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ENTWEDER WAHLEN ODER REVOLUTION


Content:

Entweder Wahlen oder Revolution
Anmerkungen
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Entweder Wahlen oder Revolution

Während auf der einen Seite viele Genossen unseligerweise beginnen, ihre Aufmerksamkeit auf die bevorstehenden Wahlkämpfe zu richten, breitet sich auf der anderen Seite die Strömung gegen die Teilnahme an den Wahlen in den Reihen der Partei aus, und von allen Seiten wird auf die Notwendigkeit des Nationalkongresses gedrängt.

Die Führung äussert sich jedoch nicht, und je näher die Wahlen rücken, desto mehr verzögert sich die Einberufung des Kongresses.

Wir möchten darauf hinweisen, dass Genosse Lenin in einem Brief an die Arbeiter Europas, der in der Triester »Riscossa«[1] erschien, neben anderen interessanten Dingen schreibt:
»…Es gibt heute Männer wie Maclean, Debs, Serrati, Lazzari usw., die verstehen, dass wir dem bürgerlichen Parlamentarismus ein Ende setzen müssen…« [»Riscossa« von Trieste (zensiert)].[2]

Nach dieser Überlegung, die sich logisch aus dem Beitritt unserer Partei zur 3. Internationale ableitet, schreibt Lenin:
»Das bürgerliche Parlament ist selbst in der demokratischsten Republik nichts anderes als eine Maschine der Unterdrückung von Millionen von Arbeitern, die gezwungen sind, für Gesetze zu stimmen, die andere zu ihrem Nachteil machen. Der Sozialismus hat parlamentarische Kämpfe nur zu dem Zweck zugelassen, das Forum des Parlaments für Propagandazwecke zu nutzen, solange der Kampf notwendigerweise innerhalb der bürgerlichen Ordnung stattfinden muss.«[3]

Auch hier unterbricht die Zensur das Schreiben. Aber, so fügen wir hinzu, der Kampf des Proletariats ist international, und seine Taktik ist, wie im Moskauer Programm, das von unserer Führung angenommen wurde, klar festgelegt, international einheitlich. Es gibt bereits drei kommunistische Republiken, wir befinden uns also im vollen historischen Verlauf der Revolution, ausserhalb der Zeit, in der der Kampf innerhalb der bürgerlichen Ordnung stattfand.

Das Proletariat erneut an die Urnen zu rufen, bedeutet, zweifelsfrei zu erklären, dass es keine Hoffnung auf die Verwirklichung der revolutionären Bestrebungen gibt und dass der Kampf notwendigerweise innerhalb der bürgerlichen Ordnung stattfinden muss.

Das Programm der proletarischen Diktatur und das Bekenntnis zur 3. Internationale hat die Führung also mit ihrer Entscheidung, an den Wahlen teilzunehmen, zurückgenommen. Wie kann man diesen fatalen Widerspruch übersehen? Wie kann man nicht verstehen, dass die Aufforderung an das Proletariat »Geht zur Wahl!« eine Aufforderung ist, alle revolutionären Anstrengungen zur Eroberung der Macht zu unterlassen?

Wir schreien laut: Der Kongress! Der Kongress!

Das ist kein Weg nach vorne. Und während die Bourgeoisie sich anschickt, die Sowjetrepubliken abzuschlachten, werden die Illusionen unserer bedenkenlosen Genossen, die, obwohl sie überzeugte Revolutionäre sind, programmatische und theoretische Diskussionen für unfruchtbar halten (Horror!), mit den Worten abgetan: Ihr kommt sowieso nicht zu den Wahlen!

Meine praktischen Freunde: Wir werden zu den Wahlen kommen, und während das Opfer und die Ehre, die Revolution zu retten, den russischen und ungarischen Proletariern überlassen wird, die ohne Reue ihr Blut vergossen haben, indem sie auf uns vertrauten, werden wir etwa hundert ehrenhafte Helden des unblutigen Wahlkampfes zum Gastmahl im Montecitorio[4] führen, in fröhlicher Vergessenheit aller Würde und des Glaubens, den die Orgien der Wahlurne verleihen.

Wird dies abgewendet werden?

Notes
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  1. Es handelt sich um Lenins »Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas« vom 21. Januar 1919 [LW, Bd. 28, S. 441–449]. In der Triester Zeitung »Riscossa« konnte aufgrund der Zensur nur eine zusammengestrichene Form des Artikels erscheinen.[⤒]

  2. In der Werksausgabe Lenins lautet dieser Abschnitt vervollständigt folgendermassen:
    »Und neben jenen feigen, halbschlächtigen, von den Vorurteilen der bürgerlichen Demokratie völlig durchtränkten ›Sozialisten‹, die gestern noch ›ihre‹ imperialistischen Regierungen verteidigten und sich heute auf platonische ›Proteste‹ gegen die militärische Intervention in Russland beschränken – neben ihnen wächst in den Ententeländern die Zahl derer, die den kommunistischen Weg gehen, den Weg Macleans, Debs’, Loriots, Lazzaris, Serratis, den Weg von Menschen, die begriffen haben, dass allein der Sturz der Bourgeoisie, die Zerstörung der bürgerlichen Parlamente, dass nur die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats imstande sind, den Imperialismus niederzuringen, den Sieg des Sozialismus zu sichern und einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten.« [LW, Bd. 28, S. 443][⤒]

  3. In der Werksausgabe Lenins lautet dieser Abschnitt vervollständigt folgendermassen:
    »Jeder Staat, auch die demokratischste Republik, ist nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere […] Das bürgerliche Parlament, auch das demokratischste in der demokratischsten Republik, in der das Eigentum der Kapitalisten und ihre Macht erhalten bleibt, ist eine Maschine zur Unterdrückung von Millionen Werktätiger durch kleine Häuflein von Ausbeutern. Solange sich unser Kampf im Rahmen der bürgerlichen Ordnung hielt, mussten die Sozialisten, die Kämpfer für die Befreiung der Werktätigen von der Ausbeutung, die bürgerlichen Parlamente ausnutzen als eine Tribüne, als einen Stützpunkt für die propagandistische, agitatorische und organisatorische Arbeit. Sich aber heute, da die Weltgeschichte die Zerstörung dieser ganzen Ordnung, den Sturz und die Niederhaltung der Ausbeuter, den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf die Tagesordnung gesetzt hat , sich heute auf den bürgerlichen Parlamentarismus, auf die bürgerliche Demokratie beschränken, sie als ›Demokratie‹ überhaupt beschönigen, ihren bürgerlichen Charakter vertuschen und vergessen, dass das allgemeine Wahlrecht, solange das Eigentum der Kapitalisten erhalten bleibt, ein Werkzeug des bürgerlichen Staates ist – das heisst, das Proletariat schändlich verraten, auf die Seite seines Klassenfeindes, der Bourgeoisie, übergehen, heisst Verräter und Renegat sein.« [LW, Bd. 28, S. 444][⤒]

  4. Der Palazzo di Montecitorio in Rom ist seit 1871 Sitz der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments.[⤒]


Source: «Il Soviet», № 29. 6. 1919
Übersetzung und Anmerkungen von sinistra.net, März 2024.

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