlich übernommen. Es ist eines der zahllosen aufgewärmten Machwerke der US-amerikanischen Kultur, die von einer Zeitung oder Zeitschrift zur nächsten aufgegriffen werden, wobei die Schreiberlinge auf nichts anderes achten als auf den grösstmöglichen Effekt. Der x-te Abschreiber hat nicht mal den tiefen Sinn erkannt, den dieser Artikel - wie konformistisch die Form auch immer - verbirgt.

Demnach würden die edlen mexikanischen Völker, die sich unter dem erbarmungslosen Terror der spanischen Eroberer zum Katholizismus bekehrten, den Beweis erbringen, dass sie »primitiv« geblieben sind, weil sie vor dem Tod weder Angst noch Abscheu zeigen.

Diese Volksstämme waren im Gegenteil die Erben einer für die damaligen wie für die heutigen Christen unverständlichen Zivilisation, die auf den Urkommunismus zurückgeht. Der abgeschmackte moderne Individualismus kann nur in eine grobe Verwunderung verfallen, wenn sogar in diesem blassen Text zu lesen ist, dass Grabsteine keine Inschriften tragen und dass den Toten, um die keiner trauert, Speisen zubereitet werden. »Unbekannte Tote« sind sie nicht, weil eine hohle und phrasenhafte Demagogie es so sagt, sondern durch die machtvolle Einfachheit eines Lebens, das Leben der Gattung und Leben für die Gattung ist, ewig wie die Natur und nicht wie ein Schwarm von dummen, im »jenseits« herumschweifenden Seelen, und das sich für seine Entwicklung die Erfahrungen der Toten, der Lebenden und der Ungeborenen zunutze macht - in einer geschichtlichen Abfolge, deren Verlauf in allen Momenten des materiellen Zyklus nicht Trauer sondern Freude ist.

Sogar in ihrer Symbolik sind diese Gebräuche edler als die unsrigen: so z.B. die Frauen, die sich für die Toten schön machen und nicht für die Geldsäcke unter den Lebenden wie in der kapitalistischen Kloake, in der wir alle versunken sind.

Dass unter der Hülle der grauenhaften katholischen Heiligen noch die uralte Form der nicht unmenschlichen Gottheiten - wie die Sonne - lebt, erinnert an die bis zu uns gelangten Kenntnisse (wie entstellt auch immer) von der Inkazivilisation, die Marx bewunderte. Obwohl sie einer nach Menschenblut verlangenden Sonne die schönsten Exemplare der jungen Generation opferten, waren die Inkas nicht primitiv und grausam; vielmehr erkannten diese Gemeinschaften intuitiv den Lebensfluss in der Energie, die ein und dieselbe ist, wenn sie sich von der Sonne auf den Planeten ergiesst und wenn sie, in den Adern des lebenden Menschen fliessend, Einheit und Liebe in der geeinten Gattung wird; eine Gattung, die, solange sie nicht dem Aberglauben der persönlichen Seele mit ihrer frommen Bilanz von Soll und Haben - Überbau der monetären Käuflichkeit - verfällt, sich vor dem Tod nicht fürchtet und weiss, dass der Tod des einzelnen eine Freudenhymne und ein fruchtbarer Beitrag zum Leben der Menschheit sein kann.

Im naturwüchsigen Urkommunismus (selbst wenn die Menschheit auf die Horde begrenzt war) hatte der einzelne nicht zum Ziel, seinem Nächsten Güter zu entreissen; vielmehr war er bereit, sich ohne jegliche Angst für das Überleben der grossen Phratrie zu opfern. Saudumm ist die Legende, die diese Form auf den Schrecken zurückführt, den ein blutrünstiger Gott einflössen würde.

In der Form des Tausches, des Geldes und der Klassen verschwindet der Sinn für das Fortleben der Gattung zugunsten des abartigen Sinnes für den Fortbestand des Spargroschens, dessen Ausdruck die Unsterblichkeit der Seele ist, die ihre Glückseligkeit ausserhalb der Natur mit dem Gott »Wucher« vertraglich abschliesst. Ausgerechnet in den Gesellschaften, die behaupten, die Barbarei durch die Zivilisation abgelöst zu haben, fürchtet man sich vor dem persönlichen Tod und macht einen Kniefall vor Mumien - sogar vor den Moskauer Mausoleen mit ihrer scheusslichen Geschichte.

Im Kommunismus - eine wissenschaftliche Gewissheit, obwohl noch nicht geschehen - wird die Identität des Individuums und seines Schicksals mit der Gattung zurückerobert, nachdem innerhalb der Menschheit alle Grenzen und Trennungen wie: Familie, Rasse und Nation beseitigt worden sind. Nach diesem Sieg endet jede Furcht vor dem persönlichen Tod; erst dann verschwindet jeglicher Kult des Lebendigen und des Toten, da sich die Gesellschaft zum ersten Mal auf der Basis des Wohlseins, der Freude und der Reduzierung des Schmerzes, des Leides und des Opfers auf ein rationales Minimum organisiert und der harmonischen Abfolge der Generationen - naturwüchsige Bedingung der Prosperität der Gattung - jeglichen mysteriösen und unheimlichen Charakter genommen hat.

Source: »A Janitzio la morte non fa paura«, »Il Programma Comunista«, Nr. 23, 15.12.1961 [Übersetzung: Kollektiv H]

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