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LENINS SCHRIFT »DER 'LINKE RADIKALISMUS', DIE KINDERKRANKHEIT IM KOMMUNISMUS« - DIE VERURTEILUNG DER KÜNFTIGEN RENEGATEN

- VI. Der Schlüssel für die »von Lenin erlaubten Kompromisse« -

Seit über fünfzig Jahren ist diese Schrift das beliebteste Opfer aller opportunistischen Verdrehungen und Verfälschungen. Schon durch die Art und Weise, wie er von dieser Schrift Gebrauch macht, zeigt sich der opportunistische Verräter in seiner ganzen Niederträchtigkeit.

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Content:

Lenins Schrift »Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus« - die Verurteilung der künftigen Renegaten - Inhaltsverzeichnis und Vorwort
I. Die Szene des weltgeschichtlichen Dramas im Jahre 1920
II. Russische Geschichte oder Weltgeschichte
III. Kardinalsteine des Bolschewismus: Zentralisation und Disziplin
IV. Hauptetappen in der Geschichte des Bolschewismus
V. Kampf gegen die zwei antibolschewistischen Fronten: den Reformismus und den Anarchismus

VII. Anhang zu den italienischen Fragen


VI. Der Schlüssel für die »von Lenin erlaubten Kompromisse«

Theorie und historische Erfahrung
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Nach ungeheuren Kämpfen gegen grausame in- und ausländische Feinde trug Lenin die doppelte Verantwortung für den russischen Staat und die proletarische Weltbewegung. Er wusste, dass man Fehler auch weiterhin nicht ausschliessen konnte, er hielt aber Fehler wie die Verleugnung des Sowjetsystems und der proletarischen Diktatur oder wie den Rückfall in die Vaterlandsverteidigung, dieses Kennzeichen der offenen Komplizen der Bourgeoisie, für nunmehr ausgeschlossen. Die Sorge, den Schwierigkeiten, welche die Zukunft uns vorbehalten sollte, aus dem Wege zu gehen, hielt er für unangemessen. Damit hatte er recht, und wir haben ihn dafür bewundert, Er wollte verhindern, dass man auf gewisse Lösungen verzichtet, nur weil ihre äussere Form nicht rein, schön, elegant und brillant erscheint. Nur Dummköpfe können nicht begreifen, dass der revolutionäre Militante bereit ist, jede Widerwärtigkeit zu begehen, wenn die Parteisache es verlangt. Die Mittel können nicht aufgrund von moralischen oder ästhetischen, d.h. aufgrund von subjektiven Überlegungen gewählt werden, denn es geht nicht um ihre Form, sondern um den Inhalt. Dies haben wir mit Lenin immer gesagt.

Wir müssen aber auf die historische Erfahrung der Bewegung zurückgreifen, um festzustellen, ob bestimmte taktische Mittel, trotz der guten und revolutionären Absichten ihrer Verfechter, nicht doch in die Katastrophe führen. Ohne die Bedeutung der russischen Erfahrung zu schmälern, haben wir dies immer getan und dabei an die Erklärung im »Linksradikalismus« erinnert, derzufolge die verheerenden Auswirkungen des liberaldemokratischen Milieus des Westens in Russland nicht anzutreffen gewesen waren; hier war die zaristische Unterdrückung im Gegenteil eine günstige Bedingung gewesen, wie Lenin erläutert.

Diejenigen, die das Werk Lenins kaum kennen und die Grösse seiner Gedankengänge nicht erfassen können, meinen naiverweise, dass laut Lenin die Erfahrungen der russischen Kämpfe als erste den Weg der Revolution gezeigt hätten und dass nunmehr nichts anderes zu tun wäre, als dieselben Schritte nachzumachen. Allerdings wird selbst dieser Pseudoleninismus heute von seinen Anhängern verlassen. Diese versprechen ihren kapitalistischen Freunden und Konkurrenten, keinen Schritt des Oktober mehr nachzuahmen.

Aber Lenins Auffassung ist, wie wir gezeigt haben, von einem ganz anderen Kaliber. Die Bolschewiki siegten, weil die Massen durch ihre Kampferfahrung feststellten, dass sie sich auf dem Weg befanden, den die Partei aufgezeigt hatte. Die Kraft der russischen Partei bestand in der Tat nicht in einer Anpassung an den vermeintlich spontanen und unvorhersehbaren Gang der Ereignisse. Sie bestand auch nicht darin, dass die Parteiführer und -militanten als Ausnahmemenschen und Helden die Geschichte nach ihrem Willen bezwungen und gemodelt hätten. (Dies war die naive und voluntaristische Auffassung von Gramsci im Jahre 1917, als er, eben aus der Finsternis der Verteidigung des demokratischen Vaterlandes heraustretend, die Augen noch nicht öffnen konnte). Die Kraft der Bolschewiki lag nicht darin, hinter der Geschichte herzutrampeln oder eine Revolution mit dem Willen hervorzuzaubern, sondern in der Vorwegnahme der wirklichen Geschichte, wofür sie das grösste Beispiel im Laufe unserer Bewegung geliefert haben.

Als er die Bedingungen aufzählt, die den Sieg begünstigt hatten, stellt Lenin die Entstehung der Partei auf der Grundlage des Marxismus, der richtigen Theorie, voran. Und wann ist eine Theorie richtig? Wenn sie die Grundlinien der Zukunft mit grossem Zeitvorsprung zeichnen kann.

Lenin hat niemals gesagt, geschrieben oder geträumt, dass man in Russland ein Rezept, um die Revolution zu machen, für sich und die anderen entdeckt oder erfunden hätte. Die Bolschewiki hatten ihre Theorie in der Tat im Westen vorgefunden, und zwar nach einem halben Jahrhundert des Suchens seitens der russischen Revolutionäre. Und die Entwicklung der Ereignisse selbst führte die gegnerischen Theorien, ob sie nun auch aus dem Westen geholt oder in Russland produziert worden waren, in den Bankrott.

An diesem Punkt beginnt man, um darauf zu entgegnen, das langweilige Spiel mit den Sätzen; Die Theorie ist kein Dogma; für Marx und Engels ist die Theorie kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln. Das ist eine unbestreitbare Wahrheit. Sie bedeutet, dass für den Marxismus die Theorie mehr als eine schriftliche Antwort auf das Wie und Warum der Erscheinungen, mehr als eine Erklärung für die Probleme und Geheimnisse der Wirklichkeit ist. Sie ist die Entdeckung eines Weges für die Aktion der Menschen zur Veränderung und Umwälzung der wirklichen Gesellschaftsverhältnisse. Aber dem ist nicht so, weil ein erhabener Geist es gewollt oder vorgeschlagen hat, sondern weil an einem bestimmten Wendepunkt der Geschichte der Schlüssel der Ereignisse entdeckt und theoretisiert wurde. Damit wird man natürlich nicht die Einzelheiten des besonderen Ereignisses und Situationen vorwegnehmen können. Man hat aber einige Grundzüge und einige Prinzipien festgehalten. Dazu gehören, wie Lenin tausendmal erklärt, der Aufstand des Proletariats, die Zerschlagung des bürgerlichen Staates, die Errichtung eines neuen Staates, der Diktatur des Proletariats.

Ist es aber nicht die Bewegung der Massen, welche die Theorie, die sonst toter Buchstabe wäre, mit Leben erfüllt? Was will Lenin damit sagen? Etwa, dass die Theorie ein unbeschriebenes Blatt ist, worauf die Massen morgen das heute Unbekannte schreiben werden? Wäre Lenin dieser Auffassung gewesen, so hätte er, um es populär zu sagen, den Laden dicht gemacht. Denn wer so denkt, kann einen einzigen Laden aufmachen, denjenigen des persönlichen Erfolgs und der eigenen Privatgeschäfte. Lenin und den Bolschewiki diese Auffassung zu unterschieben, führt geraden Weges in die Verleumdungskampagnen von »links« und rechts: »Die Bolschewiki waren Anhänger der Partei, der Machteroberung, der Diktatur und des Terrors, weil sie gierig nach Privilegien trachteten und bereit waren, sich dafür die Hände mit Blut zu besudeln«. Doch Lenin zeigt, dass gerade diese Verleumder »erfolglose Anwärter auf Führerrollen« sind, denen »Ehrlichkeit gegen sich selbst fehlt«.

Wir brauchen diese Frage sicherlich nicht in einem »doktrinären« Ton zu behandeln. Es genügt, daran zu erinnern, wie Lenin sie im »Linksradikalismus« löst. Die Theorie, die einzige richtige Theorie, die in Frankreich bzw. Deutschland entstanden war und in Russland siegte, ist eine Theorie des Massenkampfes, sie zog die Lehren aus der Bewegung der Massen, die seit 1789 gegen die Bastille Sturm liefen, und die Erfahrungen der Massenbewegungen des ganzen XIX. Jahrhunderts haben sie erhärtet und bestätigt. Lenin findet diese Theorie in den Seiten des »Kommunistischen Manifestes«. Er verjagt Fälscher aus mehreren Generationen und sieht, wie die Theorie wieder praktische Gestalt annimmt, erkennbar wird, in den revolutionären Massenkämpfen von 1905 und 1917. Dies ist das Verhältnis zwischen Theorie und Massenaktion in Lenins Auffassung, in Lenins Praxis, im Strom der wirklichen Geschichte. Mit der französischen Revolution schlug die Geburtsstunde der Theorie, kristallisierten sich die Prinzipien der Theorie. Hier geht es natürlich nicht um die bürgerliche Theorie der liberalen Revolution, sondern um die grundverschiedene und eigenständige Theorie der neuen Klasse, des Proletariats, die Theorie, die Karl Marx auf Granit gemeisselt hat und auf die sich Lenin beruft.

Wie die frühere englische Revolution, wovon sie jedoch keine schablonenhafte Wiederholung war, war die französische eine bürgerliche Revolution, ja, sie wird als typische, vorbildhafte bürgerliche Revolution angesehen. Es liegt auf der Hand, dass mit der theoretischen Erfassung der Laufbahn der französischen Revolution auch die Laufbahn der russischen entdeckt war. Diese These ist leicht verständlich, so leicht, dass sie seit über einem Jahrhundert zu unserem ABC gehört. Man darf sie aber nicht doktrinär, sondern muss sie lebendig und dialektisch begreifen. Es geht nicht um jene Laufbahn, wie die Bourgeoisie sie gesehen hat, es geht nicht um das falsche Bewusstsein, das die Revolution von sich selbst hatte (siehe Marx' Einleitung »Zur Kritik der politischen Ökonomie« (75)), sondern um die wirkliche Laufbahn, die unsere Theorie blossstellte.

Die französische Revolution schloss sich mit der Diktatur der Bourgeoisie ab, die sie als Demokratie, als Errungenschaft aller Klassen, als das Menschengut überhaupt ausgab. Der Marxismus entdeckt, dass die Demokratie die Errungenschaft einer einzigen Klasse ist, der kapitalistischen. Er verkündet eine neue Klassenrevolution und die Diktatur des Proletariats als unerlässliche Voraussetzungen für die Abschaffung der Klassen. Unter diesem Banner kämpft die Arbeiterklasse im Laufe des ganzen XIX. Jahrhunderts in den europäischen Ländern, vor und nach dem Sieg der liberalen Revolution.

Trotz der historischen Niederlagen ist die Theorie in der Massenaktion wiederzuerkennen. Noch bevor die russischen Massen ihren siegreichen Kampf entfesseln und (vor allem 1905) durch ihre Aktion eine Erprobung der verschiedenen Theorien erlauben (hier liegt ein Kernpunkt der Leninschen Schrift), hatte sich eine Partei, die bolschewistische, auf der Grundlage der richtigen Theorie organisiert: Die Massen halten sich nicht bei der Demokratie, die soviel bedeutet wie Diktatur des Kapitals, auf, sondern treiben vorwärts zur Diktatur des Proletariats. Lenin zeigt meisterhaft, dass es zwischen beiden Lösungen keinen quantitativen, sondern einen qualitativen Unterschied gibt, einen Abgrund, der die moderne Welt in zwei unversöhnliche Lager spaltet.

Der denkfähige Leser wird im Gegensatz zu den Moskauer Renegaten aus dem »Linksradikalismus« nicht folgern, dass die Theorie dauernd ausgearbeitet und umgeändert werden soll. Er wird dort vielmehr unsere These finden, derzufolge die revolutionäre Theorie an einem determinierten Wendepunkt der Geschichte entsteht. Für Lenin und uns war dieser Wendepunkt nicht der Oktober 1917, sondern 1847, als die proletarische Klasse in ihrem historischen Programm, in ihrem »Manifest«, die Lehren aus dem betrügerischen Charakter der bürgerlichen Revolution zusammenfasst und die Lüge, wonach die Demokratie den Schlusspunkt der Menschheitsentwicklung darstelle, zerschlägt. Und wohin gelangen die Leute, die sich durch Entstellung der Leninschen Lehre eine »Erlaubnis« erschwindeln, um die Theorie »anzupassen« bzw. mit den Ergebnissen der neuen Zeiten (Scheisszeiten!) »anzureichern«? Zur Demokratie im allgemeinen, die nichts anderes bedeutet als die bürgerliche Demokratie, die wieder zum Idol der Menschheit und - noch schrecklicher - des Proletariats erhoben wurde!

Volk, Masse, Klasse, Partei
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Wie lebenswichtig es war, den kleinbürgerlichen »Linksradikalismus« zu schlagen, ersieht man aus Lenins Verteidigung der Partei, des grundlegenden Organs der Revolution, gegen den Angriff der deutschen »Linken« (Kapitel V).

Auf ihre Weise hatten die Rechtsopportunisten (die Revisionisten) diesen Angriff bereits verübt. Ihre irreführende Auffassung war überall gleich: Die Massen sollten der Klasse, die Klasse der Partei den Vorrang ablaufen. Bei Lenin und uns ist es umgekehrt.

Wir können durchaus verstehen, dass Lenin die Art und Weise, wie wir dies vor aller Welt und bei jeder Gelegenheit behaupteten, übertrieben fand. Wir erkennen an, dass man am Vorabend der entscheidenden Schlacht nicht das schwerwiegende Risiko eingehen kann, einige Divisionen und Regimenter zu verlieren, weil man die gegenüber der Partei Misstrauischen zu schroff abweist. Dies könnte übertriebener Doktrinarismus sein. Die übertriebene Schroffheit würde sich allerdings gerade gegen die spontaneistische Kinderkrankheit richten, denn ihr entspricht ja die Auffassung, dass das Proletariat ohne die lebenswichtige Vermittlung der Partei handeln muss, weshalb sie mit ihrem vergeblichen Reinheitsfimmel schliesslich die Klasse in den Massen und die Massen im Volk auflöst (was alles andere ist als Lenins geniale Forderung nach der Annäherung zu und der Verbindung mit den Massen). Alle Opportunisten laufen zwangsweise denselben Abhang hinunter: von der proletarischen Partei zu einem Mischmasch aus kleinbürgerlichen Schichten und schliesslich zur rein bürgerlichen Volksdemokratie.

Die alten Rechtsopportunisten hatten denselben Weg eingeschlagen. Die Partei hatten sie überall abgewertet. Die gelben Gewerkschaftsverbände mit ihren bürokratischen Bonzen zählten mehr als Partei und politische Organisation, weil sie zahlenmässig grösser waren. Die Parlamentarier zählten mehr als die Sektionen und Militanten, weil sie eine breitere Masse vertraten, die der Parteiwähler, die zum grössten Teil keine Parteimitglieder waren. Vermittels der Parteiabgeordneten verhandelten die Gewerkschaftsbonzen mit der Unternehmerschaft und den bürgerlichen Ministerien und verbündeten sich mit den kleinbürgerlichen Parteien. Diese Kette führte schliesslich zur Unterwerfung unter das Interesse des Volkes, der Nation, der anderen Klassen - dasselbe, was heute jene Betrüger tun, die sich nicht dazu entschliessen können, die Bezeichnung »kommunistisch« und »leninistisch« abzulegen.

Das Schema dieser Leute ist ein Abklatsch der »Julitage«, aus denen sie sich eine Legende zurechtgebastelt haben. Die »grosse kommunistische« Partei ist heute in Italien, wie ihre Schwesterparteien in den anderen Ländern, bis ins Mark verfault. Sie hat die Vorbereitung der Massen verpfuscht und deren ganze Klassenenergie vernichtet. Ihre Wahlbasis kennt keine Klassengrenzen und schliesst vorwiegend Kleinbürgerschichten und nicht reine Proletarier ein, wobei die Parteibonzen die mittlere Bourgeoisie gewinnen wollen, denn ihnen geht es darum, nur die winzige Minderheit der sogenannten Monopolkapitalisten vom »Volk« zu isolieren.

Und wie soll man aus diesem Sumpf wieder emporsteigen? Ach, ganz einfach! Die Massen (im verschwommensten Sinne des Wortes) oder, wie eine andere modische Phrase erklärt, die Massen der Jugend, erteilen der Partei eine Lektion. Diese, die sich bereit erklärt, bei jedem Windhauch ihre Theorie zu ändern, vollzieht dann eine Wende nach links und nimmt revolutionäre Posen an.

Eine solche Perspektive ist eine reine Illusion angesichts einer verfaulten, konterrevolutionären Partei. Aber der »Linksradikalismus« von 1960 übertrifft seinerseits seinen Vorgänger, dem Lenin angesichts des schrecklichen Verrats der damaligen Rechten (die freilich nicht so weit gingen wie die heutigen) noch mildernde Umstände zugestanden hatte. Er verlangt eine Massenaktion ohne Klassenausrichtung, ohne Vorherrschaft der Lohnarbeiter, in Unterordnung unter die Studenten, Intellektuellen und dgl., wobei jede Parteiorganisation abgeschafft ist. Die Aktion ist alles!

Wiederholen wir also nochmals Lenins Position. Der erste revolutionäre Faktor ist die politische Partei. Die einzige revolutionäre Klasse ist die der Lohnarbeiter in Stadt und Land. Die Masse der werktätigen Halbproletarier, deren elementare Bewegung in einer sehr reifen Situation nützlich sein kann unter der Voraussetzung, dass die proletarische Partei in ihrer Theorie und Strategie fest ist, ist dem Proletariat untergeordnet. Eine der Hauptbedingungen, wie Lenin erklärt: Zentralisation und Disziplin in der Partei und in der Klasse.

Partei, Zentralisation, Organisations- und Klassendisziplin - lauter Punkte, auf welche die italienische Linke bereits vor dem ersten Weltkrieg bestand; lauter Punkte, vor welchen zu zögern den »linken« Radikalismus, die Kinderkrankheit charakterisiert. Es ist wohl nicht notwendig, weiter darauf einzugehen.

Elastisch oder unbiegsam?
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Die heutige Welt und ihre verfallene intellektuelle Produktion leben von abgedroschenen Phrasen, was für Epochen der Dekadenz charakteristisch ist. Zu den eingefleischten Gemeinplätzen gehört die Behauptung, die Bekämpfung des monströsen Renegatentums unserer Tage zeuge davon, man habe von Lenin nicht gelernt, dass die Taktik elastisch sein müsse.

Wir bestreiten nicht, dass Lenin diesen Ausdruck gebraucht hat. Lenin war aber unbiegsam, als er lehrte, elastisch zu sein. Er wollte, dass die Partei flexibel sei wie eine Stahlklinge, extrem widerstandsfähig, sich biegend, ohne zu brechen. Diese Leute, die wagen, sich auf ihn zu berufen, sind aber elastisch wie Quark, um nicht zu sagen wie Scheisse. Sie sind nicht elastisch wie die Stahlklinge, die sich wieder aufrichtet, um den Feind ins Herz zu treffen, sondern verformen sich wie ein Kuhfladen, auf den man tritt.

Lenin will nicht doktrinär wirken. Mehr noch, um nicht diejenigen zu blenden, die klar sehen möchten, geht er mit seinem theoretischen Können sparsam vor, ist bestrebt, konkret zu sein, liefert praktische Beispiele, an die wir uns halten werden.

Konkret - dies verursacht immer grosse Freude bei den kleinbürgerlichen Intellektuellen, die, wie in Turin (»Ordine Nuovo«), in der idealistischen Schule aufgewachsen sind. Verständlich. Denn man stelle sich vor, der Kuhfladen möchte abstrakt sein. Allerdings schafft er es auch nicht, konkret zu sein, auch nicht nach Jahren des Ausdörrens. Die Amerikaner nennen den trockenen und hartgewordenen Beton concrete. Die italienischen »Konkreten« sind jedoch nach so vielen Jahren immer noch nicht fest geworden, im Gegenteil, sie übertreffen jede Weichheitsgrenze.

Lenin schreibt, dass die Bolschewiki in den Jahren vor der Revolution nicht unnachgiebig gewesen waren. Sie hatten Übereinkommen, Bündnisse und Kompromisse mit bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien geschlossen. Andererseits schreibt er, dass der Kompromiss der sozialistischen Parteien mit den herrschenden Bourgeoisien in England, Frankreich usw. ein nicht zu rechtfertigender Verrat ist. Es gibt also einen Unterschied zwischen revolutionärer Flexibilität und bürgerlicher Versumpfung. Wo läuft die Grenze? Das ist kein banales Problem.

Wir haben damals Lenin zunächst geantwortet, dass die Taktik vor dem Sturz der feudalen oder despotischen Staatsordnung in der Tat nach einer alten marxistischen Norm keineswegs den Block der Arbeiterpartei mit den kleinbürgerlichen und bürgerlichen demokratischen Parteien ausschliesst. Wie Lenin und Trotzki zeigten, hatten Marx und Engels dies 1848 erklärt. In einer solchen Situation, wie in unserem Jahrhundert in China und in den Kolonien, verfolgen diese Parteien das Programm und die Aufgabe des bewaffneten Kampfes, des Aufstands. Die Lösung, die wir suchen, ist keine Lehre erst unseres Jahrhunderts oder aus der jüngsten Geschichte; Lenin zeigt, dass sie bereits bei Marx vollständig vorlag - wenn dies Doktrinarismus ist, dann war Lenin doktrinär. Es handelt sich darum, mit jenen Bewegungen Kompromisse zu schliessen, aber in unserem Sinne, d.h. wir dürfen niemals aus dem Auge verlieren, dass sie in einer unmittelbar darauf kommenden Phase sich in unsere Feinde verwandeln werden, und dass unser geschicktes Manövrieren, auch dank des Betrugs - aber wir müssen sie betrügen und nicht uns selbst -, dazu führen soll, sie zu besiegen und niederzuschlagen. Ein elastisches Manöver also, das sich aber, wenn wir die Vorbereitung unserer Parteireihen und die damit zusammenhängende Entlarvung der Ideologie der zeitweiligen Verbündeten unterlassen, mit unserem Ruin und unserer Niederlage enden wird.

Man könnte sagen, dass es sich hier um ein »Schema« handelt, ein anderes Wort, über das sich lustig zu machen Mode ist. Bei Marx handelt es sich in der Tat um ein theoretisches Schema, das noch nicht voll durchgespielt wurde, während es bei Lenin zur Geschichtspraxis wird, zur realen Aktion des Oktober 1917. Das liegt auf der Hand, und ebenso liegt es auf der Hand, dass die Theorie die Aktion vorwegnahm und dass der Sieg die richtige Theorie preisgekrönt hat. Lenin befürchtete, dass wir jungen Leute daraus ableiten würden: Wir müssen die richtige Theorie finden und dann däumchendrehend abwarten. Wir haben unser Bestes getan, um diesen vernichtenden Vorwurf nicht zu verdienen. Einen viel vernichtenderen, einen tausendmal vernichtenderen Vorwurf verdienen aber diejenigen, die mit der grösstmöglichen Flexibilität dem Druck des Feindes nachgaben und zu ihm übergelaufen sind.

Man muss Lenins Beispiele mit der Lage in den Ländern vergleichen, wo eine entwickelte bürgerliche Staatsordnung besteht, und hier stellt sich die Frage der »Verbündeten« und »Kompromisse »lediglich in bezug auf die »Arbeiterparteien«, d.h. damals auf die Sozialdemokraten der II. und der II 1/2. Internationale. Diese Diskussion entbrannte aber vor allem nach Lenin. Auf ihn beriefen sich damals zwar die Befürworter der Einheitsfront, die es allerdings im Gegensatz zu unseren Befürchtungen nicht für möglich hielten, dass die Theorie des Kompromisses eines Tages bis auf die mit »Demokratie« geschminkten bürgerlichen und kapitalistischen Parteien und Staaten ausgedehnt werden würde, und zwar mit derselben Rechtfertigung, die die Verräter von 1914 vorgeschoben hatten (die ewige »Demokratie«), um auf die Seite der Vaterlandsverteidigung überzulaufen.

Lenins Beispiele gelten also für die bolschewistische Taktik unter der Zarenherrschaft. Und sie genügen, um feststellen zu können, wer Lenin versteht und wer ihn verleugnet. Lenin erinnert daran, dass die Bolschewiki, d.h. deren Vorläufer 1901-1902 ein kurzes formelles Bündnis mit Struve, dem politischen Führer des bürgerlichen Liberalismus (des berühmten »legalen Marxismus«) schlossen. Aber wie, unter welchen Bedingungen?
«...
die alte Redaktion der 'Iskra' (...) verstand es aber gleichzeitig, ununterbrochen den rücksichtslosesten ideologischen und politischen Kampf gegen den bürgerlichen Liberalismus und gegen die geringsten Äusserungen seines Einflusses innerhalb der Arbeiterbewegung zu führen« (76).

Kann man etwas auch nur entfernt Ähnliches über die Haltung der italienischen und französischen »Kommunisten« in den Fronten des Partisanenwiderstands sagen? Von der astronomischen Entfernung zwischen feudalem Zarismus und kapitalistischem Faschismus einmal ganz abgesehen, es wurde überhaupt kein ideologischer Kampf gegen die bürgerlichen Radikalen und Christdemokraten geführt. Im Gegenteil, man erlaubte ihnen, ihren Einfluss unter Proletariern zu verbreiten, die früher gegen die Freimaurer und die katholische Religion eingestellt waren!

Lenin zählt die verschiedenen Übereinkünfte, die die Bolschewiki bis zur Revolution mit den Menschewiki und den Volkstümlern schlossen, auf und rechtfertigt sie mit dem Beispiel der schrecklichen Niederlage und Auflösung dieser Parteien. Schliesslich nimmt er sich mit seiner ganzen polemischen Kunst des berühmtesten Kompromisses an, des Kompromisses mit den linken Sozialrevolutionären, einer Partei der kleinbürgerlichen Bauernschaft, zum Zeitpunkt nach der Oktoberrevolution. Wir übernahmen - schreibt er - voll und ganz das Agrarprogramm der Sozial- revolutionäre. Dieser »Block« wurde nach der Machteroberung verwirklicht, nach der bürgerlichen Zeit - er sicherte die Mehrheit in den Sowjets und ermöglichte das Auseinanderjagen der Konstituante.

Dieser letzte Block wurde von den Sozialrevolutionären selbst gesprengt, die mit dem Frieden von Brest-Litowsk nicht einverstanden waren: Die Verbündeten sprengten den Block aus »Unnachgiebigkeit«, aus »Hass vor Kompromissen«.

Während man in der bolschewistischen Partei selbst an den Rand einer Spaltung gelangt war, versuchten die Ex-Verbündeten einen Aufstand gegen die Bolschewiki zu entfesseln, und man musste sie unterdrücken. Im Laufe dieser ganzen Reihe von dramatischen Ereignissen blieb Lenin immer auf der Linie des revolutionären Marxismus. Die »Linksradikalen« konnten ihn nicht verstehen, wir in Italien waren aber mit ihm, selbst als es noch keine direkten Verbindungen gab.

Es handelte sich - erklärt Lenin - um den Kompromiss mit einer ganzen nichtproletarischen Klasse, mit der kleinbürgerlichen Bauernschaft. Dieser Kompromiss gelang, und die Bauern hielten im epischen Kampf gegen die Weissen aller Richtungen, die sie von den städtischen Arbeitern abspalten wollten, ihre revolutionäre Verpflichtung ein. Aber Lenin führte alle diese schwierigen Manöver, ohne ein Komma an der marxistischen Agrartheorie zu ändern und ohne das Endziel eine Sekunde lang aus dem Auge zu verlieren. Erst unter Stalin wurde das Ziel umgekehrt und verraten, erst unter ihm wurde die Vorherrschaft des Proletariats über die Bauernschaft vernichtet, um schliesslich die kleinbürgerliche Organisation der Kolchosen ins Leben zu rufen. An Stelle des elastischen revolutionären Manövers traten die Kapitulation und der Verrat, die aus Russland ein nichtproletarisches Land, ein Land, das von kleinbürgerlichen Dienern des Weltkapitals regiert wird, machten. Und die »Theorie« der friedlichen Koexistenz ist Ausdruck jener Art von Kompromissen, die Lenin in seiner Untersuchung als Verrat bezeichnet.

Politische Revolution und gesellschaftliche Evolution
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Die Unverfrorenheit der Moskauer Priesterschaft und ihrer Ableger kennt keine Grenzen. Immer im Namen des Marxismus und Leninismus erklären sie, dass der Sozialismus in den Ländern des westlichen Blocks friedlich, durch den Einfluss und die Nachahmung der vorbildlichen Leistungen des Ostens siegen wird. Gerade was Lenin 1920, wie hier eingangs zitiert, von vornherein ausgeschlossen hatte. Nach vierzig Jahren erscheint die absurde Theorie des russischen sozialistischen Vorbilds heute wieder durch so mühsame wie verschleierte Kompromisse in Form der Theorie des führenden Staates, dem alle anderen 80 Parteien eine mystische und unterwürfige Ehrerbietung zollen müssen. Das heutige »Vorbild« kann zwar auf eine lange industrielle und kapitalistische Entwicklung zurückblicken, glänzt aber selbst auf dem Gebiet der Industrieproduktion vor allem durch Dezentralisierung, Geschäftemacherei und immer unverschämtere Beteiligung am internationalen Wirtschaftspoker.

Die Herrschaften verbergen ihre Politik hinter einem falsch klingenden Doktrinarismus und einer im guten stalinistischen Ton gehaltenen Verurteilung sowohl des Dogmatismus und Sektierertums als auch (noch unverschämter) des Revisionismus.

Was ist der Revisionismus? Eine Negation des Marxismus, namentlich der marxistischen Auffassungen vom Staat und somit von der Revolution überhaupt. So hatten die deutschen Sozialdemokraten, unter deren Verwahrung der Marxismus gegangen war, diese Auffassungen, wie auch im »Linksradikalismus« zu lesen ist, fast vierzig Jahre lang »in der Schublade verborgen gehalten«; Lenin brachte sie wieder ans Licht, ans Licht des revolutionären Sieges.

Dank dieser Unterschlagung der Prinzipien unserer Lehre konnten sich die Anhänger des »friedlichen Übergangs« zum Sozialismus über den kindlichen und kleinbürgerlichen Revolutionarismus der Anarchisten lustig machen. Die Anarchisten waren zwar von der Illusion durchdrungen, dass der Staat und die Gesellschaft der Ausbeutung in einem Tag des Jüngsten Gerichtes zusammenbrechen würden, aber in jener Phase der Jahrhundertwende gehörten sie zu den wenigen, die verstanden, dass das Proletariat den bürgerlichen Staat zerschlagen und eine Gesellschaft ohne Staat errichten muss.

Lenin nimmt die marxsche Lösung wieder auf. Sie ist sehr einfach. Ein »Kampftag« wird nicht ausreichen, weil die Umgestaltung der ökonomischen Struktur der Gesellschaft zwar in einem schnellen Tempo vor sich gehen kann, keineswegs aber im Nu zu vollziehen ist, es sei denn, man will die Auflösung jeder Gesellschaft durch den Hungertod. Diese objektive, »wissenschaftliche« Überlegung hindert die revolutionäre Partei jedoch nicht daran, den »Zusammenbruch« zu erwarten und herbeizuwünschen. Die grosse Schlacht wird es geben, sie wird aber nicht zum sofortigen Ableben der Warenproduktion und jeder Form von Staat führen.

Hier liegt die Achse des Ganzen: die Diktatur des Proletariats. Die Revisionisten, die die marxsche Prognose vom revolutionären Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft revidierten, waren somit konsequent, als sie die Diktatur des Proletariats unterschlugen, für welche die im schulmässigen Sinne theoretisch fast gänzlich ungebildeten französischen Massen sich dreimal geschlagen hatten.

Die Ökonomie wird so viel Zeit haben, wie sie braucht (und in Russland wird sie äusserst viel Zeit brauchen, sagt Lenin: In Russland war es leicht, die Revolution zu beginnen, in den europäischen Ländern wird es leichter sein, sie fortzusetzen - alles andere als sozialistisches Gesellschaftsvorbild und führender Staat!). Den heutigen Klassenstaat werden wir jedoch am grossen Schlachttag in die Luft sprengen. Von da an gibt es unseren Staat der herrschenden Klasse, die Diktatur des Proletariats, und die allmähliche ökonomische Umgestaltung bis hin zum klassenlosen Kommunismus. Und wie lange wird es dauern? In Russland vielleicht fünfzig Jahre - sagten die Bolschewiki -, in Europa vielleicht zehn Jahre, nachdem das Proletariat dort seine Diktatur errichtet hat. In der Zwischenzeit stirbt der Staat ab.

Was ist also der Revisionismus, dieser Zerstörer des Marxismus, den Lenin wiederherstellt? Der Gradualismus in Ökonomie und in Politik; eine Auffassung, welche die proletarische Gewalt und den proletarischen Terror aus der Geschichte verbannt; eine Auffassung, derzufolge die stufenweise sozialistische Umgestaltung der Ökonomie unter der Herrschaft des bürgerlichen Staates beginnt.

Das Moskauer Manifest der 81 Parteien ist Revisionismus. Seine Perspektive, die Marx und Lenin hinter eine Mauer des Vergessens verbannt, ist gradualistisch. Selbst der III. Weltkrieg, den Josef Stalin mit seinem grimmigen Blick noch vorauszusehen wagte, findet in ihr keinen Platz. Und wie soll sich das vermeintliche sozialistische System auf den Westen ausdehnen? Ohne Erschütterungen, durch eine Art von Volksentscheid der Weltbevölkerung über die Beispiele, die anzunehmen, und die Vorbilder, die nachzuahmen sind.

Wie Marx und Lenin die larmoyanten Litaneien der Pazifisten aufs heftigste bekämpften, so muss auch diese Perspektive bekämpft werden. Sie ist die übelste evolutionistische Auffassung von der Menschheitsgeschichte. Und wenn der Krieg in der Tat für die Menschheit die Gefahr eines Zusammenbruchs bedeutet, so zeigt die Dialektik von Marx und Lenin, die wir, wie wir wissen, heute allein befolgen, dass die einzige Rettung in der Zusammenbruchstheorie liegt: Im Feuer des Bürgerkriegs wird der wettstreitend-koexistierende Bund der Ausbeuter und Verräter zugrundegehen.

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Notes:
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  1. Marx, »Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie«, MEW, Bd. 13, S. 615. [back]
  2. LW, Bd. 31, S. 57/58; EA, Dietz, S. 63. [back]

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 20, Dezember 1978.

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