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KARL MARX: DAS KAPITAL - KURZFASSUNG VON OTTO RÜHLE
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Inhaltsverzeichnis
I. Ware und Geld
II. Die Verwandlung von Geld in Kapital
III. Die Produktion des absoluten Mehrwertes
IV. Die Produktion des relativen Mehrwertes
V. Die Produktion des absoluten und des relativen Mehrwertes

17. Verwandlung von Wert respektive Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn

18. Der Zeitlohn

19. Der Stücklohn

20. Nationale Verschiedenheit des Arbeitslohns

VII. Der Akkumulationsprozess des Kapitals
Fremdwörtererklärung und Anhang
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Der Produktionsprozess des Kapitals

VI. Der Arbeitslohn

17. Verwandlung von Wert respektive Preis der Arbeitskraft in Arbeitslohn
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Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Arbeit bezahlt wird. Was dem Geldbesitzer direkt auf dem Markt gegenübertritt, ist also nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was der letztere verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit tatsächlich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr länger von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Mass der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.

Die Lohn-Form verwischt jede Spur der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit. Jede Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit.

Bei der Sklavenarbeit erscheint selbst der Teil des Arbeitstages, den der Sklave nur benutzt, um den Wert seiner eigenen Existenzmittel zu ersetzen, indem er in der. Tat nur für sich allein arbeitet, als Arbeit für seinen Herrn. Alle Sklavenarbeit erscheint als unbezahlte Arbeit. Bei der Lohnarbeit erscheint dagegen sogar die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit als bezahlte Arbeit.

Stellen wir uns auf den Standpunkt eines Arbeiters, der für 12 Stunden Arbeit, den Wert, der durch 6 Stunden Arbeit erzeugt wird, sagen wir 3 Shilling, erhält. Für ihn ist in der Tat seine 12stündige Arbeit das Mittel, 3 Shilling zu kaufen. Der Wert seiner Arbeitskraft mag variieren mit dem Wert seiner gewohnheitsmässigen Lebensmittel von. 3 auf 4 Shilling oder von 3 auf 2 Shilling, oder bei gleichbleibendem Wert der Arbeitskraft mag ihr Preis, infolge wechselnder Verhältnisse von Nachfrage und Angebot, auf 4 Shilling steigen oder auf 2 Shilling fallen, er gibt stets 12 Arbeitsstunden. Jeder Wechsel in der Grösse des Äquivalents, das er erhält, erscheint ihm notwendigerweise als Wechsel im Wert oder Preis seiner 12 Arbeitsstunden.

Nehmen wir andererseits den Kapitalisten. Er will soviel Arbeit wie möglich für so wenig Geld wie möglich. Praktisch interessiert ihn daher nur die Differenz zwischen dem Preis der Arbeitskraft und dem Wert, den ihre Funktion erzeugt. Aber er sucht alle Waren so billig wie nur möglich zu kaufen und erklärt sich überall seinen Profit aus der einfachen Prellerei, dem Kauf unter und dem Verkauf über dem Wert. Er kommt daher nicht zur Einsicht, dass, wenn so ein Ding, wie Wert der Arbeit, wirklich existierte und er diesen Wert wirklich zahlte, kein Kapital existieren, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde.

18. Der Zeitlohn
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Der Verkauf der Arbeitskraft findet für eine bestimmte Zeitperiode statt. Die verwandelte Form, worin der Tageswert, Wochenwert usw. der Arbeitskraft sich selbst darstellt, ist daher die des Zeitlohnes, also des Tageslohnes usw.

Die Geldsumme, die der Arbeiter für seine Tagesarbeit oder seine Wochenarbeit erhält, bildet den Betrag seines nominellen oder dem Wert nach geschätzten Arbeitslohnes. Es ist aber klar, dass je nach Länge des Arbeitstages, also je nach der täglich von ihm gelieferten Quantität Arbeit, derselbe Tages- oder Wochenlohn einen sehr verschiedenen Preis der Arbeit darstellen kann. Wir müssen daher bei dem Zeitlohn wieder unterscheiden zwischen Gesamtbetrag des Tages- oder Wochenlohnes usw. und dem Preis der Arbeit. Wie nun diesen Preis finden, das heisst den Geldwert einer gegebenen Quantität Arbeit?

Der durchschnittliche Preis der Arbeit ergibt sich, indem man den durchschnittlichen Tageswert der Arbeitskraft durch die durchschnittliche Stundenzahl des Arbeitstages dividiert. Der so gefundene Preis der Arbeitsstunde dient als Einheitsmass für den Preis der Arbeit.

Der Tageslohn, Wochenlohn usw. kann derselbe bleiben, obgleich der Preis der Arbeit fortwährend fällt. Umgekehrt kann der Tageslohn oder Wochenlohn steigen, obgleich der Preis der Arbeit konstant bleibt oder sogar fällt. Als allgemeines Gesetz folgt, dass bei gegebener Quantität der Tages-, Wochenarbeit usw. der Tages- oder Wochenlohn vom Preis der Arbeit abhängt, der selbst variiert, entweder mit dem Wert der Arbeitskraft oder mit dem Unterschied zwischen ihrem Preis und ihrem Wert. Ist dagegen der Preis der Arbeit gegeben, so hängt der Tages- oder Wochenlohn von der Quantität der Tages- oder Wochenarbeit ab.

Wird der Stundenlohn in der Weise festgesetzt, dass der Kapitalist sich nicht zur Zahlung eines Tages- oder Wochenlohnes verpflichtet, sondern nur zur Zahlung der Arbeitsstunden, während deren es ihm beliebt, den Arbeiter zu beschäftigen, so kann er ihn unter der Zeit beschäftigen, die der Schätzung des Stundenlohnes oder der Masseinheit des Preises der Arbeit ursprünglich zugrunde liegt.

Er kann jetzt ein bestimmtes Quantum Mehrarbeit aus dem Arbeiter herausschlagen, ohne ihm die zu seiner Selbsterhaltung notwendige Arbeitszeit einzuräumen. Er kann jede Regelmässigkeit der Beschäftigung vernichten und ganz nach seiner eigenen Bequemlichkeit, Willkür und augenblicklichem Interesse die ungeheuerste Überarbeit mit relativer oder absoluter Arbeitslosigkeit abwechseln lassen. Er kann, unter dem Vorwand, »den normalen Preis der Arbeit« zu zahlen, den Arbeitstag ohne irgendwelche entsprechende Kompensation für den Arbeiter, anomal verlängern.

Bei wachsendem Tages- oder Wochenlohn kann der Preis der Arbeit nominell konstant bleiben und dennoch unter sein normales Niveau sinken. Dies findet jedesmal statt, sobald mit konstantem Preis der Arbeit (pro Stunde gerechnet) der Arbeitstag über seine gewohnheitsmässige Dauer verlängert wird. Es ist allgemein bekannte Tatsache, dass, je länger der Arbeitstag in einem Industriezweig, umso niedriger der Arbeitslohn ist.

Dieselben Umstände, welche den Kapitalisten befähigen, den Arbeitstag auf die Dauer zu verlängern, befähigen ihn erst und zwingen ihn schliesslich, den Arbeitspreis auch nominell zu senken, bis der Gesamtpreis der vermehrten Stundenzahl sinkt, also der Tages- oder Wochenlohn.

Diese Verfügung über anomale, das heisst das gesellschaftliche Durchschnittsniveau überfliessende Quanta unbezahlter Arbeit, wird zum Konkurrenzmittel unter den Kapitalisten selbst. Ein Teil des Warenpreises besteht aus dem Preis der Arbeit. Der nicht gezahlte Teil des Arbeitspreises kann dem Käufer der Ware geschenkt werden. Dies ist der erste Schritt, wozu die Konkurrenz treibt. In dieser Weise bildet sich erst sporadisch und fixiert sich nach und nach ein anomal niedriger Verkaufspreis der Ware, der von dann an zur Grundlage kümmerlichen Arbeitslohnes wird, wie er ursprünglich das Produkt dieser Umstände war.

19. Der Stücklohn
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Der Stücklohn ist nichts als die verwandelte Form des Zeitlohnes. Beim Zeitlohn misst sich die Arbeit an ihrer unmittelbaren Zeitdauer, beim Stücklohn am Produktenquantum worin Arbeit während bestimmter Zeitdauer sich verkörpert hat. Es handelt sich daher nicht um die Frage, den Stückwert an Hand der in ihm verkörperten Arbeitszeit zu messen, sondern umgekehrt um die Frage, die Arbeitszeit des Arbeiters an Hand der von ihm produzierten Stücke zu messen.

Der Stücklohn liefert dem Kapitalisten ein bestimmtes Mass für die Intensität der Arbeit. Nur die Arbeitszeit, die in einem vorher bestimmten und experimentell festgelegten Warenquantum verkörpert wird, zählt als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und wird als solche bezahlt. Die Qualität der Arbeit wird hier durch das Werk selbst kontrolliert, das von durchschnittlicher Vollkommenheit sein muss, wenn der Stückpreis voll bezahlt werden soll. Von diesem Gesichtspunkt aus wird der Stücklohn die fruchtbarste Quelle von Lohnabzügen und kapitalistischer Prellerei.

Da Qualität und Intensität der Arbeit hier durch die Form des Lohnes selbst kontrolliert werden, macht sie einen grossen Teil der Arbeitsaufsicht überflüssig. Der Stücklohn bildet daher die Grundlage der modernen »Heimarbeit«.

Beim Zeitlohn herrscht mit wenigen Ausnahmen gleicher Arbeitslohn für dieselbe Art Arbeit, während beim Stücklohn der Preis der Arbeitszeit zwar durch ein bestimmtes Produktenquantum gemessen ist, der Tages- oder Wochenlohn dagegen wechselt mit der individuellen. Verschiedenheit der Arbeiter, wovon der eine nur das Minimum des Produktes in einer gegebenen Zeit liefert, der andere den Durchschnitt, ein dritter mehr als den Durchschnitt. In bezug auf die wirkliche Einnahme treten hier also grosse Differenzen ein, je nach dem verschiedenen Geschick, nach Kraft, Energie, Ausdauer usw. der individuellen Arbeiter. Dies ändert natürlich nichts an dem allgemeinen Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit. Erstens gleichen sich die individuellen Unterschiede für die Gesamtwerkstatt aus, so dass sie in einer bestimmten Arbeitszeit das Durchschnittsprodukt liefert und der gezahlte Gesamtlohn der Durchschnittslohn des Geschäftszweiges sein wird. Zweitens bleibt die Proportion zwischen Arbeitslohn und Mehrwert unverändert, da dem individuellen Lohn des einzelnen Arbeiters die von ihm individuell gelieferte Masse von Mehrwert entspricht. Aber der grössere Spielraum, den der Stücklohn der Individualität bietet, strebt einerseits dahin, die Individualität und damit Freiheitsgefühl, Selbständigkeit und Selbstkontrolle der Arbeiter zu entwickeln, andererseits ihre Konkurrenz unter- und gegeneinander. Die Stückarbeit hat daher die Tendenz, mit der Erhebung individueller Arbeitslöhne über das Durchschnittsniveau dieses Niveau selbst zu senken.

Der Stücklohn ist die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeitslohnes. Ein grösseres Aktionsfeld erobert er zuerst während der eigentlichen sogenannten Manufakturperiode. In der Sturm- und Drangperiode der modernen Industrie diente er als Hebel für die Verlängerung des Arbeitstages und die Senkung der Löhne. In den dem Fabrikgesetz unterworfenen Werkstätten wird Stücklohn allgemeine Regel, weil das Kapital dort den Arbeitstag nur noch intensiv ausweiten kann.

20. Nationale Verschiedenheit der Arbeitslöhne
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In jedem Land besteht eine gewisse durchschnittliche Arbeitsintensität, unterhalb dieser Intensität braucht die Arbeit für die Produktion einer Ware mehr als die gesellschaftlich notwendige Zeit und rechnet daher nicht als Arbeit normaler Qualität. Nur der Intensitätsgrad über dem nationalen Durchschnitt wirkt in einem gegebenen Land auf das Wertmass der blossen Dauer der Arbeitszeit. Auf dem Weltmarkt, dessen integrale Teile die einzelnen Länder sind, ist dies nicht der Fall. Die Durchschnittsintensität der Arbeit wechselt von Land zu Land; sie ist hier grösser und dort geringer. Diese nationalen Durchschnitte bilden eine Skala, deren Masseinheit die Durchschnittseinheit der Weltarbeit ist. Die intensivere Nationalarbeit produziert daher, verglichen mit den weniger intensiven, in der gleichen Zeit mehr Wert, der sich in mehr Geld ausdrückt: Der relative Wert des Geldes wird in der Nation mit mehr entwickelter kapitalistischer Produktionsweise geringer sein als in der Nation mit geringer entwickelter. Daraus folgt, dass die Nominallöhne, das Äquivalent der Arbeitskraft ausgedrückt in Geld, in der ersten Nation auch höher sein werden als in der zweiten; das beweist aber nicht, dass dies auch für die Reallöhne gilt, das heisst für die Lebensmittel, die zur Verfügung des Arbeiters stehen.

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Source: »Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie«, Offenbach/M., Bollwerk Verlag, 1949

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