
CHINA AUF DEM WEG ZUR IMPERIALISTISCHEN GROSSMACHT
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China auf dem Weg zur imperialistischen Grossmacht
Der Streit um den besten Weg der Wirtschaftsentwicklung
I. Landwirtschaft
II. Industrie
III. Wirtschaft allgemein
1. Ergebnis
2. Wirtschaftszyklen
China - eine Gesellschaft der Gleichen?
Statt »Grosser Ordnung« Wiederaufnahme des proletarischen Klassenkampfes
Source
China auf dem Weg zur imperialistischen Grossmacht
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Bekanntlich wäre alle Wissenschaft überflüssig, wenn Wesen und Erscheinung der Phänomene zusammenfielen. Und es ist gerade Aufgabe einer marxistischen Wissenschaft, diesen falschen Schein zu entschleiern. Besonders im Falle eines Landes wie China, das hinter einem Nebel offizieller wie offiziöser Propaganda seinen Etikettenschwindel zu verbergen versucht, ist diese Entlarvung um so dringlicher. Wie ihre stalinistischen Brüder in Russland versuchen auch die Vertreter des chinesischen Kapitals ihre Diktatur über die Bauern und das Proletariat als klassenlose Volksdemokratie, ja als Diktatur des Proletariats zu tarnen. Zwar gab sich die siegreiche Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat noch stets als die Vertreterin von Freiheit, Vernunft und Allgemeinwohl aus und war schon immer eifrig bestrebt, ihre Ausbeutung unter einem Schwall von Phrasen verschwinden zu lassen, aber es war unserem Jahrhundert vergönnt, dass sich eine scheinbar ganz neue Spezies dieser Menschheitsbeglücker breit machen konnte, nachdem sie die revolutionären Vertreter des internationalen Proletariats massakriert hatten. Terror und Phrase waren und sind zwar immer die Hauptinsignien bürgerlicher Herrschaft, aber noch keiner Bourgeoisie war es früher gelungen, aller Welt das Kunststück zu demonstrieren, dass erst millionenfacher Massenmord am Proletariat gleichsam den Weg zum kommunistischen Paradies bahnt. Konterrevolution ist seit dem stalinistischen Exempel nicht mehr Konterrevolution, sondern etwa »nichtkapitalistische« Entwicklung zum Sozialismus. Zwar sind sich die zahlreichen Deuter russischer wie chinesischer Zustände keineswegs einig. Aber trotz aller Unterschiede und Feinheiten im einzelnen - es stecken ja schliesslich oft kluge Köpfe dahinter -, stimmen sie doch stets in einem überein: Die Welt des Ostens ist sozialistisch, oder zumindestens auf dem Weg dahin. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, müssen immer neue Varianten gewaltsamer Abstraktionen dies beweisen. Und je mehr sich die Produktivkräfte auch im Osten entwickeln, sich also das kapitalistische Wesen immer offensichtlicher in verschiedenen Erscheinungen zeigen muss, desto mehr basteln diese Gedankenakrobaten an ihren ihnen liebgewordenen Entstellungen. Wenn es bei einigen nicht mehr klappt, die brutale Wirklichkeit von Ausbeutung und bürgerlichem Terror als unser aller Zukunft auszugeben - dann ist natürlich die Theorie dran schuld, und man schreibt fleissig Pamphlete gegen den marxistischen Schund und enttarnt die revolutionären Marxisten als die Aktionen des »Volkes« blockierende »Meistermacher« (Glucksmann). Das hat ja inzwischen Routine: Indem die Kapitalisten in Ost wie West ihren Lohnabhängigen das Grauen im gegnerischen »Lager« schön plastisch vor Augen führen, demonstrieren sie ihren Opfern, dass es keine Alternative geben kann. Bestärkt werden sie in diesen Abschreckungsmanövern noch stets von sog. Marxisten, die diesem Zerrbild der Erscheinungen ihre letzte Weihe geben. Der Marxismus, diese einzige revolutionäre Kraft des Proletariats, bleibt dabei natürlich auf der Strecke. Gerade China, als die spätere Neuauflage dieser Mimikry, gab diesen Geschichtsdeutern in dem Moment neue Nahrung, in dem Russland immer offensichtlicher sein kapitalistisches Wesen demonstrierte und die Verherrlichung russischer Zustände als sozialistisch immer schwieriger wurde. Mit der besonderen Vorliebe jeder bürgerlichen Wissenschaft für Persönlichkeiten, diesen »charismatischen« Figuren, dank derer allein die Geschichte bis heute nicht stehengeblieben sei, stürzte man sich auf Mao Zedong. Und er war ja in der Tat ein dankbares Objekt: Schlicht gewandet - so wie man sich eben einen proletarischen Führer vorzustellen hat - vertrat er im Kern nichts anderes als früher Sun Yat-sen, der ängstliche Vater der chinesischen Bourgeoisie. Nur hatte Mao nach der endgültigen Niederlage des chinesischen Proletariats in dem Massaker von Shanghai durch die Kuomingtang 1927 die Hände frei für »seine« Bauernrevolution.
Die Qualen des chinesischen Bauern mussten sich früher oder später sicherlich entladen - das erkannte Mao durchaus richtig -, jetzt konnten die unruhigen Kleinbauern, Pächter und Landarbeiter aber nicht mehr von revolutionären Proletariern beeinflusst werden und von ihnen eine weit radikalere Perspektive erhalten. Dieses revolutionäre Bündnis von Arbeitern und Bauern, geführt von der Kommunistischen Partei, Rückgrad jeder Doppelrevolution in wenig industrialisierten Ländern in Phasen revolutionärer Weltbewegungen, war nicht mehr möglich. Sun hatte angesichts dieser drohenden Perspektive einer Doppelrevolution die Bauernfrage gar nicht erst zu stellen gewagt, weswegen »seine« bürgerliche Revolution von Anfang an ein Desaster blieb und er schon wenige Monate nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie 1912 die Macht wieder an den kaiserlichen General Yün Shi-Kai abgeben musste.
Unter Mao war die Lage völlig anders: Das chinesische Proletariat war geschlagen, die internationale Revolution erledigt, die Stalinisten paralysierten die Kampforgane des Proletariats, beanspruchten aber andererseits Weisungsbefugnis als vermeintliche bolschewistische Erben und versuchten so über ehemals proletarische Kanäle ihre nationale Grossmachtpolitik abzusichern.
Im Geiste der stalinistischen Traditionen gross geworden, warf sich Mao von Anfang an in die Positur eines Erneuerers der chinesischen Nation. Sun's »Drei Volksprinzipien« - Nationalismus, Demokratie, Sozialismus - wurden mit den gängigen stalinistischen Phrasen frisiert und dienten so als ideologische Verbrämung der gezielten Anwendung bäuerlicher Energien für eine nationale Erneuerungsbewegung Chinas.
Für alle Welt bewies er damit natürlich nur sein Genie: Er drehte den Marxismus völlig auf den Kopf, erklärte die Bauern zu Hauptträgern jeder sozialistischen Entwicklung, war zugleich stets bestrebt, ihre soziale Energie klein zu halten, damit sie nicht ausser Kontrolle geriet; taktierte mit seinen »Kompradorenbrüdern im Herzen« in übelster Manier; kappte - ganz Nationalist - den russischen Einfluss und träumte schon früh - auch hier in der Tradition Sun's - von der Hilfe der USA, deren Borniertheit ihn eigentlich erst richtig in die russischen Arme trieb. Allein dies liess unsere China-Deuter nur um so mehr ins Schwärmen für diesen »Sinisierer« des Marxismus verfallen.
Nun ist der Meister schon einige Zeit verschieden und wieder scheiden sich die Geister. Die Kapitalisten sind's zufrieden, sie können dank Deng Xiaoping endlich wieder vom Hoffnungsmarkt China träumen. Ihre Ideologen finden die Entwicklung deswegen äusserst vernünftig - wird Ihnen damit wieder so nebenbei bestätigt, dass letztlich doch nur gewohnte Praktiken der Menschheit weiterhelfen können. Natürlich wurde Mao in seinen letzten Jahren auch ein bisschen senil und hatte sein »Volk« als eingefleischter Idealist einfach zu lange überfordert.
Die kleinbürgerliche »Linke« dagegen wird irre, sie hat eine Vaterfigur verloren. Wovon soll man noch träumen, was kann man noch erhoffen, wenn alles den gleichen reaktionären Gang geht. Besonders seit sich China gegen das »Kuba Asiens« als fernöstliche USA zu profilieren versucht, verschwinden wieder Heiligenbilder von den Wänden. Alles ist konfus angesichts der Periode »marxistischer« Kriege: Die einen schwärmen von früher, den glücklichen Zeiten der Kulturrevolution; Chinafreunde durch »dick und dünn« halten der neuen Führung in Peking die Stange, aber sicher finden auch viele andere eher jetzt, in der »freieren« Atmosphäre ihren Traum vom kleinbürgerlichen Glück bestätigt. Paranoiker allerdings suchen ihr Heil in einem Kleinstaat auf dem Balkan.
Nur der Marxismus kann dieses Knäuel von Phrasen, Wunschvorstellungen und Mythen entschleiern und nur wenn man dem Geschwätz der chinesischen Bourgeoisie und ihrer westlichen Papageien nicht auf den Leim geht und für bare Münze nimmt, sondern eben hinter den Erscheinungen nach der inneren Natur der chinesischen Vorgänge fragt, kann man das Rätsel »China« lösen - und einmal verstanden, wird das vorher so komplizierte sonnenklar: China war und ist niemals auf dem Weg zum Sozialismus gewesen, sondern war und ist nichts anderes als ein sich kapitalistisch entwickelndes Land, wobei diese Grundtatsache von der chinesischen Bourgeoisie auch immer schwerer verschleiert werden kann. Alle revolutionären Sprüche, jede Maskerade als Vertreter des Proletariats dienen nur dem Zweck, einerseits die Klassenherrschaft mit illusionistischen Tricks hinwegzuzaubern und andererseits Bauern und Arbeitern »immer mehr, immer besser« ausbeuten zu können.
Geht man dagegen davon aus, in China handele es sich um Sozialismus und das Land würde sich immer mehr dahin entwickeln, so stellt man natürlich alles auf den Kopf und die Untersuchungen müssen dementsprechend aussehen. Es ist ähnlich dem berühmten Fall des Bilds vom Weltall: Solange man glaubte, dass sich alles um die Erde drehte, nahm die Untersuchung der Sternbewegungen immer kompliziertere Figuren an, erst als man von diesem Dogma abging, eröffnete sich einem ihre höchst einfache Beziehung.
In unserer Parteipresse haben wir schon immer die Herausbildung des Kapitalismus in China untersucht und in einer Vielzahl von Beiträgen die Machenschaften der chinesischen Bourgeoisie entlarvt. Dieser Artikel bringt also nichts grundlegend Neues, setzt vielmehr bisher Gesagtes nur fort. Im Vordergrund steht natürlich der Umschwung unter Deng/Hua, dessen Zwangsläufigkeit man nur versteht, wenn man sich die ökonomischen wie sozialen Grundlinien der bisherigen Entwicklung Chinas vergegenwärtigt.
Der Streit um den besten Weg der Wirtschaftsentwicklung
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Will man die permanente Auseinandersetzung auch nach der Kulturrevolution zwischen den sog. Maoisten und den Pragmatikern um die optimalsten Bedingungen der Industrialisierung verstehen, so muss man sich die Entwicklung seit der Machteroberung 1949 kurz vergegenwärtigen. Die Menschen sind sicherlich die Akteure ihrer Geschichte, aber sie handeln allein im Rahmen vorgegebener Möglichkeiten. Deswegen spielen nicht die subjektiven Wünsche und Vorstellungen bei der Betrachtung historischer Abläufe die entscheidende Rolle, sondern vor allem die objektiven materiellen Bedingungen, von denen hier nur die groben Konturen umrissen werden können.
Mit rund 9,6 Mio. qkm gehört China zusammen mit Kanada (9,9 Mio. qkm) und den USA (9,3 Mio. qkm) zu jenen drei Staaten, deren Fläche jeweils etwa halb so gross wie die Russlands ist. Von Peking bis zum äussersten Westen Xinjiangs sind es mehr als 3700 km, und die Süd-Ost-Ausdehnung von Hainan nach Harbin in Heilungjtang beträgt rd. 4000 km. Auf dieser Fläche lebt das grösste Volk dieser Erde. Genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt. Die erste Volkszählung ergab 1953 583 Mio., heute schwanken die Schätzungen zwischen 850 und 950 Mio. Einwohnern. Davon arbeiten immer noch rd. 80% auf dem Lande. Die Han stellen 94% der Gesamtbevölkerung, der Rest von (6% verteilt sich auf 54 nationale Minderheiten, die trotz ihrer geringen Zahl etwa 50 - 60% Chinas besiedeln - vor allem den unwegsamen und hauptsächlich für Viehwirtschaft geeigneten Teil im Westen. Der Hauptteil der gesamten chinesischen Bevölkerung lebt also vor allem in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten Nord-, Mittel- und Südchinas.
Dabei ist die landwirtschaftliche Nutzfläche recht beschränkt: Chinas 9,6 Mio. qkm grosses Gebiet wird nämlich nur etwa zu 36% landwirtschaftlich genutzt - 11% der Gesamtfläche dienen als Anbaugebiete, 20,5% stellen Weideland dar und 5,1% sind Wälder. Nach den beiden wichtigsten Erzeugnissen lässt sich China wirtschafts-geographisch in zwei Hauptagrarzonen gliedern, wobei die Trennlinie, grob gesprochen, etwa entlang des 34. Breitengrades verläuft: Nördlich dieser Linie liegen die kalten, trockenen Winterweizenprovinzen, südlich davon die feuchtwarmen Reisprovinzen. Freilich gibt es in jeder dieser Regionen auch Gebiete der jeweils anderen »Getreide«-Art. Vor allem um die Ausbreitung der Reisanbaugebiete hat sich die chinesische Regierung immer wieder bemüht, denn man zieht es vor, statt Getreide Reis und Baumwolle anzupflanzen, beides Produkte, die auf dem Weltmarkt durchschnittlich einen mehrfachen Devisenertrag im Vergleich zu Weizen erbringen. Mit diesem Erlös kann dann wiederum Weizen aufgekauft werden, der von der chinesischen Bevölkerung konsumiert wird.
Über das ganze Territorium verteilt, verfügt China über reiche Bodenschätze: Chinas Erdölreserven werden heute auf 30 - 50 Mrd. t geschätzt, die Kohlereserven sollen sich auf 1500 Mrd. t belaufen und gehören damit zu den grössten der Welt. Eisenerzlager von rd. 11 Mrd. t sind über das ganze Land verstreut, die grössten davon befinden sich in der Mandschurei und der Inneren Mongolei. Mit grossem Abstand ist China weltgrösster Produzent von Antimon und Wolfram, und besitzt ferner reiche Vorkommen an Molybdän, ein Ersatzprodukt für Wolfram, das aber bedeutend billiger ist. Im Südwesten des Landes befinden sich grosse Zinnlager und bereits heute liegt China in der Weltproduktion an sechster Stelle. Auch für die wichtigsten anderen Rohstoffe sind zum Teil beträchtliche Reserven nachgewiesen. Von dieser Seite sind also die formalen Voraussetzungen für eine Industrialisierung gegeben.
Die erste Entwicklung in diese Richtung setzte der seit Mitte des letzten Jahrhunderts immer massiver nach China eindringende Imperialismus. Da aber das Land von Anfang an gierige Beute aller aktiven Imperialisten wurde, hielten sie sich gegenseitig in Schach, und keiner konnte ohne Kontrolle der anderen sein Unwesen treiben. Aber die Wirtschaftsstruktur wurde dadurch doch bis heute geprägt: An der Ostküste setzten sich die ausländischen Kapitalisten fest und errichteten in verschiedenen Zentren - vor allem in Shanghai - eine Leichtindustrie, die die billige chinesische Arbeitskraft ausbeutete. Allein das rohstoffarme Japan errichtete seit Anfang der 30er Jahre in der annektierten Mandschurei einen schwerindustriellen Komplex.
Die Maoisten übernahmen 1949 ein von zwölfjährigen Kriegswirren zerstörtes Land. Die Verhältnisse in Landwirtschaft und Industrie waren zum Teil katastrophal. Somit war die Aufgabe klar vorgegeben: Es galt so schnell wie möglich die Lage zu stabilisieren, den Agrarbereich zu reorganisieren und den landwirtschaftlichen Überschuss für den Aufbau der Industrie nutzbar zu machen. Auch ohne Krieg hätte die landwirtschaftliche Struktur unbedingt aufgebrochen werden müssen, denn hier lag gleichsam der Schlüssel für das wirtschaftliche Desaster Chinas, das durch die politischen und sozialen Wirren nur noch verstärkt wurde: Aufgrund verschiedener Entwicklungen hatte sich ein System von kleinstparzellierten Familienhöfen herausgebildet, die vor allem auf Pachtbasis betrieben wurden. Diese Lage produzierte den für viele Länder charakteristischen Teufelskreis: Die kleine Parzelle brachte schon der Familie kaum genug zum Leben, dennoch musste ein wachsender Teil dem Landbesitzer übereignet werden. Wachsende Verschuldung und schliesslich völliger Verlust jeder eigenen Wirtschaftsbasis verschlimmerten so oder so die Lebensbedingungen der Bauern, die allein durch Überarbeit und Unterkonsum ihr Schicksal hinauszögern konnten. Der Effekt war eindeutig: Die Agrarproduktivitat blieb niedrig, fehlten doch ausser Arbeitskraft alle zusätzlichen Mittel, denn der Überschuss musste den Grundherrn in Form der Pacht abgeliefert werden. Von diesen wurde er durchweg verprasst, denn die chinesische Landaristokratie verachtete nicht nur die Landarbeit. Was dennoch für Geschäfte übrig blieb, diente höchstens kurzfristiger Spekulation. Eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Erträge oder der Aufbau einer Industrie waren damit praktisch wegen der antiquierten kleinparzellierten Pachtstruktur der Landwirtschaft unmöglich. Sun traute sich - wie schon erwähnt - an das Problem aufgrund der damit zusammenhängenden sozialen Risiken nicht heran - und blieb notwendigerweise bis zu seinem Tode 1925 ein »Möchtegernrevolutionär«. Die Kuomintang unter Chiang Kai-Shek repräsentierte je länger, desto offener nichts anderes als die spekulative Kompradorenbourgeoisie, deren Rückrat ganz natürlich die Landbesitzer waren. Sie berief sich zwar noch auf Sun, aber was bei ihm wenigstens ernsthafte Einsicht, wenn auch ohne Taten war, verkam jetzt zur reinen Farce. Das bürgerliche Programm Sun's mit den Grundforderungen einer nationalen und sozialen Revolution fand allein bei den Maoisten seine Fürsprecher, die es wegen der blutigen Erledigung der proletarischen Frage weniger ängstlich als Sun in Angriff nehmen konnten und aufgrund einer Reihe von Umständen auch tatsächlich ihre »neue Demokratie« des Blocks der vier Klassen (Bauern, Arbeiter, Kleinbourgeoisie und nationale Bourgeoisie) durchsetzten. Der Kern bürgerlicher Revolutionen liegt in ihren nationalen und sozialen Aufgaben als Voraussetzung der Schaffung optimaler Bedingungen für eine zukünftige Produktivkraftentwicklung: national gilt es, das Land politisch zu einen, was im Falle Chinas als altes, schon immer einheitlich regiertes Kulturland leichter zu bewerkstelligen war, denn die zeitweilige Zersplitterung des Landes unter den Warlords in der Zeit nach dem Sturz der Mandschus war schon von der Kuomintang erledigt worden.
Wichtiger war die Lösung der sozialen Probleme, was vor allem hiess: Lösung der Agrarfrage. Der gordische Knoten jeder früheren Wirtschaftsmisere musste zerschlagen werden, um endlich der Entwicklung der Produktivkräfte eine freie Bahn zu schaffen. Es galt, die Bedingungen für die Steigerung von Agrarüberschüssen zu setzen, die für die Industrialisierung nutzbar gemacht werden könnten, und zwar so, dass möglichst wenig im Agrarsektor hängenblieb.
Die Grundbesitzer wurden eliminiert, womit man schon ihren Anteil am Agrarüberschuss in die Hände bekam. Die Landverteilung an die bisherigen kleinen bzw. landlosen Bauern ergab zwar unmittelbar kaum einen Produktionseffekt, hier bestand eher die Gefahr, dass sie sich nach all den Hungerjahren allzu lange den Bauch vollschlagen wollten. Aber jetzt stieg wenigstens im Durchschnitt die Parzellengrösse und damit doch die Möglichkeit, Mittel für die Verbesserung der Landwirtschaft abzuzweigen. Aber die Initiative blieb natürlich immer stärker bei diesen sich entwickelnden »Mittelbauern«. Dazu hatte der Staat den Bauern zu wenig für ihre Produkte zu bieten. Wie sollte er also ohne offenen Zwang an deren Erzeugnisse herankommen? Man kennt die Lösung: Der Staat enteignet jetzt seinerseits die Bauern und nimmt sie immer stärker in seine Regie. Westliche Freunde der chinesischen Landwirtschaft nennen das heute »Sozialisierung«. Mao liess sich später bei Proklamierung seiner Volkskommunen so aus:
»Die sogenannte Überführung des Kollektiveigentums in sozialistisches Volkseigentum bedeutet, die landwirtschaftlichen Produktionsmittel gänzlich in Staatseigentum zu überführen, die Bauern sämtlich zu Arbeitern zu machen, die der Staat insgesamt übernimmt und deren Lohn er zahlt.« [Mao, »Notizen nach der Lektüre des Lehrbuchs »Politische Ökonomie«« (Abschnitt »Sozialismus«), in: Helmut Martin, »Mao Tse-tungs Notizen zum sowjetischen Lehrbuch Politische Ökonomie« (1960), Hamburg 1975, S. 137/ 8]
Das war auch schon das Programm Sun Yat-sen's, und dieses charakterisierte Lenin treffend so:
»In der Tat, worauf läuft die »ökonomische Revolution« hinaus, von der Sun Yat-sen am Anfang seines Artikels so prunkvoll und dunkel spricht? Auf die Übergabe der Rente an den Staat, das heisst auf die Nationalisierung des Bodens mittels einer Art Einheitssteuer... Der Unterschied zwischen dem Wert des Bodens in einem bäuerlichen Krähwinkel und in Shanghai besteht in dem Unterschied der Grösse der Rente. Der Preis des Bodens ist kapitalisierte Rente. Dafür zu sorgen, dass der »Wertzuwachs« des Bodens »Eigentum des Volkes« werde, bedeutet, die Rente, d.h. das Eigentum an Grund und Boden, dem Staat zu übergeben, oder anders gesagt, den Boden zu nationalisieren«.
Und Lenin stellt die entscheidende Frage:
»Ist eine solche Reform im Rahmen des Kapitalismus möglich? Sie ist nicht nur möglich, sondern sie stellt sogar den reinsten, maximal konsequenten, ideal vollkommenen Kapitalismus dar. Das hat Marx im »Elend der Philosophie« gezeigt und eingehend im III. Band des »Kapitals« bewiesen; besonders anschaulich hat er das in der Polemik gegen Rodbertus in den »Theorien über den Mehrwert« entwickelt.«
Die Konsequenz dieser kapitalistischen Politik ist schlagend:
»Die Nationalisierung des Bodens gibt die Möglichkeit, die absolute Rente zu beseitigen und nur die Differentialrente übrigzulassen. Die grösstmögliche Ausmerzung der mittelalterlichen Monopole und der mittelalterlichen Verhältnisse in der Landwirtschaft, die grösstmögliche Freiheit des Handels mit Grund und Boden, die leichteste Anpassung der Bodenbewirtschaftung an den Markt - das bedeutet die Nationalisierung des Bodens nach der Lehre von Marx. Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass die Volkstümlerrichtung im Namen des »Kampfes gegen den Kapitalismus« in der Landwirtschaft ein Agrarprogramm vertritt, dessen volle Verwirklichung die schnellste Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft bedeuten würde.« [Lenin Bd. 18/S.156/7, »Demokratie u. Volkstümler Ideologie in China«].
Was von Sun noch schüchtern anvisiert wurde, wird von Anfang an von Maoisten, diesen Erben Sun's praktiziert. Und das nicht zu verstehen, ist der Springpunkt aller Idiotien, die vor allem auch heutige »Lenin-Überwinder« über die Agrarverhältnisse nicht nur Chinas vertreten.
Ist dies dagegen einmal verstanden, so kommt sofort Klarheit in die sonst so verwirrende maoistische Agrarpolitik: Sie hatte also von Anfang an klare Schwerpunkte: Zuerst galt es, den Grundbesitzern den bislang parasitär verschwendeten Agrarüberschuss zu nehmen, indem man sie in ihrer Funktion ausschaltete; dadurch »befreite« man gleichzeitig die Bauern von ihren bisherigen Blutsaugern und legte durch diese grundlegende Strukturveränderung die Basis für die immer dringender notwendige Ertragssteigerung im Laufe der verschiedenen Etappen der »Kollektivierung«; dadurch gewann der Staat die entscheidende Kontrolle über die absolute Grundrente, die im Kapitalismus jedem Landbesitzer qua Bodeneigentum zufliesst. Differentialrente entspricht dagegen dem Extraertrag aufgrund vor allem besserer Ertragslage (Boden, Klima) und besserer Marktlage. Es gilt also den Agrarüberschuss zu steigern und möglichst weitgehend für die Industrialisierung nutzbar zu machen. Letzteres ist um so schwieriger, als der Staat aufgrund der erst zu entwickelnden Grundlage kaum Waren dem Bauern zum Tausch anzubieten hat. Überliesse man also dem Bauern die Regie über das im Überschwang der bürgerlichen Revolution verteilte Land, so verlöre man nicht nur weitgehend die Kontrolle über ihn und müsste ihm neben der Differential- auch die absolute Rente überlassen, sondern man käme an diesen Überschuss nur gegen realen Tausch heran. Da man allerdings praktisch mit leeren Händen vor den Bauern stand, hatte man kaum die Möglichkeit, diese daran zu hindern, alles zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zu verwenden, also im Sinne der bürgerlichen Aufgaben der Akkumulation zu verschwenden. Insgesamt wäre auf einer solchen labilen Basis, die vor allem von Lust und Laune der Bauern abhinge, keine langfristige und beschleunigte Industrialisierung möglich.
Es gab also überhaupt keine Alternative: Das anfänglich verteilte Land musste wieder kassiert werden. Dadurch gewann man allein die Kontrolle über das agrarische Mehrprodukt, dass das Gesamtprodukt abzüglich des notwendigen Produkts ausmacht. Daneben hatte man dann auch erst eigentlich die Möglichkeit, durch verbesserte Nutzung von Arbeitseinsatz und gegebenen Ressourcen den Ertrag zu steigern. Auch hier gab es nur ein Mittel: Wegen des weitgehenden Mangels an Kapitaleinsatz blieb als Hauptproduktivkraft nur die menschliche Arbeitskraft. Und diese musste jetzt maximal ausgebeutet werden. Das Motto hiess: Durch Ausdehnung der absoluten Arbeitszeit den absoluten Mehrwert maximieren. Allein deshalb stand bei Mao der Mensch im Mittelpunkt seiner Phrasen. Den Bauern musste zwar das Land wieder genommen werden, das war für alle Vertreter des jungen chinesischen Kapitals klar. Aber das Opfer durfte natürlich nach Möglichkeit nichts davon merken, bzw. sollte dies möglichst »freiwillig« selber als drängendes Bedürfnis seiner Selbstverwirklichung verlangen; denn man wusste: die Lektion sitzt nur dann, wenn die Opfer selbst von der Notwendigkeit überzeugt sind. Die Sache war ja auch nicht ganz ungefährlich. Jahrzehntelang hatte man gepredigt »Jedem Pflüger sein Land« - auch dies ursprünglich von Sun -, und jetzt sollte alles schon wieder vorbei sein. Merkte der Bauer andererseits den Betrug, so ergäben sich schlimme Perspektiven für die gerade angegangene kapitalistische Entwicklung. Dieses Malheur passierte bekanntlich den russischen Kapitalisten, und seitdem ist vor allem die Landwirtschaft das Dauerproblem der russischen Wirtschaft. Die russischen Bauern hatten aufgrund der staatlich betriebenen Politik der Stalinisten auch kaum Schwierigkeiten, zu erkennen, dass sie nichts anderes als Zwangslieferanten geworden waren.
In China waren nicht nur andere Zeiten, sondern das Problem war wegen der noch grösseren zahlenmässigen Überlegenheit der Bauern auch von ganz anderem Gewicht. Deshalb musste die chinesische Bourgeoisie sich mehr Zeit lassen und die Sache besser vorbereiten. Der Landraub durfte nicht als solcher erkennbar werden, es galt also, die Bauern zu hypnotisieren. Und Mao fungierte hier als Chefhypnotiseur - nichts anderes war seine Aufgabe. Und wie entledigte er sich dieser Aufgabe? Anfangs hielt er sich zurück, fungierte vor allem als Symbol. Aber 1955 verlor er die Geduld. In seiner bekannten Rede »Zur Frage der Kollektivierung der Landwirtschaft« am 31. Juli 1955 forderte er eine forcierte Kollektivierung, die auch sofort verwirklicht wurde, so dass im Juni 1956 bereits 63% und im März 1957 sogar 93% der Bauern in »sozialistischen Produktionsgenossenschaften« organisiert waren. Schon das ging nicht ohne Reibereien, und auch die Bauern machten in dem schnell wieder abgeblasenen Manöver der »Hundert Blumen« vom 2. Mai bis 8. Juni 1957 ihrem Unmut Luft. Das »Genie« Mao reagierte bekanntlich auf diese Entwicklung in zweierlei Weise: Zum einen veröffentlichte er seine Exegese über die »Widersprüche im Volke«, zum anderen forcierte er das Tempo zum »Grossen Sprung« mit seinen Volkskommunen. Jetzt ging Mao als Praktiker der absoluten Mehrwert-Produktion aufs Ganze: Die Bauern sollten als Lohnarbeiter in grossen Verbänden zusammengefasst werden. Die »Idylle« der bäuerlichen Familienbasis und die Jahrtausende alte Dorfstruktur sollten endgültig aufgebrochen werden. Der Arbeitseinsatz wurde gleichsam militarisiert und durch Gemeinschaftsverpflegung sollte das notwendige Agrarprodukt, also der Selbstverbrauch der Bauern verringert werden. Maximale Ausdehnung der Arbeitszeit und der Arbeiterzahl sollten in Kombination von Landwirtschaft und Manufaktur phantastische Ertragssteigerungen erbringen. Das Ergebnis ist bekannt: Das Ganze war eine katastrophale Bauchlandung. Die chinesischen Traditionen des Dorfes und das verbissene Festklammern des Bauern an »seinen« Boden konnten so nicht zerschlagen werden. Zu früheren Zeiten wäre bei dieser Entwicklung der »Dynastie« sicher der »Himmelsauftrag« entzogen worden, aber selbst Mao musste nach diesem Meisterstück ins zweite Glied zurücktreten. Zu sehr hatte ihn diese Katastrophe blossgestellt.
Es war sicher nicht das ungünstige Wetter, sondern eben der wachsende offene oder versteckte Widerstand der chinesischen Bauern, durch den Mao seine entscheidende Lektion erhielt. Um diesen Eklat zu verstehen, darf man eben nicht auf chinesische wie westliche Reklame für das im Ansatz Grossartige dieser genialen Idee verfallen. Hier sollte der Bauer zu nichts anderem als zu einem schlechtbezahlten, langarbeitenden Landarbeiterdasein gezwungen werden. Dies ist sicher das langfristige Schicksal des chinesischen Bauern, denn was anderes hat das Kapital auch in China nicht zu bieten, aber die schon im Ansatz bald gestoppte Schocktherapie muss man sich doch vor Augen führen, will man den Widerstand der Bauern richtig einschätzen. Die Landwirtschaft sollte quasi wie eine Fabrik - allerdings ohne Maschinen - verwaltet werden: Der Bauer arbeitete nicht mehr in einem seit unvordenklicher Zeit festgelegten traditionellen Rahmen, sondern wurde, wie beim Militär, mit Leidensgenossen zusammengewürfelt, die er kaum kannte. Er sollte nicht mehr auf seiner eigenen Scholle arbeiten, sondern hatte innerhalb des umfangreichen Gebiets der Volkskommunen (VK) von Feld zu Feld zu marschieren, um dort auf einem ihm übertragenen engen Spezialgebiet seinen Aufgaben nachzukommen. So gab es z.B. in der Anfangszeit Spezialgruppen für das Pflügen, für die Bewässerung sowie für den Bau von Gräben und Wasseranlagen. Feldarbeit sollte also praktisch von Heute auf Morgen nach dem Prinzip kapitalistischer Arbeitsteilung erzwungen werden - wenn auch erst auf »Manufakturniveau«. Nicht zu Unrecht sah Mao hier wieder eine Voraussetzung zur Steigerung der absoluten Mehrwertrate. So betrug die Arbeitszeit in den meisten Kommunen im Sommer und Herbst 1958 mindestens 12 Stunden am Tag, zur Erntezeit bis zu 16, in Einzelfällen gar 18 Stunden.
Von besonderer Bedeutung für die Struktur der Kommunen war das System der »Produktionsgarantie«, durch das die Beziehungen der ländlichen Grosskollektive zur staatlichen Erfassungsorganisation für Nahrungsmittel geregelt wurden. Vor jeder Ernte garantierte die VK die erwartete Ablieferungsmenge. Blieb der Ernteertrag hinter den Erwartungen zurück, dann musste die Kommune die Versorgung ihrer eigenen Mitglieder einschränken, um die garantierte Ablieferungsmenge doch noch zu erreichen. Das erinnert natürlich stark an die Praktiken der russischen Stalinisten in den ersten »Planjahren«.
Der militärische Charakter des ganzen Unternehmens schliesslich kam dadurch zum Ausdruck, dass die einzelnen Arbeitskräfte zunächst nach einem Erfassungssystem ausgehoben, in militärische Einheiten eingegliedert und von Kadern kommandiert wurden. Diese Konzeption einer permanenten Mobilisierung der Bauernmassen, die die traditionellen, ethnischen und territorialen Grenzen durchbrechen sollte, verlor mit dem baldigen Aufkommen der Produktionsmannschaft (PM) an Schubkraft. Da die PM nämlich mit kleineren Dörfern oder mit Sektionen grösserer Ortschaften identisch ist, hatte der Bauer nunmehr wieder wie eh und je Gelegenheit, auf seinem eigenen Feld zusammen mit seinen Verwandten oder Bekannten den »alten Trott« fortzusetzen.
Diese Konzessionen hatte man sehr bald nach Beginn der VK-Bewegung den Bauern zugestehen müssen, und sukzessive verschwand das rigorose Konzept der VK: Die grossen Träger der Kollektivierungswelle, die VK, standen zwar in ihrer Fassade noch unversehrt da; im Inneren aber zerfiel die Wirtschaft in zahlreiche wieder vor sich hin wirtschaftende Minieinheiten. Die eigentliche Entscheidung über Produktionspläne, Verteilung von Produktionsmitteln und Gewinnverteilung hingen letztlich von der autonomen Entscheidung der PM ab: Die Landwirtschaft war eben wieder in den Schoss der Familien - und zum Teil der alten Clans - zurückgekehrt. Jedes Mitglied konnte den Wirtschaftsprozess überschauen und hatte wieder Gelegenheit, in seine eigenen Taschen zu wirtschaften. Alle Konzeptionen, nach denen die Landwirtschaft wie ein Industriebetrieb verwaltet werden sollte, waren so zunichte gemacht. Ende 1961 entsprachen damit Besitzstand und Produktions- sowie Verteilungsweise wieder der Situation am Vorabend der VK-Bewegung.
Und der Verfall der VK-Bewegung begann praktisch in dem Augenblick, in dem sie gestartet wurde, denn mit naturwüchsiger Gewalt machte sich der Widerstand der Bauern breit und führte - zusammen mit einem organisatorischen Chaos - schon 1959 zu dem entscheidenden Kollaps: Mit rd. 170 Mio. t sank die Getreideernte entgegen der Rekordernte von 1958 mit ca. 205 Mio. t wieder unter das Niveau von 1955 - und das bei wachsender Bevölkerung, wobei Mao noch in seiner manischen Fixierung auf den Menschen als Arbeitskraft jegliche Geburtenkontrolle aufgehoben hatte. Bei dem zentralen Gewicht der Landwirtschaft in China ergaben sich bald die notwendigen Konsequenzen für Leicht- und Schwerindustrie. In einer Kettenreaktion fielen mit jeweils einjähriger Verspätung deren Produktionszahlen - und zwar in der Leichtindustrie, die vor allem agrarische Primärprodukte verarbeitet, ab 1960 und in der Schwerindustrie ab 1961. Dort hatten sich gewaltige Überkapazitäten gebildet, was konkret eine Vergeudung von Rohstoffen und Arbeitskräften bedeutete. Das »neue« China hatte damit seine erste Wirtschaftskrise aufgrund extremer Disproportionalitäten zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen.
Eines hatte sich damit für alle Beteiligten gezeigt: Durch alleiniges Abstellen auf die Arbeitskraft gewann man weder die notwendige Kontrolle über den Agrarbereich noch die entscheidende langfristige Steigerung der Agrarproduktion. Die Verbesserung der Erträge hauptsächlich durch Forcierung der absoluten Mehrwertproduktion, d.h. der maximalen Ausschöpfung des Arbeitspotentials bei verbesserter Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung war an eine entscheidende Grenze gestossen. Eine Fortsetzung der Mobilisierung hatte nur einen katastrophalen »Grossen Sprung zurück« gebracht.
Hier sind wir beim zentralen Punkt der Kontroverse innerhalb der chinesischen Bourgeoisie, die sich populär als »Kampf zweier Linien« manifestiert. Dabei handelt es sich nie um grundsätzliche Fehden zwischen den beiden Fraktionen, die nach aussen ihre Hauptrepräsentanten in Mao und Liu Schao-ch'i fanden. Beiden ging es vielmehr allein um den jeweils optimalen Weg der Industrialisierung. In der strategischen Zielsetzung war man sich also immer einig, umstritten war nur die Taktik. Wenn beide sich gegenseitig des Abgehens vom Pfad sozialistischer Tugend bezichtigen, üben sie sich nur in dem ihnen eigenen inhaltslosen Wortgeklingel - was allerdings für die staunende Aussenwelt keineswegs ohne Belang ist. Denn während die »Götter« sich darüber streiten, wie man am besten das »Volk« ausbeutet, liegt es im Interesse beider Fraktionen, dass Bauern und Arbeiter vom Wortschwall berauscht, nicht die schwachen Grundlagen des chinesischen Kapitalismus in Frage stellen.
Zunächst noch einmal zurück zu Mao. Er machte seine entscheidenden Erfahrungen in Yenan, dieser abgelegenen chinesischen Ecke, wo er seine Mannen auf dem legendären »Langen Marsch« vom Oktober 1932 bis Oktober 1935 über rd. 12 500 km geleitet hatte - diesmal in ein keineswegs gelobtes Land. Aber den rd. 30 000 Maoisten, die sich allmählich in dieser ärmlichen Ecke mit rd. 3 Mio. Bauern einfanden, blieb nichts anderes übrig, als sich hier ihre Subsistenzbasis zu schaffen. Bald durch eine Blockade der Japaner weitgehend vom übrigen China abgeschlossen, ergab sich einfach automatisch eine Konzentration auf die im eigenen Machtbereich vorhandenen Ressourcen und ihre optimale Nutzung, um einen grösstmöglichen Betrag zur Finanzierung des Krieges abzuzweigen. Die Ausgangslage war überaus kläglich. Diese Region war bis dahin fast völlig von jeder modernen, sei es national oder imperialistisch initiierten Entwicklung unbeeinflusst. Arme Bauern fristeten ihr dürftiges Leben auf kargen Böden. Der Einfluss der lokalen Grundbesitzer und die Pacht- und Zinsbelastungen bestanden ungebrochen, allerdings war in dieser gottverlassenen Gegend der Anteil der Eigentümer-Bauern eben wegen der ärmlichen Verhältnisse sehr hoch.
Dies bildete also Maos entscheidendes Experimentierfeld für soziale Umwälzungen. Da man den Bauern nicht mehr einfach durch vermehrten Druck Überschüsse abpressen konnte, wie dies unter den weitaus besseren Bedingungen Südchinas während der vor dem langen Marsch liegenden Kiang-si-Periode z.T. der Fall gewesen war, musste man jetzt vor allem erst einmal Massnahmen zur Produktionssteigerung ergreifen, um dann kassieren zu können. Die erste Methode wurde allerdings auch wieder in der ersten Hälfte der 50er Jahre angewandt, als die Finanzierung der Schwerindustrie über den Staatshaushalt durch starke und wachsende Belastungen des Agrarsektors aufgebracht wurde, ohne gleichzeitig eine Entwicklung der Landwirtschaft einzuleiten.
In Yenan praktizierte man unter den Bedingungen der erzwungenen Autarkie eine keineswegs radikale Durchorganisierung der Landwirtschaft. Ohne auf Einzelheiten eingehen zu können [vgl. dazu Peter Schran, »Guerilla Economy. The Development of the Shensi-Kansu-Ninghsia Border Region, 1937-1945«, Albany 1976], sollen hier nur die Grundzüge festgehalten werden: Hauptmittel zur Steigerung der ländlichen Produktion waren verbesserte Arbeitsorganisation und Massenmobilisierung, Bildung von Genossenschaften und Arbeitsaustauschbrigaden. Auf der Basis der Hausindustrie wurde eine Klein Industrie entwickelt, die gleichzeitig den sozialen und technischen Wandel auf dem Dorf provozieren sollte. Dezentralisierung der Wirtschaftsentscheidungen bei gleichzeitigem Versuch einer einheitlichen Koordinierung war das Mittel, den lokalen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und Transportkosten zu sparen. Insgesamt stehen also Methoden im Vordergrund, die aus eigener Kraft der Bauern zu bewältigen sind und die immer den politischen Mobilisierungseffekt miteinbeziehen. Betont wird das Primat der Arbeitskraft bei weitgehender Vernachlässigung des technischen Einsatzes. Zentraler Glaubenssatz ist deshalb für Mao:
»Unter allen Dingen In der Welt sind die Menschen das Wertvollste. Unter der Führung der Kommunistischen Partei kann - solange es Menschen gibt - jedes Wunder auf Erden vollbracht werden.« (Mao, Werke, Bd.IV/484)
Deswegen auch sein ewiger Appell an sein »Volk« und die Propagierung von immer neuen Modellhelden mit den üblichen Standards von Bescheidenheit, Selbstdisziplin, Furchtlosigkeit, Opferbereitschaft. Als vorbildlich wird also eine Haltung dargestellt, die eine Leugnung eigener Bedürfnisse, Interessen und Wünsche verlangt. Ganz nach dem bekannten Motto »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« geht diese Dressur bis zum Märtyrertod für's Kapital.
Im Grossen Sprung sollte diese Taktik des Kapitals ihre vertiefte Anwendung finden. Aber auch in späteren Jahren ging Mao trotz des offensichtlichen Scheiterns nie von dieser einseitigen Fixierung ab. Vielmehr fand sie ihre erneute Bekräftigung in der Musterbrigade Daz-hai, die Mao ab 1962 als Modell für die Landwirtschaft pries. Interessant ist aber, dass auch er nicht mehr eine Volkskommune in den Mittelpunkt stellt, sondern sich auf die mittlere Einheit der Produktionsbrigade stützt (die untere ist die Produktionsmannschaft). Diese Brigade von rd. 400 Bauern im nördlichen Lössgebiet entspricht seinen Wünschen, deren Massstäbe jetzt allerdings deutlich bescheidener geworden sind, denn eine Brigade entspricht als grösseres Dorf in etwa einer früheren »vollkollektivierten« landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). In Dazhai verzichten die Bauern auf ihr Privatland, orientieren sich vor allem auf ihre eigene Kraft und praktizieren ein einheitliches Entlohnungssystem. Jeder bekommt pro Arbeitstag die gleichen Arbeitspunkte. Die Höhe dieser Arbeitspunkte wird einmal im Jahr auf einer Versammlung für jeden festgelegt, wobei die eigene Einschätzung von den Anwesenden diskutiert und festgesetzt wird. Da natürlich gemäss dieser Logik nur derjenige ein guter Mensch ist, der vor allem am Allgemeinwohl orientiert ist, ist ein Bauer um so fortschrittlicher, je geringer er seine eigene Entlohnung ansetzt. Wahrlich eine Perfektionierung der freiwilligen Unterwerfung der Bauern unter die langfristigen Interessen des Kapitals. Von solch einer freiwilligen Kasteiung ihrer Arbeiterklasse träumen natürlich alle Kapitalisten. Nur fragt sich, ob es wirklich funktioniert. Für den Brigadechef Ch'en Yung-kuei hat sich der Einsatz jedenfalls gelohnt. Er machte eine steile Karriere: der 9. Parteitag wählte ihn 1969 ins ZK, auf dem 10. Parteitag 1973 kam er ins Politbüro und 1975 wurde er noch Vize-Premierminister.
Nun war die Betonung der Arbeitskraft durch Mao sicher gar nicht so falsch. Zumindestens weiss er um die einzige Quelle, die Mehrwert schaffen kann, Bescheid, was ältere Bourgeoisien angesichts ihres riesigen Maschinenparks durchweg aus den Augen zu verlieren scheinen. Und für das weitgehend industrielose China lag in der Forcierung des absoluten Arbeitseinsatzes auch sicher eine zwingende Notwendigkeit. Aber diese Methode zeigte eben schon bald ihre klaren Grenzen. Sicher konnten infolge der Kollektivierung ab 1956 erhebliche Mengen saisonal oder ganzjährig brachliegender Arbeitskräfte mobilisiert werden. Aber insgesamt erwies sich, dass die Arbeitsproduktivität nur insofern gesteigert werden konnte, als die jährliche Arbeitszeit pro Arbeitskraft erheblich ausgedehnt wurde. Die getroffenen Massnahmen waren nicht in der Lage, die Produktivität pro Arbeitstag zu steigern. Hier musste im Gegenteil vor allem in der VK-Bewegung eine sinkende Produktivität in Kauf genommen werden. Besonders der fast totale Mangel an moderner Agrartechnik erwies sich immer stärker als Schranke, d.h. die lange hinausgezögerte »Grüne Revolution« musste endlich in Angriff genommen werden.
Zwar gab auch Mao Ende 1959, als das Scheitern seines Sprungs schon offensichtlich war, die Parole aus: »Der grundsätzliche Ausweg für die Landwirtschaft liegt in der Mechanisierung«, aber jetzt brach die Stunde der Liuisten an. Liu hatte schon vorher stets betont, dass der Kollektivierung die Mechanisierung vorausgehen müsse. Den Tenor der wachsenden Kritik gegen den Aktivismus Maos formulierte der Verteidigungsminister Peng Dehuai auf der Lushan-Konferenz im Sommer 1959 in einem Brief an Mao so:
»Das »Politik-an-die-erste-Stelle-setzen« ist keineswegs ein Ersatz für wirtschaftliche Grundsätze und noch weniger für die konkreten Massnahmen bei der Wirtschaftstätigkeit.« [Schreiben P'eng Te-huais an Mao Tse-tung v. 14. Juli 1959, in: J. Glaubitz, »Opposition gegen Mao«, Ölten 1969, S. 194]
Trotz der im ganzen zahmen Kritik sah Mao darin eine Majestätsbeleidigung. Doch erst nachdem er die Vertrauensfrage gestellt und mit der Wiederaufnahme der Guerillatätigkeit gedroht hatte, gelang ihm die Verdammung von P'eng - der im übrigen von Lin Blao ersetzt wurde.
Die Entwicklung war jedoch nicht mehr aufzuhalten. In den Hungerjahren 1960-62 ergab sich vielmehr eine spontane Dekollektivierungs- und Reprivatisierungsbewegung, die man erst ab 1963 sukzessive eindämmen konnte. Die reorganisierten VK, wie sie etwa seit 1963 Gestalt annahmen, schlossen sich in ihrer Struktur sehr organisch an die Kollektivierung 1956/57 an. Der Boden ging wieder aus dem Besitz des Haushalts in das der PM über. Die Zahl der VK wurde verdreifacht, und es ergab sich jetzt folgendes Verhältnis: rd. 70 000 VK, 500 000 PB u. rd. 3 Mio. PM. Sicher nicht zufällig entsprach damit die vertikale Gliederung in PM, PB u. VK den traditionellen Einheiten des vorrevolutionären Chinas von Marktgemeinde, Dorf und Nachbarschaft. (Ab 1970 wurde im übrigen die Zahl der VK wieder auf etwa 50 000 gesenkt.) Erst nachdem man den Zerfallsprozess in der Landwirtschaft gestoppt hatte, konnten die Vertreter des chinesischen Kapitals ab September 1962 wieder eine längerfristige Orientierung setzen. Und jetzt waren die Liuisten eindeutig am Ruder. Neben dem Slogan »Die Landwirtschaft ist die Grundlage und die Industrie der führende Faktor« wurden die sog. »Vier Transformationen« für die Landwirtschaft verkündet. Damit waren die Mechanisierung, die Elektrifizierung, die Ausweitung der mechanischen Bewässerungsanlagen und der Einsatz von chemischem Dünger gemeint.
Dies war der Beginn der »Grünen Revolution« in China, deren Prinzipien bis heute, von keiner Fraktion bestritten wurden. Unter dem Begriff »grüne Revolution« versteht man im biologischen Sinn die Züchtung und Verbreitung neuer Saaten, sog. Hochleistungssorten. Dieses neue Saatgut bringt aber nur dann höhere Erträge, wenn gleichzeitig bestimmte Mengen Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel verabreicht werden. Neben die biologische tritt also eine technische Revolution, da die überkommenen Anbaumethoden geändert werden müssen. Die »vier Transformationen« sind also nichts anderes als die chinesische Formulierung der technischen Voraussetzungen zur intensiven Landwirtschaft auf wissenschaftlicher Basis. Der technische Wandel setzt wiederum bestimmte ökonomische und soziale Mechanismen in Gang, da die Herstellung der neuen Rohstoffe für die Landwirtschaft finanziert, das Produzentenverhalten von Subsistenzsicherung auf Überschuss- und damit Marktproduktion umgestellt werden muss und die Herstellung und Anwendung der neuen Agrartechnik infolge von Spezialisierung und Arbeitsteilung erhebliche Einflüsse auf das traditionelle ländliche Sozialgefüge ausüben. Diese Auswirkungen sind natürlich langfristig, aber vom Effekt ermöglichen sie genau das, was Mao im Grossen Sprung auch erreichen wollte - die Aufbrechung der traditionellen Agrarstruktur und damit eine Verbesserung der Erträge. Was aber bei Mao weitgehend in der Luft hing, wird jetzt substantiell ausgeführt. Erst die sukzessive reale Unterwerfung des Agrarbereichs unter die Bedingungen der kapitalistischen Produktion garantiert eine nachhaltige Zerstörung überkommender Produktionsverhältnisse - natürlich letztlich auch mit dem Ziel, die gesamte Landwirtschaft in Staatsregie zu nehmen und den Bauern in einen Landarbeiter zu verwandeln.
Aber das ist noch Zukunftsmusik, denn mit der Stellung der Aufgabe fangen die eigentlichen Probleme erst an. Nur ein Beispiel: Um von den rd. 100 000 im Jahre 1964 vorhandenen Traktoren auf die zur Vollmechanisierung (Kriterium: auf 670 ha. Ackerland fallen 7 Traktoren à 15 PS) benötigte Zahl von 1,1 Mio. zu kommen, brauchte China, wenn die Produktion nicht erheblich gesteigert würde, fast 100 Jahre! [Anm. Zwischen 1958 und 1964 erhöhte sich die Traktorenzahl von 45 330 auf 100 000 Stück, vgl. »China aktuell«, Nov. 1972, S. 28].
Auf dezentraler Ebene wurde die Kleinindustrie auf dem Lande intensiviert und vor- wie nachgeschaltete Fabriken und Werkstätten wurden mit der Landwirtschaft zu agroindustriellen Komplexen ausgebaut. Dabei lieferten erstere die agrarischen Grundstoffe wie Dünger, Zement und Steine für die Bauvorhaben, Elektrizität usw., während letztere die landwirtschaftlichen Produkte weiterverarbeiteten. Hier entstand mit der Zeit ein durchaus beachtlicher Bereich: Die Gesamtzahl der ländlichen Kleinbetriebe betrug Mitte der 70er Jahre ohne die städtische Kleinindustrie ca. 500 000. Sie beschäftigte ca. 10-17 Mio. Lohnarbeiter. 1973 waren das 36,2% der gesamten Industriearbeiterschaft. Gemessen an den ländlichen Arbeitskräften ergab das allerdings nur eine Quote von 5%, die seit 1973 offenbar nicht mehr ausgedehnt wurde. Die Betriebe waren insgesamt technisch wenig entwickelt und entsprachen eher Handwerksbetrieben. In ihrer Leitung unterstanden sie allein der örtlichen Verwaltung.
Ohne auf Einzelheiten eingehen zu können, ergaben sich durch diese Agrarpolitik zusammenfassend folgende Effekte: Durch die Bereitstellung von für die Landwirtschaft wichtigen Grundstoffen konnte die Flächenproduktivität im Durchschnitt erheblich gesteigert werden. Diese Steigerung reichte aus, mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten und eine weitgehend stabile und ausreichende agrarische Pro-Kopf-Produktion zu erzielen. Da die zum Einsatz kommende Technik zur Herstellung agrarischer Grundstoffe wie der technische Grad der Arbeitsmittel und Rohstoffe selber - einfache Maschinen, geringe Energieleistung, geringer Nährgehalt des Düngers - vergleichsweise niedrig waren, konnte die Arbeitsproduktivität allerdings kaum gesteigert werden. Der Ersatz von Kapital durch Arbeitskraft spielte also immer noch eine tragende Rolle. Die stagnierende Arbeitsproduktivität und, was noch wichtiger war, die stagnierende Pro-Kopf-Produktion seit Anfang der 70er Jahre, deuteten klar auf Grenzen dieser Strategie hin.
Die ehrgeizigen Pläne der chinesischen Kapitalisten in puncto Agrarerträge konnten deshalb trotz aller Anstrengungen nie erreicht werden. Bedenkt man das zentrale Gewicht der Landwirtschaft für die gesamte chinesische Wirtschaft, so musste das deutliche Konsequenzen für das Tempo der Industrialisierung haben.
1960 verabschiedete man nach längerer kontroverser Beratung z.B. das sog. »Nationale Entwicklungsprogramm der Landwirtschaft 1956-67« - kurz Zwölfjahresprogramm genannt. Ziel des ursprünglichen Plans war es, bis 1967 eine Gesamtgetreideernte von rd. 360 Mio. t. jährlich zu erreichen [vgl. Leslie T.C. Kuo, »The Technical Transformation of Agriculture in Communist China«, New York 1972, S. 9-10, 241-262].
Bei einer Bevölkerung von 1967 ca. 780 Mio. wäre eine Pro-Kopf-Produktion von rd. 460 kg erzielt worden, was natürlich nicht klappte. Dieses Programm sollte dann in einer Neuauflage im Zeitraum 1968-80 erneut anvisiert werden, was bis zum Umschwung unter Deng/Hua auch wieder voll danebenging. Der tatsächliche Leistungsstand lag z.B. 1975 bei rd. 265 Mio. t (ohne Soja). Bei einer geschätzten Bevölkerung von ca. 880 Mio. ergab sich eine Pro-Kopf-Produktion von rd. 300 kg. Da 1975-77 die Grundnahrungsmittelproduktion im wesentlichen stagnierte, hat sich an diesem Problem also praktisch bis heute wenig geändert.
Dies ist deshalb besonders gravierend, weil von der landwirtschaftlichen Produktionssteigerung zu einem guten Teil die Zukunft des gesamten Industrialisierungsprogramms abhängt. Durch die 1963 nachdem Desaster des »Grossen Sprungs« eingeleitete Politik der »Vier Transformationen« sollte deshalb nicht nur eine Getreideerzeugung von rd. 360 Mio. t bzw. 460 kg pro Kopf erzielt werden, sondern darüber hinaus war eine beträchtliche Steigerung der sog. Industrieernte (vor allem Baumwolle, Ölfrüchte, Zucker, Tee, Tabak usw.) vorgesehen. Entsprechend den Hektarertragssteigerungen der Getreideerzeugung sollte die Gesamtgetreidefläche zugunsten der Industrieernten Schritt für Schritt verringert werden. Unter dem Schlagwort »Drei-Drittel-Politik« wurde diese Zielvorstellung Teil des Zwölfjahresplans. Dies sollte bedeuten, dass jeweils rd. ein Drittel der gesamten Agrarfläche für Getreide, Industrieernten sowie Gemüse und Obstanbau zur Verfügung stehe. Man sieht, welche gewaltigen Aufgaben im aktuellen Programm der jetzigen Modernisierungsanstrengungen zu bewältigen sind: Dass sie sich bis jetzt als undurchführbar erwiesen hatten, war ja schon für die Getreideproduktion demonstriert worden. Zusammen aber mit der »Drei-Drittel-Politik« wird das Auseinanderklaffen von Plan und Wirklichkeit noch deutlicher: Statt der erwarteten 360 Mio. t Getreide auf einem Drittel der jährlich bebauten Fläche wurde 1975 nur 265 Mio. t auf rd. drei Viertel der jährlich bebauten Fläche erzielt.
Trotz aller Anstrengungen, die die Vertreter des chinesischen Kapitals nach ihrer Machteroberung unternommen hatten, konnte China also keinen entscheidenden Durchbruch seiner Agrarproduktion erreichen. Die landwirtschaftliche Produktion - insbesondere die Getreideproduktion - stieg nur unwesentlich schneller als die Bevölkerung. Die deutlich feststellbaren Verbesserungen des ländlichen Lebensstandards wurden nicht durch ein gesteigertes Produktionswachstum erzielt, sondern in erster Linie durch eine spürbare Verbesserung der Austauschrelationen zwischen Industrie und Landwirtschaft zugunsten der Landwirtschaft - gingen also letztlich auf Kosten einer forcierten Industrialisierungspolitik.
Der bisherige Aufwand an agrarkapitalistischen Investitionen brachte immerhin in absoluten Zahlen eine Mehrerzeugung von 1975 rd. 80 Mio. t gegenüber 1957 (185 Mio. t). Wesentliche für diese Steigerung waren vor allem die Bereiche Wasserbau und Düngemittel. Gewaltige Be- und Entwässerungssysteme vor allem in Mittel- und Südchina ermöglichten dort eine bedeutende Ausdehnung der Zwei- und Drei-Ernten-Flächen. Es erscheint aber, dass auch diese Entwicklung vorläufig an ihre Grenzen gestossen ist. Auch eine vermehrte Düngung ohne zusätzlichen Einsatz der anderen agrartechnischen Bereiche wie Saatgutforschung, Be- und Entwässerung sowie Mechanisierung erweist sich ab einem gewissen Punkt als ziemlich wirkungslos. Wegen der besonderen Anstrengungen in Südchina hat die chinesische Reisproduktion nahezu Weltstandard erreicht. Hier dürften in Zukunft nur relativ geringe Wachstumsraten zu erzielen sein.
Im Gegensatz dazu scheint ein grundsätzlich grösserer Spielraum für die Trockengetreideerzeugung in den nördlichen Gebieten Chinas, insbesondere in der Nordchinesischen Tiefebene, gegeben zu sein. Hier liegen die Hektarerträge erheblich unter dem Weltstandard. Grundvoraussetzung für entsprechende Ertragssteigerungen ist jedoch ein gross angelegter Ausbau der regionalen Wassersysteme in den traditionellen Weizenprovinzen nördlich und südlich des Gelben Flusses. Im Gegensatz zu den südchinesischen Anbaugebieten und zur Agrarregion entlang des Yantsekiang ist dieser Ausbau bisher nur in bescheidenem Masse erfolgt. Die Ursachen hierfür liegen vor allem in der gänzlich anders gearteten Problematik der Nordchinesischen Tiefebene, und während im südlichen China der Entwässerung eine mindestens ebenso grosse Bedeutung zukommt wie der Bewässerung, machen die häufigen und langanhaltenden Sommerdürrezeiten Nordchinas Fragen der Bewässerung zum Hauptproblem. Von den grundsätzlich gegebenen drei Möglichkeiten - Grundwasser - schon weitgehend ausgenutzt, Wasser vom Gelben Fluss - zu verschlammt -, bleibt im Grunde nur die Ableitung eines Teils der Wassermassen des Yangtsekiang in die Tiefebene. Pläne dazu bestanden schon seit langem, aber zu ihrer Realisierung sind so gewaltige Mittel erforderlich, dass sie bislang die Kräfte Chinas überstiegen. Im Rahmen der »Vier Modernisierungen« wurde auch auf dem 5. Nationalen Volkskongress im März 1978 dieses Projekt wieder ernsthaft in Angriff genommen. Der Plan sieht die Umleitung von Wasser des Yangtse über tausend Kilometer nördlich nach Tientsin vor und soll etwa der Route des alten Grossen Kanals folgen, der zur Hauptwasserstrasse zwischen dem Norden und dem Süden ausgebaggert, für 4 Mio. ha von Dürre betroffenen landwirtschaftliche Flächen Bewässerung bringen soll. [»New China News Agency« (NCNA), 25.8.78] Solange dieses gewaltige Vorhaben nicht realisiert ist, wird die chinesische Getreideerzeugung auch weiterhin in einem Wettlauf mit dem Bevölkerungswachstum stehen.
Zum besseren Verständnis der chinesischen Agrarprobleme müssen wir aber noch einmal auf die Konsequenzen der »Grünen Revolution« eingehen. Aufgrund der Grösse des Landes und der mangelhaften Infrastruktur betrieb der chinesische Staat bekanntlich von Anfang an eine Politik der regionalen Autarkie. Das bedeutete für die Landwirtschaft eine Tendenz zu unterschiedlichen Entwicklungsstufen je nach vorliegenden natürlichen Bedingungen. Zwei Schlüsselbegriffe - sichere Ertragsgebiete und sichere Hochertragsgebiete - beinhalten sowohl die vorrangigen Zielvorstellungen der chinesischen Mechanisierungspolitik als auch die Unterscheidungsmerkmale für die ärmeren und reicheren Agrarregionen. Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche Chinas beträgt ca. 140 Mio. ha; 33 Mio. ha oder rd. ein Viertel sind sog. »sichere Ertragsflächen«, und wiederum ein Teil davon - 1971 geschätzte 13 Mio. ha bzw. ein knappes Zehntel der gesamten Nutzfläche wird als sog. »sichere Hochertragsfläche« deklariert [vgl. A.L. Erisman, »China: Agricultural Development 1949-71«, in: »People's Republic of China: An Economic Assessment, A Compendium of Papers Submitted to the Joint Economic Committee«, Congress of the United States, S.134]. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche kann also als relativ reicheres Gebiet eingestuft werden. Die Hauptziele der landwirtschaftlichen Mechanisierungspolitik liegen darin, die »sicheren Ertragsflächen« zu festigen und mehr noch den Anteil der »sicheren Hochertragsflächen« zu steigern. Nur in zweiter Linie erstrecken sie sich auf die Agrarregionen mit nichtklassifizierten Anbauflächen. Diese Prioritäten lassen sich in einigen wenigen Vergleichszahlen deutlich ablesen. Seit 1963 ist die Gesamthektarzahl der »sicheren Anbauflächen« nicht mehr gestiegen. In jenem Jahr betrug sie offiziell 33,5 Mio. ha [NCNA, 30. 11.1963]. Das heisst, die konkrete Agrarpolitik war weder vor noch nach der Kulturrevolution darauf ausgerichtet, die ungünstigen Agrarregionen mühsam mit »sicheren Anbauflächen« zu versorgen, sondern sie konzentrierte sich darauf, innerhalb der bereits bestehenden »sicheren Anbaugebiete« den Anteil der »sicheren Hochertragsgebiete« zu steigern. Die »sichere« Gesamtanbaufläche wurde seit der Zeit des Ersten Fünfjahresplans 1953-57 - abgesehen von einer kurzen Episode 1958/59 - nicht mehr vergrössert. Im Gegensatz dazu stieg die Gesamtzahl für die »sicheren Hochertragsgebiete« mit energiebetriebenen Be- und Entwässerungsnetzen sowie einem relativ hohen Grad an maschineller Ausstattung von 1963 7,6 Mio. ha auf die bereits erwähnten 13 Mio. ha 1971. [vgl. Erisman, S. 134] und ist seither ständig weiter ausgedehnt worden. Hauptziel der Mechanisierungspolitik ist also nicht die quantitative Neugewinnung rentabler Ertragsflächen in den wirtschaftsgeographisch benachteiligten Regionen Chinas, sondern die Steigerung der Produktion in denjenigen Gebieten des Landes, die bereits seit den frühen 50er Jahren als die agrarischen Zentralregionen gelten. Die Politik des »Auf-zwei-Beinen-Gehens« hat diese Entwicklung eher verfestigt als revidiert.
Das bedeutet natürlich keine absolute Vernachlässigung der ärmeren Regionen. Spätestens seit 1972 dient Dazhai als praktisches Demonstrationsmodell dafür, was alle diejenigen Gebiete zu tun haben, denen staatliche Unterstützung kaum zufliesst.
Neben den Massnahmen zur Beruhigung der Bauern und zur Förderung ihrer materiellen Leistungsmotivierung wie Gewährung von Privatland, Nebentätigkeit, freie Märkte, neue Entlohnung etc. konzentrierte sich also die Agrarpolitik auf einen zunehmenden Ausbau der landwirtschaftlichen Produktivkräfte. Dabei nahm man wachsende Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen ganz im Gegensatz zur geläufigen Phrase vom Abbau der Unterschiede zwischen Stadt und Land bewusst in Kauf. Da man der »Privatinitiative« der Bauern insgesamt mehr Raum gab, entwickelte sich eine soziale Differenzierung innerhalb der einzelnen Regionen. Und überhaupt mussten die agrarkapitalistischen Bemühungen eine gleichsam naturwüchsige Tendenz zur Arbeitsteilung, Spezialisierung und allgemeinen Klassenbildung begünstigen. Waren aber Auszehrung der VK und Anschwellen des Bürokratismus noch angegangen, so mussten die Maoisten vor allem über den damit einhergehenden Gesinnungsschwund bestürzt sein, der diesem als krämerhaft empfundenen System auf dem Fusse folgte. Dahin war es also mit der Revolution gekommen. Die Bauern - und natürlich auch die Arbeiter - lebten und arbeiteten wieder sichtbar ohne Rücksicht auf den »Gemeinnutz«. Aber diesmal zog der neue Sturm weitgehend ungefährlich über den Bereich der Landwirtschaft, dies sicher auch, weil Mao von seiner Sprunglektion kuriert, in weiten Teilen die neue Agrarpolitik der dezentralen Mechanisierung mit verantwortet hatte. Alle Versuche, die Bauern zu Lohnarbeiter mit Kadavergehorsam zu trimmen, blieben nicht zuletzt aus Angst vor einem neuen Produktionseinbruch im Vorfeld stecken. Insoweit brachte die Kulturrevolution keine grundlegende Änderung. Das Einschneidenste waren die Zwangsdeportationen revoltierender Rotgardisten ab 1968, und die Stationierung von Truppen der »Volksbefreiungsarmee«, die darauf aufpassten, dass die Bauern bei ihrem Protest gegen die Regierung nicht das Geschäft von Aussaat und Ernte vergassen. Und auch wenn die Maoisten eine Stärkung des »Kollektivs« gegenüber den Einzelbauern im Sinne hatten, so war doch meistens der Partei- bzw. Staatsapparat eben gerade durch die maoistischen Attacken so weit paralysiert, dass die staatlichen Ankaufstellen nicht funktionierten, weswegen die Bauern gezwungen waren, zum freien Verkauf ihrer Erträge überzugehen. Auf diese Weise setzten sich ironischerweise in vielen Dörfern jene Produktionsverhältnisse durch, die die Maoisten bekämpfen wollten. Die Bemühungen des »engsten Waffengefährten« Lin Biaos, unter dem bezeichnenden Schlagwort »700 Mill. Menschen werden 700 Mill. Soldaten« ein Zurück zu den »Drei Roten Bannern« früherer Jahre zu probieren, scheiterten schnell am Widerstand der Bauern und der mit der Stimmung vertrauten Provinzchefs. Mit folgenden epischen Versen versuchte er sich als zweiter Mao:
»Wir gehen in fliegenden Sprüngen voran, mit einer Geschwindigkeit, die einen Tag zu 20 Jahren werden lässt.«
Mit einer maoistischen Militärdiktatur wollte er endlich wieder Zucht in den »Sauhaufen« der chinesischen Bauern und Arbeiter bringen. Dabei ruhte das Auge des Meisters wohlgefällig auf seinem Jünger, denn auch ihm lag die Mobilisierung der Landbevölkerung zu ideologisch korrektem politischen Verhalten besonders am Herzen. Es ist eben immer das gleiche alte Lied:
»Alle Untertanen werden aufgefordert, die Gefühle Ihrer Majestät zu teilen.« (Büchner, »Leonce und Lena«, III/3)
Aber die Bauern hatten jetzt gründlich die Schnauze voll. Sie antworteten auf diese maoistische Renaissance in einer Reihe von Dörfern mit Bummelstreiks während der Ernte. Im Spätsommer 1971 berichteten die Publikationsmedien der Provinzen Hunan und Fukien sogar von offenen Widerstandshandlungen der Bauern gegen Versuche der lokalen Parteiorgane, die Grundsätze der maoistischen Dazhai-Bewegung in den Dörfern durchzusetzen. Mag der Unmut auch nicht immer offene militante Formen erreicht haben, so drohte doch der ganzen, sowieso immer auf dünnem Eis sich bewegenden Agrarpolitik eine schwere Gefahr, falls man die Bauern weiter provozierte. Seit Anfang Juli 1971 begannen die Anhänger eines pragmatischen Kurses in der Landwirtschaft in ihrer Kritik über die von Lin Biao vertretenen Vorstellungen hinauszugreifen und den maoistischen Ansatz von 1958 selbst wieder in Frage zu stellen. Hierzu bot die Kampagne gegen den Chefideologen Maos, Chen Boda, der an der Formulierung von Maos Vorstellungen 1958 massgeblich Anteil gehabt hatte, einen willkommenen Anlass. Das liest sich dann so:
»Im Sommer 1958 täuschte der pseudomarxistische politische Schwindler vom Typ Liu Shao-ch'is den Vorsitzenden und peitschte in wahnwitziger Weise eine pseudokommunistische Hochflut in den Dörfern auf... Daraus entstand Tyrannei, die den Massen grosse Leiden brachte.« [RMRB, 15.8.1971].
Und dies wurde damals von der Mehrheit der Regionalkommandanten und des zivilen Verwaltungsapparats geteilt. Die Entscheidung über die Richtung der Landwirtschaftspolitik nahm so jene über das persönliche Schicksal Lin Biaos vorweg. Der Sturz des designierten Nachfolgers Maos war damit unvermeidbar geworden. Von nun an war von den Maoisten kaum noch mehr als ein permanentes Mäkeln zu vernehmen, in der Praxis bewirkten sie aber nichts. Höchstens störten sie mit ihren ewigen Attacken.
Die Versuche der Maoisten, die Erträge der Landwirtschaft vor allem über die extensive Ausbeutung der Arbeitskraft zu erzwingen, hatten in der kurzen Episode Lin Biaos einen neuerlichen Bankrott im Widerstand der Bauern erfahren. Ein Durchbruch zur höheren Agrarproduktion war so allein nicht mehr zu erzielen. Die in früheren Jahren betriebene dezentrale und hauptsächlich auf die Verantwortung der Kollektive abgestellte Agroindustrialisierung hatte nämlich in zweierlei Hinsicht zu Anfang der 70er Jahre immer deutlicher ihre Grenzen aufgezeigt. Die zur Anwendung gelangte einfache Agrartechnik hatte die Arbeitsproduktivität im Agrarbereich höchstens minimal gesteigert. Zweitens bewirkte die autarke, regionale Praxis eine zunehmende Differenzierung des Entwicklungsniveaus innerhalb des Agrarsektors. Anders als Lin suchten die Pragmatiker in einer Forcierung der »Grünen Revolution« den Ausweg: Seit 1973 wurden Massnahmen eingeleitet, die das Schwergewicht der Agroindustrialisierung zu Ungunsten der Kleinbetriebe verlagern sollten.
Diese gleichsam dritte Phase chinesischer Agrarpolitik lässt sich gut am Beispiel der Chemiedüngerproduktion illustrieren. Nachdem man zunächst die in Kleinbetrieben erzeugte Düngerproduktion durch wachsende Importe ergänzte, wurden seit 1972/73 komplette Chemieanlagen geordert. Bis Januar 1976 - im Jahr 1976 erfolgten keine weiteren Bestellungen mehr - waren es 37 Anlagen im Auftragswert von mehr als 700 Mio. US $ mit einer Gesamtkapazität von mehr als 15,17 Mio. jato, was in etwa der der gesamten ursprünglichen Produktion der Kleinbetriebe entsprach. Bei diesen Betrieben handelte es sich in Dimension und Technik um die modernsten und grössten Produktionsstätten, die z.Zt. auf der Welt gebaut werden können. Interessant sind auch die Standorte: Soweit bekannt, liegen sie überwiegend in Regionen, die als »sichere Hochertragsflächen« zu charakterisieren sind.
Auch wenn die Entwicklung in anderen Branchen nicht so massiv erfolgte, ist die Konsequenz dieser Massnahmen doch deutlich: Auch wenn die Kleinindustrie in der zukünftigen Agrarpolitik sicher noch eine Rolle spielt, so haben sich aber die Gewichte klar zugunsten der Grossproduktion verschoben. Die noch vorhandenen Kleinbetriebe werden darüber hinaus von autarken regionalen Einheiten immer mehr zu Zulieferern der Grossen und so in ein überregionales Produktionsnetz eingespannt. Das ist allerdings noch Perspektive, aber die Richtung wurde klar nach dem Sturz Lins gelegt und im Programm der »Vier Modernisierungen« Chous vom Januar 1975 (V. Volkskongress) fixiert und soll jetzt bekanntlich in der Ära des »Neuen langen Marsches« vollendet werden. Mit wachsender Umsetzung dieser agrarkapitalistischen Massnahmen wäre damit in der Tat ganz im Sinne der maoistischen Visionen die traditionelle chinesische Landwirtschaft verändert worden.
Von der Industrie war 1949 nicht mehr viel übrig, die Schwerindustrie in der Mandschurei demontierten zum Schluss noch die Russen. Später sollten sie ihren »Brüdern« als Ersatz ältere Maschinen verkaufen. Enteignet wurde nur das »bürokratische Kapital«, das im wesentlichen den vier Familien Chiang, Sung, Kung und Chen gehörte. Das »nationale« Kapital war ja Bundesgenosse und konnte zunächst wie gewohnt weitermachen. Bis 1956 wurde aber dieser Bereich auch verstaatlicht, wobei die Eigentümer durch regelmässige Zinsen von 5% und meistens auch entsprechenden Gehältern abgefunden wurden. Diese Regelung wurde erst in der Kulturrevolution aufgehoben, soll aber jetzt unter der neuen Ordnung der Herren Hua/Deng wieder aufgenommen werden. Auch das ausländische Kapital behandelten die Maoisten sehr rücksichtsvoll. Japanischer, deutscher und italienischer Besitz war 1945 bereits von der KW-Regierung kassiert worden.
Die zweite Welle der Enteignungen seit Ende 1950 betraf zunächst nur das US-Kapital und wurde den Maoisten quasi auf gezwungen. Als Reaktion auf den chinesischen Eintritt in den Korea-Krieg verhängte die Truman-Regierung unter Berufung auf den »Trading with the Enemy Act« von 1917 am 17.12.1950 ein Handelsembargo gegen China und beschlagnahmte sämtlichen chinesischen Besitz in den USA. Jetzt zogen die Chinesen am 29.12.1950 gleich. Auch diese Massnahme war keineswegs entschädigungslos. Deswegen spielt dieser gegenseitige Ausgleich bei den Verhandlungen über einen Handelsvertrag 1979 noch eine Rolle.
Durch das Embargo waren die anderen ausländischen Betriebe praktisch von ihrer Zentrale abgeschnitten, weswegen nicht selten die jetzt erfolgenden Enteignungen auf ausländisches Ersuchen vorgenommen wurden. Die letzte englische Wollfabrik wurde aber erst 1959 nationalisiert. Nach der Konsolidierung der ersten Jahre wurde bekanntlich die erste Investitionsphase vor allem mit russischen Lieferungen durchgeführt. In der ersten Planperiode (1953-57) beliefen sich die Bestellungen der Chinesen auf 156 Projekte mit Gesamtkosten von ca. 1,4 Mrd. US $. Dabei sind diese Angaben, wie auch die Exporte Russlands und anderer »Ostblockländer« nach China in den folgenden Jahren bis 1963 keineswegs immer exakt. Wichtig ist hier nur der Einblick in die ungefähre Grössenordnung: Insgesamt lieferte der Ostblock um die 200 Betriebe und schuf damit das Rückgrat der chinesischen Industrialisierung. Da sich die Russen, anders als während des Koreakrieges bei Rüstungskrediten, jetzt weit weniger spendabel erwiesen, und China vor allem mit agrarischen und mineralischen Rohstoffen die Rechnungen begleichen musste, überstieg dieser Handel sehr bald die Potenzen der chinesischen Wirtschaft. Zusammen mit der Stagnation in der Landwirtschaft wurde bald klar, dass dieser Weg wirtschaftlich in die Sackgasse und politisch in wachsende Abhängigkeit von Russland führen würde.
Maos Radikalkur des »Grossen Sprungs« sollte ja nicht nur in der Landwirtschaft den Durchbruch schaffen. Die massenhafte Mobilisierung von Arbeitskraft sollte vor allem die industriellen Investitionen steigern. Der chinesische Arbeiter sollte bekanntlich Maos Wunderwaffe sein. Diesen Schöpfer des Mehrwerts galt es zu wahren Höchstleistungen anzuspornen und bei geringstem Eigenverbrauch für die Industrialisierung auszubeuten. Und dieser Grundgedanke war sicher völlig richtig - nur die Umsetzung führte bekanntlich zur Katastrophe. Unter dem Schlachtruf »Auf eigenen Füssen stehen« setzte eine Industrialisierung des Landes ein, die in einer Unzahl von weitgehend wenig aufeinander bezogenen Kleinbetrieben die Produktion maximieren sollte. Diese »Sprungbetriebe« in den bäuerlichen Hinterhöfen produzierten wie wild Eisen und Stahl, ohne dass die Weiterverarbeitung überhaupt gesichert war. Diese Missverhältnisse zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen führten zwangsläufig zur Krise. In der Schwerindustrie kommt der grosse Einbruch 1961 und damit wurde die »Sprungpolitik« auch endgültig gestoppt. Die bis zu 100 Mio. Bauern, die in der Eisen- und Stahlkampagne mobilisiert wurden, mussten wieder schwerpunktmässig in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Die Überkapazitäten in der Schwerindustrie wurden schlagartig stillgelegt und der zwischen 1958 und 1960 produzierte riesige Eisen- und Stahlberg verrottete zum grössten Teil.
Wie im Agrarbereich, setzten die Liuisten in der Industrie ihre Prinzipien durch. Der Vorrang der Schwerindustrie bleibt zwar unbestritten, doch plädiert man für eher mässige Investitionsraten und ein gleichmässigeres Wachstum. Man wendet sich gegen den Aufbau von Kleinbetrieben und umfangreiche Investitionen im Hinterland. Im grossen und ganzen knüpft man an die Erfahrungen der Jahre vor dem »Grossen Sprung« an. In den sog. »70 Artikeln zur Industriepolitik« schreibt man folgende Grundsätze fest: materielle statt politische Anreize, Manager statt Parteikomitees in der Betriebsführung, anstelle der Massenlinie feste Regeln in der Betriebsführung, Verantwortlichkeit des Chefingenieurs, gleichgewichtiges und stetiges Wachstum statt Sprünge, Verwendung von ausländischer Technik. Insgesamt betonen die Liuisten das Einzelinteresse mit der klassischen These, dass die Summe der Einzelinteressen das Gesamtinteresse ausmache.
Durchgängig kritisiert diese Fraktion den »Grossen Sprung« als irrational, als insgesamt verfrüht. Statt auf Quantität müsse vor allem auf Qualität der Produktion geachtet werden. Insgesamt müsse die Rentabilität bei allen Investitionen im Vordergrund stehen. Liu fordert dazu auf, das kapitalistische Management des Westens zu studieren und auch in der chinesischen Industrie das wirtschaftliche Rechnungswesen einzuführen. Die einzelnen Branchen sollen nach Art kapitalistischer Trusts unter zentraler Leitung der Ministerien und das Fabrikmanagement wie in kapitalistischen Betrieben organisiert sein. Dabei sollen die Ministerien nur die globalen Rahmenbedingungen vorgeben, während die einzelnen Betriebe weitgehend autonom nach wirtschaftlichen Kennziffern produzieren können. Die Profitmaximierung steht dabei ganz im Vordergrund. Wissenschaft und Technik sollen zur Produktivkraftentwicklung gezielt eingesetzt werden, wobei auch wieder die Notwendigkeit betont wird, vom entwickelten Kapital des Westens zu lernen. Stand bei Mao ganz die absolute Mehrwertproduktion im Vordergrund, so wird jetzt immer stärker die Notwendigkeit ihrer Ergänzung durch relative Mehrwertproduktion mit Hilfe einer verbesserten Produktivität und Intensität der Arbeit betont. Und das war auch nur konsequent, denn im Laufe der ersten Investitionsphase bis zum »Grossen Sprung« war die Grundlage der Industrialisierung Chinas gelegt, und die Mittel der überwiegend extensiven Ausbeutung zeigten immer offener ihre Grenzen. Steht am Anfang jeder Industrialisierung vor allem die erste Installierung der Produktivkräfte unter einer eher langfristigen Perspektive, die nicht bei jeder Massnahme allein nach den unmittelbaren Profiten fragen kann, so muss sich andererseits je nach dem Grad der Produktivkraftentwicklung gerade dieses Rentabilitätskriterium immer deutlicher als zentrale Aufgabe stellen. Ziel jeder kapitalistischen Akkumulation ist der Mehrwert, um ihn wieder investieren zu können. Was und wie produziert wird, bestimmen klare Gesetze, die zu missachten letztlich nichts anderes als Vergeudung bedeutet. Diese Lektion war den chinesischen Kapitalisten während des »Grossen Sprungs« überdeutlich demonstriert worden. Nicht der menschliche Wille bestimmt den Gang der Produktion, sondern das Wertgesetz diktiert Produktion und Verteilung nach Massgabe der spezifischen kapitalistischen Logik. Als sich hinter dem Rücken der Produzenten herstellender gesellschaftlicher Zusammenhang und blindwirkender Regulator der kapitalistischen Produktionsweise bewirkt das Wertgesetz zweierlei: Es sichert die Durchsetzung der den jeweiligen Entwicklungsstand der Produktivkräfte gemässen Produktionsbedingungen und es verteilt die gesellschaftliche Arbeit den Erfordernissen des Akkumulationsprozesses entsprechend auf die verschiedenen Produktionssphären. Deshalb ist nicht erstaunlich, dass auch das chinesische Kapital, das von Anfang an weniger den Mythos des Plans betonte, sondern vielmehr eine dezentral-einzelbetriebliche Industrialisierung betreiben musste, ziemlich bald mit diesen Gesetzmässigkeiten Bekanntschaft machen musste. Im Laufe der Wirtschaftsentwicklung konnte man sich jedenfalls die, Unschuld Maos nicht mehr leisten. Ganz im Sinne der stalinistischen Propaganda sollte auch jetzt das »Wertgesetz« für die »Planung« furchtbar gemacht werden. Der Haupttheoretiker dieser Diskussion war Sun Ye-fang. Er gab der liuistischen Politik ihren theoretischen Anstrich. Sun, von dem der Ausspruch überliefert ist
»Ich gehe weiter als Liberman« [wichtigster Reform-Ökonom der Ära Chruschtschow],
war ein massiver Kritiker der maoistischen Praxis des »Grossen Sprungs«. Nach seiner Ansicht musste die Generallinie lauten:
»Einheit von Kosten und Nutzen oder die Erzielung eines Maximums an Nutzen bei einem Minimum an Kosten«.
Um unzureichende Nutzung von Ressourcen, ineffektive Betriebsführung und Verschwendung zu vermeiden, sollte das Nettoprodukt, also die jeweilige Verwertung des Kapitals, gegenüber dem Bruttoprodukt im Vordergrund stehen. Die Planung sollte sich weniger am Gebrauchswert als an der zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit orientieren. Ob dieses Kriterium erfüllt wird, misst sich am Profit, den ein Unternehmen macht. Nettoprodukt und Profit sind somit die zentralen Planziele, wobei das Nettoprodukt als Produktionswert abzüglich der Produktionskosten und der Profit als Nettoprodukt abzüglich der Löhne definiert wird. Das Planziel der Profitmaximierung soll also ganz richtig in erster Linie durch Kostenminimierung erreicht werden. Statt Mengen- sollen den Betrieben deshalb Profitkennziffern vorgegeben werden. Danach sind die Betriebe angehalten, die produktivste Technik und Arbeitsorganisation anzuwenden, Rohstoffe zu sparen und die Produktionsmittel effektiv zu nutzen.
Auch wenn hier nicht detailliert auf die Diskussion um Wertgesetz und Planung in China eingegangen werden kann, so wird aus dem hier kurz Skizzierten doch klar, dass Sun mit erfreulicher Offenheit die objektiven Gesetze der kapitalistischen Akkumulation als auch für die chinesische Produktion allein gültig aufzeigt. Natürlich wird das alles durch Schwüre auf den Sozialismus garniert, aber insgesamt konnten sich die Vertreter des chinesischen Kapitals keine Selbsttäuschung mehr leisten. In Theorie und Praxis setzte so die Mannschaft um Liu Daten, hinter die man in den folgenden Jahren nicht mehr zurückfallen konnte. Das war auch um so weniger möglich, als diese Politik nichts anderes tat, als der sog. »normativen Kraft des Faktischen«, also den immanenten Gesetzen des Kapitals ihren Tribut zu zollen.
Verbunden mit der Entwicklung des Kapitalismus war natürlich auch in China eine zunehmende Veränderung der Industriestruktur, wie in der Landwirtschaft eine Umwälzung in den Beziehungen zwischen Boden, Arbeit und Kapital, zwischen Landwirtschaft, Handel und Industrie und zwischen Stadt und Land im allgemeinen. Die alten Mythen mit ihrer Betonung auf Überwindung der verschiedenen Gegensätze wurden von der Wirklichkeit immer offener konterkariert. Die kapitalistische Klassengesellschaft bekam mit wachsender Industrialisierung erst ihre eigentliche Façon. Die Parole der Volksgemeinschaft verkam zur schlichten Propaganda.
Den Maoisten passte natürlich diese ganze Richtung nicht. Mao grollte beständig im Hintergrund, versuchte mit seiner 1962 gestarteten »Sozialistischen Erziehungsbewegung« den chinesischen Volksgenossen wieder auf den rechten Pfad der Selbstlosigkeit und des freudigen Arbeitseinsatzes zu trimmen, sein Einfluss auf die Entwicklung blieb aber insgesamt bescheiden. In seiner bekannten Manier ging er dann wieder auf's Ganze. In einem beispiellosen Terror wurden innerhalb kurzer Zeit von einer aus dem Boden gestampften Jugendbewegung Parteiapparat und Verwaltung auf den verschiedenen Ebenen zerschlagen. Bis zu jeweils 2/3 der Führungskader verschwanden in der Versenkung. Die maoistische Fraktion sprach mit der liuistischen Fraktur, um ihre vermeintlich bessere Taktik der Industrialisierung im Kapitalismus zu retten. Das Ganze blieb aber auf der Oberfläche. Eingriffe in Industrie und Landwirtschaft waren insgesamt vorsichtig, zu tief steckte noch der Schock des »Grossen Sprungs«. Und letztlich erlebte Mao, dass für engbegrenzte taktische Massnahmen eingesetzte Massen sehr leicht ausser Kontrolle geraten und man dieser Eruption nur durch Eindämmung und massive Repression Herr werden kann. Seit Anfang 1967 hatte er jedenfalls alle Hände voll zu tun, um sich der sich zunehmend radikaler gebärdenden Rebellenhaufen zu erwehren. In einer blutigen Militäraktion mit um die 400 000 Toten gelang es schliesslich, diese soziale Revolte der Zukurzgekommenen im Blut zu ersäufen. Das Militär war jetzt die alleinige Kraft, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt erzwang. Die maoistische Propaganda der »Konmune von Shanghai« verkam in der Realität zum »Revolutionskomitee«, in denen unter Militäraufsicht erfahrene Kader, die man oft gerade erst zum Teufel geschickt hatte, und Arbeiter den politischen Bestand zu retten hatten. China hatte zwar dank Mao seine zivilen Kader zum grossen Teil gefeuert, dafür hatte man jetzt eine Militärdiktatur. Auch in Fabriken und Kommunen quartierten sich Soldaten ein, die während mehrerer Jahre durch ihre Anwesenheit für die nötige Arbeitsfreude zu sorgen hatten. Die Neuauflage der »Grossen-Sprung«-Praxis unter Lin Biao blieb auch in der Industrie Episode. Die materiellen Veränderungen in China hatten eben Bedingungen gesetzt, die man nicht mehr einfach beiseitefegen konnte.
Wie in der Landwirtschaft kam auch in der Industrie nach dieser zweiten Lektion für Mao die kapitalistische Entwicklung sehr bald wieder mit den gleichen Grundsätzen, aber mit stärkerem Schwung in Gang. Zhou Enlai reaktivierte nach Lin's Sturz all die »bürgerlichen Machthaber«, die Militärs wurden spätestens zur Jahreswende 1973/74 von den wichtigsten politischen Posten entfernt. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan. Die Dauerkampagnen der Maoisten konnten diese Entwicklung in den folgenden Jahren nie umkippen, sondern höchstens verzögern. Solange Mao lebte, bildeten sie eine permanente Schleifspur in der kapitalistischen Entwicklung. Man kann sich die Erleichterung vorstellen, die alle Verantwortlichen ergriff, als der »Alte« endlich das Zeitliche segnete. Man pfiff auf Pietät und Trauerzeit. Den Rest der maoistischen Clique erledigte man so bald wie möglich. Pointiert könnte man sagen, dass damit zum zweiten Mal in der jüngsten Geschichte Schranken der Produktivkraftentwicklung zu Fall kamen.
Trotz aller Eigentümlichkeiten der chinesischen Politik ist die Entwicklung aber keineswegs originell. Sie widerspiegelt vielmehr die typischen politischen und sozialen Brüche, die die ökonomische Dynamik des Kapitalismus noch stets begleitet haben. Vor allem in heute sich kapitalistisch entwickelten Ländern trifft man trotz verschiedener Ausformungen und mancher Überlagerungen diese Prozesse an. Am Anfang steht der Sturm »populistischer« Mobilisierung, häufig von »Volkstribunen« entfacht. Je nach revolutionärer Ausstrahlung setzen sie die Grundlagen für den sozialen Umbruch, fixieren die Massen auf ihre Person und erzeugen so die soziale Mobilisierung, die nötig ist, um das Volk hauptsächlich für das »Gemeinwohl« arbeiten zu lassen. Ist die Euphorie verflogen, hat die kapitalistische Entwicklung die sozialen Spannungen verschärft, dann folgt die Periode des offenen Zwangs und nicht zufällig ist dies meist die Stunde der Militärs. Hier ist die Ausbeutung nur noch qualvolle Pflicht und die soziale Atmosphäre durchzogen von wachsender Spannung.
Hat sich der Kapitalismus gemästet und so durch die wachsende Zahl von Fabriken wie Maschinen eine halbwegs kräftige Statur gewonnen, so übernehmen durchweg zivile »Rechte« das Geschäft. Es sind eher nüchterne, farblose Technokraten, die allein in den strengen Kategorien von Gewinn und Verlust zu denken pflegen. Die Ausbeutung hat sich jetzt soweit eingespielt, dass sie auf den immanenten Zwang der Produktion und die wachsende Kontrolle der Maschinerie vertrauen können, was eine Änderung der staatlichen Fassade ermöglicht. Wenn auch diese Etappen sich nicht immer so klar voneinander trennen lassen, in China bestimmen sie jedenfalls den Ablauf: Zuerst die bürgerliche Revolution Maos mit seiner allgemeinen Volksstimulans, dann die Entwicklung zur wachsenden Militarisierung aller Lebensbereiche und zum Schluss seit der Kulturrevolution die allmähliche Herrschaft der Pragmatiker, die seit dem Tode Maos allein die Regie übernommen haben.
Um die Entwicklung Chinas einschätzen zu können, wurden bisher einige Grundlagen in Landwirtschaft und Industrie skizziert, die noch einer Zusammenfassung und teilweisen Vertiefung bedürfen. Viele Bereiche mussten natürlich ausgeblendet werden. So gab es einen zunehmenden Ausbau der Zirkulationssphäre. Für eine handelsmässige Verbindung der einzelnen Wirtschaftsräume wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um über Ausbau der verschiedenen Transportwege und Aufbau einer weitmaschigen Handelsorganisation die Voraussetzungen für einen wachsenden Warenaustausch zu legen. Die Ergebnisse gerade auf dem Transportsektor sind aber immer noch eine der zentralen Schwierigkeiten des kapitalistischen Chinas und gerade in der jetzigen Phase des »Neuen Grossen Sprungs« werden viele Mittel in Eisenbahn, Strassen, Flüssen usw. investiert werden müssen, um die allgemeinen äusseren Voraussetzungen der kapitalistischen Produktion zu garantieren.
Gerade die Expansion der Leichtindustrie - also der Konsum- und Verbrauchsgüterindustrie - wurde nicht zuletzt auch deswegen behindert, weil die Infrastruktur der Hinterlandprovinzen dem Transport von Masseninvestitionsgütern für den Bau grösserer Anlagen nicht gewachsen war. So konzentrierte sich der kontinuierliche Ausbau auch dieses Sektors im wesentlichen auf die vorrevolutionäre Arbeitsteilung von Küstenregionen und Hinterland. Auch wenn eine grössere Standortentflechtung teilweise erreicht wurde, so bleiben die traditionellen Zentren wie Peking, Shanghai und Tientsin immer noch führend.
Aber trotz der Schwierigkeiten in der Infrastruktur hat sich der Handel bisher immens ausgedehnt, was nichts anderes bedeutet, als dass die Agrarproduktion zunehmend kommerzialisiert wurde und der Warenverkehr zwischen Stadt und Land sich stetig intensivierte.
Von zentraler Planung, diesem beliebten Indiz für Sozialismus, ist bislang nicht zufällig kaum die Rede gewesen, denn sie fand in China praktisch nie statt. Der erste Plan startete 1955 um zwei Jahre verspätet, denn erst nach Stalins Tod kam der Warenaustausch zwischen Russland und China richtig in Gang. Auch kamen jetzt die russischen Experten, die den völligen Mangel an qualifizierten Kapitalagenten anfangs wettmachten. Der zweite Plan geriet unter die Räder der »Drei-Banner-Politik«. Der dritte sollte nach Zhou En-Lai bereits Anfang 1963 starten, fing aber tatsächlich erst 1966 an. Kaum begann man wieder »planmässig« zu wirtschaften, setzte bereits die Kulturrevolution ein, die den für die Überwachung der Planerfüllung nötigen Partei- und Verwaltungsapparat in der Zentrale, aber auch in den Regionen, weitgehend zertrümmerte. Und auch während der Lin-Episode konnte von Planung keine Rede sein. Der vierte (1971-76) stand unter einem unglücklichen Stern. Der fünfte schliesslich, mit einem Jahr Verzögerung 1978 angelaufen, soll von Anfang an nicht mehr als den Rahmen fixieren.
Die Wirtschaftsentwicklung verläuft demnach von Anfang an weitgehend dezentral, denn die zentrale Ebene beschränkt sich auf wenige globale Grössen, wie z.B. die Gesamtproduktionsmengen einiger besonders wichtiger Produkte, die Gesamthöhe der staatlichen Investitionen sowie einzelne »Schlüsselaufbauprojekte«, die Verteilung besonders wichtiger Güter etc. Die Einzelbetriebe, bekanntlich auf Profitmaximierung verwiesen, müssen auch in China den Grossteil von Beschaffung und Absatz unter sich ausmachen. Die einzelnen Betriebe warten nicht auf Zuteilung von Rohstoffen und dergleichen »über den Dienstweg«, sondern verhandeln untereinander. Dass man dabei jeweils seine eigenen Belange im Auge hat, ist selbstverständlich. Im grösseren Rahmen bilden sich örtliche Wirtschaftseinheiten, die ihre Wirtschaftsaufgaben selbst »planen«. Insgesamt verstärkt sich in China mit wachsender Wirtschaftsentwicklung dieser Trend zu einer Unzahl von unabhängigen Produzenten, was im Klartext nichts anderes heisst, als dass sich in zunehmendem Masse die kapitalistische Privatproduktion auch an der Oberfläche zeigt. Es sind bekanntlich zwei Charakterzüge, welche die kapitalistische Produktionsweise von vornherein kennzeichnen: Sie produziert ihre Produkte als Waren - eine Bestimmung, worin das Verhältnis von Lohnarbeit, und Kapital enthalten ist - und sie produziert diese Waren
»als Produkte des Kapitals, worin Zirkulation, Konkurrenz und Verwertung eingeschlossen ist. Mithin ergibt sich aus den beiden obigen Charakteren der Produktion als Ware, oder Ware als kapitalistisch produzierte Ware, die ganze Wertbestimmung und die Regelung der Gesamtproduktion durch den Wert«. (Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. 3, S. 887)
Diese prinzipielle Aussage gilt eben auch für China, was natürlich nicht ausschliesst, dass sich auf der konkreten Ebene der Erscheinungen, dort wo sich dieser kapitalistische Prozess in seiner alltäglichen Vielschichtigkeit umsetzt, alle »Bilderbuchvorstellungen« des Kapitalismus, die die Apologeten des östlichen Kapitals durchweg aus spezifischen Erscheinungen des westlichen Kapitals gewonnen haben, wiederfinden lassen. Zudem muss im Falle des kapitalistisch sich entwickelnden Chinas noch festgehalten werden:
»Wird also in der Theorie... vorausgesetzt, dass die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sich rein entwickeln«, so besteht in der Wirklichkeit »immer nur Annäherung; aber diese Annäherung ist um so grösser, je mehr die kapitalistische Produktionsweise sich entwickelt und je mehr ihre Verunreinigung und Verquickung mit Resten früherer Zustände beseitigt ist«. (Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. 3, S. 184)
Kein Wunder also, dass sich in China eine einzelbetriebliche Konkurrenz zunehmend Bahn bricht. Und das hat Konsequenzen, die man gut an den ständig wiederkehrenden Klagen über die Schwierigkeiten gesamtwirtschaftlicher Koordinierung ablesen kann. Auch die Kapitalisten im Westen wären bekanntlich froh, wenn sie den Schlüssel für diese Harmonie besässen.
Aus der Fülle von Beispielen sollen hier nur einige Grundprobleme verdeutlicht werden. Immer wieder heisst es:
Die Pläne und die zentralen Entwicklungsprioritäten werden nicht eingehalten; einige Gebiete und Einheiten nahmen, unter Verwendung mehr oder weniger illegal beschaffter Produkte und Mittel »wild« Investbauprojekte in Angriff; die Industrie unterhalb der Kreisebene, die nicht unter der Kontrolle des Zentralstaates steht, entwickelte starke Eigenbestrebungen und konkurrierte häufig mit den staatlichen Mittel- und Grossbetrieben um Rohstoffe, Brennstoffe und Energie.
Mehr noch: In einem Artikel der Volkszeitung vom Oktober 1969 wird die Tatsache beklagt, dass sich dezentrale Wirtschaftseinheiten weigerten, mehr landwirtschaftliche Maschinen und Geräte herzustellen, mit der ausdrücklichen Begründung, dass infolge der relativ niedrigen Verkaufspreise dieser Waren die betrieblichen Profite sinken würden. [RMRB, 14.10.1969, S.2]
Auch das Bankensystem hat Schwierigkeiten, seine Kontrollfunktionen im Zuge der Kreditpolitik zu erzwingen. So wird z.B. im August 1965 in einem Artikel der Zeitschrift »Jingji Yanjiu« (»Wirtschaftsforschung«) gefordert, die Unternehmen müssten daran gehindert werden, eigentlich an den Staat abzuführende Profite oder kurzfristige Umlaufmittel für Investitionen einzusetzen oder sogar Bankkredite in Anspruch zu nehmen, um ihrer Profitabführungspflicht an den Staat nachkommen zu können. Die Verpflichtung, alle finanziellen Transaktionen über das Banksystem abzuwickeln, was natürlich auch die Grundlage für die Kontrolle der Banken bilden soll, kann z.B. von den Betrieben durch Naturaltauschgeschäfte oder illegale Bargeldzahlungen bzw. gegenseitiger Gewährung von Zahlungszielen umgangen werden [FEER: »Far Eastern Economic Review« v. 2. 1. 1976, S. 31-35].
Die Tendenz der Unternehmen, Umlaufmittel entgegen den Vorschriften für Anlageinvestitionen zu verwenden, wird durch die hohe Kapitalrendite gefördert. Da sich investiertes Kapital oft schon innerhalb eines Jahres amortisiert, verliert die Trennung in kurz- und langfristige Mittel und damit die Kontrollmöglichkeit der Banken an Wirksamkeit.
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass sich im Laufe der kapitalistischen Entwicklung Chinas eine immer stärker werdende einzelbetriebliche Konkurrenz durchgesetzt hat, die eine offizielle zentrale Planung zunehmend verunmöglicht. Das wird jetzt sogar von den Chinesen ganz offiziell bestätigt. In einer längeren Reportage über dieses Problem in der RMRB gipfelte die Enttäuschung über die Planwirtschaft in der bemerkenswerten Feststellung:
Die Erfahrung lehre »die Unmöglichkeit der Erstellung allumfassender Pläne« (nach NZZ vom 4. 4. 1979).
Wachsende Produktivkräfte durchbrechen in ihrer Gier nach Profit noch stets all die illusionären Vorstellungen von Plan, Planifikation oder Investitionskontrolle.
Die Wirtschaftsentwicklung war deswegen in China auch stets unregelmässig. Sind auch die folgenden Angaben nicht immer sicher, so geben sie doch einen Einblick in den Trend. Überblickt man den Verlauf bis zum Umbruch 1976, so lässt sich feststellen: 28 Jahre Wirtschaftsentwicklung haben eine Grunderkenntnis heranreifen lassen, die sich auf die Formel bringen lässt, dass das ökonomische Wachstum immer dann überproportional emporschnellte, wenn das Land nicht von Mao in Aufruhr gesetzt wurde, und dass Zuwächse umgekehrt stets dann wieder aufgezehrt wurden, wenn der grosse Steuermann sich austobte. Vier repräsentative statistische Daten machen dies deutlich. Während des »ruhigen« ersten Fünfjahresplans (1953-57) stieg das Bruttosozialprodukt jährlich durchschnittlich um 7%, das Pro-Kopf-Einkommen um 5%, die Industrie(brutto-)Produktion um 16% und die landwirtschaftliche Brutto-Produktion um 4%.
Diese Werte veränderten sich dramatisch während der Jahre des »Grossen Sprungs« (1958-61). Sie lauten jetzt: -3%, -5%, +2% und -6%. Als die Führung, durch die »drei schlimmen Jahre« (1959-61) geschockt, das Steuer herumriss und auf der Basis materieller Anreize eine Konsolidierungsphase einleitete (1962-65), kam augenblicklich wieder ein kräftiger Aufwind in die Wirtschaft, wie die Werte +13%, +11%, +16,5% und +10% zeigen.
In der Kulturrevolution (1966-1969) kam die Wirtschaft aber gleich wieder aus dem Tritt. Die Zahlen fielen zwar nicht absolut, aber insgesamt trat eine Stockung ein: +4%, +2%, +7% und +1%.
Die von Zhou En-lai und später von Deng betriebene nachkulturrevolutionäre Wiederaufnahme der Wirtschaftspolitik von 1961 ff. liess dann auch das Wachstum mit +7%, +5%, +10% und +4% wieder ansteigen. Wäre die »Viererbande« nicht gewesen, so hätte man, wie es heute heisst, noch weit mehr erreichen können.
Dass der zyklische Wirtschaftsverlauf aber keineswegs auf die Störmanöver Maos zurückzuführen ist, beweist die nähere Untersuchung dieser Schwankungen im nächsten Kapitel. Die wirtschaftlichen Einbrüche waren durchweg aus der inneren Logik der kapitalistischen Akkumulation entstanden und durch den Voluntarismus Maos höchstens verschärft worden.
Wie weit China immer noch hinter entwickelten Industrieländern hinterherhinkt, sollen folgende Angaben aus den Jahren 1973/74 verdeutlichen. Sie sind nicht überholt, weil gerade dies Jahr einen vorläufigen Höhepunkt vor dem Wechsel in Peking brachte. Bekanntlich wollen die chinesischen Kapitalisten dermaleinst die USA überrunden, oder zumindest in den Club der Supermächte aufgenommen werden. Was das heisst, zeigt folgender Vergleich: Das Bruttosozialprodukt pro Einwohner lag z.B. 1974 in den USA bei 6,510 US $, in China bei 380 US $. An elektrischem Strom fielen auf den einzelnen US-Bürger 1973 8890 Kw/h, auf den einzelnen Chinesen dagegen 104 Kw/h, bei Stahl waren es 1973 in den USA 711 kg je Einwohner, in China 36, an Ausfuhren (laufende Preise 1974) fielen auf den einzelnen Yankee 457 US $, auf den einzelnen Chinesen 7,5. Selbst in der Landwirtschaft, dem ureigensten chinesischen Gebiet, liegen die USA weit vorn: Dort wurden z.B. 1973 auf einen Hektar Ackerland 92 kg Düngemittel verbraucht, in China dagegen nur 48 kg.
Zum oben schon erwähnten zyklischen Wirtschaftsverlauf in China müssen nicht zuletzt wegen des weit verbreiteten Aberglaubens, »sozialistische« Wirtschaften hatten so was nicht, noch einige grundlegende Anmerkungen gemacht werden.
Da China seit dem Desaster des »Grossen Sprungs« kaum Wirtschaftszahlen veröffentlicht, ist die Beobachtung der Entwicklung nicht einfach. Fleissige Fachleute im Westen unterziehen sich aber regelmässig der mühevollen Aufgabe, aus den zeitweise gemachten Angaben der Verantwortlichen in China Produktionszahlen zu rekonstruieren. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Produktionsergebnisse bringt Tabelle 1. Hier sind voneinander unabhängige Indexreihen erfasst, die durch ihre in der Tendenz weitgehende Übereinstimmung trotz der teilweise schmalen Datenbasis eine gewisse Aussagekraft besitzen.
|
Wirtschaftswachstum 1949-1976 (Indexwerte 1957=100) |
|||||||||||
|
Jahr |
BSP |
Bruttoanlage-investitionen |
Bau-investitionen |
Getreide |
Industrie I |
Industrie II |
Industrie III |
Produktions-güter |
Konsumions-güter |
Maschinen-bau |
Import Maschinen u. Produktions-anlagen |
|
1949 |
43 |
7 |
58,1 |
20 |
18 |
14 |
28 |
8 |
|||
|
1950 |
52 |
11 |
67,7 |
27 |
24 |
21 |
36 |
14 |
12,2 |
||
|
1951 |
60 |
22 |
73,7 |
38 |
34 |
30 |
48 |
24 |
32,5 |
||
|
1952 |
71 |
39 |
37 |
84,1 |
48 |
44 |
39 |
60 |
33 |
49,8 |
|
|
1953 |
76 |
55 |
53 |
85,5 |
61 |
57 |
51 |
73 |
50 |
53,9 |
|
|
1954 |
8o |
67 |
70 |
87,0 |
70 |
66 |
62 |
82 |
60 |
63,2 |
|
|
1955 |
87 |
74 |
77 |
94,3 |
73 |
70 |
66 |
81 |
62 |
72,5 |
|
|
1956 |
94 |
109 |
112 |
98,8 |
88 |
90 |
84 |
94 |
90 |
102,7 |
|
|
1957 |
100 |
100 |
100 |
100,0 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100 |
100,0 |
|
1958 |
120 |
172 |
176 |
110,5 |
145 |
167 |
166 |
117 |
175 |
115,0 |
|
|
1959 |
114 |
208 |
195 |
93,1 |
177 |
232 |
212 |
131 |
242 |
195,1 |
|
|
1960 |
113 |
199 |
175 |
81,2 |
184 |
237 |
114 |
274 |
164,0 |
||
|
1961 |
87 |
83 |
121 | ||||||||