Marxismus und Klassenkampf
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DIE POLITISCHEN IMPLIKATIONEN DER PSYCHOANALYSE


Content:

Die politischen Implikationen der Psychoanalyse (I)
Einleitung
Fragen zur Psychoanalyse an die Internationalistische Kommunistische Linke
Die Ursprünge der Psychoanalyse
Die Täuschungen der Psychoanalyse
Sigmund Freuds Integrität
Psychoanalyse, die Arbeiterbewegung und die bürgerliche Linke
Die Psychoanalyse und ihre politischen Implikationen (II)
Die Ursprünge des »Unbewussten«
Vom absoluten »Geist« zum absoluten »Wollen«
Entfremdung ist sozial, nicht natürlich
Schopenhauer, Hartmann, Nietzsche, Freud
Anmerkungen
Source


Die politischen Implikationen der Psychoanalyse

Einleitung

Ich bin nämlich gar kein Mann der Wissenschaft, kein Beobachter, kein Experimentator, kein Denker. Ich bin nichts als ein Conquistadorentemperament, ein Abenteurer, wenn Du es übersetzt willst, mit der Neugierde, der Kühnheit und der Zähigkeit eines solchen.

(Sigmund Freud, 1900)[1]

Fragen zur Psychoanalyse an die Internationalistische Kommunistische Linke

Die Internationalistische Kommunistische Linke hat nur sehr wenig über die Psychoanalyse oder allgemein über die Psychologie veröffentlicht. Dennoch hat die Psychoanalyse einen enormen Einfluss auf die Gesellschaft gehabt: Sie kann sogar als eine der wichtigsten Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet werden. Sie hat das Privatleben von Hunderten von Millionen Familien in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg direkt mitgeprägt; sie hat die Geschäftspolitik und die Welt des Marketings und der Werbung beeinflusst – sie hat sogar Kunst und Literatur inspiriert. Sie hat dem allgemeinen Sprachgebrauch ein völlig neues Vokabular hinzugefügt.

Durch die Vermittlung der »Massenpsychologie« trug sie auch weitgehend zu einer Neudefinition der Art und Weise bei, wie widerspenstige Bevölkerungen zu managen sind und wie sie sich als begeisterte und verantwortungsbewusste Bürger zu verhalten haben, die dem Nationalstaat untergeordnet sind. Die Kriegspropaganda wurde bei der Rekrutierung von Kanonenfutter durch überzeugendere Techniken effizienter: Manipulation des »Unbewussten« und Ausnutzung der »Instinkte«.

Sowohl Faschisten, Stalinisten als auch Demokraten haben davon reichlich Gebrauch gemacht. In der Zeit, in der die Arbeiterklasse am stärksten besiegt und hinter den imperialistischen Fahnen mobilisiert war, konnte diese Ideologie ihre Blütezeit erleben, während sie nach den 1960er Jahren zu verblassen drohte.

Jahrzehntelang mussten die Psychoanalytiker nicht nur mit den positivistischen, experimentellen, wissenschaftlichen Psychologen konkurrieren;[2] sie sorgten auch für eine weithin geschätzte Ergänzung. Die experimentellen Psychologen wiederum stellten sich in den Dienst der staatlichen Politik, isolierten das Individuum aus seinem sozialen Kontext und gaben vor, die »Wissenschaft von der menschlichen Natur« zu vertreten.[3] Man kann darüber streiten, ob die Psychoanalyse ein Hindernis für die Entwicklung der modernen Psychologie gewesen ist. Aber genau so gut kann man annehmen, dass die experimentellen Psychologen, insbesondere die Behavioristen, Neurobiologen und Genetiker, immer eine Form der Psychoanalyse als Ergänzung zu ihrem eigenen Reduktionismus gebrauchen werden.

Biologische und individuelle Erklärungen tragen nur wenig zu unserem ohnehin sehr begrenzten Wissen über die »menschliche Psyche« bei, die von Natur aus sozial ist. Ein Mindestmass an Verständnis ist jedoch umso dringlicher, als die gegenwärtige wirtschaftliche, soziale und politische Krise in erster Linie »kollektive Psychosen« und weniger ein Klassenbewusstsein hervorzubringen droht.

Heute sind Sigmund Freud und die Psychoanalyse in der viel beachteten »internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft« nicht verschwunden. Im Freud-Jahr 2006, in dem der 150. Geburtstag dieses legendären »Entdeckers des Unbewussten« gefeiert wurde, kam es sogar zu einer Wiederbelebung: Eine international orchestrierte Kampagne, die vor allem von naturalistisch-materialistischen Neurobiologen ausging, wurde in allen möglichen Zeitschriften geführt; allgemein, wissenschaftlich und vor allem populärwissenschaftlich, mit Titelgeschichten wie: »Die neurologische Forschung bestätigt die Theorien von Freud«, und »Das Comeback von Freud«.[4] Diejenigen, die anderer Meinung waren, wurden missbilligend als »Freud-Basher« gebrandmarkt; es wurde nicht versucht, den Kritikern zu antworten. Ernsthaftere Wissenschaftler, unabhängig von ihrer Denkschule oder ihrem Hintergrund, neigen dazu, die Theorien von Sigmund Freud mit der gleichen vorsichtigen Verachtung zu betrachten wie die von Rudolf Steiner.[5]

Die Psychoanalyse ist vor allem in Ländern wie Argentinien und Frankreich in Form des Lacanismus lebendig, und dort ist sie auch in den Buchhandlungen mit einer beeindruckenden Literatur sehr präsent, die es allerdings nicht einmal in anderen Sprachen als Französisch und Spanisch gibt.[6] Die Lacansche Psychoanalyse stellt sicherlich eine Karikatur des zweifellos sehr tiefgründigen[7] und vor allem spekulativen[8] Denkens von Sigmund Freud dar. Aber da sie als »Rückkehr zu Freud« präsentiert wurde, als die meisten Psychotherapeuten dazu tendierten, sich von der Theorie selbst zu entfernen – die sexuellen Phantasmen des Altmeisters wurden zu peinlich, vor allem Frauen begannen, sich dagegen aufzulehnen – kann sie kaum als Rückschritt gegenüber einer »echten« Freudschen Psychoanalyse dargestellt werden. Was hat er, der grosse Jacques Lacan, am Ende seines Lebens gesagt?

»Unsere Praxis ist ein Schwindel, ein Bluff, der die Leute blendet, sie mit hochgestochenen Worten blendet, es ist schliesslich das, was wir viel Lärm um nichts nennen. […] Vom ethischen Standpunkt aus ist unser Beruf unhaltbar; Das ist auch der Grund, warum ich so krank bin, weil ich wie jeder andere ein Über-Ich habe.« »Es geht darum zu wissen, ob Freud ein historisches Phänomen ist oder nicht. Ich glaube, er hat seine Chance verpasst. Es ist wie bei mir, in sehr kurzer Zeit wird sich niemand mehr um die Psychoanalyse scheren.«[9]

Die Ursprünge der Psychoanalyse

Die spezifische Form von Sigmund Freuds »Unbewusstem«, gefüllt mit schwer zu definierenden »Sexualtrieben«[10], wurde von Vitalisten[11] wie Arthur Schopenhauer,[12] Eduard von Hartmann und Friedrich Nietzsche plagiiert. Es stand im Gegensatz zu Georg Friedrich Wilhelm Hegels Konzept der »Entfremdung« mit seinen sozialen Wurzeln, das von Karl Marx weiterentwickelt wurde.

Im 19. Jahrhundert bevölkerten Massen von »Entfremdeten« immer mehr neu gebaute Armenhäuser, Gefängnisse und Anstalten für »Geistesgestörte«. Waren es zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur einige Tausend, so wurden bis zum Ende des Jahrhunderts Hunderttausende in Anstalten weggesperrt. Man beraubte, »entfremdete« sie ihrer Lebensgrundlage, und damit auch ihres eigenen Wesens, zu dem sie ebenso den Kontakt verloren hatten wie zur Wirklichkeit. Sie hatten ihren Stolz, ihre Würde und ihre Ehre verloren. Philippe Pinel – der den sozialen Hintergrund des Problems im Blick hatte – nannte es Ende des 18. Jahrhunderts »geistige Entfremdung«. All dies wurde von den naturalistischen Materialisten und Vitalisten als das unvermeidliche Ergebnis ausser Kontrolle geratener »Instinkte« angesehen, als eine unvermeidliche und unumkehrbare physische und moralische, vererbbare »Degeneration« der »untersten Gesellschaftsschichten«.[13] In diesem Zusammenhang wurde die Idee der »unbewussten Triebe« geboren.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Pariser Kommune verlagerte sich die Aufmerksamkeit immer mehr von den gesellschaftlichen Widersprüchen auf die Geheimnisse des individuellen Geistes; es entstand eine ganze »psychische« Bewegung von »Freidenkern«.[14] Wien wurde zu einem ihrer wichtigsten Zentren; nicht nur die Psychoanalyse, sondern auch die Theosophie wurde dort geboren. Die Psychoanalytiker waren in der Psychoanalytischen Vereinigung organisiert, weit entfernt von der wissenschaftlichen Gemeinschaft, so wie die Theosophen in ihrer Theosophischen Gesellschaft separat organisiert waren. Dort konnte der naturalistische Materialismus leicht mit dem »Spiritualismus« verbunden werden. Auch dort konnten Streitigkeiten in einem geheimen Komitee ausgetragen werden, das über die Loyalität seiner Mitglieder wachte, anstatt zu versuchen, sie durch öffentliche Debatten zu lösen.[15]

Die Täuschungen der Psychoanalyse

Wir müssen uns auch mit den drei grossen Täuschungen der Psychoanalytiker auseinandersetzen:

1 – Die Psychoanalyse ist eine Methode zur Erforschung des Geistes. Sigmund Freuds wissenschaftliche Methode bestand in der »Introspektion«[16] und der Beobachtung seiner eigenen Kinder. Er hat nie eine auf grösseren Zahlen basierende Vergleichsmethode angewandt oder quantifizierbare und vergleichbare Daten verwendet; die wenigen »Fallstudien«, die er – in Form attraktiver Kriminalgeschichten – veröffentlichte, haben sich als völlige Mystifikationen erwiesen.

2 – Man sagt, die Psychoanalyse würde einen systematisierten Wissensbestand über das menschliche Verhalten darstellen. Aber »Neurosen«[17] gibt es in der Klassifikation der modernen Psychiatrie nicht einmal mehr als solche. »Verdrängte Erinnerungen« sind ein Randthema, mit dem man sehr vorsichtig sein sollte, da es kaum Mittel gibt, um zu überprüfen, ob sich eine Erinnerung auf ein reales Ereignis in der Vergangenheit bezieht oder nicht, während »verdrängte Erinnerungen« auch leicht durch »Therapie« erzeugt werden können. Der Rest besteht aus widerwärtigen Vorstellungen über »sexuelle Impulse« bei sehr kleinen Kindern und Merkwürdigkeiten wie dem »Ödipuskomplex«, »Kastrationsangst«, »Penisneid« und »oralen« und »analen« »Fixierungen«. Typisch vitalistisch sind fliessende Entitäten wie »die Libido« und »Eros«. In »Das Ich und das Es« (1923) postulierte Sigmund Freud ebenfalls eine konstante »psychische Energie«[18], ohne sie jemals zu definieren oder zu sagen, wie sie gemessen werden kann, woher sie kommt oder wohin sie geht.

3 – Schliesslich wäre die Psychoanalyse eine Methode zur Behandlung von »psychischen oder emotionalen Krankheiten«, was immer das auch sein mag.[19] Der therapeutische Erfolg der Psychoanalyse ist nicht nur fragwürdig, sondern gemessen am subjektiven »Wohlbefinden« vor und nach der Behandlung sicherlich nicht besser als eine Wallfahrt nach Lourdes oder die Intervention eines beliebigen Wunderheilers. Ausserdem ist es schwierig, einem Psychoanalytiker zu widersprechen, da dies als »Bestätigung« der Analyse und als Beweis für den »unbewussten Widerstand« gegen ihre Akzeptanz gelten könnte.

Sigmund Freuds Integrität

Dann gibt es noch ein paar Punkte, die sogar die Integrität von Sigmund Freud und seinen Anhängern in Frage stellen:

► Zum Beispiel, dass er seine Individualpsychologie mechanisch auf die Anthropologie und die Geschichte der Menschheit als Ganzes ausdehnt hat. Er postulierte eine »Urhorde« und schuf den Mythos von einer Bande gorillaähnlicher Söhne, die ihren Vater töteten, weil sie Sex mit ihrer Mutter haben wollten. Die Hauptinspirationsquelle war der französische Rassist Gustave Le Bon, und sie wurde durch eine Fehlinterpretation von Charles Darwin gedeckt.[20]

► Psychoanalytiker wie Sigmund Freud, Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Sándor Ferenczi, Otto Rank, Wilhelm Reich, Melanie Klein, Erich Fromm, Karen Horny, Bruno Bettelheim und Jacques Lacan formulierten allesamt Theorien, die sich gegenseitig widersprachen. Was sie gemeinsam hatten, war ihr Widerstand gegen eine Überprüfung.[21] Die meisten von ihnen behaupteten sogar, dass ihre therapeutischen Ergebnisse nicht überprüfbar seien[22], da sie an subjektiven Gefühlen des »Wohlbefindens« arbeiten würden. Sie »heilten« durch »Zuhören« und »Ratschläge geben« – etwas, das auch von katholischen Priestern, protestantischen Pfarrern, islamischen Imamen und hinduistischen Gurus getan wird, und das im Gegensatz zu teuren Psychoanalytikern im Allgemeinen kostenlos.[23]

► Die offizielle Geschichte der Psychoanalyse, wie sie von Sigmund Freuds Biographen Ernest Jones niedergeschrieben wurde, hat sich als völlige Mystifikation erwiesen, die verschleiern soll, dass Sigmund Freud ein pathologischer Lügner, ein Quacksalber und Schwindler war, ein überzeugter Anhänger des Paranormalen und alles Metaphysischen, der mit »metapsychologischen«, d. h. pseudowissenschaftlichen Theorien aufwartete.

► Schliesslich ist das Verhältnis Sigmund Freuds zum Marxismus und zur Arbeiterbewegung sowie die wahre Natur seines »Humanismus« zu hinterfragen: Nicht nur, dass er ausschliesslich für die Reichen und Berühmten arbeitete und sich nie für all jene interessierte, die von der Gesellschaft ausgeschlossen und in den »Irrenanstalten« seiner Zeit eingesperrt waren, es ist auch schwer zu behaupten, dass er zu den hochpolitischen Fragen, mit denen er konfrontiert war, ernsthaft Stellung bezog.

In ihrer harmlosesten Form ist die Psychoanalyse nicht weniger lustig als die Astrologie oder der »Da Vinci Code«. Aber sie neigt viel mehr dazu, eine ungute Richtung einzuschlagen. Sie ist sogar gefährlich, gerade weil sie vorgibt, wissenschaftlich zu sein, und weil sie die »Psychologie« ihrer Opfer ernsthaft beeinträchtigen kann.

Diejenigen, die der Meinung sind, dass an den psychoanalytischen Theorien noch »etwas Wahres« dran sein könnte, sollten auch bedenken, dass Sigmund Freud so viel geschrieben hat, dass es statistisch gesehen höchst unwahrscheinlich ist, dass alles falsch ist. Die allgemeine Regel lautet: Wenn es richtig ist, ist es nicht exklusiv für die Freudsche Psychoanalyse; wenn es für die Freudsche Psychoanalyse richtig ist, ist es falsch.

Die Psychoanalytiker verkünden: »Vertraut nicht euch selbst, vertraut uns«. Als solches ist das ein hervorragendes Mittel, um diejenigen zu manipulieren, die an sie glauben, und ihr Vertrauen zu missbrauchen. Freudsche Psychoanalytiker treiben ihre Opfer in den Narzissmus, in die Selbstbezogenheit und in die eigene Vergangenheit; sie fordern sie systematisch auf, ihren eigenen Motiven zu misstrauen[24], wie man es in den Filmen von Woody Allen verewigt sieht.[25]

Psychoanalyse, die Arbeiterbewegung und die bürgerliche Linke

Die wenigen realen Ergebnisse der experimentellen, »positivistischen« Psychologie stellten für die materialistische Geschichtsauffassung kein grosses Problem dar,[26] ihre Umsetzung in eine neue reduktionistische Ideologie hingegen schon. Im Gegensatz dazu war die Psychoanalyse von Anfang an völlig dagegen, und aufgrund des Schweigens über sie konnte man kaum erwarten, dass die Arbeiterbewegung von ihrem Einfluss verschont blieb:

► Der Einfluss der »psychischen Bewegung« um die Jahrhundertwende ist bereits in den späteren Werken des Mitbegründers der Theorie der natürlichen Selektion, des Sozialisten Alfred Russel Wallace, und in ihrem Einfluss auf die »fabianischen« Sozialisten George Bernard Shaw und Annie Besant[27] mit Verbindungen zu Frau Blavatsky und Rudolf Steiner in Wien zu spüren. Die Psychoanalyse war Teil dieser »psychischen« Bewegung und war in den Kreisen der Austro-Marxisten vor dem Ersten Weltkrieg einflussreich: Die berühmten ersten »neurotischen« Patienten von Sigmund Freud waren Schwestern bekannter Austro-Marxisten.[28]

► Der Bolschewik Adolph Joffe, der 1908 im Wiener Exil von Nervenleiden geplagt wurde, liess sich von Alfred Adler »psychoanalysieren«; Leo Trotzki, der kurz darauf in Wien eintraf, war davon beeindruckt und wollte die Frage nach der wissenschaftlichen Grundlage der Psychoanalyse offen halten;[29] Lenin jedoch denunzierte die Psychoanalyse als »Modenarrheit« [»Die Erweiterung durch die Freud’schen Hypothesen sieht ›gebildet‹, ja nach Wissenschaft aus, ist aber Laienstümperei. Die Freud’sche Theorie ist jetzt auch solch eine Modenarrheit.« (so Lenin nach Clara Zetkin, »Erinnerungen an Lenin«, 1925)], und sie fasste in der Sowjetunion kaum Fuss [Allerdings sind von den insgesamt 50 ins Russische übersetzten Arbeiten Freuds 34 nach der Oktoberrevolution erschienen und von diesen wiederum 28 im offiziellen Staatsverlag]. Dennoch besuchte Joseph Stalins Sohn Wassili die psychoanalytische Weisse Vorschule in Moskau; die Schule wurde 1925 geschlossen und die Russische Psychoanalytische Gesellschaft wurde 1930 offiziell unterdrückt.[30]

► Die Psychoanalyse hat mehrere Richtungen des Anarchismus beeinflusst.

► In Deutschland gab es ein frühes Echo in der Arbeiterbewegung durch die Schriften von Siegfried Bernfeld und Otto Fenichel, das in das kurzlebige freudo-stalinistische Abenteuer von Wilhelm Reich und seinen Anhängern in den Jahren 1929-1930 mündete.[31]

Otto Rühle und seine Frau Alice Rühle-Gerstel veröffentlichten zugunsten der Adlerschen »Individualpsychologie« und gegen die Freudsche Version.[32] Andere »Rätekommunisten«, wie Paul Mattick und Anton Pannekoek, lehnten die Freudsche Psychoanalyse ausdrücklich ab.[33] Eine Ausnahme bildet die spätere Henriette Roland Holst, die sich von der Arbeiterbewegung weg in Richtung Moralismus, Spiritualismus und Psychologie bewegte. Vertreter der Italienischen Linken, wie Amadeo Bordiga, haben sich nie zu den Prinzipien der Psychoanalyse bekannt, aber sie scheinen sich auch nicht viel mit dem Thema beschäftigt zu haben.

► Im Rahmen der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie nahm Cornelius Castoriadis nach seinem Bruch mit dem Marxismus 1964 den Lacanismus an; 1969 zog er es vor, seine eigene Schule zu gründen und ab 1974 selbst Psychoanalyse zu betreiben.

Es gibt noch weitere kleine Anklänge aus der Arbeiterbewegung, die jedoch untersucht werden müssen.[34] Es ist jedoch anzumerken, dass die Psychoanalyse nie angewandt wurde, um historische Tatsachen zu erklären, und auch nicht, um das Verhalten von Individuen zu erklären. Leo Trotzki zum Beispiel war zwar sehr »psychologisch« in seiner Herangehensweise an Individuen und urteilte nur allzu leicht über Charaktere, versuchte aber nie, das Verhalten in psychoanalytischen Begriffen zu erklären. Offenbar hatte er das auch nicht nötig; was er zu sagen hatte, stammte aus seinen eigenen empirischen Beobachtungen und seiner Lebenserfahrung, nicht aus einer allgemeinen Theorie.

Der Einfluss der Psychoanalyse auf die bürgerliche Linke ist dagegen dreifach belegt:

► Das psychoanalytische Denken wurde durch die so genannte Frankfurter Schule populär, mit sehr unterschiedlichen Denkern wie Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Walter Benjamin oder auch, wenn man sie in diese »Schule« einordnen kann, Erich Fromm und Karen Horney, beide alte Adepten von Wilhelm Reich.

► Der Freudo-Stalinismus von Wilhelm Reich wurde in den 1970er Jahren vor allem in Deutschland und den USA wiederbelebt, da seine späteren Werke in Bezug auf die »Sexualpolitik« in der stalinistischen Sowjetunion kritisch zu sein schienen und mit der »sexuellen Revolution« in den 1960er Jahren zusammenfielen.

► Ein Buch des Hippie-Kults von Norman O. Brown mit dem Titel »Leben gegen Tod«[35] schien einst eine attraktive Ergänzung zum Marxismus zu sein, in Form einer sterilen und alles erklärenden Dichotomie, den mythischen Kräften des Lebens und des Todes, die den Dichotomien Yin und Yang und dem Zen-Buddhismus sehr nahe kommt.

Natürlich wurden neu entstehende Gruppen, die von der internationalistischen kommunistischen Linken in dieser Zeit inspiriert wurden, ohne historische Erfahrung, stark von der allgemeinen gesellschaftlichen Atmosphäre beeinflusst. Während sie in gewissem Masse die Positionen der vorangegangenen Generationen erneuerten, neigten sie auch dazu, alles zu übernehmen, was »neu« und »revolutionär« zu sein schien. Die »Couch-Psychologie« konnte sogar als »wissenschaftliche Alternative« zu der von den bürgerlichen Intriganten so geschätzten »Küchenpsychologie« propagiert werden.[74]

Um eine Einschätzung der Psychoanalyse entwickeln zu können, ist die Frage, woher das Konzept des »Unbewussten« stammt, von einiger Bedeutung, insbesondere für diejenigen, die sich als »Marxianer« bezeichnen. Die Frage wurde selten gestellt und ihre Implikationen wurden nicht abgeleitet. In diesem Artikel werden wir uns bemühen, die Frage richtig zu stellen, um einige Antworten auf die laufende Debatte zu geben[36]. Dazu müssen wir auf einige sehr »philosophische« Fragen zurückgreifen, die gestellt wurden, als Karl Marx und Friedrich Engels zu schreiben begannen.

Eduard von Hartmann geht in seiner 1869 veröffentlichten »Philosophie des Unbewussten« mit pragmatischer Perspektive von einem Zitat Immanuel Kants aus, entnommen aus dessen 1798 erschienenen Werk »Anthropologie«: »Vorstellungen zu haben, ohne sich bewusst zu sein, dass man sie besitzt, scheint ein Widerspruch zu sein. Wie können wir also wissen, dass wir sie haben, wenn wir uns ihrer Dauerhaftigkeit nicht bewusst sind?«[37]

Tatsächlich wurden, soweit wir heute in der Lage sind, sie zu unterscheiden, in der damaligen Philosophie mindestens zwei verschiedene Probleme miteinander vermischt: einerseits die natürlichen »Instinkte«, die Teil unseres Seins sind, sich aber unserem Willen zu entziehen scheinen, und andererseits die »Entfremdung«, die unsere eigenen Kräfte als uns fremde Kräfte erscheinen lässt[38]. Wir werden die erste Frage hier nicht behandeln, aber wir müssen sie im Auge behalten, da sie die zweite Frage beeinträchtigt.

Die Ursprünge des »Unbewussten«

In der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ersetzte ein dynamisches Weltbild das statische mittelalterliche Weltbild, das auf den sich wiederholenden Zyklen von Leben und Tod sowie den Jahreszeiten beruhte, die immer in der gleichen Reihenfolge und ohne jede Veränderung aufeinander folgten[39]. Eine optimistische Bourgeoisie, die an den »Fortschritt« glaubte, aufgrund des technischen Voranschreitens und des durch den Wettbewerb (um zahlungsfähige Märkte zu erobern) angetriebenen Produktionswachstums, ersetzte das Sein durch das Werden. Innerhalb dieses Ideenrahmens setzte sich eine hierarchische Sicht der Welt, geordnet von »unten« nach »oben«, von »einfach« nach »komplex«, fast von selbst durch, und die Klassifizierung selbst, die auf Ähnlichkeiten und Unterschieden beruht, führte zu der Vorstellung einer gemeinsamen Aszendenz, einer ganzen Entwicklung von den einfachen »Atomen« der griechischen Philosophie bis hin zur Komplexität des menschlichen Geistes. Dies war die Vision, die von den Naturwissenschaften der Bourgeoisie entwickelt wurde. Die Natur konnte beherrscht und dem menschlichen Willen unterworfen werden, einschliesslich der menschlichen Natur selbst.[40] Hegel machte diesen Prozess der Entwicklung und des Fortschritts (den er Dialektik nannte) zum Mittelpunkt seines dynamischen philosophischen Systems. Er zielte darauf ab, die, wie er es nannte, »hölzernen Trichotomien« (starre dreistufige Klassifizierung) der kantischen Philosophie durch das Fluidum »These, Antithese, Synthese«, den sogenannten dialektischen Prozess, zu ersetzen. Er konstruierte ein System, in dem die Gegensätze nicht mehr statische Dichotomien waren wie in der früheren Metaphysik, sondern die Bewegung, durch die die Widersprüche auf einer immer höheren Ebene überwunden werden, eine Bewegung, die selbst neue Widersprüche hervorbringt[41]. Er ordnete die gesamte natürliche und historische Entwicklung in einem einzigen grossen System an, indem er die innere Logik der Wissenschaften aufzeigte. Die verschiedenen Momente und Etappen konnten nicht an sich, sondern nur als Teil dieser Entwicklung verstanden werden. Die Substanz des Seins, der »Geist«, entwickelte sich aus sehr einfachen mechanischen Kräften zum Bewusstsein, zum Selbstbewusstsein und schliesslich zum »absoluten Geist«[42]. Ausgehend von der Komplexität des menschlichen Geistes, der als höchste Entwicklung der Natur gesehen wird, wird der Geist auf immer einfachere, elementarere Formen reduziert: Die Bewegung wird umgekehrt, und der gesamte Weg kann durch die Naturwissenschaften erklärt werden. So bestand die Entwicklung in einem »absoluten Geist« oder in einer »Natur«[43], die in der spekulativen Vorstellungskraft des Philosophen[44] allmählich ins Bewusstsein gelangen. Die Philosophie wird so zu einer emanzipatorischen Aktivität des »Bewusstwerdens«[45]. Dieses Bewusstsein kann jedoch nur post festum entstehen oder, in den Worten Hegels:

»Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozess vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte, dass erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfasst, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.«[46]

Gute Dinge können aus schlechten Gründen getan werden, und schlechte Dinge können aus guten Gründen getan werden; dazwischen wird sich der »absolute Geist« seiner selbst und seines eigenen Selbstverwirklichungsprojekts bewusst. Auch wenn der Philosoph die Zukunft nicht vorhersehen kann, kann er dennoch versuchen, den Geist zu erleuchten. Es ist möglich, aus der Vergangenheit zu lernen und die Wiederholung vergangener Fehler zu vermeiden, aber das reicht nicht aus, um einer immer neuen Zukunft angemessen zu begegnen.

Marx und Engels kritisierten dies. Wenn die Geschichte bis dahin so verlaufen sei, dann nur deshalb, weil die gesellschaftliche Organisation nicht über das Tierreich hinausgegangen sei und weil die menschlichen sozialen Beziehungen selbst noch nicht beherrscht würden[47]. Sie versuchten nicht zu verstehen, wie die Welt »hätte sein sollen« (Utopismus), sondern versuchten zu ergründen, wie sie sich tatsächlich widersprüchlich entwickelt hat. Ihr Ziel war es somit, aktiv an dem unvermeidlichen Kampf teilzunehmen, der sich zu entwickeln begann: dem Kampf des Proletariats zur Abschaffung der Lohnarbeit. Ihr Ausgangs- und Endpunkt waren nicht die philosophischen Widersprüche des Geistes, sondern die materiellen Widersprüche der Gesellschaft, die offensichtlichen Interessenkonflikte, die sich in gewaltsamen Kämpfen manifestierten, und die widerstreitenden Ideologien[48], die dazu dienten, für die eine oder andere Seite zu mobilisieren.

Für Hegel und auch Marx manifestiert sich der Zustand der Unwissenheit, die Entbehrung wirklichen Wissens in dem, was man als »Unbewusstheit«[49] oder vielmehr falsches Bewusstsein bezeichnen kann: d. h. eine nicht verstandene Realität, voller Vorurteile und Aberglauben, die zu einem Bewusstsein führt, das nicht vollständig der Realität entspricht und nicht mit den angestrebten Zielen in Einklang steht. Es ist vor allem eine Folge der Entfremdung, der unterdrückten menschlichen Natur, die nicht über ihr volles Potenzial verfügt. Letzteres kann eben nur durch den Kampf erobert werden.

Für Hegel schritt die Geschichte auf geheimnisvollen Wegen voran, die erst mit dem »Einbruch der Dämmerung«, wenn die Bewegung praktisch abgeschlossen ist, verstanden werden konnten. Der absolute Geist würde sich in der politischen Emanzipation des freien Bürgers verwirklichen, der zu dem rationalen Denken fähig ist, das sich aus dem technischen Fortschritt zum Nutzen des gesamten Menschengeschlechts ergibt[50].
Für Marx war die geistige, politische Emanzipation des Bürgers nicht ein Schlusspunkt, das implizite Ziel der schliesslich verwirklichten Geschichte; sie war der Beginn eines Verständnisses der Notwendigkeit, die Gesellschaft in eine menschliche Gesellschaft umzuwandeln, indem die sozialen Widersprüche, die durch die Ausbeutung der Lohnarbeit und die Ausgrenzung weiterhin bestanden, abgeschafft wurden. Diese Umgestaltung der Gesellschaft umfasste die Ziele und Mittel der Produktion und definierte die Beziehung der Menschen zur Natur, untereinander und zu sich selbst neu; eine Umgestaltung, aus der ein völlig neues Bewusstsein hervorgehen sollte und würde[51]. Die Wurzeln dieses Bewusstseins würden nicht ideologisch, sondern materiell sein, so wie der gesamte vergangene menschliche Kampf im Sozialen und nicht in rein ideologischen Widersprüchen verwurzelt war.

Vom absoluten »Geist« zum absoluten »Wollen«

Es gab noch eine weitere Reaktion auf Hegel, insbesondere gegen seinen in der Aufklärungsphilosophie verwurzelten Optimismus. Der Neo-Vitalist Arthur Schopenhauer behauptete, das Bewusstsein sei zweitrangig angesichts eines blinden, metaphysischen, angeborenen »absoluten Willens« – der über »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Triebe« und »Begierden« vermittelt ist –, der sich unweigerlich unserem Verständnis und unserer Kontrolle entzieht, durch den wir aber bestimmt würden[52]. Gott ist kein »Geist« mehr, er wird zu einem blossen blinden »Wollen«, einem Potenzial, das gewissermassen nach seiner eigenen Verwirklichung sucht[53]. Das Atom »strebt« gewissermassen danach, eine biologische Zelle zu werden, und die Zelle »strebt« danach, ein Mensch zu werden. Das gesamte Potenzial der Welt würde von Anfang an existieren, dieses Potenzial selbst würde nach dem Endergebnis »streben« und dieses »Streben« wäre die letzte Entwicklungskraft, die alles erklären würde.

Arthur Schopenhauers Philosophie (zuerst 1819 veröffentlicht, konkurrierte eine Zeit lang mit Hegels Philosophie in Berlin), gewann vor allem nach dem Scheitern der Revolution in Deutschland 1848 an Einfluss[54]. Einerseits erreichte die Bourgeoisie in Deutschland ihre angestrebten Ziele gegen die alte Ordnung nicht, andererseits wurde die Bedrohung durch das Proletariat bereits spürbar; die optimistische, rationalistische Weltanschauung, dass es für alle Probleme eine technische Lösung gibt, begann zu bröckeln. Es setzte sich eine dunklere, pessimistischere Perspektive durch, nach der die »menschliche Natur« nicht mehr mit einer potenziellen Beherrschung der Natur zum Wohle aller verbunden ist, sondern als etwas sehr Zweideutiges betrachtet wird. Diese Vision einer menschlichen Natur voller dunkler Bereiche, verborgener Motivationen, die stets von »unerfüllten Wünschen«[55] gequält wird, die unweigerlich jenseits unseres Verständnisses oder unserer Kontrolle liegen und die Quelle so vieler Leiden sind, ist etwas, das bereits in William Blakes romantischer Dichtung allgegenwärtig war. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und dem Ende der Pariser Kommune war es diese Wahrnehmung, die überall in Europa gängiger wurde.

Während die britischen »positivistischen« und »utilitaristischen« Philosophen offen erklärten, dass die Menschen von Egoismus und Eigeninteressen getrieben würden, und das eben »zum Wohle aller«, beklagte Schopenhauer die Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit der Menschen. Für Schopenhauer war die wichtigste moralische Eigenschaft nicht Empathie, sondern Mitleid, das jedoch durch Böswilligkeit und Egoismus korrumpiert wurde. Das Begehren (insbesondere der Wunsch zu leben und sich zu reproduzieren[56]) würde uns am häufigsten zu Leid und Schmerz führen; von Natur aus würde man annehmen, dass wir von unseren eigenen Begierden (meist sexueller Natur) gequält werden, während nur die Kunst einen Weg bieten könnte, dieser harten Realität zu entfliehen[57]. Der tatsächliche und vor allem deutsche elende Zustand der Dinge wurde für »natürlich« erklärt. Die angeborenen destruktiven Tendenzen der Menschen sollten von einem Staat kontrolliert werden. Was in Hegels Werken noch rational war (»Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.«), wurde in Schopenhauers Werken durch das Irrationale ersetzt. Während Hegel betonte, dass die Entwicklung des »Geistes« eine Bewusstwerdung sei, betonte Schopenhauer stattdessen, dass sein blindes »Wollen« die Vorherrschaft des Unbewussten darstelle. Das metaphysische »Wollen« war Kants »Ding an sich«, die »Substanz« der gesamten Natur, durch die wir bestimmt werden, die wir aber nicht vollständig erkennen können.

Marx sah in Schopenhauers Philosophie lediglich falsche Abstraktionen, die die Realität auf den Kopf stellten. Während Marx Hegel von einem revolutionären Standpunkt aus kritisierte, indem er von der »materiellen« Arbeit statt von ihrem »geistigen« Ergebnis in einer entfremdeten Gesellschaft ausging, kritisierte Schopenhauer ihn von einem reaktionären Standpunkt aus und nannte Hegels Werk sogar ein »Denkmal deutscher Dummheit« und Hegel selbst einen »unwissenden Scharlatan«[58].

Marx und Engels schenkten dieser Philosophie nicht explizit viel Aufmerksamkeit, da ihre gesamte Kritik am Hegelschen Idealismus sich auch auf Schopenhauers Neovitalismus bezog. Für sie ist weder ein angeborener und metaphysischer »Geist« (ein Bewusstsein in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen als eine Entität mit einer Existenz in sich und für sich selbst) noch irgendein metaphysisches und angeborenes blindes »Wollen« der Kern der menschlichen Natur, sondern es ist die menschliche Arbeit, die schöpferische Tätigkeit, durch die die Menschen ihre eigene Natur entwickeln, Beziehungen zueinander knüpfen und sich selbst konstituieren. Menschen sind in der Lage, ihre bewusste Fähigkeit zur Schöpfung zu geniessen und ihr kreatives Potenzial voll zu entfalten, vorausgesetzt, sie verfügen über einen sozialen Rahmen, der ihnen dies ermöglicht. Absolute Substanzen und metaphysische Dinge an sich sind lediglich falsche geistige Abstraktionen[59].

Seit den Anfängen der Menschheit war Arbeit jedoch eher ein Zwang und sehr teilweise nur ein Vergnügen oder ein wirklicher Ausdruck von Freiheit[60]; der sozialen Kontrolle mit persönlichen Abhängigkeiten unterworfen, kann sich die menschliche Natur nur sehr langsam entwickeln[61]. Diese Unterdrückung des menschlichen Potenzials ist kein ewiges Gesetz; und daher bedarf sie selbst einer materiellen Erklärung im Hinblick auf unsere »menschliche Natur«. Mit dem enormen Wachstum der Produktivkräfte im Kapitalismus steigen nicht nur die Bedürfnisse, sondern auch die technischen Mittel, um sie zu befriedigen. Die Arbeit kann somit vom »Reich der Notwendigkeit« in das »Reich der Freiheit« verlegt werden. Kommunismus ist »Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens«[62] Erst mit der Abschaffung der Lohnarbeit können sich die Potenziale des menschlichen Wesens entfalten.

Bisher wurden die Menschen grösstenteils immer »entfremdet« und vor allem ausgebeutet. Die Entwicklung ihrer kreativen Fähigkeiten ist den sozialen Notwendigkeiten des Überlebens unterworfen: Sie müssen in der Gesellschaft »ihre Rolle spielen« und »ihre Aufgaben erfüllen«, und folglich erscheint ihnen ihre Arbeit als eine ihnen fremde und sogar entgegengesetzte Macht, über die sie nicht frei für sich selbst verfügen können. Darüber hinaus müssen sogar ihre »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« für das reibungslose Funktionieren der Menschen in einer Ausbeutungsgesellschaft unterdrückt werden.

Die »menschliche Natur« ist keine Art statisches Wesen; die Geschichte ist vielmehr ein widersprüchlicher Verlauf der sich entwickelnden menschlichen Natur, des menschlichen Werdens.

Hegel entwickelte seine Philosophie der Entfremdung in den meisten seiner Werke. In seinem bekanntesten Werk, der »Phänomenologie des Geistes«, findet sich seine Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft[63]. Beide, Herr und Sklave, brauchen einander für ihre Selbstverwirklichung, aber beide sind auch durch ihre wechselseitige Beziehung entfremdet: entweder als Herrscher oder als Beherrschter. Keiner von beiden ist vollständig ein menschliches Wesen. Aber Hegel ist brillant, wenn er analysiert, wie der Herr nur eine flüchtige Beziehung des Begehrens und der Freude zu den Dingen hat, dass er auf seine »Begierden« reduziert wird, während der Sklave oder Leibeigene seine Arbeit und sein Wesen in den Produkten seiner Arbeit vergegenständlicht sieht. Diese Kritik an den feudalen Verhältnissen ging einher mit der Lösung für diese »geistige Entfremdung« des Feudalismus. Diese Lösung lag in der politischen Emanzipation der Bourgeoisie in Form des »Bürgers« (in einem Kontext, in dem die Wirtschaft noch durch die Vorherrschaft des Handwerks und nicht der Grossindustrie gekennzeichnet war): Es gibt sie nicht mehr, weder Herr noch Sklave, und der Arbeiter ist nicht mehr persönlich von einem bestimmten Herrn abhängig, sondern kann seine Arbeitskraft an den Meistbietenden verkaufen.

Marx bezieht sich nie auf diese spezielle Dialektik. Er behandelt jedoch die allgemeine Idee in seiner »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« und geht darüber hinaus. Für Marx endet die Entfremdung nicht mit der politischen Emanzipation (im Rahmen einer kapitalistischen Gesellschaft), die die gegenseitige persönliche Abhängigkeit des Sklaven oder Leibeigenen und des Herrn beendet, sondern die Entfremdung ist an die Arbeit als »fremde Notwendigkeit« gebunden, d. h. an die materielle Ausbeutung. Nicht nur die Beziehung zwischen Herr, Sklave und Leibeigenem muss abgeschafft werden, sondern auch die Lohnarbeit als solche, um endlich die »menschliche Natur« durch die Emanzipation der Arbeit im Allgemeinen (einschliesslich der Lohnarbeit) zu verwirklichen.[64]

Während Hegel die Frage der Entfremdung von einem rein intellektuellen Standpunkt aus behandelte, nämlich wie die »Geiste« miteinander verbunden, auf das Bewusstsein an und für sich selbst reduziert werden, behandelt Karl Marx sie vom Standpunkt der »materiellen« menschlichen Beziehungen, die in den materiellen und produktiven Notwendigkeiten und ihrer Praxis wurzeln. Für Marx bleibt der »Bürger«, der Bourgeois, trotz seiner politischen Freiheit entfremdet: Er scheint darauf reduziert zu sein, ein Akteur seines eigenen Kapitals zu sein, sein Kapital scheint ein »Wollen« durch sich selbst zu haben, dem er gehorchen muss (die Notwendigkeit des Wachstums und der Konkurrenz), er tritt als Diener, als Sklave seines eigenen Kapitals auf und muss die Arbeitskraft anderer »freier« Individuen, die weniger »wohlhabend« sind als er, ausbeuten. Und insofern der Kapitalist nicht selbst produziert, ist er auch seiner eigenen Lebenskräfte, seiner schöpferischen Fähigkeit beraubt; er ist auf seine »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Triebe« und »Begierden« reduziert, die seine Persönlichkeit umso mehr beherrschen, je weniger er selbst produktiv ist.

»Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹«[65]. Einerseits stellen sich diese Waren selbst als Mittel zur weiteren Anhäufung von Reichtum dar, andererseits als Gegenstände des blossen Konsums an sich und für sich. Der angehäufte Reichtum erscheint als fremde Kraft, und die »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Triebe« und »Begierden« des Bourgeois erscheinen ebenfalls als Kräfte, die ihm fremd sind und für deren Befriedigung er bezahlen muss.

Auch der Arbeiter ist entfremdet: Er wird darauf reduziert, Lieferant seiner eigenen Arbeitskraft zu sein; seine eigene Arbeit materialisiert sich als eine ihm fremde Kraft, eine Kraft, die er verkaufen muss, indem er harte Arbeit verrichtet; seine Motivation ist nicht so sehr die Arbeit selbst, sondern eher der Lohn; während er den grössten Teil des gesellschaftlichen Reichtums produziert, begreift er diesen nur teilweise als sein Produkt und verfügt nicht darüber.

Marx schreibt folgendermassen: »Der Kapitalist funktioniert nur als personifiziertes Kapital, das Kapital als Person, wie der Arbeiter nur als die personifizierte Arbeit, die ihm als Qual, als Anstrengung…«[66] Nur durch die Abschaffung der Lohnarbeit kann die Entfremdung selbst abgeschafft und die kreative Fähigkeit der Menschen emanzipiert werden. Doch bis dahin werden die schöpferischen Fähigkeiten des entfremdeten Individuums unterdrückt, es wird seines eigenen Wesens beraubt, seine menschliche Natur wird entstellt, und folglich bleibt es das unerkannte Wesen seiner selbst, dessen es sich nur in der revolutionären Aktivität bewusst wird. »Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiss die Entfremdung als ihre eigne Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet, erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz. Sie ist, um einen Ausdruck von Hegel zu gebrauchen, in der Verworfenheit die Empörung über diese Verworfenheit, eine Empörung, zu der sie notwendig durch den Widerspruch ihrer menschlichen Natur mit ihrer Lebenssituation, welche die offenherzige, entschiedene, umfassende Verneinung dieser Natur ist, getrieben wird.«[67]
Während der Arbeiter den gesamten gesellschaftlichen Reichtum produziert, akkumuliert ihn der Bourgeois in privater Form; »privat« in dem Sinne, dass die Arbeiter davon ausgeschlossen sind. Beide sind entfremdet, aber die Entfremdung des einen ist nicht gleichbedeutend mit der Entfremdung des anderen. Während die Tätigkeit des Bourgeois gesellschaftlich unproduktiv ist, ist die Tätigkeit des Arbeitnehmers gesellschaftlich produktiv. Es ist dieses Bewusstsein, produktiv zu sein, das eine ausgebeutete Masse in eine revolutionäre Masse verwandeln kann.

Für Schopenhauer, der die menschliche Produktivkraft nur als ewige Bürde sehen konnte, war jeder Kampf für die Emanzipation ausgeschlossen. Tatsächlich kann sich die Bourgeoisie keine Gesellschaft jenseits ihrer eigenen Klassenherrschaft über die Gesellschaft vorstellen. Trotz seiner Entfremdung versucht der Bourgeois, ein gewisses Bewusstsein seiner eigenen Unbewusstheit zu erlangen, und tendiert somit dazu, seine eigene Irrationalität zu rationalisieren. Viele Philosophen des 19. Jahrhunderts versuchten, dieses Paradoxon zu lösen: vom Mystiker Søren Kierkegaard (der die Beziehung des Sünders zu Gott und die wahre Natur des Glaubens hinterfragte) bis zum Zyniker Friedrich Nietzsche (der die Moralität der Beziehung Meister-Sklave/Höriger und die wahre Natur der Macht hinterfragte); alles ist ein Geheimnis, verborgene Motivationen. Der Bourgeois fühlte sich von Mächten geleitet, die er weder verstehen noch kontrollieren konnte; er verstand nicht einmal mehr seine eigenen Motive, die von woanders als von ihm selbst zu kommen schienen; er war in einer Dynamik gefangen, die unabhängig von seinem eigenen Willen war, und musste daher annehmen, dass ein anderer unbewusster Wille in seinem eigenen Geist am Werk war. Der Bourgeois wurde in seiner Beziehung zu sich selbst paranoid und in seiner Beziehung zu anderen zynisch. So legte sich der Bourgeois auf die Couch und zermarterte sein Gehirn, um herauszufinden, was nicht stimmt.

Vor allem in der Zeit nach der Pariser Kommune wurde sich die Bourgeoisie allmählich der Grenzen ihrer eigenen Herrschaft als Klasse bewusst. Die Welt schien weniger rational zu sein, und trotz der unglaublichen technischen Fortschritte in den Natur- und Industriewissenschaften gab es gleichzeitig einen Rückschritt in den allgemeineren Vorstellungen, in der universellen Vision der Bourgeoisie. Es wurde klar, dass ihre technischen Fortschritte nicht alle Probleme lösten, dass die menschliche Natur weniger rational war als gedacht und dass es eine dunkle Seite der Menschen gab, ein störendes »Unbewusstes«. Die Religion gewann wieder an Einfluss unter den bürgerlichen Wissenschaftlern, die sich vor der proletarischen Gefahr ängstigten und sich auf »höhere Mächte« berufen und zu mittelalterlichen Täuschungen zurückkehren mussten, um die Kontrolle über die Massen zu behalten. Während Platon Menschen nur insofern als menschlich definierte, als sie rational waren, behauptete Schopenhauer, dass Menschen grundsätzlich irrational sind. Während es für Hegel und Marx einen Zustand der Unwissenheit, des Wissensmangels als Folge einer unterdrückten Menschlichkeit gab, ist für Schopenhauer das »Unbewusste« plötzlich mit einem positiven Inhalt gefüllt: mit autonomen »Bedürfnissen«, »Instinkten«, »Impulsen« und »Begierden«. Während die Menschen mehr oder weniger zu rationalem Verhalten fähig waren, galten sie einem völlig irrationalem Handeln zugeneigter.

Entfremdung wird als normaler Zustand der Dinge gesehen: eine unterdrückte Menschheit, reduziert auf ihre »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden«, die ihrerseits zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Lebens unterdrückt werden müssen. Das ist es, was zum Ausgangspunkt dieser Analysen wird. Arthur Schopenhauer analysiert die Dominanz der »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« als etwas Determinierendes, ein ewiges, natürliches, rein biologisches Wesen, eine Art Schicksal, dem man nicht entkommen kann. Man sieht auch, wie dies mit dem vulgären Materialismus von Karl Vogt, Ludwig Büchner und Jacob Moleschott verwechselt werden konnte, die einen spirituellen »Gott« einfach durch eine blinde »Natur« ersetzten, die dieselben Wunder durch mechanische »Ursachen« und »Wirkungen« hervorbrachte.

Da also kein Unterschied zwischen der tatsächlichen Entmenschlichung infolge von Entfremdung und instinktiven Verhaltensweisen gemacht wird, wird erstere als natürlich angesehen, während die Bedeutung letzterer so übertrieben wird, dass »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« als bestimmend, als konstitutiv für menschliches Verhalten erscheinen, was nur dann zutrifft, wenn Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt werden:
»Es kömmt daher zu dem Resultat, dass der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.«[68]
»Essen, Trinken und Zeugen etc. sind zwar auch echt menschliche Funktionen. In der Abstraktion aber, die sie von dem übrigen Umkreis menschlicher Tätigkeit trennt und zu letzten und alleinigen Endzwecken macht, sind sie tierisch.«[69]

Essen, Trinken und Fortpflanzung sind echte menschliche und nicht nur tierische Funktionen. Wenn man von den anderen Aspekten der menschlichen Aktivität absieht, werden diese Funktionen entmenschlicht und in diesem Sinne »bestialisch«.

Schopenhauer, Hartmann, Nietzsche, Freud

Schopenhauer war der Philosoph der Entfremdung par excellence. Selbst sein eigener Wille schien für ihn eine fremde Kraft zu sein, die er nicht kontrollieren konnte. Er war nicht in der Lage, die Freude an der Entwicklung seiner eigenen kreativen Fähigkeiten zu empfinden, denn im Grunde blieben seine Philosophie und seine anderen Aktivitäten steril.

1869 veröffentlichte Eduard von Hartmann in der Zeit nach der Pariser Kommune das Buch »Philosophie des Unbewussten«, ein Werk, das in Deutschland weit verbreitet war und auch in mehrere andere Sprachen übersetzt wurde. Der Neovitalismus wurde zur vorherrschenden Philosophie für mehrere Generationen deutscher Intellektueller (z. B. der berühmte Biologe Hans Driesch, aber auch Ernst Haeckel und sogar Albert Einstein) und hatte auch in Frankreich (z. B. Henri Bergson) und anderswo einen grossen Einfluss. In der Biologie war diese neovitalistische Idee bereits seit der Veröffentlichung von Charles Darwins »The Origin of Species« im Jahr 1859 [deutsch 1860: »Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.«] überwunden. Um die Evolution zu erklären, brauchte man nicht mehr eine »Lebenskraft« oder einen »Willen«, der nach seiner »Selbstverwirklichung trachtete«; die Entwicklung, die Evolution konnte durch zufällige Variationen und eine natürliche Auswahl dieser Variationen erklärt werden. Unmittelbar nach der Pariser Kommune änderte sich jedoch die Atmosphäre in Bezug auf den Darwinismus. Insbesondere in Deutschland gab es die Wiederkehr des Neovitalismus an vorderster Stelle in der Biologie als teleologische Gegenoffensive (der Vitalismus war eine Form davon, der Neolamarckismus eine andere, und die meisten Biologen vermischten die beiden). Rudolf Virchow, der 1848 immerhin auf den Barrikaden gestanden hatte, stellte notorisch einen Zusammenhang zwischen der Pariser Kommune und den »gefährlichen« Ideen des Darwinismus her.

Was Eduard von Hartmann betrifft, so besteht sein einziges Verdienst darin, dass er ein metaphysisches »Unbewusstes« als eine Entität an sich in den Mittelpunkt seiner Theorie stellte, anstatt Schopenhauers metaphysisches »Wollen«, das das Ganze noch mysteriöser machte; das »Wollen« selbst wäre nichts anderes als ein Attribut des »Unbewussten«. Er ging sogar so weit, jede Philosophie bis dahin als Philosophie des Bewusstseins zu charakterisieren, der er seine eigene Philosophie des Unbewussten gegenüberstellte. Die Vernunft sei den unbewussten »Bedürfnissen«, »Impulsen«, »Instinkten« und »Begierden« unterworfen. Die Konkupiszenz [Neigung oder innere Tendenz des Menschen zum Bösen oder zur Sünde] würde per Definition durch Unbehagen ausgeglichen werden. Glück wäre unerreichbar, da wir immer von unseren wahren »Bedürfnissen«, »Instinkten«, »Impulsen« und »Begierden« gequält werden würden. Der einzige Ausweg wäre das Aufhören zu existieren, das Nichts und die ewige Ruhe. Die poetischen Worte »Eros« und »Thanatos« sind noch nicht da, aber die wichtigsten Ideen der Psychoanalyse sind bereits vorhanden. Aber wie uns Eduard von Hartmann versichert, ist es immer noch besser, an der »Selbstverwirklichung des absoluten Willens« (von der wir nichts wissen) teilzunehmen, als sich zurückzuziehen, sich der Gesellschaft zu entziehen oder Selbstmord zu begehen. Die Existenz des »Unbewussten« auf individueller Ebene ins Bewusstsein zu bringen, würde also einen gewissen Sinn ergeben. Das Individuum muss sich selbst den »höheren Interessen« einer Art transzendentalen »Willens« unterwerfen, die es wahrscheinlich nicht verstehen kann.

Hier fand Sigmund Freud die Inspiration für seine Psychoanalyse, und er musste lediglich das Vokabular anpassen, um von einer »Philosophie« zu einer »Methode zur Untersuchung des Geistes«, einer »psychologischen Theorie« und einer »therapeutischen Praxis« zu gelangen und so seinen medizinisch-wissenschaftlichen Anspruch zu begründen.

Friedrich Engels beginnt im ersten Satz seines Vorworts zum »Anti-Dühring« gleich mit einem ironischen Hinweis auf Hartmann: »Die nachfolgende Arbeit ist keineswegs die Frucht irgendwelches ›innern Dranges‹. Im Gegenteil.«. Später schreibt er: »Mit der Hegelei warf man auch die Dialektik über Bord – grade im Augenblick, wo der dialektische Charakter der Naturvorgänge sich unwiderstehlich aufzwang, wo also nur die Dialektik der Naturwissenschaft über den theoretischen Berg helfen konnte – und verfiel damit wieder hülflos der alten Metaphysik. Im Publikum grassierten seitdem einerseits die auf den Philister zugeschnittenen flachen Reflexionen Schopenhauers und später sogar Hartmanns, andrerseits der vulgäre Reiseprediger-Materialismus eines Vogt und Büchner[70]

Nach der Psychoanalyse spielen die schöpferischen menschlichen Fähigkeiten, selbst wenn sie in ihrer begrenzten Form der entfremdeten, ausgebeuteten Arbeit vorkommen, kaum eine Rolle. Die Menschen, ob sie nun der materiellen Ausbeutung unterworfen sind oder nicht, werden tatsächlich als unausweichlich auf ihre »Bedürfnissen«, »Instinkten«, »Impulsen« und »Begierden« reduziert gesehen. Alles endet im ewigen mythischen Kampf zwischen »Eros« und »Thanatos«, dem ewigen und unsterblichen Krieg zwischen zwei mysteriösen Kräften, die die Menschen beherrschen und von ihnen nicht kontrolliert werden.[71] »Eros« und »Thanatos« sind nichts anderes als die Manifestation von Schopenhauers »absolutem Willen« in Form von zwei komplementären Gegenstücken. Sigmund Freud hätte es ebenso gut den Kampf des Erzengels Gabriel gegen Luzifer nennen können. Selbst wenn diese Kräfte bewusst geworden sind, bedeutet dies noch keine Ruhe. Es gibt keinen Ausweg aus dieser statischen, mechanischen, dualistischen und nicht dialektischen Beziehung.

Laut Sigmund Freud ist die Unterdrückung von »Bedürfnissen«, »Instinkten«, »Impulsen« und »Begierden« (»Eros«) eine Vorbedingung für jedes soziale Leben, da diese angeblich unsozial und egoistisch sind. Gleichzeitig macht diese Unterdrückung die Menschen krank und führt sie zu destruktivem und selbstzerstörerischem Verhalten: der Entfesselung des »Thanatos«. Die Art und Weise, wie das Problem formuliert ist, schliesst eine Lösung aus, gerade weil die Menschen als von ihren »Bedürfnissen«, »Instinkten«, »Impulsen« und »Begierden« bestimmt gesehen werden.

Die kreativen Fähigkeiten des Menschen sind völlig von der Bildfläche verschwunden und dürfen nur in Form von … reiner »Kunst« zurückkehren. Wenn Kreativität und Produktivität bei der Arbeit ausgeklammert werden, werden die Menschen tatsächlich auf ihre »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« reduziert. Für Sigmund Freud ist dieser Zustand des Mangels an Menschlichkeit der Ausgangs- und Endpunkt seiner gesamten Theorie. Entfremdete Menschen werden zu ihrem Vergnügen darauf reduziert, ihre »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« zu befriedigen (auf der Suche nach »Erleichterung« und »Befriedigung«). Indem er dies als Ausgangspunkt nimmt, anstatt es einer kritischen Analyse zu unterziehen, kommt Sigmund Freud zu dem Schluss, dass für das kulturelle Leben und die Zivilisation diese »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« unterdrückt und in etwas »Grösserem sublimiert« werden müssen.

Aber die Menschen erschaffen ihre eigene Natur. Sie sind keineswegs auf irrationale »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« beschränkt: Diese werden nur dann vorherrschend, wenn die menschliche Natur unterdrückt und frustriert wird. In ihrer Arbeit finden Menschen das Potenzial, frei zu sein, aber sie können wählen, und so sind sie auch moralische Wesen. Und der ganze Schaum um »Bedürfnisse«, »Instinkte«, »Impulse« und »Begierden« enthielt nichts Neues, im Gegenteil. Stellte Karl Marx nicht fest, dass in dem Masse, wie Menschen auch Tiere sind, die menschliche Natur auch »ein Ganzes von Bedürfnissen und Trieben ist, das mir Gewalt antut,« umfasst.[72]. Diese Kräfte sind sicherlich Teil unseres Seins, aber unser Sein wird in keiner Weise von ihnen bestimmt.

Sigmund Freud gab später zu, dass er eine seltsame Beziehung zu Eduard von Hartmann hatte: »Einige Wochen später notierte ich mir jene Fehlleistung. Bei dieser Gelegenheit warf ich auch die Frage auf, warum ich Eduard Hitschmann gerade in Eduard von Hartmann umgeändert hatte. Sollte mich bloss die Namensähnlichkeit auf den Namen des bekannten Philosophen geführt haben? Meine erste Assoziation war die Erinnerung an einen Ausspruch, den ich einmal von Professor Hugo Meltzl, einem begeisterten Schopenhauerverehrer, gehört hatte und der ungefähr so lautete: ›Eduard v. Hartmann ist der verhunzte, der auf seine linke Seite umgestülpte Schopenhauer‹. Die affektive Tendenz, durch die das Ersatzgebilde für den vergessenen Namen determiniert war, war also: ›Ach, an diesem Hitschmann und seiner zusammenfassenden Darstellung wird wohl nicht viel daran sein; er verhält sich wohl zu Freud wie Hartmann zu Schopenhauer[73]

Welche Beziehung hatte Sigmund Freud also zu Eduard von Hartmann? Sigmund Freud wich dieser Frage aus. Im Jahr 1914 behauptete er, er habe die Arbeit von Eduard von Hartmann nicht gelesen, bevor er seine eigene Theorie entwickelte, und wir sollten daher zu dem Schluss kommen, dass Sigmund Freud ein beliebtes und weithin bekanntes Buch mit dem Titel »Philosophie des Unbewussten« nicht gelesen hat, als er mit der Arbeit an seiner eigenen Theorie des …Unbewussten begann! Wir könnten daraus schliessen, dass der Analytiker Sigmund Freud den wahren Gedanken an seine tatsächliche Beziehung zu Eduard von Hartmann unterdrückte. Wir könnten auch zu dem Schluss kommen, dass hier eine kleine Unaufrichtigkeit vorlag.

Vico (2009)

Anmerkungen:[75]
[prev.] [content] [end]

  1. Brief an Wilhelm Fliess, 1. Februar 1900.[⤒]

  2. Es wird allgemein ignoriert, dass die eigentliche Grundlage der modernen Psychologie in Charles Darwins »Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren«, 1872, zu finden ist. Die Psychologie als eigenständige Wissenschaft wurde von dem Amerikaner William James (»Principles of Psychology«, 1890 [auf Deutsch wurde das 1400-seitige Werk nie übersetzt, 1920 erschien in Leipzig James eigene Zusammenfassung (»Psychology«) unter dem Titel »Psychologie«]) und dem Deutschen Wilhelm Wundt (»Grundzüge der physiologischen Psychologie«, 1873-1874 und vor allem Grundriss der Psychologie, 1896) weiter entwickelt. Beide gründeten 1875, kurz nach der Veröffentlichung von Charles Darwins Werk, ein Laboratorium für psychologische Forschung. Sie gaben der Psychologie sofort eine mechanistische, reduktionistische und deterministische Wendung, die in den Werken von Charles Darwin selbst nicht zu finden ist, und sie verwechselten auch »Evolution« mit »Fortschritt«.[⤒]

  3. Siehe zum Beispiel Frank A. Geldard, »Fundamentals of Psychology«, New York, John Wiley & Sons, 1962. Zum »Wesen der menschlichen Natur« (man könnte es auch die »menschliche Seele« nennen) wird nicht viel mehr gesagt, als dass es »komplizierter« ist als bei anderen Tieren und auch »weniger vorhersehbar«. Das ist nicht sehr hilfreich. Es wird uns versichert, dass es sich um eine Frage der »Motivation, des Lernens und der Wahrnehmung« handelt. Auch das ist nicht sehr hilfreich, da es auch für Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere gilt. Man sollte sich nicht von der komplizierten mathematischen Sprache einschüchtern lassen, in die die dürftige Theorie verpackt ist. Es handelt sich vor allem um statistische Eins-zu-Eins-Beziehungen, die eine gewisse »Korrelation« »suggerieren«, ohne dass damit zwangsläufig eine »Kausalität« verbunden ist. Das ist nur logisch, denn es sind immer Dutzende von »Variablen« im Spiel; der menschliche Geist ist viel zu komplex, um in einfachen mathematischen Gleichungen erfasst zu werden.[⤒]

  4. Darunter »Scientific American«, Februar 2006, und »Der Spiegel«, Mai 2006; bekannte freudianische Neurobiologen sind Oliver Sacks und António Damásio.[⤒]

  5. Die Tatsache, dass die Bücher Sigmund Freuds und Rudolf Steiners von den Nazis verbrannt und vom Vatikan verurteilt wurden, kann kaum als Argument für ihre Theorien dienen.[⤒]

  6. In Frankreich wurde 2002 die Bénesteau-Affäre bekannt – eine empörte Verleumdungskampagne, Ersatz für Argumentation, in »L’Humanité« und »Le Monde« – mit unbegründeten Anschuldigungen des Antisemitismus und einem pathetischen »Warum so viel Hass gegen uns?« der recycelten Stalinistin Élisabeth Roudinesco, der Diva der französischen Psychoanalyse. Siehe Jacques Bénesteau, »Mensonges freudiens. Histoire d'une désinformation séculaire«, Mardaga, 2002. Es ist erstaunlich, dass dieses Buch einen derartigen Skandal ausgelöst hat, da ihm auf Französisch folgende Werke vorausgingen (nicht erschöpfende Liste): Pierre Debray-Ritzen, »La scolastique freudienne«, Paris, Fayard, 1973; Frank J. Sulloway, »Freud biologiste de l’esprit«, Paris, Fayard, 1979 (Englisch: »Freud, Biologist of the Mind: Beyond the Psychoanalytic Legend«, 1979); Jacques Van Rillaer, »Les illusions de la psychanalyse«, Bruxelles, Mardaga, 1980; Sherry Turkle, »La France freudienne«, Paris, Fayard, 1981; Patrick J. Mahony, »Freud l’écrivain«, éd Belle Lettres, 1982; Hans Jürgen Eysenck, Déclin et chute de l'Empire Freudien, Paris, De Guibert, 1985 (Deutsch: »Niedergang und Fall des Freudschen Reiches«, 1985); Paul Roazen, »La Saga freudienne«, Paris, P.U.F., 1986; Renée Bouveresse, »Les critiques de la psychanalyse«, Que sais-je, n°2620, Paris, P.U.F., 1991; Pierre Debray-Ritzen, »La psychanalyse, cette imposture«, Paris, Albin Michel, 1991; Adolf Grünbaum, »La psychanalyse à l’épreuve«, Paris, L'Éclat, 1993 (Englisch: »Validation in the Clinical Theory of Psychoanalysis. A Study in the Philosophy of Psychoanalysis«, 1993); Henri F. Ellenberger, »Histoire de la découverte de l'inconscient«, Paris, Fayard, 1994 (Englisch: »The Discovery of the Unconscious«, New York, Basic Books, 1970); Adolf Grünbaum, »Les fondements de la psychanalyse, une critique philosophique«, Paris, P.U.F., 1986, 1996 (Englisch: »The Foundations of Psychoanalysis: A Philosophical Critique«, 1984). Trotz des Skandals und des Risikos rechtlicher Nachwirkungen in Frankreich folgten ihm (nicht erschöpfende Liste): André Haynal und Paul Roazen, »Dans les secrets de la psychanalyse et de son histoire«, Paris, P.U.F., 2005; Catherine Meyer (Hrsg.), »Le Livre noir de la psychanalyse. Vivre, penser et aller mieux sans Freud«, Les Arènes, coll. Documents, 2005; Jacques Van Rillaer, »Le freudisme et les rationalismes«, Lyon, 2006; Mikkel Borch-Jacobsen, Sonu Shamdasani, »Le dossier Freud: Enquête sur l'histoire de la psychanalyse«, Empêcheurs de Penser en Rond, 2006; René Pommier, »Sigmund est fou et Freud a tout faux. Remarques sur la théorie freudienne du rêve« (Bemerkungen zur Freudschen Traumtheorie), éditions de Fallois, 2008. Diese Autoren stammen aus sehr unterschiedlichen Denkschulen; einige von ihnen waren einst selbst feste Anhänger der Psychoanalyse. Im Englischen ist die Liste viel, viel länger.[⤒]

  7. »Mein Artikel über die Psychoanalyse wurde gut aufgenommen. Es scheint richtig zu sein, eine wissenschaftliche Höhe einzunehmen und das Ganze mit Wörtern wie ›tief‹, ›gründlich‹, ›durchdringend‹ zu ummanteln!« (Ernest Jones an Sigmund Freud, 14. Februar 1910, in »Correspondance complète«, Paris, P.U.F., 1998, S. 94, zitiert in »Le Livre noir de la psychanalyse«, S. 275, von uns aus dem Französischen übersetzt; das deutsche Original in Sigmund Freud. Ernest Jones. Briefwechsel 1908–1939, 2 Bde., Frankfurt, Fischer, 1993).[⤒]

  8. Natürlich kann es grosse spekulative Ideen geben, die eine Zeit lang im Schatten der Wissenschaft bleiben. Charles Darwin schrieb weise: »Ich bin der festen Überzeugung, dass es ohne Spekulation keine gute & originelle Beobachtung gibt.« (Brief an Alfred Russel Wallace, 22. Dezember 1857 [Eigene Übersetzung]). Aber erstens wurde die Psychoanalyse nie als Spekulation oder »Hypothese« vorgestellt; zweitens hat Sigmund Freud – ganz im Gegensatz zu Charles Darwin, der jahrzehntelang arbeitete, bevor er etwas veröffentlichte – nie nach einer wissenschaftlichen Bestätigung seiner Spekulationen gesucht – er behauptete einfach, dass seine privaten »Erkenntnisse« Garantie genug für die Gültigkeit seiner »Therapie« seien.[⤒]

  9. Zitiert in »Le livre noir sur le psychanalyse«, S. 114, von uns aus dem Französischen übersetzt. Jacques Lacan postulierte, dass das »Unbewusste« nicht rational verstanden werden könne, sondern durch das »Unbewusste« selbst angesprochen werden müsse. Das heisst: Das »Unbewusste« des »Analysators« wurde zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der »Analysierte« musste versuchen, seinem Kauderwelsch einen Sinn zu geben und dafür zu bezahlen. »Die Psychoanalyse ist eine Praxis des Sprechens und ähnelt in dieser Hinsicht den Psychotherapien. Im Gegensatz zu diesen greift sie jedoch weder auf Suggestionen noch auf die Erzeugung von Sinn zurück und zielt nicht darauf ab, das Symptom zum Schweigen zu bringen. Sie ist eine Sprechpraxis, die auf den stillen, inter-direktiven, sinnfreien Genuss abzielt, der dem Symptom innewohnt. Sie ist die einzige Disziplin, die darauf abzielt, den Biss des Wortes auf das Fleisch zu verändern, die einzige, die darauf abzielt, die Nahtstelle des Signifikanten mit dem Lebenden und seinem Erleben zu berühren. Das ist eine Art, sie zu definieren.« (Aus einer Einladung zu einer Reihe von Konferenzen 2009-2010 des (Lacanschen) Forum psychanalitique de Bruxelles [Eigene Übersetzung]). Es gibt sicherlich andere Definitionsmöglichkeiten.[⤒]

  10. Es ist einer der vielen Mythen, dass Sigmund Freud ein Tabu gebrochen hätte, indem er offen über Sexualität diskutierte; alles, was er tat, war, mit Plattitüden und den Vorurteilen seines sozialen Umfelds um sich zu werfen, offensichtlich sehr zum Missfallen seiner Umgebung.[⤒]

  11. Der Vitalismus beruft sich auf ein Lebensprinzip zur Erklärung der Welt, das als »Wille«, »Lebensfunke«, »psychische Energie« oder »Lebenselan« bezeichnet wird; er kann auch als »Seele« bezeichnet werden; das Universum wird von einer Art »Willen« geleitet, der nicht unbedingt bewusst ist und versucht, sich selbst zu »verwirklichen«; er wird manchmal auf die lebende Natur beschränkt.[⤒]

  12. In »Jenseits des Lustprinzips« (1920), (»Gesammelte Werke«, S. Fischer, Frankfurt/M, Bd. 13, S. 53), schreibt Sigmund Freud: »Aber etwas anderes können wir uns nicht verhehlen: dass wir unversehens in den Hafen der Philosophie Schopenhauers eingelaufen sind.« Es ist vielmehr so, dass er von Anfang an von dort ausgegangen ist.[⤒]

  13. Zu den Ursachen der wahren physischen und moralischen Degeneration der Arbeiterklasse im 19. Jahrhundert siehe für den Anfang Friedrich Engels, »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«, 1844 [MEW, Bd. 2, S. 225ff.][⤒]

  14. Sigmund Freud blieb sein ganzes Leben lang ein Mitglied der Freimaurerloge B’nai B’rith. Im Jahr 2003 wurde in Paris eine Loge dieses Zweiges der Freimaurerei mit dem Namen Sigmund Freud gegründet.[⤒]

  15. Die ersten Psychoanalytiker wie Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Sandor Ferenczi und Otto Rank sollten dies am eigenen Leib erfahren.[⤒]

  16. Ironischerweise mussten alle frühen Psychoanalytiker auf die Couch von Sigmund Freud (insbesondere diejenigen, die mit ihm nicht einverstanden waren), aber Sigmund Freud selbst hat nie auf der Couch von irgendjemandem gelegen.[⤒]

  17. Die Ironie ist, dass die ursprüngliche Unterscheidung zwischen »Neurosen« und »Psychosen« zwischen dem, was als von den »Nerven« kommend gesehen wurde, und dem, was als vom »Psychischen« kommend gesehen wurde, bestand. Sigmund Freud hingegen hält »Neurosen« für psychologisch und »Psychosen« für physiologisch und nicht durch die Psychoanalyse behandelbar.[⤒]

  18. Die Idee einer Art konstanter »psychischer Energie« war Sigmund Freuds Plagiat des deutschen Physiologen Ernst Wilhelm von Brücke; sie existiert nicht nur in allen möglichen vulgärmaterialistischen und vitalistischen Ideologien, sondern sogar im Prana der mystischen indischen Textsammlung »Upanishaden«, und von dort aus kann man sie bei William Blake und der Theosophie wiederfinden.[⤒]

  19. Die Geschichte der psycho-pathologischen Klassifizierung von Emil Kraepelin bis zum modernen DSM [Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen)] wird später behandelt.[⤒]

  20. Sie wurde von Sigmund Freuds Neffen Edward Bernays und im Vereinigten Königreich von Wilfred Trotter weiter entwickelt.[⤒]

  21. Die Definitionen der Konzepte in der Psychoanalyse sind so vage und flexibel, dass die Bemühungen, ihre Gültigkeit empirisch zu überprüfen, genauso nutzlos sind wie der Versuch, zu überprüfen, ob Jesus wirklich ein Kind mit Maria Magdalena gehabt haben kann oder nicht und ob König Merowech ein Nachkomme dieses Kindes ist.[⤒]

  22. Roy Grinker war dabei, als Sigmund Freud ein Dokument mit experimentellen Forschungsergebnissen erhielt, die die Theorie der verdrängten Erinnerung zu bestätigen schienen: »Freud warf den Brief wütend auf den Boden und sagte: ›Die Psychoanalyse braucht keinen experimentellen Beweis‹«. Zitiert von Jacques Van Rillaer, »Le freudisme et les rationalismes«, 2006, (R. Grinker, »A philosophical appraisal of psychoanalysis«, in J. Masserman (Hrsg.), »Science and Psychoanalysis«, New York, Grune & Stratton, 1958, Bd. I, S. 132).[⤒]

  23. Repliken aus einem amerikanischen Film: »Wer ist das, ein Freund?«, Antwort: »Oh, das ist eine Art Psychoanalytiker für diejenigen, die sich keinen leisten können.« Natürlich kann ein Psychoanalytiker, der auf einer gewissen Lebenserfahrung beruht, seinen Klienten mit einer gewissen Weisheit Ratschläge erteilen, aber diese Eigenschaften sind nicht erforderlich, um ein Psychoanalytiker zu werden. Dass die Erteilung einiger freundschaftlicher Ratschläge kommerzialisiert werden kann, sagt viel über die Zerstörung der sozialen Beziehungen im Kapitalismus aus. Im Gegenteil, moderne professionelle Hilfe direkt nach traumatischen Ereignissen hat sich in einigen Fällen als wirksam erwiesen.[⤒]

  24. Seine eigenen Motive zu hinterfragen kann dennoch sehr hilfreich sein, da Fragen der einfachen Ehrlichkeit auf dem Spiel stehen können.[⤒]

  25. Woody Allen wurde über dreissig Jahre lang intensiv »psychoanalysiert«. Seine Filme vermitteln den starken Eindruck, dass er irgendwo in seiner Karriere begann, Psychoanalytiker zu manipulieren, anstatt von ihnen manipuliert zu werden, und zwar aus dem einzigen Grund, um Elemente des Wahnsinns für seine Filme zu sammeln. Siehe hauptsächlich Zelig, 1983, eine »tiefgründige« Parodie der Psychoanalyse in Form eines historischen Dokumentarfilms über das Interbellum, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als die Psychoanalyse Furore machte.[⤒]

  26. Karl Marx verwendete nie die Begriffe »dialektischer« oder »historischer« Materialismus, und wenn er von der »materialistischen Geschichtsauffassung« sprach, benutzte er den Begriff »Materialismus« im Sinne der Philosophen des 18. Jahrhunderts, die in ihrer Ablehnung metaphysischer, d. h. übernatürlicher Erklärungen nach »physikalischen«, d. h. natürlichen Erklärungen suchten; dies bezog sich auch auf die (materialistische) experimentelle Wissenschaft im Gegensatz zur spekulativen (idealistischen) Philosophie. Die »Vulgärmaterialisten« des 19. Jahrhunderts hingegen beschränkten sie auf einen Gegensatz zwischen einer ontologischen, also metaphysischen »Substanz« und einem ebenfalls ontologischen, also metaphysischen »Geist«, obwohl beide in Wirklichkeit nur eine reine Abstraktion und vollkommen austauschbar sind. Anton Pannekoeks Kritik in »Lenin als Philosoph« bleibt in dieser Frage weitgehend unterschätzt.[⤒]

  27. Siehe Friedrich Engels, »Dialektik der Natur«, Kapitel »Naturwissenschaft und Philosophie«.[⤒]

  28. Insbesondere »Dora«, d. h. Ida Bauer, die Schwester von Otto Bauer, und »Irma«, d. h. Emma Eckstein, nicht nur Schwester des Austromarxisten Gustav Eckstein, sondern auch des Theosophen Friedrich Eckstein, der ein Freund von Sigmund Freud war. Otto Bauer und Gustav Eckstein finden sich in Rosa Luxemburgs »Antikritik« wieder.[⤒]

  29. »Wegen einer nervösen Krankheit stand Joffe in psychoanalytischer Behandlung bei dem bekannten Wiener Arzt Alfred Adler, der als Schüler des Professors Freud begonnen harte, sich aber dann in Opposition zu seinem Lehrer stellte und eine eigene individualpsychologische Schule gründete. Durch Joffe wurde ich mit den Problemen der Psychoanalyse bekannt, die mir sehr verführerisch erschienen, obwohl auf diesem Gebiete vieles sehr schwankend und unbeständig ist und den Boden für Phantastik und Willkür öffnet.« (Leo Trotzki, »Mein Leben«, Kapitel 17, »Vorbereitung zur neuen Revolution«). Die Psychoanalyse spielte in vielen trotzkistischen Gruppen eine wichtige Rolle.[⤒]

  30. Die »Weisse Vorschule« wurde von Vera Schmidt und später von Sabina Spielrein geleitet. Zur Psychoanalyse in der Sowjetunion siehe Martin A. Miller, »Freud and the Bolsheviks«, New Haven, Yale University Press, 1998, und A. Etkind, »Eros of the impossible: the history of psychoanalysis in Russia«, Oxford, Westview Press, 1997. Als Beweis dafür, dass die Stalinisten die Psychoanalyse ausnutzten, siehe Reuben Osborn (Pseudonym des Psychiaters Reuben Osbert), »Freud and Marx. A Dialectical Study«, London and New York, 1937. Für eine stalinistische Einschätzung der Psychoanalyse siehe Georges Politzer, »Critique des fondements de la psychologie«, 1928 (»Kritik der Grundlagen der Psychologie. Psychologie und Psychoanalyse«, Suhrkamp, Frankfurt/M, 1978), nachgedruckt bei Paris, P.U.F., 2003.[⤒]

  31. Siegfried Bernfeld et al., »Psychoanalyse und Marxismus. Dokumentation einer Kontroverse«, Frankfurt/M, Suhrkamp, 1970; Russel Jacoby, »The Repression of Psychoanalysis. Otto Fenichel and the Political Freudians«, New York, Basic Books, 1983.[⤒]

  32. Dr. Alice Rühle-Gerstel, »Freud und Adler«, Dresden, 1924.[⤒]

  33. Anton Pannekoek, »Marxism and Psychology«, in »Living Marxism«, Vol. IV, No. 1, February 1938, S. 21-23; Anton Pannekoek hinterliess auch unveröffentlichte Notizen zu diesem Thema, die im International Institute for Social History in Amsterdam zu finden sind. Paul Mattick, »Marx and Freud«, in »Western Socialist«, März/April 1956 (über Eros und Zivilisation von Herbert Marcuse).[⤒]

  34. Die Psychoanalyse fehlt zum Beispiel in den Arbeiten von Karl Kautsky, August Bebel, Franz Mehring und Rosa Luxemburg.[⤒]

  35. Norman O. Brown, »Life Against Death. The Psychoanalytical Meaning of History«, Middletown, 1959 (Französische Übersetzung: »Eros et Thanatos«, Paris, Julliard, 1960). Norman O. Brown war ein enger Freund von Herbert Marcuse; sie trafen sich bei der OSS, dem Vorläufer der CIA. Herbert Marcuse kritisierte Norman O. Brown in »Love Mystified. A Critique of Norman O. Brown«, in »Commentary«, Februar 1967; Norman O. Brown reagierte in »A Reply to Herbert Marcuse«, in »Commentary«, März 1967.[⤒]

  36. Die Liste der kritischen Werke über die Psychoanalyse in französischer Sprache kann ergänzt werden durch: Gilles Deleuze und Félix Guattari, »L’Anti-Œdipe – Capitalisme et schizophrénie«, Paris, Les éditions de Minuit, 1972 [deutsch: »Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie«, Suhrkamp, 1977]; Jacques Bouveresse, »Mythologie, philosophie et pseudoscience. Wittgenstein lecteur de Freud«, Paris, L'Éclat, 1991; Marcel Gauchet, »L’inconscient cérébral«, Paris, Éditions du Seuil, 1992; Michel Onfray, »Le crépuscule d’une idole; l’affabulation freudienne«, Paris, Bernard Grasset, 2010 [deutsch: »Anti Freud: Die Psychoanalyse wird entzaubert« Albrecht Knaus Verlag, München, 2011]. Um den enormen Rückstand in Frankreich zu verstehen, muss man nur die englische und französische Version der Wikipedia von 2010 zu »Unconscious mind« (en) und »Inconscient« (fr) vergleichen.[⤒]

  37. Zitat aus der 11. deutschen Ausgabe, 1913; die letzte deutsche Ausgabe der »Philosophie des Unbewussten« erschien 1923, danach musste man auf einen Nachdruck der 1. Auflage warten: Hildesheim, Zürich, New York, Olms, 1989; 1. englische Ausgabe 1930, neu aufgelegt als »The Philosophy of the Unconscious«, London, Routledge, 2003; auf Französisch wurde sie als »La Phénoménologie de l'inconscient«, 1877, veröffentlicht und als »Philosophie de l'inconscient«, Paris, l'Harmattan, 2008, neu gedruckt. Siehe auch: Serge Nicolas und Laurent Fedi, »Un débat sur l'inconscient avant Freud: la réception de Eduard von Hartmann chez les psychologues et philosophes français«, Paris, l'Harmattan, 2008. Nachdem er also mehr als ein halbes Jahrhundert lang vergessen war, ist Eduard von Hartmann wieder in Mode gekommen.[⤒]

  38. Hier wird von einer Reihe von »Abweichungen« abstrahiert, die heute z. B. als »Schizophrenie«, »Autismus«, »bipolare Störung« oder »Down-Syndrom« bezeichnet werden und über die man nach wie vor nur sehr wenig weiss, die aber nicht mehr mit Problemen der »Instinkte« und nur noch am Rande mit »Entfremdung« in Verbindung gebracht werden können. Solange die notwendigen Unterscheidungen zwischen den Kategorien von »Abweichungen« nicht gemacht wurden, konnte man sich leicht von Vorurteilen leiten lassen und verfiel auch sehr leicht in falsche Verallgemeinerungen, die die wissenschaftliche Forschung behinderten. Die Kriterien für die Einweisung in Irrenanstalten waren früher wie heute: Ist der Betreffende eine Gefahr für sich selbst, für andere oder für die Anstandsregeln der Gesellschaft?[⤒]

  39. Siehe für den Anfang Stephen Jay Gould, »Die Entdeckung der Tiefenzeit. Zeitpfeil und Zeitzyklus in der Geschichte unserer Erde.« (Carl Hanser, München 1990). Hegel und die Dialektik fehlen jedoch in diesem Buch, ebenso wie die Entstehung des Kapitalismus, der die Entwicklung der Geologie und Biologie stark vorangetrieben hat.[⤒]

  40. Die Illusion der Bourgeoisie bezüglich der Fähigkeit, alle Probleme mit technischen Mitteln zu lösen und damit die ökologischen, sozialen und psychologischen Probleme im Rahmen des sterbenden Kapitalismus auf blosse Technizität zu reduzieren, ist offensichtlich. Man braucht sich nur auf die folgenden drei Ebenen zu beziehen: a) die Gefahr einer demografisch-ökologischen Katastrophe, weil die Natur immer noch eher ausgebeutet als beherrscht wird; b) die durch die Ausbeutung und Ausgrenzung von Arbeitskräften verursachten sozialen Spannungen, die die Bourgeoisie in letzter Instanz nur durch Gewalt und Zerstörung »kontrollieren« kann; c) die wachsende »psychologische« Krise um unsere »Identität« in Form von fremdenfeindlichen Gefühlen, einem gemeinsamen nationalen und ideologisch-religiösen Schicksal von »wir« gegen »die«. Die bürgerliche Gesellschaft hat es offensichtlich nicht geschafft, die lebenswichtigen Probleme der Menschheit und die Probleme der Entfaltung der menschlichen Natur zu lösen. Das ist verständlich, denn die menschliche Natur besteht gerade in der potenziellen Fähigkeit der gesamten Menschheit, ihr Schicksal durch eine neue gesellschaftliche Organisation in die Hand zu nehmen, die von den Ausgebeuteten getragen wird und durch die Arbeit hunderter früherer Generationen ermöglicht wurde, die ihre Werkzeuge immer weiter verbessert haben (eine Tätigkeit, durch die sich Menschen übrigens von Tieren unterscheiden).[⤒]

  41. Siehe Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft« (»Anti-Dühring«, MEW, Bd. 20, 1. Abschnitt, »Philosophie«, S. 32ff., und »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«, MEW, Bd. 19, II. Abschnitt, S. 202ff.[⤒]

  42. Zur Frage der »Dialektik«: Anton Pannekoek schrieb, nachdem er einen Text zu diesem Thema erhalten hatte (wahrscheinlich »Freiheit und Ordnung«, 1947), am 28. Juni 1948 an Ernst Bloch: »Mit dem Wort ›Dialektik‹ ist viel Hokuspokus getrieben worden, besonders von Leuten die damit, als eine Art unverstandener Zauberformel, das Bekenntnis zum wahren Glauben geben wollen. In Wahrheit ist sie eine ganz einfache Sache, (und als solche in Friedrich Engels’s ›Anti-Dühring‹ zu finden) passend zu früheren Denkformen der Philosophie, wofür aber die spätere Naturwissenschaft bessere Ausdrucksformen geprägt hat.« (IISG Amsterdam, Archiv Pannekoek, Signatur 108).[⤒]

  43. »Geist« war nur ein anderes Wort für Gott, ein Wort, das wegen seiner anthropomorphen Konnotation sorgfältig vermieden wurde; für Hegel war ein solches »absolutes Wesen«, ein solches »absolutes Prädikat« identisch mit »Natur« oder »Materie«; Daher befanden sich für ihn Deisten und Materialisten auf einem gemeinsamen Boden, und was als »Materie« bezeichnet wurde, sollte eine elementarere Form dessen enthalten, was wir als »Geist« bezeichnen; das, was die »Monisten« später als »geistige Materie« oder »Atomseele« bezeichnen sollten. Siehe Karl Korsch, »Der gegenwärtige Stand des Problems ›Marxismus und Philosophie‹.«, 1930, 3. Kapitel, und vor allem Anton Pannekoek, »Lenin als Philosoph. Kritische Betrachtung der philosophischen Grundlagen des Leninismus«, Kapitel »Der bürgerliche Materialismus« (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M, 1969).[⤒]

  44. In der preussischen »spekulativen Philosophie« sollte die reine Macht des Denkens die empirische Methode der auf Erfahrung beruhenden britischen Naturwissenschaften ersetzen. Dennoch verfolgte Hegel, genau wie Immanuel Kant vor ihm, kritisch die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse, beherrschte alle Wissenschaften seiner Zeit und las in anderen Sprachen.[⤒]

  45. »Die sog. historische Entwicklung beruht überhaupt darauf, dass die letzte Form die vergangnen als Stufen zu sich selbst betrachtet und […] sie immer einseitig auffasst.« (»Einleitung zu den ›Grundrissen der Kritik der politischen Okonomie‹«, MEW, Bd.42, S. 40). Es gibt keine allgemeine Regel, dass sich ein einzelliges Leben durch Zufälle und Irrtümer unweigerlich zu Reptilien oder Vögeln entwickelt oder dass sich der Feudalismus zwangsläufig in den Kapitalismus verwandelt.[⤒]

  46. Hegel, Vorwort zu den »Grundlinien der Philosophie des Rechts«, Frankfurt/M, Suhrkamp, 1986, S. 27. Der englische Übersetzer T. M. Knox merkt an, dass sich das »Grau in Grau« auf Goethes »Faust« bezieht, wo Mephistopheles sagt: »Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.«[⤒]

  47. »Auch mir fiel gleich bei der ersten Lektüre Darwins die frappante Ähnlichkeit seiner Darstellung des Pflanzen- und Tierlebens mit der Malthusschen Theorie auf. Nur schloss ich anders als Sie, nämlich: dass dies die höchste Blamage für die moderne bürgerliche Entwicklung sei, dass sie es noch nicht über die ökonomischen Formen des Tierreichs hinausgebracht habe.« (Friedrich Engels an Friedrich Albert Lange, 29. März 1865, MEW, Bd. 31, S. 466)[⤒]

  48. Es ist anzumerken, dass eine ausgebeutete Klasse nicht notwendigerweise und automatisch ein angemessenes Bewusstsein für die Mittel und Ziele ihres eigenen Kampfes entwickelt. Marx warnte die Bourgeoisie: »Auf einem gewissen Höhepunkt muss er [der Umwälzungsprozess] auf den Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse selbst. Von höheren Motiven abgesehn, gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der Arbeiterklasse hemmen.« (Karl Marx, »Das Kapital«, Vorwort zur ersten Auflage, MEW, Bd. 23, S. 15)[⤒]

  49. In diesem Zusammenhang spricht Marx von »dieser Bewusstlosigkeit« (»Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik«, VI. Kapitel, »4. Proudhon«, Kritische Randnotiz Nr. 1 [MEW, Bd. 2, S. 34][⤒]

  50. Insbesondere in Hegels Vision würde der »absolute Geist« von den »aufgeklärten Despoten« wie zum Beispiel Friedrich Wilhelm III von Preussen verkörpert. In der Schlacht von Jena 1806 glaubte Hegel sogar, den »absoluten Geist« in Gestalt von Napoleon Bonaparte auf einem Pferd sitzend zu sehen. Man kann auch eine Verbindung zwischen Hegels »Geist« und den heute sehr modischen »Memen« (»Ideen«, die durch ihre quasi-genetische Selbstreplikation eine eigene Dynamik haben sollen) von Richard Dawkins sehen.[⤒]

  51. »Eine Nation soll und kann von der andern lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen –, kann sie naturgemässe Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.« (Karl Marx, »Das Kapital«, Vorwort zur ersten Auflage, MEW, Bd. 23, S. 15/16)[⤒]

  52. Wir werden nicht auf den Vitalismus und bis hin zum Gegensatz zwischen Aristoteles und Platon eingehen, da dies für das, was in diesem Artikel behandelt wird, nicht von grosser Bedeutung ist. Das vitalistische Konzept war zu Beginn eher eine blosse Abstraktion in einem Kontext, in dem man wenig wusste, und war zu dem Zeitpunkt, als Schopenhauer schrieb, bereits völlig überholt.[⤒]

  53. All dies läuft auch auf ein kleines Spiel mit Worten hinaus: Alles, was existiert, muss zuvor als »Potenzial« existiert haben, und dieses »Potenzial« muss irgendwie selbst nach Verwirklichung gesucht haben. Es war Charles Darwin, der diesem teleologischen Argument in der Biologie den Todesstoss versetzte, aber seine Arbeit wurde in Deutschland schnell im Rahmen des Schopenhauerschen »Wollens« interpretiert. JBS Haldane, oft sehr klug, schrieb: »Die Teleologie ist für einen Biologen wie eine Geliebte: Er kann nicht ohne sie leben, aber er möchte nicht in ihrer Gesellschaft in der Öffentlichkeit gesehen werden.«[⤒]

  54. »Die Bourgeoisie dagegen wird immer mehr empfänglich für eine Philosophie der Versöhnung, und so erweckt sie den Kantianismus zu neuem Leben. Diese Neubelebung wurde in der Reaktionsperiode nach 1848 angebahnt durch den damals beginnenden Einfluss Schopenhauers«. (Karl Kautsky, »Ethik und materialistische Geschichtsauffassung«, 1906, Kapitel III »Die Ethik Kants«, Abschnitt 4 »Die Philosophie der Versöhnung«, J. H. W. Dietz, Stuttgart 1910, S. 43). Siehe auch Franz Mehring, »Arthur Schopenhauer«, 1888; »Zurück auf Schopenhauer«, 1909, und »Neulamarckismus und mechanischer Materialismus«, 1910, in: »Gesammelte Werke«, Bd. 13, »Philosophische Aufsätze«, Berlin, Dietz Verlag, 1977. Im Gegensatz zu Marx, Engels und Kautsky schätzte Mehring Schopenhauer noch immer. Marx’ Kritik an Hegel galt auch für Schopenhauer: »Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äussere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.« (Karl Marx, »Das Kapital«, Nachwort zur zweiten Auflage von 1873, MEW, Bd. 23, S. 27). Schopenhauer verwandelte den menschlichen Willen in ein unabhängiges Subjekt, von dem der konkrete Mensch nur eine Emanation wäre.[⤒]

  55. Dies entspricht teilweise dem, was Hegel den »Zeitgeist« oder das »gemeinschaftliche Bewusstsein« der »Bürger« nannte, d. h. vor allem die bürgerlichen Vorurteile, die in der »öffentlichen Meinung« geteilt werden. Die Phrase »kollektives Bewusstsein« [Jung prägte den Begriff des »kollektiv Unbewussten«] wurde von Carl Gustav Jung, der nach 1933 vergeblich versuchte, mit seiner »Tiefenpsychologie«, die der Ideologie des »Ahnenerbes« von Heinrich Himmler sehr ähnlich war, ein »Guru« der Nazis zu werden, in »psychologische« »Archetypen« (ein Wort, das aus der alten spekulativen Biologie entlehnt war) umgewandelt. »Jung schreibt dann, dass er in Bezug auf das kollektive Imaginäre zwei Entitäten unterscheidet: ein arisches und ein jüdisches Unbewusstes, wobei das erste seiner Meinung nach ein höheres Potenzial als das zweite hat« (Französische Wikipedia, Eintrag »Kollektives Unbewusstes« [Zugriff: Februar 2022]). Nach 1945 »passte« sich Carl Gustav Jung mit derselben Leichtigkeit an die »neue Ordnung« an… die amerikanische.[⤒]

  56. Es gibt nichts Besonderes zu sagen über die Tendenz allen Lebens, sich selbst zu erhalten und sich zu reproduzieren: Dies wurde bereits von Jean-Baptiste de Lamarck (und vor ihm von griechischen Philosophen) formuliert. Bei Lamarck ging es jedoch nur um die materiellen Bedingungen des Lebens, während dies bei Schopenhauer zu mystischen Kräften wurde, die ohne unser Wissen wirken und uns auf die gleiche Weise bestimmen würden wie die Mikroben. Der junge Marx schrieb:
    »Menschen, das wären geistige Wesen, freie Männer, Republikaner. Beides wollen die Spiessbürger nicht sein. Was bleibt ihnen übrig, zu sein und zu wollen?
    Was sie wollen, leben und sich fortpflanzen (und weiter, sagt Goethe, bringt es doch keiner), das will auch das Tier, höchstens würde ein deutscher Politiker noch hinzuzusetzen haben, der Mensch wisse aber, dass er es wolle, und der Deutsche sei so besonnen, nichts weiter zu wollen.«
    (Karl Marx an Arnold Ruge, Mai 1843, MEW, Bd. 1, S. 338)[⤒]

  57. Nach Nietzsche und seiner zynischen Version von Schopenhauers Philosophie wäre Mitleid nichts anderes als eine besondere Form der Verachtung, was sicherlich auf den Bourgeois zutrifft, aber keine allgemeine Regel für die Menschheit darstellt. Mitleid im Allgemeinen ist nichts anderes als eine spezifische Form der Empathie, die aber sicherlich innerhalb des Milieus, an das Nietzsche sich wandte, pervertiert wurde.[⤒]

  58. Jeweils in »Die Welt als Wille und Vorstellung«, Band I, und in der Vorrede zur zweiten Auflage von 1847 von »Über die vierfache Wurzel des Prinzips vom zureichenden Grunde«. Von seinem reaktionären Standpunkt aus war es nicht schwer, die bürgerliche Scheinheiligkeit zu entlarven.[⤒]

  59. Engels über das Manuskript von »Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit«, das Joseph Dietzgen 1868 an Karl Marx geschickt hatte: »Die Darstellung des Dings an sich als Gedankending wäre sehr nett und sogar genial, wenn man sicher wäre, dass er’s selbst erfunden.« (Engels an Marx, 6. November 1868). Marx antwortete am nächsten Tag: »Ich halte die Entwicklungen des Dietzgen […] ganz für seine selbständige Arbeit.« (MEW, Bd. 32, S. 195 und 197/198)[⤒]

  60. Aber, wie Friedrich Engels es formulierte: Freiheit ist vor allem auch die Einsicht in die Notwendigkeit [MEW, Bd. 20, S. 106]. Notwendige Arbeit ist nicht zwangsläufig entfremdet; und zur Gemeinschaft beizutragen bedeutet nicht zwangsläufig, von einem anderen ausgebeutet zu werden.[⤒]

  61. Sobald die Produktion beginnt, entsteht mit ihr ein Produktionsverhältnis, das man in seiner einfachsten Form wie folgt zusammenfassen kann: »Später, als ich die Arbeiten zur Anthropologie Australiens studierte, begann ich zu ahnen, dass der Totemismus mit den damit verbundenen Riten und Verboten, die Totemklassifikationen, der Dualismus und die Exogamie um ein einziges Prinzip herum organisiert sind: dass das, was einem gehört, nicht für einen selbst ist, dass das, was von einem selbst kommt, nicht dazu bestimmt ist, von einem selbst verzehrt zu werden, und so gingen all diese Institutionen von derselben Idee aus, die besagt, dass man immer das, was man hat, abtreten, es an einen anderen weitergeben, es der gegenüberliegenden Hälfte geben muss.« (Alain Testart, »Le communisme primitif«, Paris, Éditions de la maison des sciences de l'homme, 1985, S. 9 [Eigene Übersetzung]).[⤒]

  62. Karl Marx, »Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844«, Drittes Manuskript [MEW, Bd. 40 (=Ergänzungsband 1), S. 536]. Das »Privateigentum« beruht auf einem Ausschluss und ist nicht identisch mit dem persönlichen Eigentum. Staatseigentum ist nicht persönlich, aber sicherlich privat; ob der Eigentümer eine »natürliche« oder »juristische« Person ist, macht keinen Unterschied. In seinem Vorwort in »Zur Kritik der politischen Ökonomie« von 1859 schrieb Marx:
    »Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.« [MEW, Bd. 13, S. 9]
    Das kann nicht so verstanden werden, dass alle Produktionsverhältnisse Eigentumsverhältnisse wären, und das ist auch nicht das, was Marx sagt; während es im grössten Teil der menschlichen Geschichte kaum Eigentum gibt und daher nur wenige Eigentumsverhältnisse existieren, gibt es sicherlich ein Produktionsverhältnis. Und obwohl die Bourgeoisie es anders sehen will, gehört das Staatseigentum nicht dem »Volk« oder auch nur »den Steuerzahlern«. Der Staat erscheint als vollberechtigter Eigentümer eines »Territoriums«, sogar im Gegensatz zum »Volk«, das es bewohnt. Die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft beschränken sich nicht auf Werkzeuge, sondern umfassen auch natürliche Ressourcen sowie die Menge und Qualität der verfügbaren Arbeit.[⤒]

  63. Als in den 1930er Jahren die »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte« von Marx veröffentlicht wurden, rückten sie sofort in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der »philosophischen« Szene: Zuerst war es der französische Philosoph Alexandre Kojève [Александр Владимирович Кожевников], dann Jean-Paul Sartre und Jean Hyppolite; ihnen folgten Herbert Marcuse, Erich Fromm und viele andere. Kojève kehrte zu Hegel zurück und ging von folgendem Grundsatz aus:
    »auf die Dauer kann sich der Kapitalismus weder entwickeln noch auch nur erhalten, wenn der durch den Fortschritt der industriellen Technik erzielte Mehrwert nicht zwischen der kapitalistischen Minderheit und der arbeitenden Mehrheit aufgeteilt wird. Marx hat sich geirrt [...], weil der Kapitalismus selbst seine sozialen und wirtschaftlichen Mängel oder, wenn man so will, seine inneren Widersprüche beseitigt hat. Und er hat dies […] nicht auf revolutionäre oder diktatorische, sondern auf friedliche und demokratische Weise getan. Er [Kojève] argumentiert andererseits, dass man diese Transformation ›einem grossen Ideologen, Henry Ford, verdankt, den er als den einzigen grossen authentischen oder orthodoxen Marxisten des 20. Jahrhunderts bezeichnet‹.« (zitiert nach [Florence de Lussy, »Un classique méconnu«], »Hommage à Alexandre Kojève; Actes de la ›Journée A. Kojève‹ du 28 janvier 2003«, S. 8, Anm. 9; [Dort wird aus Kojèves Düsseldorfer Vortrag zitiert: »Kolonialismus in europäischer Sicht«, 1957, der, so de Lussy, »seine Zuhörer verblüffte«.])
    Kojève sagte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg voraus, dass die Sowjetunion unter ihrem eigenen Gewicht implodieren würde, und wurde bis zu seinem Tod im Juni 1968 zu einem wichtigen Ideologen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Mit dem Kapitalismus wäre die »Geschichte« an ihr Ende gelangt. Kojève beeinflusste auch den Neo-Freudianer Jacques Lacan stark. Das Thema vom »Ende der Geschichte« wurde später von Francis Fukuyama wiederverwertet: Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks habe der demokratische, liberale westliche Kapitalismus endlich seinen Sieg bewiesen. Die Verteilung des Produktivitätszuwachses in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg war tatsächlich ein sehr wichtiger Stabilisierungsfaktor, indem sie einen wohlhabenden westlichen Kapitalismus gegen die ideologischen Ansprüche der russischen oder chinesischen »Arbeiter- und Bauernstaaten« aufrechterhielt. Einfache empirische Tatsachen anzuerkennen bedeutet keineswegs, der bürgerlichen Ideologie des Keynesiano-Fordismus anzuhängen, die sie in dieser Zeit begleitete; ausserdem löst die Verknüpfung von Reallöhnen mit steigender Produktivität keineswegs die Widersprüche des Kapitalismus und befriedet die Arbeiterklasse langfristig nicht, wie es sich die Theoretiker der »Konsumgesellschaft« und des »Verschwindens des Proletariats« in ihren verschiedenen Formen vorgestellt und erhofft haben. Siehe zu all diesen Fragen vor allem Paul Mattick, »Marx und Keynes. Die Grenzen des ›gemischten Wirtschaftssystems‹«, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/Main, 1969.[⤒]

  64. Es ist viel darüber gesagt worden, worauf sich Hegel bezog: ein Sklave oder ein Leibeigener oder jeder, der für seine Arbeit von anderen abhängig ist. Im Gegensatz zum Sklaven und Leibeigenen ist der Lohnarbeiter »frei«. Die Tatsache, dass er nichts anderes zu verkaufen hat als seine Arbeitskraft, dass er in eine kommerzielle Beziehung gezwungen und aller Produktionsmittel beraubt wird, wurde von Hegel als unvermeidlich angesehen, sie war sogar eine Bedingung des gesellschaftlichen Lebens. Folglich ist Hegels Logik, dass der Arbeiter sich selbst unweigerlich nur innerhalb dieser Enteignung verwirklichen kann, d. h. indem er ein Ausgebeuteter bleibt.[⤒]

  65. Karl Marx, »Das Kapital«, der allererste Satz des ersten Kapitels, MEW, Bd. 23, S. 49.[⤒]

  66. Karl Marx, »Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses«, »[I] Kapitalistische Produktion als Produktion von Mehrwert«, S. 17, Archiv sozialistischer Literatur 17, Neue Kritik, Frankfurt/Main 1968[⤒]

  67. Karl Marx, »Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik«, VI. Kapitel, »4. Proudhon«, MEW, Bd. 2, S. 37. Dieses Marx-Zitat konnte dahingehend missverstanden werden, dass die »Empörung« die Voraussetzung für jede proletarische Militanz wäre, gar irgendwo mit Sigmund Freuds »Unbewusstem« verbunden wäre und somit Netschajews weniger edlen »Hass auf die Bourgeoisie« ersetzen würde. Marx nennt auch eine andere mögliche Motivation, Scham:
    »Der Prunkmantel des Liberalismus ist gefallen, und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen Nacktheit vor aller Welt Augen.
    Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es ist eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unsers Patriotismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser Angesicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen: Was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich antworte: Die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirklich der Sieg der französischen Revolution über den deutschen Patriotismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten. Welches System sollte ihnen aber den Patriotismus austreiben, wenn nicht dieses lächerliche des neuen Ritters [=Friedrich Wilhelm IV]?«
    (Marx an Arnold Ruge, »[Briefe aus den ›Deutsch-Französischen Jahrbüchern‹]«, März 1843, MEW, Bd. 1, S. 337)
    Aber Marx beruft sich vor allem auf »Leidenschaft«, was etwas ganz anderes ist als ein von der bürgerlichen Gesellschaft geschaffenes Unbehagen, sie kann eine Motivation für Elemente darstellen, die sich dem Proletariat zuwenden, jenseits aller »Empörung« oder »Scham«. So schreibt Marx:
    In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozess innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so heftigen, so grellen Charakter an, dass ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschliesst, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und namentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben. (»Manifest der Kommunistischen Partei«, am Ende des ersten Kapitels »Bourgeois und Proletarier«, MEW, Bd. 4, S. 471/472) Die »Motivationen« können also sehr unterschiedlich sein. [⤒]

  68. Karl Marx, »Ökonomisch-philosophische Manuskripte«, »[Die entfremdete Arbeit]«, MEW, Bd. 40 (=Ergänzungsband 1), S. 514/515.[⤒]

  69. Karl Marx, »Ökonomisch-philosophische Manuskripte«, »[Die entfremdete Arbeit]«, MEW, Bd. 40 (=Ergänzungsband 1), S. 515.[⤒]

  70. Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft«, Vorwort von 1878, MEW, Bd. 20, S. 5, bzw. »Dialektik der Natur«, »Alte Vorrede zum ›[Anti-]Dühring‹ Über die Dialektik«, MEW, Bd. 20, S. 332[⤒]

  71. Es ist erwähnenswert, dass Freud in Bezug auf den von Paul Ferdern erfundenen »Todestrieb« sehr zurückhaltend war und ihn nur teilweise plagiierte; dagegen wird »Thanatos« bei Melanie Klein und später bei Herbert Marcuse und Norman O. Brown wesentlich.[⤒]

  72. Karl Marx, »Grundrisse«, MEW Bd. 42, S. 171[⤒]

  73. So diskreditiert Sigmund Freud mit einer gewissen Systematik seine eigentlichen Quellen. Siehe S. Freud, »Zur Psychopathologie des Alltagslebens«, S. 95/96, 5. Auflage, Karger, Berlin 1917[⤒]

  74. [Diese Anmerkung findet sich nicht in der englischen sondern nur in der französischen Version des Textes]
    Ohne ernsthafte Argumente wird die Psychoanalyse nun von der Internationalen Kommunistischen Strömung (IKS) gefördert, und zwar in einer Reihe von hermetischen und undurchdringlichen »Orientierungstexten«, deren historische Quellen unklar bleiben, selbst wenn man die Psychoanalyse mit dem Marxismus vergleicht: »Da der psychoanalytische Ansatz nicht nur eine Untersuchung ist, sondern auch therapeutisch ist und zu intervenieren sucht, teilt er mit dem Marxismus eine Sorge um die progressive Entwicklung des moralischen Dispositivs des Menschen.« (»Marxism and Ethics«, in: »International Review« No. 128, 1. Quartal 2007). Bezeichnenderweise wird der »sexuelle« Inhalt des Freudismus absichtlich ausgelassen, ebenso wie man in keiner der Arbeiten von »Marxisten«, die über das Thema geschrieben haben, die angebliche »progressive Entwicklung des moralischen Dispositivs des Menschen« findet.[⤒]

  75. Redaktionelle Einfügungen im Text sind mit eckigen Klammern [] gekennzeichnet. m&k-Redaktion[⤒]


Source: »Controverses – Forum pour la Gauche Communiste Internationaliste«, »The Political Implications of Psychoanalysis« & »La psychanalyse et ses implications politiques - II«, 2009.
Übersetzt aus dem Englischen und Französischen von m&k 2022.

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