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LENINS SCHRIFT »DER 'LINKE RADIKALISMUS', DIE KINDERKRANKHEIT IM KOMMUNISMUS« - DIE VERURTEILUNG DER KÜNFTIGEN RENEGATEN

- VII. Anhang zu den italienischen Fragen -

Seit über fünfzig Jahren ist diese Schrift das beliebteste Opfer aller opportunistischen Verdrehungen und Verfälschungen. Schon durch die Art und Weise, wie er von dieser Schrift Gebrauch macht, zeigt sich der opportunistische Verräter in seiner ganzen Niederträchtigkeit.

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Content:

Lenins Schrift »Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus« - die Verurteilung der künftigen Renegaten - Inhaltsverzeichnis und Vorwort
I. Die Szene des weltgeschichtlichen Dramas im Jahre 1920
II. Russische Geschichte oder Weltgeschichte
III. Kardinalsteine des Bolschewismus: Zentralisation und Disziplin
IV. Hauptetappen in der Geschichte des Bolschewismus
V. Kampf gegen die zwei antibolschewistischen Fronten: den Reformismus und den Anarchismus
VI. Der Schlüssel für die »von Lenin erlaubten Kompromisse«


VII. Anhang zu den italienischen Fragen

Gegenstand dieser abschliessenden Bemerkung
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Wenn wir es richtig finden, den italienischen Fragen, die in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg Gegenstand einer Debatte innerhalb der Kommunistischen Internationale waren, einen gewissen Platz zu widmen, so bedeutet das nicht, dass der Kern der Differenzen, die sich nach 1920 und vor allem nach Lenins Zeit immer weiter vertiefen sollten, in den Angelegenheiten der italienischen Partei und in der Art und Weise, wie die Internationale darüber befand, gelegen hätte. Damals wie heute war die internationale kommunistische Taktik und in einem grösseren historischen Rahmen die Strategie der Revolution im europäischen und aussereuropäischen Raum der wichtigste Punkt.

Über diesen Punkt kann und muss man sich nach vierzig Jahren Rechenschaft ablegen. Der totale Bankrott der revolutionären Bewegung in den kapitalistischen Ländern des Westens zeigt, dass die Anwendung der Leninschen Losung über die »Flexibilität« in einen Missbrauch ausartete, der demjenigen verwandt ist, den Lenin seinerzeit den Verrätern wie Kautsky und Konsorten vorgeworfen hatte.

Wir haben die historischen Gründe erklärt, weshalb es Lenin in der damaligen Lage dringender vorkam, mehr gegen die Gefahr der Unbiegsamkeit als gegen diejenige der zu grossen Flexibilität zu kämpfen. Wenn wir diese letzte Gefahr bzw. die Gefahr der zu grossen Zugeständnisse an die Flexibilität überschätzten, so weil wir zunächst die Rettung der Partei verfolgten; Lenin hatte die Rettung der europäischen Revolution vor Augen, ohne deren baldigen Sieg, wie er wusste, die russische Revolution verloren wäre. Gross war seine Weitsicht. Doch dass jene, die von einem heute noch revolutionären Russland faseln, es wagen, sie zu rühmen, ist perfider Hohn.

Eine klägliche Sache wäre es, sich die verheerende historische Lage, an welcher die Revolution in Europa und dann in Russland scheiterte, mit deren Niederlage die kommunistische Weltpartei zerstört wurde, als Verdienst zuzuschreiben. Und für solche Rettungen genügen Kassandrarufe nicht.

Wir erklären ohne Zögern die von Lenin vorgeschlagene Flexibilität für zu gross für die Länder der modernen demokratischen Versumpfung. Mit unserer Untersuchung möchten wir aber den oft schwer zugänglichen Unterschied zwischen ihr und der widerwärtigen Flexibilität der Verräter von 1920, die nur durch die heutige opportunistische Welle, die Lenin zu seinem Glück nicht erleben musste, übertroffen wird, klarlegen.

Wir zitieren eine weitere Stelle seiner Schrift,

»Es fehlt nur eins (hier Lenins wunderbarer Optimismus, der uns erschreckte! IKP), damit wir dem Siege sicher und fest entgegenschreiten: nämlich dass alle Kommunisten in allen Ländern durchweg und restlos die Notwendigkeit erkennen, in ihrer Taktik äusserst elastisch zu sein. (...) Eine nützliche Lehre könnte (und müsste) das sein, was so hochgelehrten Marxisten und dem Sozialismus ergebenen Führern der II. Internationale wie Kautsky, Otto Bauer u.a. widerfahren ist. Sie hatten die Notwendigkeit einer elastischen Taktik vollauf erkannt, hatten die Marxsche Dialektik studiert und anderen beigebracht (...), sie machten aber bei der Anwendung dieser Dialektik einen derartigen Fehler oder erwiesen sich in der Praxis als solche Nichtdialektiker, als Leute, die so wenig zu begreifen vermochten, wie schnell die Formen wechseln und die alten Formen sich mit neuem Inhalt füllen, dass ihr Los nicht viel beneidenswerter ist als das der Hyndman, Guesde und Plechanow« (77).

Das Los der drei letzten war, auf die Seite der Vaterlandsverteidigung übergelaufen zu sein, was für Lenin den Gipfel der Niederträchtigkeit bedeutete. Das Los der ersteren, der Zentristen, war nicht weniger verwerflich, wie der Leser den vor- und nachgehenden Seiten entnehmen kann: Sie haben im Namen einer vermeintlichen Orthodoxie nicht nur die Verleumdungen, sondern auch die damaligen bürgerlichen Strafexpeditionen gegen Sowjetrussland befürwortet.

Ist das Los der Verfasser des heutigen Moskauer Manifests etwa besser? Auch sie besitzen die grenzenlose Unverfrorenheit, sich auf Lenins Flexibilität und auf Marx' Dialektik zu berufen. Wohin sind sie gelangt?

Lenin wollte zeigen, dass kühne taktische Manöver nützlich sein können, wenn man dank einer festen Dialektik das Grundsätzliche niemals aus dem Auge verliert. Lässt man dieses Grundsätzliche beiseite - und, wie der Text mehrmals wiederholt, handelt es sich dabei in allen Ländern um die proletarische Diktatur, das Sowjetsystem, die Zerschlagung der parlamentarischen Demokratie -, dann hat der Name Lenin keine Bedeutung mehr. Schauen wir uns nun an, was die Bande der 81 Verräter heute unter Berufung auf Lenin schreibt:
»
Die Arbeiterklasse hat die Möglichkeit, das Parlament aus einem Werkzeug der Klasseninteressen der Bourgeoisie in ein Werkzeug im Dienste des werktätigen Volkes zu verwandeln«.

Flexibilität aufgrund eines »neuen Inhalts«, der die »alten Formen« füllt? Flexibilität à la Lenin? Oder dreifach verwester Inhalt, der die neuen Verräterbanden füllt?

So stellen wir Kommunisten ohne Vaterland die taktische Frage - keineswegs doktrinär, sondern auf geschichtlicher Ebene.

Und wenn Italien einen Hinweis verdient, so ist es aus einem nebensächlichen Grund. Zunächst, weil Lenin darüber schreibt, und dann, weil es nicht ohne Belang ist, zu zeigen, dass die marxistische Linke in Italien, noch bevor sie Lenins Werk und vielleicht noch bevor sie ein einziges seiner Werke kannte, bereits den richtigen Weg eingeschlagen hatte, auf dem sie den Doktrinarismus von rechts und links bekämpfte, d.h. die Verräterbanden aller Zeiten und den blabbernden kleinbürgerlichen Spontaneismus, denen wir in den engen Grenzen Italiens seit langem das Leben schwer machten.

Klassenpartei, Zentralisation, Disziplin waren Grundbedingungen des Sieges in Russland, die Lenin für alle Länder verschreibt. Dies bedeutet einen gnadenlosen Kampf gegen die »Krankheiten« (ob sie nun im gewöhnlichen Sprachgebrauch von rechts oder links kommen), die man Ökonomismus, Labourismus, Ouvrierismus, Syndikalismus, Politikfeindlichkeit, Lokalismus, Autonomismus, Individualismus und Anarchismus nennt. Es war leicht zu sagen, dass die italienische Linke vom Marxismus abwich, weil sie 1919 den Wahlboykottismus verfocht. Die Wahrheit ist aber gerade das Gegenteil, und der Nachweis wird nicht nur theoretisch, sondern auch durch die praktischen Tatsachen erbracht, vorausgesetzt man entstellt sie nicht.

Von der nationalen Einheit zum Ersten Weltkrieg
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Es fehlt nicht an Werken über die Geschichte der proletarischen Bewegung in Italien, doch kann man sich angesichts der ideologischen Position der verschiedenen Autoren nicht auf sie verlassen, während die reinen Dokumentensammlungen schwer durchzugehen sind. Wir liefern hier nur kurze Notizen, um sofort zu 1920 zu gelangen (78).

Den Anarchisten, die damals libertäre Kommunisten genannt wurden und bis 1872 mit den Marxisten in der I. Internationale vereint waren, kann man in Italien nicht das Verdienst absprechen, als erste die Position eingenommen zu haben, dass nach Abschluss der Kämpfe für die nationale Befreiung die Arbeiter sich keiner Euphorie wegen des Sieges ihrer bisherigen Verbündeten, der liberalen nationalen Bourgeoisie, überlassen durften, sondern diese als den wirklichen Klassenfeind betrachten mussten. Diese Position stimmt, wie es auf der Hand liegt, mit der marxistischen Auffassung überein. Ebenso im Einklang mit dem Marxismus stand die Forderung, dass der neue soziale Kampf einen offensiven und nicht defensiven Charakter haben und die Form der revolutionären Erhebung und des Bürgerkrieges annehmen musste. Man könnte sagen, dass es sich hierbei um einen theoretisch wie organisatorisch unzulänglichen Versuch gehandelt hat, sofort nach dem Sieg der Bourgeoisie zum Machtkampf gegen diese bisherige Verbündete überzugehen, wie es Marx 1848 anvisiert hatte und Lenin 1917 verwirklichen sollte.

Die Kämpfe hatten einen lokalen und regionalen Rahmen und wurden von Banden geführt, die das grossmütige Ziel nicht erreichen konnten, die Polizeikasernen der grossen Zentren anzugreifen, und auf dem Lande von der unerbittlichen Repression des bürgerlichen Klassenstaates zurückgedrängt wurden. Die Tradition der linken Marxisten knüpft nicht an diesen Extremismus verschwörerischer und gewissermassen blanquistischer Natur. Die richtige Position geht auf Engels Brief von 1873 an die »Plebe« von Pavia zurück (»Von der Autorität« (79)). Die Revolution braucht nicht nur mutige Kämpfer und Waffen, sondern auch eine im nationalen Massstab zentralisierte Parteiorganisation, die sich imstande setzt, wie eine disziplinierte Bürgerkriegsarmee zu handeln, um nach dem Sturz des bürgerlichen Staates einen proletarischen Staat zu gründen. Wir wurden ursprünglich richtigerweise als autoritäre Kommunisten bezeichnet. Es war ein theoretischer Fehler, von der Bezeichnung autoritär zur Bezeichnung legalitär überzugehen: Nicht der Doktrinarismus, sondern die Genauigkeit, auch in der Terminologie und in den Agitationsparolen, ist, wie man sieht, immer eine Lebensnotwendigkeit unserer Bewegung. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts glitt man in die Praxis der sozialistischen Parteien ab, wie die pseudokommunistischen Schweine unserer Tage Wahlen und Parlament als klassenmässige Mittel für die Machteroberung zu betrachten.

1892 spalteten sich die Sozialisten von den Anarchisten auf dem Kongress von Genua. Die Losung lautete nun: »Eroberung der öffentlichen Macht«. Als wir 1919 auf dem Kongress von Bologna die Position vertraten, man müsse diese Formel ändern, um der III. Internationale beitreten zu können, versuchte der alte Lazzari zu beweisen, dass sie keineswegs die bewaffnete Eroberung der Macht ausschliesse. Unser Genosse Verdaro hielt ihm entgegen, er halte am alten Programm, das er mitverfasst hatte, fest. Lazzari hatte in seinem Leben sehr lange gegen die Reformisten gekämpft; aber schon während des Krieges, und zwar vor und nach 1917, hatten wir seinen Zentrismus angeprangert, der demjenigen, den Lenin Kautsky vorwarf, verwandt war. Im Vergleich zu den heutigen Opportunisten Moskauer Observanz stand Lazzari allerdings auf der »äussersten Linken«!

In der Jahrhundertwende, während die Anarchisten auf theoretischer Ebene zum Individualismus und auf praktischer Ebene zur Methode des Attentats verkümmerten, teilten sich die Sozialisten, wie in ganz Europa, immer mehr in einen reformistischen und einen revolutionären Flügel. Es erübrigt sich wohl, zu wiederholen, dass erstere Evolutionisten waren und die Lehre von der proletarischen Revolution als einzigem Weg zum Sozialismus verleugneten. Der revolutionäre Flügel berief sich seinerseits nicht klar auf die Diktatur des Proletariats, er sah aber in der parlamentarischen Aktivität lediglich eine Agitationssphäre auf dem Boden des Klassenkampfes und schloss nicht nur die Beteiligung an parlamentarischen Regierungen, sondern auch den Block mit der linken parlamentarischen Opposition aus. Das nannte man »Unnachgiebigkeit bei den Wahlen«. In jenen idyllischen Zeiten, die den nahen und schrecklichen Ausbruch des ersten Weltkrieges nicht ahnen liessen, war dies ein bescheidener Prüfstein. Auf jeden Fall machte die marxistische Linke in Italien Fortschritte bis 1914. Sie behauptete sich im Kampf gegen die Beteiligung am Freimaurertum und in der Überwindung des vulgären kleinbürgerlichen Antiklerikalismus jener Zeit. Doch eine bessere Bestätigung für die Richtigkeit der befolgten Theorie - im Sinne, den Lenin diesem Wort verleiht - hatte man in der gegenüber dem Anarchosyndikalismus eingenommenen Position. Von Frankreich (Sorel) übernommen, hatte dieser Syndikalismus viele anarchistische Strömungen um sich vereint.

Die Sorelianer, die der Partei und den Wahlen feindlich gegenüberstanden, waren eine kindliche »linksradikale« Reaktion auf die parlamentarische Entartung und die Politik der Klassenzusammenarbeit der damaligen sozialistischen Parteien. Sie forderten die Klassengewalt und den bewaffneten Kampf. Direkte Aktion bedeutete für sie den Massenstreik, der zur Waffe des Kampfes des in Gewerkschaften organisierten Proletariats gegen den bürgerlichen Staat werden sollte. Entsprechend der anarchistischen Auffassung sollte dieser Staat im Laufe des bewaffneten Zusammenstosses verschwinden, ohne einem organisierten proletarischen Staat Platz zu machen.

Im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, in dem die Syndikalisten sowohl die Partei als auch den Gewerkschaftsbund verliessen, entfaltete der linke Flügel der sozialistischen Partei eine vollständige Kritik an diesen spontaneistischen Fehlern. Die »Form«, die geeignet ist, sich im Sinne Lenins mit dem revolutionären »Inhalt« zu füllen, ist die politische Partei und nicht die Gewerkschaft. In letzterer entwickelt sich der Berufsgeist und in dem später entstandenen Fabrikräte-Syndikalismus der noch engere Betriebsgeist. Nur in der Partei gelangt man zur Einheit des Kampfes nicht nur auf nationaler, sondern auch auf Weltebene. Es ist eine »Kinderei«, aus der Entartung der Partei und ihrer Parlamentarier apolitische und parteigegnerische Folgerungen zu ziehen, denn diese führen weit mehr als die »wahlgegnerische« Folgerung zum Verzicht auf den revolutionären Kampf überhaupt, der ja politisch ist - der bewaffnete Klassenkrieg stellt eine politische Erscheinung par excellence dar. Auch die Gewerkschaften waren zum übelsten Minimalismus der Kleinstziele entartet und sie hatten die parlamentarische Entartung eingeleitet. Dies rechtfertigte jedoch keine Gewerkschaftsspaltung. Diese Positionen, die nach dem Krieg von der III. Internationale angenommen wurden, waren uns in Italien schon vorher klar gewesen.

Schliesslich wurden die Fragen der Partei und auch des Staates im vollen Umfang gestellt, wie die Texte der Parteitage von 1912 und 1914 zeigen. Die Syndikalisten rühmten sich, Staatsgegner zu sein. In den Zeitungen der sozialistischen Jugend wurde ihnen mehrmals entgegnet, dass auch wir revolutionäre Sozialisten Staatsgegner waren, denn wir wollten die bestehende Macht stürzen und, nachdem der Staat unter einer neuen Form dem Proletariat im Laufe der Periode der sozialen Umgestaltung gedient haben würde, auch das Ziel einer Gesellschaft ohne Staat erreichen. Als Beispiel können wir eine Rede von Franco Ciarlantini auf dem Kongress von Ancona erwähnen, in der dieses Thema, obwohl es damals nicht »aktuell« erschien, behandelt wurde.

Der Krieg von 1914
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Dieser Abschnitt der Geschichte ist auch den jüngeren Genossen gut bekannt. Die Haltung der sozialistischen Partei unterschied sich in Italien grundlegend von derjenigen in Frankreich, Deutschland, Österreich und England. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Italien erst mit neun Monaten Verzögerung in den Krieg trat. Man kann aber auch mit Recht sagen, dass - wie bei der bolschewistischen Partei in Russland - der frühere Kampf des linken marxistischen Flügels gegen die theoretischen Fehler von links und rechts, also gegen reformistische und anarchoide Positionen, die wir immer für zwei Gesichter der kleinbürgerlichen Haltung erklärten, auch dazu beigetragen hat. Auf dieser Grundlage hatten wir uns 1913 auch gegen die Tendenz geschlagen, sich der damals bevorstehenden Wahlen zu enthalten. Ein Artikel eines unserer Genossen, der am 13, Juli 1913 im »Avanti!« erschien, trug eben die Überschrift: »Gegen den Wahlboykottismus«.

Die Partei war mit überwältigender Mehrheit gegen den Krieg, und das Aufkommen einer gefährlichen zentristischen Tendenz in dieser Frage wurde sofort entlarvt, wie man trotz der Zensur den Artikeln des »Avanti!« und den Auseinandersetzungen auf den Versammlungen von Rom 1916, Florenz 1917 usw., auf denen sich die revolutionäre Linke deutlich abgrenzte, entnehmen kann. Wer diese Artikel liest, kann feststellen, dass hier auch vor der Veröffentlichung der Thesen von Lenin und Sinowjew und den internationalen Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal auf die Notwendigkeit der nach dem Krieg erfolgten internationalen Spaltung und selbst der Spaltung der italienischen Partei, die »nicht verraten« hatte, verwiesen wird.

Nach Ansicht der Rechten sollte man den Kriegsbeitritt Italiens, nachdem dieser im Mai 1915 erfolgte, als vollendete Tatsache hinnehmen und sich einer Tätigkeit von »zivilem Roten Kreuz« widmen. Die Linke verwarf diese Losung und bekämpfte entschieden die Haltung der Vaterlandsverteidigung, die die Rechten nach der österreichischen Invasion in Caporetto einnahm. Sie beschränkte sich jedoch nicht auf den Kampf gegen die Rechten, sondern stellte sich gegen die Parteiführung wegen deren zweifelhafter Losung »Weder Unterstützung noch Sabotage« (des Krieges) und vertrat den revolutionären Defätismus noch bevor Lenin selbst diese Losung gab.

Bereits im November 1914 sprachen wir von einer neuen Internationale mit dem kommunistischen »Maximalprogramm«. Im Mai 1917 erhob sich die Linke gegen eine Erklärung der Parteiführung, derzufolge durch die Kriegserklärung Wilsons und den Sturz des Zaren in Russland (wodurch der westliche Imperialismus einen neuen »demokratischen« Anstrich bekam) die Lage sich verändert hätte (die übliche Krankheit der »Wenden«!). Seitdem befürchtete Serrati die von uns beabsichtigte »Spaltung«, gegen die er 1919-21, also zum entscheidenden Zeitpunkt, kämpfte.

Es geht hier nicht darum, Verdienste auszukramen, sondern zu zeigen, wie sich die historische Situation in Italien tatsächlich entwickelte.

Der Parteitag von 1919 und die Wahlen
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Sehr interessante Materialien zur Bestätigung unserer Ausführungen befinden sich im heute äusserst selten zu findenden Protokoll des Parteitages der sozialistischen Partei Italiens, der im Oktober 1919 in Bologna stattfand. In den Redebeiträgen der wahlboykottistischen kommunistischen Fraktion - die eine Minderheit bildete gegenüber der bei weitem überwiegenden maximalistischen (zentristischen) Mehrheit und dem reinen reformistischen Flügel, der sich wie üblich mit Bezeichnungen wie »Einheit« und »Kräftezusammenfassung« schmückte - wurden zwei Punkte eingehend behandelt: die Parteieinheit, die sich in ein Bleigewicht am Fusse des zum Kampf drängenden Proletariats verwandelt hatte, und die Frage der bevorstehenden allgemeinen Wahlen, bei denen, wie wir vorausgesehen haben, die ganze Klassenkraft des Proletariats, die von einer nicht-zwitterhaften Partei zu immensen Erfolgen hätte geführt werden können, auf den legalitären Kanal abgeleitet werden sollte.

Wenn die Maximalisten, die Anhänger der Wahlbeteiligung waren, die Möglichkeit einer Spaltung von den Reformisten verwarfen, so gerade weil sie den Erfolg des Wahlkampfes nicht gefährden wollten. Hier ist die Gelegenheit, um eine äusserst wichtige Tatsache bekannt zu geben. In der öffentlichen Sitzung haben wir erklärt, dass der Antrag der maximalistischen Fraktion (also der damals von Bombacci, Gennari, Graziadei, Gramsci und allen anderen, die später in Livorno (Januar 1921) mit uns kamen, unterstützten Fraktion von Serrati) im programmatischen und theoretischen Teil unserem Antrag sehr nahe stand, der seinerseits die Plattform der III. Internationale voll beanspruchte. Als einziger Streitpunkt blieben die Fragen der Wahlbeteiligung und des Ausschlusses derjenigen Mitglieder, die das neue Programm ablehnten, aus der Partei. Wir wollen jetzt nicht auf den Weltkongress von 1920 eingehen, der einerseits diese Spaltung, andererseits bekanntlich die Taktik der Beteiligung am Parlament beschloss, sondern auf eine Tatsache hinweisen, die in dem öffentlichen Protokoll von Bologna natürlich nicht enthalten ist. Vor der Abstimmung auf dem Parteitag taten die Führer der wahlboykottistischen Fraktion einen Schritt in Richtung auf die Maximalisten und machten das Angebot, mit ihnen zusammen abzustimmen unter der Bedingung, dass man sich von der Rechten um Turati abspalte. Unter dieser Bedingung hätten wir also noch vor dem internationalen Kongress von 1920 auf den wahlboykottistischen Vorbehalt verzichtet. Nun gut, dieser Vorschlag wurde sofort zurückgewiesen: Man wolle sich nicht nur an den Wahlen beteiligen, sondern man wolle es mit den grössten Erfolgsaussichten und demzufolge vereint mit dem Wahlpotential von Turati & Co, tun. Es war offensichtlich, dass Serrati die parlamentarische Aktion nicht wie Lenin als ein Umsturzmittel betrachtete, sondern sie im sozialdemokratischen Stil auffasste und davon träumte, dank der Nachkriegswirren und der proletarischen Empörung die parlamentarische Mehrheit zu erreichen. Armer Schatten des guten Serrati! Wieviel Schläge hast du damals von uns und später auch von Gramsci und seinen Freunden einstecken müssen, bevor du in Moskau-Canossa dein Haupt mit Asche bedecktest! Wer hätte gedacht, dass in der Schweineinternationale von 1960 der Serratismus Siege feiern würde!

Die Frage der Spaltung zwischen den Anhängern des kommunistischen und denjenigen des sozialdemokratischen Programms war wichtiger als die der italienischen Wahlen und des Parlamentarismus, obwohl die Wahlbeteiligung in Italien zu einem verheerenden Rückschlag für die proletarischen Kräfte führte und somit letztendlich den faschistischen Sieg der Bourgeoisie sicherte.

Wir stellten die Frage der Spaltung unter Berufung auf die tragischen Beispiele der Revolution in Berlin, Bayern und Ungarn. Die Beiträge von Verdaro, Boero und all unserer Redner betonten die Tatsache, dass in all jenen Kämpfen, wie übrigens auch im siegreichen Kampf in Russland, die Gegner des kommunistischen Programms der Diktatur des Proletariats zum Zeitpunkt des Zusammenstosses, den alle in Italien herannahen sahen, auf die Seite der Bourgeoisie übergelaufen waren. Wir erinnerten an Lenins Telegramm mit der Forderung nach Ausschluss der Sozialdemokraten aus der kommunistischen Regierung von Bela Kun in Ungarn, ein Telegramm, das die bürgerliche Presse vor dem vernichtenden Sturz der Budapester Sowjets verbreitet hatte. Den »linken Radikalismus«, eine Schrift, in der Lenin 1920 dasselbe tragische Beispiel anführt und dieselbe Diagnose der Ursachen stellt, hatten wir damals noch nicht gelesen, aber wir waren auf derselben Wellenlänge.

Wir haben die Partei nach der Abstimmungsniederlage von Bologna nicht verlassen und führten die Wahlen mit Disziplin durch, wie übrigens auch nach dem Moskauer Kongress von 1920 und der Bildung der Kommunistischen Partei Italiens, die auf der Grundlage der Beschlüsse jenes Kongresses 1921 in Livorno stattfand. All das beweist, dass unsere Haltung keineswegs die eines starren Doktrinarismus, sondern in der Tat sehr »elastisch« war. Aber gerade weil wir keine Doktrinäre sind, können wir heute mit gutem Recht fragen, zu welchen Endergebnissen das Manöver der proletarischen Partei führte. In Bologna und danach 1920 in Moskau hatten wir behauptet, dass eine parlamentarische Beteiligung, die uns nicht wieder in die sozialdemokratische Auffassung von einer parlamentarischen statt einer revolutionären Eroberung der Macht führen würde, unmöglich war. Liefern heute nicht die wirklichen Tatsachen den Beweis für die Richtigkeit dieser Prognose?

Bei dieser Gelegenheit müssen wir auf Lenins Schrift zurückkommen. In seiner Auffassung von der Taktik ist die Elastizität keine Einbahnstrasse. Die Partei muss nicht nur elastisch sein, um sich auf ein Manöver zu stützen, das der Form nach einen scheinbaren Kompromiss mit uns mehr oder weniger fernstehenden Kräften darstellt, sondern sie muss ebenso elastisch sein, um die umgekehrte strategische Bewegung zu vollziehen, d.h. mit noch grösserer Entschlossenheit auf die Stellung des direkten Angriffs gegen alle Feinde zurückzukommen. Beide Manöver muss man mit Erfolg durchgeführt haben, wenn man sich rühmen will, Lenins Richtlinie dialektisch verstanden und angewendet zu haben. Was erleben wir aber heute? Niemand hat einen kurzen Streifzug in die Methode der parlamentarischen Aktion unternommen, um in der Folge mit doppelter Kraft auf die Methode des revolutionären Angriffs zurückzukehren. Die Bewegung ist im Gegenteil der Demokratie und den parlamentarischen Praktiken völlig auf den Leim gegangen und steckt bis zum Halse in deren Götzendienst. Lenin erklärte damals im Gegenteil, dass die Kraft der Bolschewiki darin gelegen hatte, sowohl die Taktik der Beteiligung an der Duma wie auch diejenige ihres Boykotts mit derselben Entschlossenheit anwenden zu können.

Schauen wir uns den Fall an, in dem Lenin den »Boykott« rechtfertigte:
»
Als der Zar im August 1905 die Einberufung eines beratenden 'Parlaments' verkündete, erklärten die Bolschewiki, im Gegensatz zu allen Oppositionsparteien und auch zu den Menschewiki, den Boykott dieses Parlaments, und die Revolution von 1905 fegte es in der Tat hinweg. Damals war der Boykott richtig, nicht weil es schlechthin richtig wäre, sich an reaktionären Parlamenten nicht zu beteiligen, sondern weil die objektive Lage richtig eingeschätzt worden war, die zu einer schnellen Umwandlung der Massenstreiks in den politischen und dann in den revolutionären Streik und schliesslich in den Aufstand führte« (80).

Wir haben niemals vertreten, es sei schlechthin richtig, sich an reaktionären Parlamenten nicht zu beteiligen. Es sind im Gegenteil die demokratischen Parlamente, vor denen es uns graust. Schon auf dem Kongress von Bologna war Verdaro auf die Frage eingegangen, indem er erklärte, dass es logisch gewesen war, sich an der reaktionären Duma, deren Abgeordnete nach Sibirien verbannt wurden, zu beteiligen. Und als zum Beispiel die kommunistischen Abgeordneten, nachdem die Faschisten den Sozialisten Matteotti ermordet hatten, das Parlament verliessen, bzw. sich an dem Boykott des faschistischen Parlaments beteiligten, war es die Linke, die von der Führung der KP Italiens, die bereits von ihren Händen in diejenigen von Gramsci-Togliatti übergegangen war, verlangte, diesen groben Fehler wiedergutzumachen und die kommunistischen Abgeordneten ins Parlament zurückzuschicken, aus dem die Faschisten sie dann mit Gewalt entfernten.

Auf der Grundlage der zitierten Ausführung Lenins, der in der folgenden Seite den Boykott der Duma in den Jahren 1906 und 1907 als Fehler bezeichnet, weil sich die Lage »abgekühlt« hatte, wollen wir jetzt die italienische Nachkriegssituation des Jahres 1919 genau verdeutlichen. Kein Doktrinarismus, wie man sieht: Obwohl man uns immer vorgeworfen hat, die Situationen nicht untersuchen zu können oder zu wollen, tun wir gerade immer das. Allerdings lautet unsere These: Man kann die Situationen nur dann richtig einschätzen, wenn man von einer unveränderlichen Theorie ausgeht.

Die Wirklichkeit der ersten Nachkriegsjahre in Italien
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Trotz des Sieges hatte der 1918 zu Ende gegangene Krieg das Proletariat weit mehr als der Krieg von 1940-45 mit aller Härte getroffen. Nachdem sie im Laufe von zwölf wahnwitzigen Schlachten sechshunderttausend Leichen auf dem Carso hinterlassen hatten, machten die italienischen Soldaten den Militärstreik in Caporetto, und nur ausländische Ereignisse kehrten das Schicksal des Krieges schliesslich zugunsten der geizigen und feigen italienischen Bourgeoisie um, wie es übrigens ihrer Ruhmestradition entspricht. Die sozialistische Partei hatte sich entschieden gegen den Krieg gestellt und genoss ein sehr hohes Ansehen bei den Massen, ein Ansehen, das unter anderem dadurch gerettet wurde, dass wir von der Linken die Parlamentarier daran hinderten, sich in dem Sozialpatriotismus, zu dem sie 1917 neigten, zu besudeln.

Es war sicher, dass die Kriegshetzer, eine dreckige Bande aus Nationalisten, die früher für Österreich gewesen waren, Freimaurern, Republikanern und schliesslich Mussolinisten und anderen Abfällen der sozialistischen Bewegung, bei den Wahlen einen Rückschlag erleiden würden. Nicht nur der Hass der Arbeiter traf auf sie, sondern auch die Bourgeoisie selbst, die den proletarischen Wutausbruch befürchtete, wollte sich von der Verantwortung für den Krieg reinwaschen und schmückte sich mit der oppositionellen Haltung, die Giolitti, Nitti (der grosse Regisseur der für den Herbst 1919 ausgerufenen Wahlen) und die katholische Volkspartei (die heutigen Christdemokraten) zum Krieg gehabt hatten. Dies schuf die Grundlage für die Entstehung einer revanchistischen, faschistischen bürgerlichen Opposition, die sich gezwungen sah, ein ausserparlamentarisches Kampfprogramm zu produzieren. Die Perspektiven der italienischen Situation, die wir in Bologna gezeichnet hatten, erwiesen sich als richtig: Weil wir Proletarier, die wir damals auf der Strasse die stärksten waren, mit unseren ganzen Kräften auf den legalitären Boden übergingen, hatte der Faschismus ein leichtes Spiel und siegte, während Giolitti, Nitti, Bonomi usw., wie die Geschichte zeigt, das übrige taten.

Wir waren die stärksten nicht nur, weil die Welle der ökonomischen Streiks der verschiedenen Industriezweige mächtig begonnen hatte, sondern vor allem, weil die Arbeitermassen fühlten, dass sie auf den Boden des politischen Kampfes steigen mussten, da sie sonst nur armselige und unsichere Ergebnisse erzielen würden (die Reihe bei Lenin: Massenstreik, politischer Streik, revolutionärer Streik, Aufstand zur Machteroberung). Schon in Bologna sprachen wir vom entstehenden Faschismus, um Lenins Alternative zu stellen: Entweder Diktatur des Proletariats (aber hierfür, riefen wir, braucht man die revolutionäre Partei) oder Diktatur der Bourgeoisie, eine Alternative, die für ganz Europa galt.

Die Lage war damals so, dass die Faschisten, die ehemaligen Kriegshetzer, auf der Strasse in der Defensive waren. Sie wurden geschlagen und reagierten mit Agitation, versuchten die Tatsache, dass die Proletarier - die Roten - die »Kriegskämpfer« auspfiffen und den Kriegsbeschädigten die Auszeichnungen von der Brust abrissen, propagandistisch auszuschlachten. So tief war die proletarische Empörung gegen den Krieg! Heute stellt man mit der gleichen heuchlerischen Überschwenglichkeit die »Helden« aller Kriege, des ersten, des zweiten (faschistischen) und des Partisanenkrieges auf den Altar.

Die faschistische Hetze und die ersten faschistischen Provokationen fanden die volle Unterstützung der Industriellen und der Grundbesitzer, die sich durch die Ausbreitung der gewerkschaftlichen Kämpfe bedroht sahen. Und wenn die Polizei noch Nitti (den der faschistische Dichter D'Annunzio als »Hosenscheisser« bezeichnete) gehorchte, so bereitete sie sich schon damals auf die Unterstützung der Faschisten vor. Schergen und Armee standen dann den Faschisten fest zur Seite und verhalfen ihnen zum leichten Sieg im August 1922, der Demokratie und ihrem idiotischen Parlament zum Hohn.

Damals, als die grossen Wellen der Klassenbewegung, die, wie die Fabrikbesetzungen von 1920, das ganze Land ergreifen sollten, noch bevorstanden, musste man die Entscheidung treffen. Die sozialistische Partei musste sofort nach Kriegsende gesäubert werden, zu einer Partei werden, die den Kampf führt, statt wie bisher bei jedem entscheidenden Wendepunkt sich aus der Verantwortung zu ziehen und Dreiergremien aus Parteiführung, Parlamentsfraktion und Gewerkschaftsverband zu bilden, wodurch man so oft erreichte, selbst Streikkämpfen aus dem Wege zu gehen.

Sich dem grossen Wahlkarneval von 1919 auszuliefern, bedeutete, dem Faschismus den Weg freizumachen, Während die Massen mit der Perspektive der grossen Wahlentscheidung betäubt wurden, stieg der Faschismus im Eiltempo auf und setzte sich instand, die vermeintlich beleidigten Helden des bürgerlichen Krieges zu rächen.

Der Preis für den Wahlsieg, für die Eroberung von 150 Sitzen im Parlament, war das Zurückfluten der revolutionären Bewegung, des politischen Massenstreiks und selbst der Lohnkämpfe. Die gesamte bürgerliche Klasse - einschliesslich der mittleren und kleinen Bourgeoisie, welch letztere gestern und heute, in Italien und überall die wirkliche Würmerkolonie des Faschismus darstellt - konnte somit ihr Spiel gegen uns gewinnen. Livorno war spät für die Spaltung, und geradezu überaltert war die Hoffnung der Internationale, nach dem »Marsch auf Rom« (d.h. nach der faschistischen Machteroberung im August 1922) mit Serrati die sozialistische Partei, den »Avanti!« usw. wieder anzuködern - das ist aber eine andere Frage (81).

Die »Unità« hat vor kurzem ein kleines Machwerk, eine kurze Geschichte der KPI ad usum delphini veröffentlicht. Dort wird daran erinnert, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt (nach dem Kongress von Bologna, jedoch vor Livorno) angesichts der erneuten Abriegelung eines sehr breiten Kampfes des Turiner Proletariats, auf den ganz Italien hätte antworten müssen, die Turiner Sektion der wahlboykottistischen Fraktion, die die lokale Mehrheit stellte, an das Zentralkomitee der Fraktion die Forderung nach sofortiger Spaltung bzw. Gründung der Kommunistischen Partei richtete. Die Gruppe »Ordine Nuovo« begann damals wahrscheinlich zu verstehen, dass sie in Bologna einen krassen Fehler begangen hatte, als sie für die Einheit im Hinblick auf die Wahlen stimmte.

Man hat uns oft gefragt, warum wir nach Bologna die Spaltung nicht vollzogen haben.

Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass Lenin selbst über eine solche Spaltung nicht überrascht gewesen wäre. In seiner Schrift über den »linken Radikalismus« spricht er zweimal (in einer Anmerkung und im Nachtrag) über die italienischen Wahlboykottisten. Er schreibt, diese seien im Unrecht, wenn sie die Nichtbeteiligung am Parlament verfochten; er betont aber auch mit Nachdruck, dass sie vollkommen recht hatten, als sie die Spaltung von den Reformisten, von den italienischen Kautskyanern, forderten (82). Wenn wir behaupten, dass Lenin eine vorgezogene Spaltung begrüsst hätte, so gehen wir dabei von einer Stelle am Anfang des Nachtrags (»Die Spaltung der deutschen Kommunisten«) aus, die wir weiter unten zitieren und kurz kommentieren werden.

Einheit oder Spaltung?
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»Die Spaltung der Kommunisten in Deutschland ist zur Tatsache geworden. Die »Linken« oder die »grundsätzliche Opposition« haben zum Unterschied von der »Kommunistischen Partei« eine besondere »Kommunistische Arbeiterpartei« gebildet. In Italien kommt es anscheinend ebenfalls zur Spaltung - ich sage anscheinend, denn ich besitze nur die neuen Nummern (Nr. 7 und 8) der linken Zeitung »Il Soviet«, in denen die Möglichkeit und Notwendigkeit der Spaltung offen erörtert wird, wobei auch von einer Konferenz der Fraktion der »Astensionisten« (oder Boykottisten, d.h. der Gegner einer Beteiligung am Parlament) die Rede ist; diese Fraktion gehört bis heute noch der Italienischen Sozialistischen Partei an« (83).

Dieser Nachtrag datiert vom 12, Mai 1920, und die erwähnten Ausgaben von »Il Soviet« waren vom März. Die Konferenz fand im Frühling in Florenz statt, beschloss aber nicht die Spaltung, da man die Entscheidungen der Internationale abwarten wollte. Ob dies richtig oder falsch war, spielt hier keine Rolle - das waren Tatsachen.
»
Es ist zu befürchten, dass die Abspaltung der 'linken' Antiparlamentarier (die zum Teil auch Antipolitiker, Gegner der politischen Partei und der Arbeit in den Gewerkschaften sind)«
(Lenin erfuhr danach, dass wir von der italienischen Linken keineswegs gegen die politische und gewerkschaftliche Aktion waren)
»
zu einer internationalen Erscheinung werden wird, ebenso wie die Abspaltung der 'Zentristen' (der Kautskyaner, Longuetisten, 'Unabhängigen' usw.). Nun schön! Spaltung ist immerhin besser als Konfusion, die sowohl das ideologische, theoretische, revolutionäre Wachstum, den Reifeprozess der Partei als auch ihre einmütige, wirklich organisierte, wirklich die Diktatur des Proletariats vorbereitende, praktische Arbeit hemmt« (84).

Anschliessend sagt Lenin voraus, dass einer solchen Spaltung (und hier liegt ein Unterschied zu der Spaltung von den Rechten) eine Verschmelzung zu einer einheitlichen Partei folgen würde. Aber welche Verschmelzung? Lenin wiederholt es zweimal im Laufe dieses Absatzes:
»
Die Verschmelzung aller Teilnehmer der Arbeiterbewegung, die aufrichtig und ehrlich für die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats eintreten« (85).

Was denken die Teilnehmer der heutigen Moskauer Konklaven, die sich als treue Leninisten ausgeben, über die »Spaltung«?
»
Das grösste Hindernis, das sich dem Kampf der Arbeiterklasse für die Erreichung ihrer eigenen Ziele entgegenstellt«
(wobei die Diktatur des Proletariats nicht mehr zu diesen Zielen gehört, die Gewalt durch den friedlichen Weg bzw. den Weg ohne Bürgerkrieg und die Sowjets durch die Eroberung der parlamentarischen Mehrheit ersetzt wurden, IKP),
»
ist nach wie vor die Spaltung in ihren Reihen« (86). Dem folgt in wärmsten Tönen der Appell zum Bündnis nicht mit den Zentristen, sondern mit den offenen rechten Sozialdemokraten. Dies, was die Parteien angeht; was die Klassen betrifft, erstreckt sich der Appell auch auf internationalem Massstab bis auf die mittlere Bourgeoisie. So wird Lenins klassische Schrift 1960 benutzt!

Der Spontaneismus des »Ordine Nuovo«
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Zwei politische und zentralisierte Organisationsformen sind die Träger des revolutionären Inhalts: die Klassenpartei und der Klassenstaat des Proletariats. Die Gefahr, für die Lenin 1920 die klassisch gewordenen Ausdrücke »linke Kinderei« und »linken Doktrinarismus« prägte, gipfelt in der Ableugnung dieser Auffassung. Die sozialistischen Arbeiterparteien übernahmen 1914 den konterrevolutionären Inhalt der bürgerlichen Parteien. Doch, wie die deutschen Linksradikalen, daraus zu schliessen, man müsse auf die Partei verzichten, führt aus dem Bereich der Geschichtsauffassung in denjenigen der Kindermärchen. Seit jeher tritt derselbe Fehler bei den Anarchisten auf, auch im Hinblick auf die Frage des Staates. Aus der konterrevolutionären Funktion des bürgerlichen Staates leiten sie die Forderung ab, die Revolution müsse auf jede Staatsorganisation verzichten. Wieder derselbe Fehler zeigt sich, wenn man aus der erwiesenen Entartung des russischen Staates folgert, Lenin (und Marx) hätten mit ihrer Verteidigung des autoritären Charakters der Revolution Unrecht gehabt.

Die immer beanspruchte Einheit des proletarischen Kampfes »im Raum und in der Zeit« hat in Wirklichkeit an erster Stelle einen eher qualitativen als quantitativen Charakter. Nur die Partei kann sie durchsetzen, was natürlich nicht heisst, dass jede beliebige Partei es kann. Rein statistisch gesehen ist die Arbeiterklasse die Summe aus vielen verschiedenen Gruppen. Diese Gruppen, die sich aus ihrer Teilung in Betrieben, Berufen, Branchen, Ortschaften, Regionen und Nationen ergeben, befinden sich in einer jeweils verschiedenen Lage und haben verschiedene Interessen. Diese Unterschiede können nur auf einer politischen Grundlage überwunden werden. Nur auf dieser Grundlage, d.h. auf der Grundlage der Partei, können die beschränkten und zeitweiligen Interessen der verschiedenen proletarischen Gruppen (und auch ihrer nationalen und internationalen Gesamtheit) dem allgemeinen historischen Ziel der Klassenbewegung untergeordnet werden. Engels hat hierfür eine klassische Definition geliefert.

Gerade ausgehend von diesen zwei kapitalen Fehlern in der Frage der Partei und des Staates, entstand in Turin im Laufe des ersten Weltkrieges die Gruppe »Ordine Nuovo«, die man durch eine gut inszenierte Propaganda als Quintessenz des Marxismus und Leninismus in Italien hinzustellen versucht.

Die politische Chronik erklärt, warum die kommunistische Internationale diese Gruppe seit 1920 als orthodox betrachtete. Angesichts der Polemik über die parlamentarische Aktion musste auf dem 2. Weltkongress die Frage gestellt werden, ob es in Italien eine Gruppe gab, die die diesbezügliche Meinung der Internationale teilte und zugleich für die Spaltung eintreten würde. Die Turiner Gruppe - sie war damals nicht national organisiert - war in Moskau nicht anwesend. Über sie berichtete objektiv der Vertreter der Wahlboykottisten. Er erklärte, was die Fabrikrätebewegung darstellte und was die Zeitschrift »Ordine Nuovo« war. Die Thesen, die diese Zeitschrift veröffentlicht hatte und die daher ihren Namen trugen, waren das Ergebnis einer Übereinkunft der wahlboykottistischen Arbeitermehrheit der Turiner Sektion mit der Gruppe aus jungen Studenten und Intellektuellen der Zeitschrift. Die Kennzeichnung der Mängel der sozialistischen Partei und die Forderung nach der Spaltung war ein Beitrag der Wahlboykottisten gewesen, die diese Losung seit 1919 vertreten hatten.

Dies ist aber nicht der Augenblick für die Chronik. Die damalige wie die ganze spätere Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass das Schema, das wir das Schema von Gramsci nennen werden, den spontaneistischen Charakter einer linken kleinbürgerlichen und nichtmarxistischen Position hatte.

Die Perspektive des »Ordine Nuovo« ergibt sich aus der Orientierung junger Intellektueller, die bis dahin der Partei wie dem Proletariat fremd waren und von aussen auf die imponierenden Turiner Werke schauten. Sie konnten in diesen Betrieben nicht die Zuchthäuser erblicken, die sie in der marxistischen Auffassung darstellen. Sie entdeckten darin im Gegenteil ein Modell für das damals »rückständige« Italien. Auch der reine Lohnarbeiter, der den Betrieb von innen sieht, verfällt dem Ouvrierismus, wenn er das Ziel seiner Klasse in der Eroberung und Leitung des Betriebes erblickt, wenn er die Verflechtungen des Betriebes mit der ganzen Aussenwelt nicht erfasst, wenn er nicht versteht, dass aus diesen Verflechtungen der Charakter des Endkampfes hervorgeht: weltweiter Kampf zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der Diktatur des Proletariats.

Der Ouvrierismus jener fleissigen und begabten jungen Intellektuellen war ein echt spontaneistischer Ouvrierismus »von aussen«. Sie betrachteten die Arbeiter als eine besondere Menschenart, die zu artspezifischen Metamorphosen fähig war. Der Gedanke lag ihnen fern, dass die revolutionäre Klassenpartei des Proletariats - die mit ihren Abweichungen nicht zu verwechseln ist - die Militanten und Parteigenossen nicht nach deren gesellschaftlichen Ursprung unterscheidet, und dass nur eine solche Partei, wie sie Marx verkündet hat, die Klasse vertritt, sie zur Klasse macht und zur Macht führt, damit sie die Klassen und folglich sich selbst abschaffte.

Gramscis System erwuchs nicht aus einer Haltung der Entlarvung des imperialistischen Krieges, wie sie Lenin und diejenigen, die mit ihm wirklich übereinkamen, eingenommen hatten, sondern aus einer Position, die sich auf die Unterstützung des »demokratischen Krieges« orientierte und dieselben Züge der damaligen Position von Mussolini trug.

In seinem System bestand der Weg zur Heilung der des Gewerkschaftsverbandes und der sozialistischen Partei nicht in einer Säuberung bzw. Spaltung der letzteren, um dann für die Eroberung des ersteren kämpfen zu können. Für ihn sollten im Gegenteil beide Strukturen entleert und preisgegeben werden, durch eine »Ordine Nuovo«, eine neue Ordnung, d.h. durch das System der Fabrikräte ersetzt werden.

Der hierarchische Aufbau dieser eleganten Utopie lag mit allen Einzelheiten auf dem Papier fest: vom Arbeiter zur Abteilung, zum Abteilungsdelegierten, zum Ausschuss der Betriebsdelegierten, zum Ortsausschuss der Betriebe usw. bis zum Gipfel. Diese neue Struktur sollte Betrieb für Betrieb zunächst das Recht der Kontrolle und dann der Verwaltung erobern. Es handelt sich um eine Art Enteignung des Kapitals von den Grundeinheiten her, eine alte vormarxistische Vorstellung, die sich ausserhalb der Geschichte stellt und nichts Revolutionäres an sich hat.

Die Partei war belanglos, und deshalb mass man ihrer nationalen wie internationalen Entwicklung, Säuberung oder traumatischen Spaltung keine Bedeutung bei.

Da eine realistische Auffassung vom entscheidenden Kampf um die zentrale Macht fehlte und die gesellschaftliche Umgestaltung als stückchenweise vor sich gehend, wobei die Stückchen die Produktionsbetriebe waren, verstanden wurde, verkümmerte die Frage des Staates ihrerseits auch zur Bedeutungslosigkeit. Was die kommunistische Gesellschaft kennzeichnet und von der kapitalistischen radikal unterscheidet, steht ausserhalb eines solchen Blickwinkels. Es bleibt nur ein blasser »Betriebssozialismus« übrig.

Alle Erfordernisse, die Lenin in seiner Schrift über den »linken Radikalismus«, die hier unser Thema war, als dringend und unabdingbar zu erfüllen darstellte, musste die Bewegung des »Ordine Nuovo« noch erst ins Auge fassen. Sie vollzog aber eine seltsame geschichtliche Laufbahn, die an jenem Tag begann, an dem Gramsci auf der konspirativen Versammlung von Florenz im November 1917 die Debatten schweigsam in sich aufsaugte und nur mit seinen glühenden ausdrucksvollen Augen intervenierte, und die in den Verstrickungen der späteren Entartung der russischen und internationalen Bewegung endete.

Diese Entartung hat Gramsci in seinen letzten Lebensjahren wahrscheinlich nicht minder überrascht als jene anfängliche Debatte. Doch der Zyklus vollzog sich weit über der Sphäre von Namen und Personen, um sich, wie es leicht voraussichtlich war und vorausgesehen wurde, abzuschliessen: Der klassische falsche Ouvrierismus vollendete sich in der kläglichen Bestrebung, die urwüchsige proletarische Kraft mit dem Bodensatz der idealistischen, auf die Befreiung des Geistes abzielenden Philosophie zu vermengen und mit der Kultur einer kleinbürgerlichen Intelligentsia zu befruchten. Schlimmer noch, er fand seine Vollendung in den politischen Fronten mit der Bourgeoisie im Laufe der faschistischen Periode und des 2. Weltkrieges. Die traurige Laufbahn der »Arbeiteranbeter« endete in der verheerenden Unterwerfung der mächtigen proletarischen Theorie und Aktion, deren Vortrupp und Banner heute (1960) vor vierzig Jahren von Moskau herüberglänzten, unter die labilen Moden und die vermoderten antiquarischen Fetische der Kleinbourgeoisie.

Die zeitgenössischen Surrogate für die grossen Richtlinien von Marx und Lenin sind nicht Ergebnis eines vierzigjährigen Fortschritts, sondern elendes Nachkauen eines Aberglaubens, der so alt wie zweihundert Jahre ist; und selbst im Vergleich zu diesem Aberglauben, der zu seiner eigenen historischen Zeit Grösse und Berechtigung hatte, nehmen sie sich wie einfältige papageienhafte Wiederholungen aus.

Frieden, Demokratie, Nation, eine undefinierbare »Demokratisierung der Wirtschaft«! Haben wir vierzig Jahre lang auf der Stelle getreten, während die anderen die Prinzipien von Marx und Lenin fortschrieben und auf den Stand brachten? Auf keinen Fall! Die Verräter unserer Zeit sind die rückständigsten und nachhinkendsten Sammler von Abfall der Vergangenheit, die die Geschichte je gesehen hat. Sie sind das augenscheinlichste Symptom dafür, dass sich die bürgerliche Gesellschaft in der Phase des Verfalls und Rückschritts befindet; sie sind die wesentliche Kraft, die den Niedergang dieser Gesellschaft verbrecherischerweise verlängert hat.

Notes:
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  1. LW, Band 31, S. 89/90; EA, Dietz, S. 98/99; (Hervorhebungen Lenin). [back]
  2. Für eine ausführlichere Darlegung siehe unsere Parteiarbeit »Storia della Sinistra Comunista«, Bd. l und 2. (Mittlerweile liegen 4 Bände vor). [back]
  3. Engels Artikel »Von der Autorität« wurde zusammen mit dem ebenso hervorragenden Artikel von Marx »Über den Indifferentismus« zusammen im »Almanacco Repubbliccano« veröffentlicht, auf Bitte des Redakteurs der Zeitung »La Plebe«, Enrico Bignami, geschrieben. Beide Artikel bildeten die theoretische Basis des aufkommenden Marxismus in Italien. Siehe MEW, Bd. 18, S. 305 ff. und S. 299 ff. (sinistra.net). [back]
  4. LW, Band 31, S. 19; EA, Dietz, S. 21; (Hervorhebungen IKP). [back]
  5. Siehe hierzu »Thesen von Lyon« in der Nr. 14 von »Kommunistisches Programm« und die Artikelserie »Die Kommunistische Partei Italiens und die faschistische Offensive«, aus »Kommunistisches Programm«, Nr. 22 ff. (sinistra.net). [back]
  6. LW, Band 31, S. 51 f. und 101 f.; EA, Dietz, S. 56 f. und 108 f. [back]
  7. LW, Band 31, S. 95; EA, Dietz, S. 103. [back]
  8. LW, Band 31, S. 95; EA, Dietz, S. 103; (Hervorhebung IKP). [back]
  9. LW, Band 31, S. 96; EA, Dietz, S. 104; (Hervorhebung IKP). [back]
  10. »Unità«, 6.12.1960, S.8. [back]

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 20, Dezember 1978.

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