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II. WELTKONGRESS DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE



Content:[2]

Siebte Sitzung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale am 29. Juli 1920. (Abends)
Redebeitrag Milkić
Redebeitrag Sinowjew
Redebeitrag Milkić
Redebeitrag Bombacci
Redebeitrag Polano
Redebeitrag Rákosi
Redebeitrag Dittmann
Redebeitrag Rákosi
Redebeitrag Serrati
Redebeitrag Meyer
Redebeitrag Wijnkoop
Redebeitrag Münzenberg
Redebeitrag Losowski
Redebeitrag Crispien
Redebeitrag Dittmann
Redebeitrag Rosmer
Anmerkungen
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Siebte Sitzung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale am 29. Juli 1920. (Abends)

Milkić. Ich hatte nicht die Absicht, das Wort zu dieser Frage zu ergreifen. Ich wollte mich auf die Abstimmung beschränken.

Aber ich halte es für meine Pflicht, von dieser Tribüne aus als Entgegnung auf das vom Genossen Sinowjew hier Gesagte zu erklären, dass die jugoslawische Partei keine opportunistische Partei ist.

Sinowjew. Das ist wahr.

Milkić. Ich bin glücklich zu hören, dass der Genosse Sinowjew meine Worte bestätigt. Im Jahre 1905 hat die Jugoslawische Sozialistische Partei einige ihrer Führer, welche für das Zusammenarbeiten der Klassen waren, ausgeschlossen. Sie hat dasselbe im Jahre 1912 gemacht.

Gewiss werden viele sagen: Es war einmal eine mutige Partei, aber sie hat aufgehört es zu sein. Genossen, das ist ein Irrtum.

Heute hat mir Genosse Sinowjew serbische Zeitungen gegeben, und darin habe ich gelesen, dass die Jugoslawische Sozialistische Partei ihren Namen geändert hat und sich von nun an Kommunistische Partei nennt. Und die erste Tat der Parteizentrale war die Veröffentlichung eines schwungvollen Aufrufs zugunsten der ungarischen Kommunisten.

Nachdem ich von allen Dokumenten über ihre Tätigkeit Kenntnis genommen habe, kann ich ohne Übertreibung sagen, dass die Kommunistische Partei Jugoslawiens allen anderen kommunistischen Parteien als Beispiel dienen kann. Ich habe die feste Zuversicht, dass ihre fernere Taktik gute Ergebnisse zeitigen wird.

Unsere Genossen haben unter den Bauernmassen ein Manifest verbreitet, in dem sie diese auffordern, sich vom Joch der Gutsherren zu befreien. Die Regierung hat diese Gelegenheit benutzt, um die Verfasser des Manifests zu verfolgen.

Ich beendige diese kurzen Erklärungen, indem ich sage, dass die Kommunistische Partei Jugoslawiens eine Partei ist, auf welche die Kommunistische Internationale stolz sein kann. Was Genosse Sinowjew über sie gesagt hat, verdient sie nicht. Er hat es zweifellos gesagt, um die deutschen Unabhängigen zu trösten, die eine von den Parteien sind, die er ebenso wie die Südslawen kritisiert hat.

Bombacci. Ich glaube nicht, dass es besonders nützlich sein kann, sich in einen Gegenstand zu vertiefen, der uns nur als theoretische Frage beschäftigt.

Entspricht es den Interessen der Kommunistischen Internationale, diesen oder jenen Punkt anzunehmen? Das ist die Frage. Sie ist schwierig, wenn es sich um Parteien handelt, die eine dreissigjährige Vergangenheit mit reformistischen Gewohnheiten hinter sich haben, welche ihnen nicht gestatten, sich den Geist der revolutionären Epoche anzueignen. Die Italienische Sozialistische Partei trat der Kommunistischen Internationale bei; aber seit dem Kongress in Bologna, wo ich im Gegensatz zum Genossen Bordiga gegen den Ausschluss der Reformisten und gegen die Änderung des Parteinamens aufgetreten bin, hat sich dort nichts geändert.

Diese Tatsache beweist leider, dass es in ihr Elemente gibt, die nicht fähig sind, der Kommunistischen Internationale wirklich treu zu sein. Es würde nicht genügen, Turati auszuschliessen, denn Modigliani und 50 bis 60 Personen geben die reformistische Richtung an. Man müsste die ganze Partei auseinanderschlagen, ohne bei den alten Häuptern des Reformismus Halt zu machen.

In noch grösserem Masse bin ich gegen die Aufnahme der Französischen Sozialistischen Partei und der deutschen Unabhängigen in die Kommunistische Internationale, da sich diese Parteien keine kommunistische revolutionäre Denkart aneignen können.

Ich werde bezüglich dieses Gegenstandes zu den besprochenen Leitsätzen einen Zusatz vorschlagen. Es würde sich darum handeln, unter der Masse der Mitglieder der in Frage kommenden Parteien eine Untersuchung anzustellen und dem Exekutivkomitee das Recht zu geben, verschiedene Parteien und deren einzelne Mitglieder auszuschliessen, die offensichtlich nicht in den kommunistischen Organisationen geduldet werden können. Mit diesem grossen Vorbehalt wäre ich, streng genommen, für die Aufnahme dieser Parteien, die ich im Prinzip verurteile. Ich halte es auch für jeden Kommunisten für unzulässig, sich der Freimaurerei, dieser rein bürgerlichen Bewegung, anzuschliessen. (Beifall.)

Polano. Im Namen der italienischen sozialistischen Jugend ergreife ich heute das Wort, um Euch über ihre Tätigkeit Bericht zu erstatten. Diese Organisation besteht seit dem Jahre 1907. In den allgemeinen Richtlinien stimmt sie vollkommen mit der Italienischen Sozialistischen Partei überein, die sie aber ständig nach links gedrängt hat. Wir haben nicht aufgehört, zu verlangen, dass die Italienische Sozialistische Partei von ihren reformistischen Elementen gesäubert werde, und wir hoffen, dass die Kommunistische Internationale uns helfen wird. Die Internationale muss mit der Italienischen Sozialistischen Partei engere Verbindung suchen, was durch ein klares Verständnis ihrer geschichtlichen Mission geschieht. Ihre wichtigste Aufgabe ist, die Revolution vorzubereiten. Diese Arbeit wird durch den Kampf im Innern der Partei, zwischen den beiden Ideologien, der Sozialdemokratie einerseits und den kommunistischen Elementen andererseits verzögert. Es besteht nicht die geringste Möglichkeit, diese beiden Richtungen zu vereinigen. Wie ist es möglich, dass die marxistischen Elemente der sozialistischen Partei diesen Widerspruch noch nicht bemerkt haben? Wie konnten sie nicht die Wichtigkeit begreifen, konnten nicht Massnahmen treffen, um aus der Partei alle Elemente zu entfernen, welche sie in der Aktion hindern, wo sie doch die Pflicht hatten, die Massen zu führen?

Die Italienische Sozialistische Partei hat sich en bloc der Kommunistischen Internationale angeschlossen. Nichtsdestoweniger gibt es in ihrer Mitte noch Menschen wie Modigliani, welche nicht aufgehört haben, die energischste Propaganda gegen die Kommunistische Internationale und die Diktatur des Proletariats zu führen. Modigliani selbst ist es, der unlängst gefordert hat, dass man zwischen der sozialistischen Partei und den kleinbürgerlichen Elementen enge Beziehungen herstellen müsse. Turati, der auch, wie Ihr wisst, der Italienischen Sozialistischen Partei angehört, hat ebenso erst kürzlich erklärt, dass die kommunistische Taktik eine Kinderei und eine Dummheit sei.

Eine wirklich kommunistische Partei kann sich nicht aus solchen gegensätzlichen Elementen zusammensetzen. Die Kommunistische Internationale muss der sozialistischen Jugend bei ihrer Reinigungsarbeit zu Hilfe kommen. Ich erlaube mir, die Aufmerksamkeit des Kongresses auf den Paragraph 7 der Leitsätze zu lenken, wo gesagt wird, dass alle Parteien, welche der Kommunistischen Internationale beitreten wollen, unverzüglich mit den opportunistischen und zentristischen Elementen brechen müssen. Ich bringe dem Kongress noch den Paragraph 18 in Erinnerung, wo gesagt ist, dass alle Parteien, welche sich der Kommunistischen Internationale anschliessen, den Namen »Kommunistische Partei« annehmen müssen. Ich hege die feste Hoffnung, dass die Italienische Sozialistische Partei die erwähnten Leitsätze erwägen und dass sie bald eine wirklich kommunistische Partei darstellen wird. Aber zur Erfüllung dieser Aufgabe muss man uns helfen. Man darf dies nicht vergessen. Die Kommunistische Internationale wird der sozialistischen Jugend und der Italienischen Sozialistischen Partei jedoch in ihrem Werke nicht helfen können, wenn sie solche Gruppen wie die Französische Sozialistische Partei und die USPD Zulässt. Denn es ist tatsächlich unmöglich, einerseits die Italienische Sozialistische Partei von ihren opportunistischen Elementen zu reinigen und andererseits solche Elemente neuerlich in die Kommunistische Internationale zuzulassen.

Rákosi. Die Frage, vor welche die Kommunistische Internationale gestellt ist, ähnelt in vieler Hinsicht der Frage, vor der wir ungefähr vor 16 Monaten standen, als bei uns die Sozialdemokratie aller Schattierungen, mit Einschluss jener Teile, die ganz gefährlich der U.S.P. ähnlich sahen, ihren völligen Bankerott sah und unter dem Druck der Massen gezwungen war, ihr Programm aufzugeben und sich völlig auf den Boden der Diktatur des Proletariats und der Kommunistischen Internationale zu stellen. Da stellte es sich heraus, dass diese Leute ausschliesslich deshalb diesem Druck nachgegeben hatten, um weiter bei der Macht zu bleiben, und nicht, weil sie eingesehen hatten, dass ihre bisherigen Ansichten schlecht waren. Wir haben die traurigsten Erfahrungen mit diesen linken Sozialdemokraten gemacht, und ich möchte die Genossen davor warnen, dieses Beispiel jetzt in viel grösserem Masstabe zu wiederholen. Ich muss deshalb energisch diese Warnung machen, weil ich in den Reden der Genossen Crispien und Dittmann auf jedem Schritt die Charakteristik unserer Sozialdemokratie sehe. Sie haben ohne weiteres die Diktatur des Proletariats anerkannt, haben aber wie Däumig gegen den Terror gesprochen und eine »milde Haltung« der Diktatur verlangt in einer Zeit, wo die Erfahrungen der finnischen, der ukrainischen und anderer Greueltaten der weissen Garden bekannt waren. Wenn jetzt nach drei Jahren Revolution Genosse Dittmann oder Crispien, nachdem sie das Hinmorden von Zehntausenden von Unabhängigen oder Kommunisten mit angesehen haben, noch immer mit der grössten Seelenruhe nach Moskau kommen, um gegen den Terror zu sprechen, so bedeutet das, dass diese Leute nicht imstande sind, dieses System zu verstehen. Sie werden auch in ihrer Rätediktatur gegen den Terror sprechen und warten, bis der weisse Terror ihnen das richtige Verständnis für Terror beibringt. Ich sehe aus dem Beispiel der Genossen Crispien und Dittmann, dass ihre Gehirne ebenso eingestellt sind wie die ihrer ungarischen Genossen, und dass sie aus derselben Quelle schöpfen. Unsere Genossen, haben sorgfältig die russischen Erfahrungen untersucht, nicht etwa, um die Fehler zu ersparen, sondern um daraus Möglichkeiten zur Rechtfertigung ihres eigenen Verhaltens zu machen. Die ungarischen Sozialdemokraten haben alle Anstrengungen gemacht, um sich zu rechtfertigen, wo sie schlapp waren. Die rechten Unabhängigen besitzen neben dem völligen Unverständnis der proletarischen Diktatur eine sehr gefährliche Routine, die sie darin bewiesen haben, dass sie die anderen linken Genossen dazu zwingen konnten, eine unerhörte Resolution der U.S.P. gegen das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale als die allgemeine Meinung der U.S.P. hinzustellen.

Dittmann. Woher haben Sie diese Weisheit?

Rákosi. Die habe ich von Ihnen und vom Genossen Däumig. Ich weiss ganz gut, wie man solche Gelegenheiten machen kann. Ich habe davor gewarnt, weil ich an dem Beispiel des ungarischen Proletariats sehe, dass Leute, die nach drei Jahren Weltrevolution nicht wissen, was Terror und was Diktatur heisst, auch in den nächsten Jahren nicht klüger werden, und dass sie ebensolche Fehler begehen werden, die dann das deutsche Proletariat wird blutig bezahlen müssen. Als die Diktatur fiel, wurden unsere Sozialdemokraten, obwohl sie gesehen haben müssen, dass sie Unrecht hatten, überhaupt nicht klüger. Ich weiss nicht, ob es dem Genossen Dittmann bekannt ist, dass ein Teil der Mitglieder der Ungarischen Sozialdemokratischen Partei sich »Unabhängige« nennt und dass einer ihrer Führer der ärgste Feind der Diktatur ist und dem Proletariat den grössten Schaden zugefügt hat. Er ist Wiener Korrespondent der »Freiheit« und schreibt spaltenlange Artikel im Geiste Kautskys über die Verhältnisse in Osteuropa. Diese Artikel erregen kein Aufsehen, weil sie sich dem Geiste der »Freiheit« anpassen. Ich möchte sagen, ich bin für den Vorschlag, in welchem die Aufnahme der U.S.P. an eine neue, nicht in die Leitsätze eingebrachte Bedingung geknüpft wird, und ich möchte jede Bedingung unterstützen, die die wahllose Zulassung der U.S.P. und anderer solcher Zentrumsleute in die Kommunistische Internationale beschränkt, weil ich aus Erfahrung weiss, dass diese Leute sich nur in Worten ändern und sich den Anschein geben, als ob sie für die Diktatur kämpfen, in Wahrheit aber das machen, was sie jetzt in Deutschland tun und was sie während der Diktatur in Ungarn getan haben.

Serrati. Ich finde in den russischen Abendzeitungen eine Erklärung, welche der Delegierte Dugoni, Mitglied der italienischen Delegation, über seinen Besuch in Russland gemacht hat.

Ich muss zugeben, dass ich nicht weiss, ob diese Erklärungen Dugonis authentisch sind, aber ich erkläre auf jeden Fall, dass kein Mitglied der italienischen Delegation den Delegierten Dugoni ermächtigt hat, diese Erklärungen zu geben. Wir haben dem »Avanti« Funksprüche und Informationen über unseren Aufenthalt in Russland gesandt. Wir haben darin unsere Ansichten sehr bestimmt ausgedrückt. Alle anderen Erklärungen, die man uns zuschreiben will, sind durchaus falsch. Heute morgen habe ich einiges über diesen Gegenstand gehört, und ich habe Genossen d’Aragona, der heute nach Italien abgereist ist, beauftragt, bei der Parteileitung anzufragen, ob die in der italienischen Presse veröffentlichten Erklärungen, welche man Dugoni zuschreibt, tatsächlich von ihm stammen.

Für den Fall, dass die Antwort bejahend lautet, werde ich verlangen, dass er sofort aus der Partei ausgeschlossen wird.

Meyer. Genossinnen und Genossen! Wenn wir uns hier mit der Frage der Aufnahme der U.S.P. in die Kommunistische Internationale beschäftigen, so hat diese Beschäftigung von neuem gezeigt, dass es äusserst schwierig ist, sich ein klares Bild von dem Gesamtcharakter der U.S.P. Zu machen. Auf alle Einwendungen, auf jede Kritik an der U.S.P. wird von ihren Vertretern verwiesen auf andere Redewendungen, andere Erklärungen anderer Mitglieder, und im ganzen ergibt sich das Bild, dass die U.S.P. nichts Einheitliches oder Klares ist, sondern in allen ihren Gliedern eine nicht fest umrissene Haltung zeigt. Typisch für diesen Charakter der U.S.P., der sich ja schon seit ihrer Gründung zeigte, ist ihr Verhalten gegenüber der Kommunistischen Internationale. Der Parteitag in Leipzig hat zwar den Anschluss an die Kommunistische Internationale beschlossen. Wenn man aber diesen Beschluss genau prüft, so zeigt sich, dass es eigentlich kein Beschluss zum Beitritt ist, sondern die Resolution verlangt zunächst Verhandlungen mit sogenannten sozialrevolutionären Parteien, um mit ihnen zu einer Einigung zu gelangen, und falls diese Verhandlungen scheitern sollten, dann soll mit Moskau in Verbindung getreten werden. In der Deklaration, die Genosse Crispien in Leipzig hierzu gegeben hat, hat er ausdrücklich festgestellt, dass der Beschluss nicht den glatten Anschluss an Moskau bedeutet, sondern zunächst Verhandlungen. Dieser Beschluss ist unklar, und wenn wir nach seiner Ausführung fragen, dann tasten wir erst recht im Dunkeln. Was haben die Unabhängigen seit dem Leipziger Parteitag zur Ausführung des Beschlusses getan? Weshalb haben sie ihre Vertreter hierher geschickt? Aus dem Verhalten der hier anwesenden Vertretung wird nicht klar, was sie wollen. Eine Mitteilung oder einen Antrag, dass sich die U.S.P. jetzt der Kommunistischen Internationale anschliessen will, hat die Vertretung nicht mitgebracht. Als wir sie in der Kommission darüber befragten, ob sie über ihren Eintritt mit der Kommunistischen Internationale verhandeln will – eine gleiche Frage ist in der Exekutive gestellt worden –, haben wir keine klare Antwort bekommen, sondern folgende Erklärung: Diese Verhandlungen bedeuten nicht, dass wir für unseren Anschluss an die Kommunistische Internationale besondere Bedingungen stellen, sondern unsere Verhandlungen haben nur den Zweck, den Wust und Wall von Missverständnissen wegzuräumen, der offenbar in Moskau und in der Kommunistischen Internationale uns gegenüber besteht. Diese angeblichen Missverständnisse brauchen aber niemand abzuhalten, zu erklären, ob er mit der Kommunistischen Internationale einverstanden ist oder nicht. Das neue Antwortschreiben der Zentrale der U.S.P. gibt ebenfalls keine Klarheit darüber, wie sich die Zentrale der U.S.P. Zu Moskau stellt. Es werden dort gewisse Sätze aus dem Antwortschreiben der Exekutive zu widerlegen versucht, aber es wird nichts darüber gesagt, was man will, in welcher Form und unter welchen Bedingungen man den Anschluss an die Kommunistische Internationale zu vollziehen gedenkt und weshalb dieser Anschluss bisher nicht vollzogen worden ist. Darauf geben aber Antwort die Auseinandersetzungen, die innerhalb der U.S.P. zwischen dem linken und rechten Flügel geführt worden sind. Es ist ganz klar, dass es Elementen wie Kautsky, Hilferding, Ströbel, die noch heute innerhalb der U.S.P. nach der II. Internationale schielen, viel lieber wäre, nach Basel oder Genf zu gehen statt nach Moskau, und nur weil die Massen den Weg nach Luzern verbaut haben, deshalb tastet man sich langsam nach Moskau, um dem Wunsch der Massen nach Anschluss an die Kommunistische Internationale zu entsprechen; denn dass die breiten Massen der U.S.P. den direkten Anschluss an Moskau wollen, darüber besteht kein Zweifel. Als das Antwortschreiben von Moskau an die U.S.P. von der KPD publiziert und in öffentlichen Versammlungen besprochen wurde, da wurde fast überall von den Mitgliedern der U.S.P. gesagt: Es ist unrichtig, dass unsere Zentrale sich auf den Weg der blossen Verhandlungen begeben und dieses Schreiben nicht veröffentlicht hat.

Ein grosser Teil der Führer der U.S.P. schielt noch nach der II. Internationale, und deshalb will man nicht geradeswegs zur Kommunistischen Internationale kommen. Dieser Teil hat Furcht gehabt und hat sie noch, sich mit Russland und der Kommunistischen Internationale zu solidarisieren. In dem Antwortschreiben der Zentrale an die Moskauer Exekutive werden allerlei Ausstellungen an dem Verhalten Moskaus gemacht, nicht nur an dem Antwortschreiben, sondern auch an der Politik, die hier betrieben worden ist. Man wirft der Exekutive vor, dass sie versuche, rein schematisch Moskauer Methoden auf andere Verhältnisse zu übertragen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man es ablehnt, sich mit Russland zu solidarisieren, dass man – wenn auch zage – eine Kritik übt an dem Verhalten der Kommunisten und dass man es ablehnt, die sogenannten rein russischen Methoden auf Deutschland zu übertragen, also, dass man im allgemeinen eine rein kommunistische Taktik ablehnt und dass man versucht, einen opportunistischen Weg zu betreten, der im Grunde die Verneinung des Kommunismus bedeutet. Das, was die Unabhängigen am meisten abhält, nach Moskau zu gehen, ist das klar ausgesprochene und von der gesamten Internationale gestellte Verlangen auf Ausschluss der reformistischen Elemente aus der U.S.P. Diese Spaltung innerhalb der U.S.P., die notwendig ist, will man nicht. Die U.S.P. hat durch ihre Zentrale Moskau geantwortet, dass man sich diese Spaltung nicht vorschreiben lasse, dass man ihre Forderung als einen Eingriff in die Verhältnisse der deutschen Partei betrachte und dass man die Einigkeit der Partei höher schätze als eine rein kommunistische Taktik. Das ist in dem Antwortschreiben ziemlich klar ausgedrückt.

So ergibt sich, dass wir in der U.S.P. einen rechten und einen linken Flügel haben: einen rechten, der noch auf dem Boden der bürgerlichen Diktatur steht und der Diktatur des Proletariats nur gewisse Wortkonzessionen gemacht hat, und einen linken Flügel, der zwar auf dem Boden der Diktatur des Proletariats steht, der aber fortgesetzt praktische Konzessionen an die Rechte, an die bürgerliche Demokratie macht. Auf dem Leipziger Parteitag haben selbst Vertreter des linken Flügels sich ganz klar darüber ausgesprochen, dass man es ablehne, die Diktatur des Proletariats mit allen Konsequenzen durchzuführen. Dies geht auch aus den Stellen des Schreibens hervor, wo über den Gebrauch des Terrors gehandelt wird. Auch hier ist wiederum jener Gegensatz zwischen Gewalt und Terror hervorgehoben worden, ein Gegensatz, der in Wirklichkeit gar nicht besteht und nur künstlich aufgestellt wird, um das Fernhalten von der russischen Partei und der Kommunistischen Internationale verschleiert aussprechen zu können, um sich nicht mit der Revolution und der Kommunistischen Internationale solidarisch zu erklären. Wenn Genosse Radek in seiner Diskussionsrede heute ausführte, er habe die Hoffnung, dass die Linke sich endlich zu einer klaren Politik und zur Ablehnung der Ideologie der bürgerlichen Demokratie entschliessen würde, so gestehe ich, dass ich diese Hoffnung nicht teile. Die Linke hat sich praktisch der Politik der Rechten gefügt. Wir haben das Beispiel dafür hier auf dem Kongress selbst; denn die Sprecher waren nicht die Vertreter der Linken, sondern der Rechten – die Genossen Dittmann und Crispien. Wir hörten wohl, dass häufig scharfe Auseinandersetzungen stattgefunden haben zwischen der Linken und der Rechten, aber an die Öffentlichkeit kommt nichts: die Linke verzichtet auf die offene Auseinandersetzung vor den breiten Massen. Auch hier auf dem Kongress haben die Vertreter der Linken erklärt, dass sie eine Spaltung der Partei nicht wollen, und dasselbe ist in dem von Däumig und Stoecker unterzeichneten Antwortschreiben ausgesprochen worden.

Wenn wir auch hier das vertreten, was wir in Deutschland vertreten haben, nämlich, dass die U.S.P., um kommunistisch zu sein, eine Abspaltung der opportunistischen Elemente vornehmen muss, so tun wir das nicht aus Parteiinteresse. Die Kritik, die innerhalb unserer Partei geübt wird, zeigt, dass wir uns nicht scheuen, das, was bei uns fehlerhaft war, selbst auszusprechen, es zu korrigieren. Wenn wir an einer anderen Partei eine solche Kritik üben, so geschieht das nicht, um die Partei als solche zu vernichten, sondern um die revolutionäre Bewegung zu fördern und die gesamte Arbeitermasse auf den richtigen Weg zu weisen. Die Linke, die es versäumt hat, das Antwortschreiben der Moskauer Exekutive an die Arbeiter zu veröffentlichen, hat das Antwortschreiben an Moskau selbst unterschrieben und vor der Öffentlichkeit gedeckt. Aus diesem Schreiben spricht ein gewisser Hochmut, der sich auf den Wahlerfolg, auf die grosse Stimmenziffer stützt und vielleicht auch auf einer gewissen Angst vor einer radikalen Änderung innerhalb der Partei beruht, wenn von Moskau aus direkt mit den Massen der Unabhängigen gesprochen wird.

Das ist typisch: die U.S.P. geht nicht der Revolution voran, sie läuft den Massen nach. Die Arbeiter- und Soldatenräte haben 1918 verlangt, dass man mit den Scheidemännern zusammengehe. Die U.S.P. gehorchte und folgte diesem unreifen Teile der Massen. Wenn weiter in den Kreisen von Moskau die Verkoppelung von Räten und Parlament kritisiert wird, hat auch da die U.S.P. die Entschuldigung: in jener Situation bestand die Gefahr, dass die Räte überhaupt beseitigt würden, und daher war ein solches Kompromiss notwendig.

Im Rahmen einer kurzen Rede ist es nicht möglich, auf alle Fragen einzugehen. Aber es genügt, auf einige Einzelheiten hinzuweisen, um daraus den Schluss zu ziehen, dass wir mit der Aufnahme dieser Partei vorsichtig sein müssen. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass die U.S.P. eine rein kommunistische Praxis betreibt und sich nicht scheut, die Reformisten und Opportunisten auszuschliessen. Wir von der KPD haben nicht das Vertrauen, dass diese Praxis auf dem Wege der Verhandlungen erzielt werden wird, sondern wir sind der Auffassung, dass die Massen der U.S.P. den Weg nach Moskau von selbst finden werden, und dass wir von hier aus direkt mit den Massen in Verbindung zu treten haben, etwa in der Weise, wie das im ersten Schreiben der Exekutive geschehen ist. Wir glauben auch nicht, dass die Verhandlungen hier zu einem besonderen Ergebnis führen werden, sondern wir wünschen, dass die Exekutive sich direkt an die Massen der Unabhängigen wendet und ihnen sagt, wie man die U.S.P. beurteilt und dass man nicht von den Instanzen der U.S.P., sondern von den Arbeitern der U.S.P. erwartet, dass sie das durchsetzen, was sie wünschen, nämlich das Zusammengehen mit den Kommunisten in der ganzen Welt, mit den russischen Kommunisten, mit Sowjetrussland.

Wijnkoop. Viele Bemerkungen sind schon gemacht worden, die ich auch machen wollte. Ich muss sagen: falls wir jetzt stimmen müssten, so würde der Vorschlag der Exekutive gründlich abgelehnt werden. Wir haben hier Leute gehört, die alle gute Argumente gegen diesen Vorschlag der Exekutive vorgebracht haben. Wenigstens ihre Argumente sprachen dagegen; vielleicht ziehen sie selbst nicht die Konsequenzen daraus, das weiss ich natürlich nicht. Nun sagt man uns wohl: wenn ich und andere gegen diesen Vorschlag der Exekutive sind, dann deshalb, weil wir nur mit der Vergangenheit rechnen und nicht mit den Massen. Ich stimme aber in dieser Sache dem zu, was Genosse Radek gesagt hat. Er sagte: es ist eine Tatsache, dass die Massen der U.S.P. Zur Revolution gehen, dass sie mehr und mehr revolutionär werden. Dem stimme ich zu. Genosse Meyer hat sehr gut auseinandergesetzt, dass es nicht so ist, dass die linken Führer der U.S.P. der Revolution vorangehen oder die Bewegung revolutionieren, sondern dass sie den Massen nachlaufen. Nun ist die Frage: Wie setzt man die Arbeit der Revolutionierung der Massen fort? Und da meine ich, dass der Weg, den die Exekutive geht, falsch ist. Auf diesem Wege setzt man die Arbeit der Revolutionierung der hinter der U.S.P. stehenden Massen in Deutschland und der Massen in anderen Ländern nicht fort, sondern man schraubt hierdurch die Arbeit wieder zurück. Das ist meine Meinung. Man soll mir nicht sagen: Sie rechnen nicht mit den Massen, die real hinter dieser Partei stehen. Ich rechne mit ihnen, ich sage aber, falls die Exekutive der Kommunistischen Internationale diesen betrügerischen Führern der deutschen Unabhängigen und der französischen Sozialisten einen neuen Rückhalt gibt, dann bewirkt man, dass diese Massen wieder enttäuscht werden über das, was die grosse Revolution und die Kommunistische Internationale sie schon gelehrt haben. Darauf basiert unsere Opposition.

Andere Genossen haben schon darüber gesprochen, dass die Führer in all diesen Ländern bremsen, immer bremsen. Nur wenn man diese Herren in jeder Situation rücksichtslos bekämpft, wird man sie niederschlagen; dann werden die Massen für den revolutionären Kampf frei werden. Falls man ihnen aber entgegenkommt, in welcher Weise das auch sein mag, dann wird das ihre eigene falsche Auffassung stärken, dann kehren sie zurück und führen ihre Arbeit weiter, mit mehr Courage als vorher. Genosse Bombacci hat seine Erfahrungen aus Italien mitgeteilt. Er bereut seine frühere Schwachheit in dieser Sache. Er wusste wohl, dass er damals zu milde war, jetzt aber fühlt er, dass er damals verkehrt gehandelt hat, denn die Partei in Italien ist durch seine Nachgiebigkeit nicht revolutionärer geworden, sondern weniger revolutionär, und er fühlt, dass er jetzt doch den Weg gehen muss, den er damals nicht gehen wollte. Er hat richtig geurteilt, und wir in der Internationale sollen davon lernen.

Die Schweizer Genossen haben diese Erfahrung bestätigt. Was ist einem Opportunisten ein Stück Papier? Er unterschreibt es, wenn es nötig ist, und tut doch, was er will. Er ist immer doppelseitig und doppelzüngig. So machen es die Herren in der Schweiz, die Troelstra in Holland, die Cachin, die Crispien und wie sie alle heissen. Um ihren Einfluss auf die Massen zu erhalten, unterschreiben sie alles, und nachher handeln sie, wie sie es für gut befinden. Natürlich weiss ich, dass die Exekutive sich sagt: Wir haben als Exekutive eine andere Macht über sie als die linken Führer des eigenen Landes; wenn sie erst unterschrieben haben, dann werden wir sie schon zwingen, zu halten, was sie unterschrieben haben. Das ist ein Irrtum. Ich bin ganz mit der Exekutive der Kommunistischen Internationale einverstanden, dass eine grössere Disziplin durchgeführt werden muss, dass die Exekutive mehr Einfluss haben muss, dass das kommen wird und kommen muss. Aber ich bin der Meinung, dass die Exekutive heute diesen Einfluss noch nicht hat und dass sie schon durch ihr Entgegenkommen diesen Herren zeigt, dass sie nicht imstande ist, sie wirklich zu zwingen, den Weg zu gehen, den sie als Revolutionäre gehen müssten. Ich muss sagen: falls man die Resultate betrachtet, die bis jetzt erzielt worden sind, dann muss man einsehen, wie verfehlt diese Taktik ist.

Man hat heute früh an den Franzosen scharfe Kritik geübt, an den Herren Unabhängigen weniger scharfe, obgleich sie ärger sind. Es ist natürlich kein grosser Unterschied zwischen ihnen, aber die einen bekamen eine milde Kritik und die Cachin eine weit schärfere. Das kommt durch die Haltung der Exekutive, die gemacht hat, dass die Kritik der KAPD gegen die KPD hier nicht gehört werden konnte. Wir sollten sie hier hören; wir haben sie aber nicht gehört. Es ist von der U.S.P. gesprochen worden; man sollte aber auch freundschaftliche Kritik an den kommunistischen Parteien üben. Das ist der beste Weg, die Massen zu lehren, was sie mit den opportunistischen Führern zu tun haben, nämlich sie fortjagen. Indem man hier die Kritik auf die U.S.P. konzentriert hat, auf eine reformistische Partei, geht man darum hin, die auch nicht freundschaftliche, aber gute Kritik der KAPD an der KPD anzuhören. Ist die KPD immer den Massen vorangegangen? Das ist eine Frage, die hier gestellt und beantwortet werden muss. Jetzt aber, in Anwesenheit der U.S.P., geht es nicht gut. Wir sind nicht untereinander, wir sind hier zusammen mit den Herren Regierungssozialisten, aber wir sollten untereinander sein und uns die Wahrheit sagen. Das ist durch das Auftreten der Exekutive verhindert worden.

Genosse Serrati hat heute morgen eine sehr gute Antwort gegeben auf die Frage, warum Turati in der italienischen Partei blieb: weil er auf diese Weise Propaganda für sich machen kann. Und fragt man, warum diese Opportunisten jetzt hergekommen sind und sich von uns Fragen stellen lassen, so hat Genosse Meyer ja bereits betont, dass wir von ihnen eine klare Antwort nicht bekommen. Sie sind hier noch unverschämter als selbst in Deutschland. Das ist eben der Grund, warum diese Herren hier mit der Kommunistischen Internationale in Verhandlungen treten, weil sie in der grossen kommunistischen Partei, die in Deutschland wachsen wird und muss, Propaganda für sich machen wollen. Wie Genosse Meyer sehr gut gesagt hat: über die Köpfe dieser Führer hinweg muss man zu den Massen gehen, zu denen die Herren Reformisten gehen wollen, um bei ihnen ihre für die Revolution so schädliche Propaganda zu machen. Das können sie nicht offen sagen, aber es ist die Wahrheit; würden sie es offen sagen, dann würden wir ihnen antworten: wir danken schön, gehen Sie zurück. Sie müssen daher diplomatisch sprechen.

Genosse Sinowjew hat heute morgen noch etwas gesagt, was sehr richtig ist: er hat die ganze Maschinerie dieser Unabhängigen als eine philiströse Maschinerie bezeichnet. Gerade diese philiströse Maschine wollen wir hier übernehmen. Das geht nicht an. Wir müssen auf der Grundlage stehen, die Genosse Radek gegeben hat; wir sollen zu den Massen gehen. Dann dürfen wir aber die Sache nicht auf diesem Wege mit den Führern ausmachen. Ich weise darauf hin, dass man hier diesen Herren von der U.S.P. und auch Cachin und Frossard eine Sonderstellung gegeben hat. Das ist verkehrt und eine Sache, die sich rächen wird. Überhaupt sind hier jetzt zwei Fragen durcheinander gekommen. Man hat hier die Frage im allgemeinen behandelt, wie die Bedingungen für den Beitritt zur Kommunistischen Internationale sein müssen. Das soll in den Leitsätzen stehen, und im allgemeinen glaube ich, dass in den Leitsätzen sehr viel Gutes steht. Es kann natürlich sein, dass durch den einen oder den anderen Antrag noch etwas abgeändert wird. Und es ist eine weitere Frage, wie wir wünschen, dass die Parteien, die schon zur Kommunistischen Internationale gehören, sein sollen. Darüber erwartet man von uns Kommunisten Beschlüsse, und an diesen haben diese Herren nichts mitzuschaffen. Doch diese Herren nehmen teil an der Kommission für die Redaktion dieser Leitsätze!

Die andere Frage, die hier in der Hauptsache beraten werden soll, ist, ob wir auf diesem Wege mit diesen Herren fortfahren zu verhandeln, ja oder nein. Diese Fragen sind durcheinandergekommen. Ich habe schon gesagt, dass die Exekutive diesen Herren eine Sonderstellung gegeben hat. Ich habe schon in der Kommission dagegen protestiert, es hat mir nichts geholfen. Diese Herren sind unter uns Kommunisten, sie sind hier. Ich habe nichts gegen Personen, ich habe aber etwas gegen betrügerische Führer, weil die Geschichte uns gezeigt hat, dass diese Leute ihre alten Schwächen nicht verlieren können. Nur von den Massen können sie zu einem Frontwechsel gezwungen werden; aber das wird auf eine ganz andere Weise erreicht, als man es hier versucht.

Zum Schluss: Nicht nur auf Deutschland und auf Frankreich, sondern auf die ganze Welt wird diese Art des Auftretens der Kommunistischen Internationale schlecht wirken. Es wird einen sehr schlechten Eindruck machen auf England und Amerika. Auch deshalb wird es einen sehr schlechten Eindruck machen, weil man fühlt, dass die Kommunistische Internationale sich hier mit den unabhängigen Führern nach rechts orientiert. Es gibt keinen Unterschied zwischen Hilferding und Crispien, und man ist hier wohl gegen Hilferding aufgetreten, aber nicht gegen Crispien. Wie können in allen diesen Ländern die Massen revolutioniert werden? Nur, indem man den betrügerischen Parlamentariern nicht die Hand reicht, und das tut man hier mit den Unabhängigen und auch mit Cachin. Wenn Cachin nach Frankreich zurückreist, so sehen die Massen, die gerade gelernt haben, dass man den Parlamentarismus anders machen muss, als es die Herren Sozialdemokraten bisher getan haben, dass diese neue Internationale wieder Kompromisse abschliesst mit den alten Führern. Der alte betrügerische Parlamentarismus wird auf diese Weise wieder stärker werden, und die Massen werden das fühlen und sich von uns abwenden. Man muss nicht nur nach der Zahl der Massen gehen, die nominell hinter einer Partei stehen, in Wirklichkeit aber schon durch die Erfahrungen der Kommunistischen Internationale zu uns gekommen sind. Deshalb hoffe ich, dass man die Unterhandlungen mit den Führern dieser parlamentarischen Parteien abbricht, dass der Kongress die bisherige Taktik der Exekutive nicht gutheissen wird, und dass man alle Mittel, die man erst im Sinne hatte, anwenden und zu den Massen in Frankreich und Deutschland direkt reden wird. Auf diese Weise wird übrigens eines der nächsten Ziele, die Absplitterung der revolutionären Teile der alten Parteien, viel rascher eintreten.

Münzenberg. Genossen, ich verstehe den Genossen Wijnkoop nicht, wie er es hier als einen Vorwurf gegen die Exekutive erheben kann, dass die KAPD nicht vertreten ist. Wenn sie nicht vertreten ist, so ist das lediglich die Schuld ihrer Delegierten. Man hatte beschlossen, sie mit beratender Stimme zum Kongress zuzulassen und ihnen selbst ein Korreferat zu allen strittigen Punkten in Aussicht gestellt. Sie haben davon keinen Gebrauch gemacht, sie sind nicht zum Kongress erschienen, sie haben das Kampffeld vor der Schlacht geräumt. Ich weiss nicht, wie die Mitglieder der KAPD darüber denken; aber der weitaus grössere Prozentsatz der deutschen Arbeiter wird einig sein in der strengen Verurteilung dieses Vorgehens, und die beiden Genossen, die auf diese unverantwortliche Weise handelten, sind nach meinem Empfinden in der revolutionären Bewegung Deutschlands unmöglich.

Nun zu der Frage über die Aufnahmebedingungen in die Kommunistische Internationale. Das letzte Jahr und seine politischen Ereignisse haben glänzend bewiesen, dass das Programm und die taktischen Richtlinien des ersten Kongresses der Kommunistischen Internationale in Moskau richtig waren, jene Taktik, von der es im »Manifest« heisst: »Wenn die I. Internationale die künftige Entwicklung vorausgesehen hat und ihre Wege suchte, wenn die II. Internationale das Proletariat gesammelt und organisiert hat, so ist die Kommunistische Internationale die Internationale der offenen Massenaktionen, die Internationale der revolutionären Verwirklichung, der Tat.«[3]

Genossen! Diese Methode der revolutionären Propaganda, diese Taktik, unmittelbar an die Arbeitermassen selbst zu appellieren, ohne Rücksicht auf Parteiinstanzen oder Institutionen, schonungslos alle Irrungen der Arbeiterbewegung zu kritisieren, hat mächtig dazu beigetragen, die subjektiven Kräfte der proletarischen Revolution in Westeuropa zu erwecken und zu entwickeln. Der Erfolg der Kommunistischen Internationale im letzten Jahr liegt meiner Meinung nach nicht so sehr im heutigen Kongress als in der Tatsache, dass trotz der kümmerlichen Organisationen der kommunistischen Parteien im letzten Jahr und trotz der strengen Abgrenzung nach rechts – die Linie war nicht wie heute Turati, Kautsky, Longuet, Grimm, sondern Däumig, Nobs – im verflossenen Jahr Hunderttausende von Arbeitern in Deutschland, in Ungarn und in anderen Staaten für das Programm und die Ziele der Kommunistischen Internationale mit der Waffe in der Hand gekämpft und geblutet haben. Das ist der grosse praktische Erfolg der revolutionären Propaganda, und er ist für die proletarische Revolution weit wertvoller als tausend neuausgestellte Parteimitgliedsbücher. Der Einfluss der Kommunistischen Internationale auf die deutschen Arbeiter war so stark, dass sie selbst dann, wenn sie von der U.S.P. auf die Strasse gerufen wurden, nicht für den ideologischen Inhalt dieser Partei, sondern für die Kommunistische Internationale demonstrierten. Stets schallten die Rufe: Es lebe Sowjetrussland, es lebe die Kommunistische Internationale, es lebe die proletarische Revolution!

Das Gleiche kommt auch zum Ausdruck in der Haltung der Arbeiter in England, Frankreich und Amerika. Wenn es auch bisher noch nicht gelang, die Massen so weit zu bringen, dass sie, zu den letzten revolutionären Kämpfen übergehend, die Bourgeoisie in diesen Ländern stürzen, so wurden sie doch durch die revolutionäre Propaganda moralisch so gehoben, dass sie eine militärische Invasion ihrer Regierungen gegen Sowjetrussland unter allen Umständen verhindern werden. Davon zeugen auch die in diesen Tagen gefassten Beschlüsse der verschiedensten Organisationen, die die Verweigerung der Herstellung und des Transports von Munition nach Polen anstreben. Das ist freilich nicht alles, was wir von den Genossen dort fordern müssen; aber es ist der Anfang der praktischen internationalen Solidarität. Und gerade deshalb ist es wichtig, weil sich die nächste Epoche der proletarischen Weltrevolution durch eine Reihe revolutionärer Kriege kennzeichnen wird. Der polnische Krieg ist nur ein Glied in der Kette der sich entwickelnden kriegerischen Überfälle der Entente und ihrer Hilfsvölker auf Sowjetrussland,

Genossen, wenn wir das letzte Jahr der Entwicklung des Kommunismus überschauen, so haben wir keine Ursache, die Taktik zu ändern und vielleicht um der Gewinnung von Parteigruppen willen die Gewinnung grosser Massen für lebendige revolutionäre Aktionen in Frage zu stellen.

Man hat in einer Sitzung der Exekutive gesagt, dass die Gründung der Kommunistischen Internationale verfrüht gewesen sei. Diese Auffassung teile ich nicht, aber ich glaube, dass man ihren Kreis zu früh erweitert hat. Genosse Sinowjew hat bereits in seinem Referat auf die verschiedenen opportunistischen Erscheinungen in der italienischen Partei, in der schwedischen, norwegischen, dänischen und jugoslawischen Partei hingewiesen. Man hat vom Feinde im eigenen Hause gesprochen.

Dazu kommt, dass in England, Amerika und Frankreich noch keine festen, starken und disziplinierten kommunistischen Parteien bestehen. Jetzt hat sich die Sozialistische Partei Spaniens für den Anschluss an die Kommunistische Internationale erklärt; ebenso versucht die Schweizerische Partei sich in die Kommunistische Internationale einzuschmuggeln. Kommt noch dazu die Französische Sozialistische Partei und die USPD in ihrer heutigen Zusammensetzung, dann kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass für die Kommunistische Internationale eine grosse Gefahr besteht, die Gefahr der Versandung und der Schwächung der revolutionären Propaganda und Aktion. (Lenin: Wer will die U.S.P. aufnehmen?) Das zeigen die Verhandlungen in der Exekutive. Die Tatsache, dass Genossen, die noch vor einigen Wochen oder gar noch vor Tagen gegen die Kommunistische Internationale mit allen Mitteln kämpften, sich heute bereit erklären, die ihnen gestellten Bedingungen glatt zu unterschreiben, ist sicher ein Beweis, dass die Bedingungen nicht streng und scharf genug formuliert sind. Es kann sich in dem gegenwärtigen Zeitpunkt des revolutionären Kampfes nicht nur darum handeln, für den Kommunismus Propaganda zu machen und kommunistische Parteien zu gründen, sondern darum, unmittelbar revolutionäre Massenaktionen einzuleiten, dadurch zu einer raschen Politisierung der Massen, zu ihrer revolutionären Schulung, zur Entwicklung aller subjektiven revolutionären Kräfte beizutragen und gleichzeitig die Schwierigkeiten für den sterbenden Imperialismus zu häufen, die Konflikte zu verschärfen und so für eine raschere Durchführung der proletarischen Revolution zu wirken. Das ist es, was von den Parteien und Organisationen, die Mitglieder der Kommunistischen Internationale werden wollen, vor allem gefordert werden muss. Wie wichtig die Befolgung der Methode der revolutionären Massenaktionen ist, geht auch klar aus dem Bericht des Exekutivkomitees hervor. Es war das Exekutivkomitee, das in einem seiner Manifeste feststellte, dass lediglich durch den Zusammenbruch der geplanten internationalen Massenaktionen vom 21. Juli 1919 wiederum Tausende von Petersburger Arbeitern verbluten mussten. Ähnlich scheiterten die geplanten internationalen Aktionen vom 7. November 1919 und am Todestag von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Es ist also unbedingt notwendig, dass gerade in dieser Beziehung allen Parteien strenge Bedingungen gestellt werden.

Gänzlich ungenügend sind ebenfalls die Forderungen, die man betreffs der militärischen Vorbereitung gestellt hat. Es genügt nicht, in den bürgerlichen Heeren kommunistische Propaganda zu treiben und Agitationszellen zu bilden, sondern der heutige Stand des Bürgerkrieges erfordert gebieterisch, dass überall, in allen Ländern, dazu übergegangen wird, militär-organisatorische und militär-technische Vorbereitungen für die letzten Auseinandersetzungen mit der Bourgeoisie zu treffen. Ich überreiche dem Präsidium zwei entsprechende Abänderungsanträge.

Losowski. Die Frage der Annahme der zentristischen sozialistischen Parteien ist eine der ernstesten Fragen, die dem Kongress gestellt werden. Wenn wir die Französische Sozialistische Partei als Typus der Parteien annehmen, die sich gegenwärtig zum Kommunismus hin entwickeln, so sehen wir, dass diese Partei eine sehr eigenartige Zusammenballung verschiedener Richtungen ist.

Als sich die Genossen Cachin und Frossard dem Exekutivkomitee vorstellten, wurden ihnen eine Reihe von Fragen gestellt. Besonders hat man sie gefragt, was sie mit Albert Thomas machen würden, der gegenwärtig Leiter im Arbeitsamt des Völkerbundes ist, und ob sie es nicht für unmöglich hielten, der Kommunistischen Internationale Sozialisten dieser Art zuzuführen. Genosse Frossard hat offiziell geantwortet, dass der Fall Albert Thomas auf dem nächsten Parteitag der Französischen Sozialistischen Partei geregelt werden würde.

Die Französische Sozialistische Partei umfasst zentristische Elemente wie Cachin und Frossard, neben erbitterten Feinden des Sozialismus, Mitgliedern des Völkerbundes, kurz, Menschen, die im Laufe der letzten Jahre jede Arbeiterbewegung, ob revolutionär oder ob gewerkschaftlich, bekämpft haben.

Die Französische Sozialistische Partei leidet an einer Krankheit, die nicht nur Opportunismus ist, sondern die man die »Einigkeit um jeden Preis«, mit wem es auch sei, nennen kann.

Als man im Exekutivkomitee an Cachin und Frossard die Frage der nationalen Verteidigung stellte, haben sie sich wohl gehütet, sich für die Zukunft festzulegen. Sie haben nur in zweideutigen Worten geantwortet. Diese Frage ist jedoch wesentlich, sie ist der Stützpfeiler, der Sinn jeder kommunistischen Bewegung, die Grundlage der Kommunistischen Internationale. Es ist augenscheinlich, dass sie selbst nach der Reinigung (Goldenberg: Sie werden sie nicht durchführen), die man auf dem nächsten Kongress durchführen wird, nicht in die Kommunistische Internationale eintreten werden. Aber den französischen Arbeitern fällt die Pflicht ob, allein zur Kommunistischen Internationale zu kommen und die Führer, die sich nicht zu den notwendigen Handlungen entschliessen können, an der Tür zurückzulassen.

Noch auf einen anderen wesentlichen Punkt möchte ich Eure Aufmerksamkeit lenken. Wenn Ihr die »Humanité« lest, so werdet Ihr sehen, wie man gekämpft hat (wie Cachin sagt) gegen den Frieden von Versailles. Es ist ein allzu seltsamer Kampf und erinnert allzu sehr an ein Kinderspiel. Es ist wahr, dass die sozialistischen Deputierten gegen den Vertrag von Versailles gestimmt haben. Aber man muss wissen, wie. Sie haben sich darauf beschränkt, gegen gewisse Artikel des Vertrages zu protestieren und nicht gegen den Frieden von Versailles in seiner Gesamtheit.

Noch eine Tatsache müssen wir feststellen. Cachin hat uns hier heute morgen eine neue Erklärung verlesen, die derjenigen gar nicht mehr ähnlich ist, die er vor einigen Tagen machte. Da er weiss, dass diese Erklärung in Frankreich veröffentlicht werden wird, hat er viel unklarere Worte gewählt als in der, welche er uns vor acht Tagen kundtat, als er noch nicht vor der Abreise nach Frankreich stand.

Diese Erklärung, die alle misslichen Fragen umgeht, beweist offensichtlich, dass die Französische Sozialistische Partei in ihrer Mehrheit, sowohl vom Gesichtspunkt der Ideen, als auch vom Gesichtspunkt der Aktionen aus unfähig ist, innerhalb der Kommunistischen Internationale zu arbeiten. In seiner Erklärung sagt Cachin kein Wort von der zukünftigen Taktik der Partei. Er hat die Frage des Klassenkampfes und die der Niederwerfung des Kapitalismus. mit Stillschweigen übergangen, eine Kleinigkeit, das versteht sich.

Unter den sozialistischen Parteien, die sich der Kommunistischen Internationale angeschlossen haben, hat man von dieser Tribüne viel von der Italienischen Sozialistischen Partei gesprochen. Ich muss betonen, dass man in dieser Partei den Bolschewismus und den Menschewismus in Nachbarschaft findet.

Wenn wir jedoch unsere italienischen Genossen fragen, ob man Bolschewismus und Menschewismus vereinigen kann, so werden sie sicherlich eine verneinende Antwort geben. Sie werden vielleicht hinzufügen, dass Italien sich noch nicht in seiner revolutionären Periode befindet. Aber in Russland war es nicht die Revolution, die uns von den Menschewiki getrennt hat, die Kluft zwischen ihnen und uns wurde lange vorher gegraben. Und wir, die wir diese Erfahrungen haben, können unseren italienischen Genossen sagen: Hütet euch wohl! während der revolutionären Bewegung, im ernstesten Augenblick, wenn die Massen schon auf der Strasse sind, werdet ihr die Schläge eures Opportunismus fühlen.

Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an eine unvergessliche Tatsache, die sich in Petrograd während der Oktoberrevolution abgespielt hat. Es waren Verhandlungen zwischen den Bolschewiki, den Menschewiki und den Sozialrevolutionären im Gange zum Zweck einer gemeinsamen Teilnahme an der Aktion. Wisst Ihr, was uns die Menschewiki offiziell vorschlugen? Die Entwaffnung der Petrograder Arbeiter und den Einmarsch der Kosaken in die Arbeiterviertel! Ich bin darüber wohl unterrichtet; denn ich nahm an den Verhandlungen teil. Ich war zu dieser Zeit selbst ein eifriger Versöhnungspolitiker, und ich wütete über die Unversöhnlichkeit unserer Genossen im Zentralkomitee. Sie, die Menschewiki, sagten uns: Wenn Ihr die Arbeiter entwaffnet, garantieren wir Euch, dass die Arbeiter nicht ermordet werden. Das schlugen uns unsere Opportunisten vor!

Und, Genossen, auf Grund unserer revolutionären Erfahrungen fürchten wir, dass die Opportunisten Eures Landes Euch eines Tages, während der entscheidenden Kämpfe, die Ihr zu bestehen haben werdet, etwas Ähnliches vorschlagen.

Crispien. Genossen, auf die Frage, weshalb wir in Moskau sind und was wir hier wollen, möchten wir kurz antworten. Ich muss allerdings sagen, dass mir diese Frage eigentlich etwas merkwürdig erscheint. Wir sind natürlich nicht nach Moskau gekommen, um uns die Stadt zu besehen, sondern, wie wir dem Exekutivkomitee ganz offiziell mitgeteilt haben, infolge einer Einladung im Laufe des schriftlichen Verkehrs, den wir mit dem Exekutivkomitee hatten, um, entsprechend dem Parteitagsbeschluss unserer Partei, hier in Moskau mit der Kommunistischen Internationale wegen des Zusammenschlusses mit unserer Partei zu verhandeln, und ich werde auch in meinen Ausführungen begründen, weshalb wir, meiner Meinung nach, den Weg der Verhandlungen wählen mussten.

Gestattet mir zunächst einige Worte über unsere Partei.

Ich habe aus allen Darlegungen heraus gehört, dass die Genossen aus dem Auslande weder über die deutschen Verhältnisse im allgemeinen noch über die Parteiverhältnisse im besonderen unterrichtet sind. Es ist bekannt, dass auch die deutsche Sozialdemokratie bei Kriegsausbruch glatt abgedankt hat. Es dürfte aber weniger bekannt sein, dass in Deutschland von Stunde an ohne Schwanken und Zaudern auch Genossen innerhalb der alten Sozialdemokratie vorhanden waren, die sofort gegen die alte Partei und gegen den Krieg Front machten. Nicht nur durch Proteste, nicht nur durch Resolutionen, sondern auch durch sehr schwere praktische Arbeit während der vier Kriegsjahre. Stellt Euch bitte einmal vor: Eine gewaltige Partei, die jahrzehntelang die fortgeschrittensten Teile des deutschen Proletariats in ihren Bann gezogen hatte – eine Million Mitglieder waren in der alten Sozialdemokratie, 2 ½ Millionen Mitglieder in den Gewerkschaften –, und dazu die grosse Masse der indifferenten, vom Kriegsrausch eingefangenen Arbeiter, dazu die Militärdiktatur, die harten Verfolgungen eines jeden, der nicht für den Krieg war, dann könnt Ihr Euch ein Bild davon machen, was es hiess, und wie schwer es war, in dieser. Situation die Fahne des Sozialismus hochzuhalten. Es war ein kleines Häuflein, das dann durch Verbreitung illegaler Schriften und Spartakusbriefe... (Zuruf Fuchs: Wer?) Wir sind auch dabei gewesen. Das werden die Genossen bestätigen, dass ich z. B. ebenfalls dabei beteiligt gewesen bin. (Zuruf Walcher: Da waren Sie doch noch nicht für die Arbeitsgemeinschaft!). Ich spreche jetzt von dem Anfang des Krieges und frage, ob Sie es bestreiten können, dass ich meine Pflicht als revolutionärer Sozialist getan habe. (Walcher stimmt zu.) Wir haben auch schon während des Krieges Massenaktionen gegen den Krieg veranstaltet. Nicht nur die Massen haben Opfer gebracht und geblutet, sondern auch die »vielverruchten Betrüger«, die »schlechten Kerle«, die Führer, die hier unter Euch sitzen, auch die haben die Massenaktionen mitgemacht und haben das büssen müssen, genau wie alle übrigen Proletarier, gegen die man mit den bekannten Strafen, die der Kapitalismus über jeden revolutionären Proletarier verhängt, vorging. Um dieses Häuflein der gegen den Krieg kämpfenden Sozialdemokraten Deutschlands sammelte sich mehr und mehr eine Opposition, und es ist begreiflich, dass dabei auch Elemente in die Opposition gelangten, die nicht grundsätzlich den Krieg überhaupt ablehnten und gegen die Vaterlandsverteidigung waren, sondern aus irgend einem anderen Grunde gegen den Krieg waren. Das ist natürlich und begreiflich, und wir hatten in diesem schweren Kampfe weder die Zeit noch die Möglichkeit, die Arbeiter in grossen aufklärenden Versammlungen auf den richtigen Weg zu führen.

Wir durften nicht einmal Sitzungen abhalten; wir wurden verfolgt, mussten unterirdisch arbeiten und konnten nicht an die Massen heran kommen. Im Parlament sind die Genossen, die sich zunächst noch der Parteidisziplin gefügt hatten, schriftlich auch schon während des Krieges für den Klassenkampf aufgetreten. Dann kam der Zusammenbruch des Krieges. Da war die Möglichkeit gegeben, offen aufzutreten. (Fuchs: Ihr seid gegen Liebknecht aufgetreten. Dittmann: Ich werde das widerlegen.) Genosse Dittmann, der im Parlament gewesen ist, ruft mir zu, dass er darauf antworten wird.

Als der Krieg durch den Aufstand der Arbeiter und Soldaten beendet wurde, stand das deutsche Proletariat plötzlich vor einer gewaltigen Aufgabe. Dass sie nicht im sozialistischen Sinne vom Proletariat gelöst wurde, liegt in erster Linie daran, dass es nicht möglich war, die grosse Aktion der Arbeiter und Soldaten zu einer bewusst proletarischen und revolutionären Aktion zu gestalten und voranzutreiben. Das ist einer der Hauptgründe. Man soll sich die Sache nicht so leicht machen und denken, einige Führer hätten die Sache verraten und darum sei sie zusammengebrochen. (Zuruf: Sie waren gegen die Diktatur.) Die Diktatur des Proletariats ist keine Neuentdeckung der Kommunistischen Internationale, sie stand schon im alten Programm der sozialistischen Partei. Es stand darin: die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse ist die Vorbedingung für die Verwirklichung des Sozialismus. Das ist ein alter marxistischer Grundsatz. Ob er in der Praxis von der Sozialdemokratie befolgt wurde, ist eine andere Sache. Wir waren auch als Sozialdemokraten für die Diktatur des Proletariats. Dass sie sofort nach Beendigung des Krieges nicht durchzuführen war, lag daran, dass keine Macht bestand, worauf sie sich stützen konnte. Die Soldatenräte boten keine Stütze dafür, sie waren in ihrer Mehrheit keine revolutionären Sozialisten, soweit waren sie noch nicht, da wir erst bei Ausbruch der Revolution damit beginnen konnten, an die Massen heranzukommen. Da begann der Prozess der Aufklärung, der Prozess der Orientierung, auch für unsere Partei. Wir haben auf dem Parteitag im März zur Situation Stellung genommen und schon damals in unserem Programm die Diktatur des Proletariats ganz klar ausgesprochen und formuliert (Zuruf: Verankerung des Rätesystems.)

Auch wir haben damals schon betont: Der Parlamentarismus bringt uns nicht den Sozialismus, er ist nur eine der Waffen, die das Proletariat in seinem Kampfe braucht. Inmitten der grossen Wirren der geschichtlichen Entwicklung ist wohl keine Partei rein wie ein Engel auf die Bühne getreten und hat sich ohne Schuld und Fehl bewegt. Ich möchte Euch sagen: wer mitten drin steht in der Weissglut des politischen Kampfes, der kann immer kritisiert werden. Das ist sehr leicht. Die Kritik, die die Kommunisten an uns üben, die führt die K. A. P. an den Kommunisten in Deutschland in überreichem Masse. In Euren Augen sind wir Verräter, in den Augen der K.A.P. seid Ihr Verräter an der Arbeiterklasse. Dass sich dann unsere Partei vom März his Leipzig weiter entwickelte und in Leipzig klarere Formulierungen unseres Programms vorgenommen hat, das ist nicht zu bestreiten, und ich möchte darauf aufmerksam machen, dass dies geschah gerade unter der Leitung der »verruchten Führer«. Diese Führer haben das Programm vorgelegt. Es wurde, nicht von den Massen erzwungen, sondern dem Parteitag von der damaligen Parteileitung unterbreitet und vertreten. Wir aus der Parteileitung haben ehrlich und rechtschaffen nach den Beschlüssen des Parteitages gehandelt. Wir haben Massenaktionen in Deutschland gehabt, in vielen Fällen gemeinsam mit den deutschen Kommunisten. Wenn man uns Schwanken in unserer Politik und Taktik vorwirft, so möchte ich sagen, dass wir denselben Vorwurf gegen die Kommunisten richten können, die sich einmal gegen den Parlamentarismus ausgesprochen haben und jetzt dafür sind. Geschwankt hat die KPD in manchen Fragen, und wenn man sich an seine Brust schlägt, so würde man entdecken, dass man auch Sünden genug auf dem Kerbholz hat. Man sagt, die Massen seien anders als die Führer, als die Betrüger, die wir hier hätten. Es fehlt nur noch, dass Wijnkoop sagte, wir seien Polizeiagenten. Ihr begeht einen grossen Irrtum, wenn Ihr glaubt, dass die Taktik, hier vor dem Kongress die Führer herunterzuputzen, in der Hoffnung, dass sich die Massen von uns wenden, Eindruck in Deutschland macht. In Deutschland muss man den Massen mit Tatsachen kommen. Die deutschen Genossen und Arbeiter kennen uns seit Jahrzehnten, und sie würden uns nicht immer wieder auf verantwortliche Posten wählen, wenn wir Verräter wären. Die Massen der Unabhängigen sind nach Eurer Meinung kommunistisch, und diese kommunistischen U.S.P.-Massen wählen sich die Führer, die Ihr hier herunterreissen wollt. Da muss doch etwas in der Rechnung nicht stimmen, Die Taktik wird nicht zum Erfolg führen, wenn Ihr glaubt, die Massen gegen die Führer der Partei auszuspielen. Darüber reden wir in Deutschland, und wir befürchten gar nicht, dass wir in Deutschland nicht gut abschneiden werden.

Nun Eure Aufregung über unser Antwortschreiben. Warum auf einmal so empfindsam wie eine Jungfrau? Wir haben einen gepfefferten Brief von der Exekutive bekommen. Wir haben nicht geweint und gesagt, die Prügel stecken wir ein, sondern wir haben darauf deutlich geantwortet und unverblümt unsere Meinung dargelegt. Wir haben nicht gesagt, wie Genosse Sinowjew meinte, nur die rechten Führer würden in einen Gegensatz zu den Massen gestellt. Die Exekutive sagte in ihrem Schreiben an uns: Die gesamten Führer der U.S.P. stehen im Widerspruch zu den Massen, und die gesamte Politik der Massen wird von rechten Führern der U.S.P. bestimmt. Ich muss nun erleben, dass auch ich hier zu den rechten Führern gezählt werde. Hier in Moskau kann man das sagen, in Deutschland könnte man das nicht sagen. Die Politik unserer Partei wird bestimmt vom Parteitag, und die Beschlüsse werden gefasst durch die Parteigenossen. Wer die Beschlüsse nicht ausführen mag, der kann nicht in die Parteileitung eintreten, der wird nicht gewählt. Radek sagt, ich bin in Luzern für den Völkerbund aufgetreten. Das ist ein Irrtum. Ich habe in Luzern gegen den Völkerbund gesprochen. (Zwischenruf Radeks.) Genosse Radek, ich weiss nicht, ob Ihnen der Text meiner Rede vorliegt. Ich habe dort gegen den Völkerbund gesprochen. Ich habe schon im Winter 1918 in Stuttgart in unserem Blatt geschrieben, der Völkerbund sei ein Instrument der kapitalistischen Regierungen zur Unterdrückung der Völker und kein Völkerbund. Das habe ich damals gesagt, und auf diesem Standpunkt stehe ich heute noch. Ich habe gegen den Völkerbund protestiert. Wir sind nach Luzern gegangen, weil wir Wert darauf legten, dass die deutschen Rechtssozialisten vor dem internationalen Proletariat entlarvt würden. Es war doch wohl kein Verbrechen, wenn wir voraussetzten, dass die Verhältnisse Deutschlands im Ausland nicht bekannt genug wären und dass die Rechtssozialisten daraus leicht Kapital hätten schlagen können, um andere Völker für ihre Ideen einzufangen. Wir haben erklärt, dass die II. Internationale nicht wiedererstehen kann und dass sie für die Geschichte erledigt ist. Wenn ich in meiner Broschüre geschrieben habe, die Moskauer Internationale sei eine verfrühte Gründung, so sage ich, ich bin heute noch dieser Überzeugung. Genosse Radek hätte weiterlesen müssen, weshalb ich sagte, dass die Moskauer Internationale zu früh gegründet sei. Ich habe in meiner Broschüre erklärt, dass der Gründung einer neuen Internationale eine Klärung der Arbeiter in jedem Lande vorausgehen müsse. Die Arbeiter müssten sich klar werden über den Begriff der Diktatur des Proletariats, über den internationalen Klassenkampf, und wenn sie sich in ihren eigenen Ländern klar geworden wären, könnten sie eine internationale Rolle spielen. Dass das nicht von so grossem Übel gewesen wäre, beweist die ganze Rede des Genossen Sinowjew. Wer ist eigentlich auserwählt und berufen für die Kommunistische Internationale? Die russischen Kommunisten allein sind nicht kritisiert worden. Sonst ist nicht eine der angeschlossenen Parteien ohne Kritik geblieben. Und dieselben Vertreter derselben Parteien, die hier kritisiert worden sind, die brechen den Stab über die bösen Unabhängigen in Deutschland. Sie übersehen vollkommen, dass wir uns von den Rechtssozialisten getrennt haben, dass wir vor der Spaltung zurückgeschreckt sind, als sie historisch unvermeidlich war.

Man soll jedoch mit der Spaltung nicht zu leicht operieren. Ich kann mir vorstellen, dass eine Spaltung notwendig sein kann. Beweis: die U.S.P. in Deutschland. Aber das ist eine bittere Notwendigkeit. Man soll, bevor man spaltet, die Arbeiter für eine grundsätzliche klare Haltung zu gewinnen versuchen. Dazu muss man Zeit und Geduld haben. Spalten kann man die Arbeiter viel leichter, als sie für die Revolution in Deutschland gewinnen und zusammenhalten. Es ist eins der traurigsten Schauspiele in Deutschland, dass der ganze linke Flügel der Arbeiter in drei bis vier Parteien gespalten ist: U.S.P., KPD, KAPD, und neuerdings propagiert man die Arbeiterunion. Das ist sehr schädlich für die deutsche Bewegung, für die proletarische Weltrevolution und ganz besonders für die Internationale. Was wir brauchen, das ist eine aktionsfähige Internationale, und die setzt voraus, dass wir die Arbeiter stark geschlossen organisieren müssen. Sonst können wir überhaupt keine internationale Aktion durchführen. Es kommt darauf an, die Massen zusammenzuhalten und sie auf den Boden der proletarischen Revolution zu bringen, wenn sie noch nicht darauf stehen. Es ist richtig, dass ich in Leipzig gegen einen sofortigen Anschluss an Moskau aufgetreten bin. Warum? Nun, Genossen, auf dem 1. Kongress in Moskau wurde beschlossen, die U.S.P. Zu vernichten, sie zu zertrümmern, sie aufzureiben, sie aus der Welt zu schaffen. Ihr werdet verstehen können, dass ein Vertreter einer Partei, die vernichtet werden soll, den Wunsch hat, sich mit den Genossen, die das wollen, erst einmal auszusprechen, in der Hoffnung, auf dem Wege der Verständigung den Anschluss herbeizuführen. Wir sind nicht gegen den Anschluss gewesen, sondern wir waren dafür, dass vorerst die feindseligen Beschlüsse gegen uns aus der Welt geschafft werden müssen. Man kann nicht prügeln und dann erwarten, dass die anderen sagen: Wir sind eure Freunde, weil ihr uns geprügelt habt. Das sind alles Dinge, die man verstehen und begreifen muss. (Zwischenrufe.) Was die Unterzeichnung des Friedensvertrages anbetrifft, so haben die Massen in dieser Frage in Deutschland vollkommen hinter unserer Partei gestanden. Es war damals ein Kampf gegen den Chauvinismus in Deutschland, und wir waren froh, dass endlich einmal der Nationalismus zurückgedrängt war. Die deutschen Nationalisten wollten die Friedensfrage wieder zu einem nationalistisch-chauvinistischen Hexensabbath machen. (Zwischenruf Walcher: Ihr habt ihnen aus der Verlegenheit geholfen.) Das ist Unsinn. Deutschland war durch den Krieg so geschwächt, dass, wenn wir von neuem blockiert worden wären, die Verelendung der Massen in Deutschland noch viel fürchterlicher geworden wäre. Wir glaubten, es käme darauf an, die Massen kampffähig zu machen, sie durch einen fortgesetzten Kampf gegen die kapitalistischen Verelendungstendenzen auf eine möglichst hohe Stufe der Lebenshaltung zu bringen. Die völlig verelendeten Schichten bis zum Lumpenproletariat herunter stehen nicht im Vordertreffen, sie werden keine Revolutionen machen, sondern die Arbeiterschichten, die ihre Lebenshaltung relativ höher stellen konnten. Also auch der Vorwurf wegen der Unterzeichnung des Friedensvertrags gegen uns ist nicht berechtigt.

Nun die Frage von Terror und Gewalt. Wir sind der Meinung, dass dies zwei verschiedene Dinge sind. Wir können auf Gewalt nicht verzichten, wenn wir die Diktatur behaupten wollen. Wo Gewalt angewendet wird, kommt es unter Umständen vor, dass hier und da Leute getroffen werden, die hätten verschont bleiben müssen, wenn man zwischen Schuld und Unschuld sorgfältig hätte prüfen können. Aber es ist etwas anderes, wenn wir jetzt, bevor wir die Macht haben, erklären: Wir müssen den Terror als politisches Prinzip anwenden, wir müssen eine Schreckensherrschaft errichten, oder ob wir sagen, wir können auf die Gewalt nicht verzichten. Als Ausmass für die Anwendung von Gewalt gilt das, wozu wir unter den obwaltenden Umständen gezwungen sind.

Ich kann sagen, dass wir die Bolschewiki niemals beschimpft haben; ich kann ferner erklären, dass ich mich stets mit den russischen Genossen solidarisch gefühlt habe. Als man den Kommunisten in Nürnberg vorgeworfen hat, dass sie von den Russen Geld genommen hätten, da habe ich erklärt, darauf würde ich stolz sein, denn das wäre ein Akt der internationalen Solidarität gewesen. Wir haben uns immer für die Bolschewiki eingesetzt und erklärt, sie müssen einen schweren Kampf führen, und wir haben kein Recht, sie herabzusetzen. (Zuruf: Kautsky.) Kautsky gewiss, der hat Kritik geübt, aber er bestimmt nicht die Parteiführung. Das ist ein grosser Irrtum. (Zuruf: Ledebour.) Auch Ledebour hat die Bolschewiki nicht herabgesetzt. Da irrt Ihr Euch. Ledebour hat offen für die Revolution gekämpft und hat sein Leben nicht geachtet. Er meint, man kann den Terror nicht als politisches Prinzip aufstellen.

Ich möchte nur hier erklären, dass auch unsere Freunde in Russland opportunistische Sünder sind. Sie klagten uns an, dass wir in der Agrarfrage nicht ihre Forderung vertreten. Zu dieser Frage haben wir in unserem Antwortschreiben folgendes ausgeführt:

»Was die Agrarfrage betrifft, so müssen wir zu unserem Erstaunen feststellen, dass das Exekutivkomitee dem revolutionären Proletariat Deutschlands Methoden empfiehlt, die einen direkten Rückfall in längst überwundene kleinbürgerliche Gedankengänge bedeuten. So wird uns empfohlen, den Kleinbauern klar zu machen, dass das Proletariat nach der Eroberung der Staatsmacht unverzüglich auf Kosten der expropriierten Grossgrundbesitzer ihre Lage verbessern, sie vom Joch der Grossgrundbesitzer befreien, ihnen als Klasse grosse Güter geben, sie von den Schulden befreien wird usw. Dieser Vorschlag bedeutet nichts anderes, als die Ablehnung unserer marxistischen Auffassung, wonach der Grossgrundbesitz sofort sozialisiert, d. h. vergesellschaftet und gemeinwirtschaftlich bearbeitet werden soll. Stattdessen soll nun den Kleinbauern gesagt werden, dass sie die grossen Güter erhalten, von den Schulden befreit werden usw. Das bedeutet die Preisgabe der Interessen des Proletariats zugunsten der Bauernschaft, bedeutet ungewollt die Übertragung der russischen Verhältnisse, wo der Grund und Boden den Bauern übergeben worden ist auf Deutschland, dessen soziale und wirtschaftliche Entwicklung durch eine derartige Massnahme auf das schwerste beeinträchtigt werden könnte.«

Glaubt Ihr, dass es für Deutschland revolutionär ist, wenn wir den Kleinbauern Land geben? (Walcher: Um die Kleinbauern auf unsere Seite zu bringen.) Mit opportunistischen Mitteln bringt man sie nicht auf unsere Seite. Die Grossgrundbesitzer müssen enteignet werden, die Güter müssen auf genossenschaftlicher Grundlage bewirtschaftet, aber nicht unter die Landarbeiter und Kleinbauern verteilt werden. Diese müssen reif gemacht werden für die genossenschaftliche Bewirtschaftung des Grund und Bodens für die Gesellschaft.

Genosse Meyer hat gefragt, was wir getan haben, um den Anschluss herbeizuführen. Ich glaube, dass auch Genosse Meyer unseren offiziellen Bericht hierüber gelesen hat. Was wir getan haben? Wir haben uns unablässig bemüht, mit Moskau zusammenzukommen. Wir bekamen endlich nach vier Monaten eine Antwort, wir standen mitten drin in der Abwehr des militärischen Putsches, wir standen im Wahlkampf und sind unmittelbar darauf nach Moskau gegangen. Dass wir mit anderen Parteien zusammengekommen sind, das war der Beschluss, den uns der Parteitag mit auf den Weg gegeben hat, und Beschlüsse, die der Parteitag getroffen hat, müssen wir ausführen. Wir haben es vermieden, mit anderen Parteien eine internationale Konferenz abzuhalten. Wir wollten Moskau den Vortritt überlassen.

Es ist nicht richtig, dass Koenen in der Schweiz gesagt hat: Wir gründen eine neue Internationale. Wir haben gesagt: Wenn Moskau uns abweist, dann müssen wir überlegen, was weiter geschehen soll. Sollen wir uns ausschalten lassen aus der internationalen Politik? Glaubt Ihr, dass es möglich ist, dass eine solche grosse Bewegung, wie die U.S.P. sie darstellt, nicht international aktiv ist? Allerdings, Ihr Kommunisten aus Deutschland habt uns tot gesagt, seit wir als Partei geboren sind. Eure Hoffnung, dass wir bald tot sind, beunruhigt uns weiter nicht.

Ich möchte nun allgemein noch sagen: Ich vermisse in den Debatten, dass man an die geschichtliche Entwicklung denkt. Mancher Genosse glaubt, mit der Kommunistischen Internationale sei auf einmal der Marxismus auf die Welt gekommen, und nun sei etwas ganz Neues vorhanden. Das ist nicht richtig. Die I. Internationale, die in dem Glauben gegründet wurde, es würde unmittelbar hinter der bürgerlichen die proletarische Revolution folgen, die eingestellt war auf die unmittelbare Verwirklichung des Sozialismus, die hörte auf zu bestehen aus den Gründen, die Sinowjew angedeutet hat. Es hatte sich herausgestellt, was auch Marx ausgesprochen hat, dass damals im Proletariat selbst die Vorbedingungen für die Übernahme und Behauptung der politischen Macht gefehlt haben, und dass es zunächst darauf ankam, das Proletariat zu organisieren und im Proletariat die Fähigkeiten für den Kampf um die Eroberung der politischen Macht zu entwickeln. Das geschah durch Verkürzung der Arbeitszeit, durch die Erhöhung der Löhne, durch den allgemeinen Kampf um politische und ökonomische Reformen, usw. Das waren die geschichtlichen Aufgaben jener Epoche, die von der II. Internationale beherrscht wurde. Heute sind auch die Vorbedingungen für den Kampf um die Eroberung und Behauptung der politischen Macht in der Arbeiterklasse vorhanden, wie heute auch die Vorbedingungen für den Sozialismus in der kapitalistischen Gesellschaft vorhanden sind. Jetzt stehen wir in der Epoche, wo es gilt, die politische Macht zu erobern. In Russland hat man sie schon erobert; in anderen Ländern wird man sie hoffentlich auch recht bald erobern können. So muss man die Entwicklung würdigen, die die Arbeiterbewegung durchgemacht hat, um zu erkennen, dass die Kommunistische Internationale dort weiterbaut, wo in früheren Epochen die Vorgänger aufgehört haben. Wenn nun die Parteien, die heute noch rechtssozialistisch sind, ihre Aufgaben nicht erkannt haben, so werden sie das mit ihrem Zusammenbruch, mit ihrem Untergang bezahlen müssen. Wir haben das erkannt, wir handeln danach und treiben in Deutschland eine revolutionäre Politik. Das behaupte ich mit vollem Nachdruck, und das können wir jederzeit auch dokumentarisch belegen. Formuliert Eure Antwort, wie Ihr wollt, wir haben das ehrliche Bestreben, den ehrlichen Wunsch, mit der Kommunistischen Internationale eine gemeinsame Front zu errichten. Ihr könnt uns unsere revolutionäre Überzeugung, Gesinnung und Betätigung nicht absprechen. Revolutionäre bleiben wir doch, wenn wir auch noch so sehr als Opportunisten verdächtigt werden. Mögt Ihr urteilen, wie Ihr wollt, wir werden nicht ablassen, in Deutschland auch in Zukunft für die proletarische Weltrevolution alle Kräfte einzusetzen, über die wir verfügen. Gebt Ihr uns aber eine Antwort, die das deutsche Proletariat, das in unseren Reihen steht, mit Freuden aufnimmt, desto besser für die Errichtung einer internationalen proletarischen Front.

Dittmann. Genossen! Ein Zufall fügte es, dass ich unmittelbar nach meinem Freunde Crispien zu Worte komme. Ich bitte Euch, daraus nicht schlussfolgern zu wollen, wie uns vom Genossen Wijnkoop unterstellt wurde, dass wir hier noch unverschämter aufzutreten beabsichtigten als in Deutschland. (Heiterkeit.) Es ist wirklich ein reiner Zufall, dass wir einander auf der Rednerliste folgen.

Man hat uns den Vorwurf gemacht, besonders Crispien und mir, dass wir auf dem Leipziger Parteitag nicht für den unmittelbaren direkten Anschluss an die Kommunistische Internationale eingetreten seien. Dieselben Personen, die uns diesen Vorwurf gemacht haben, sind hier aufgetreten und haben ein langes Sündenregister aufgezählt, das sie glauben uns vorhalten zu müssen, um nachzuweisen, dass wir nicht würdig seien, in die Kommunistische Internationale aufgenommen zu werden. Ich meine, darin liegt ein starker Widerspruch, und das rechtfertigt doch wohl den Beschluss, den unsere Partei in Leipzig gefasst hat, mit der Kommunistischen Internationale zu verhandeln, um festzustellen, ob ein Zusammenschluss zu einer einheitlichen gemeinsamen Front möglich ist oder nicht. Zu dem Zweck sind wir jetzt hergekommen, und als Basis für unsere Verhandlungen ist uns das Aktionsprogramm mitgegeben worden, das unser Leipziger Parteitag beschlossen hat. Dieses Aktionsprogramm – ich nehme an, dass es Euch bekannt ist – stellt sich auf den Boden der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, auf den Boden der Diktatur des Proletariats und des Rätesystems, und zwar klar und unumwunden, und ich glaube, dass nicht sehr viele der Parteien, deren Vertreter uns Unabhängige hier kritisiert haben, ein Programm aufweisen können, das gerade in diesen entscheidenden Punkten so klar und unzweideutig ist wie das unsrige.

Genossen, ich will nach den Darlegungen meines Freundes Crispien hier nicht mehr auf diese allgemeinen Fragen eingehen. Ich habe mich vor allem zum Worte gemeldet, um einige Vorwürfe zurückzuweisen, die im Laufe der Debatte von einigen Rednern gegen uns erhoben worden sind.

Ich muss mich besonders mit dem Genossen Radek beschäftigen. Er hat vor allem zwei Vorwürfe gegen die Unabhängigen erhoben, deren Vertreter der ersten revolutionären Regierung in Deutschland angehört haben. Er hat der U.S.P. vorgeworfen, dass ihre Vertreter damals die symbolische Handlung des russischen Proletariats zurückgewiesen hätten, die darin bestand, dass dem deutschen Proletariat zwei Eisenbahnzüge Getreide angeboten worden sind. Und er hat weiter kritisiert, dass die U.S.P. damals verhindert habe, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschland der ersten Revolutionswoche vom November 1918 und Sowjetrussland wiederhergestellt worden seien. Ich weiss, dass Genosse Radek zu den ausländischen Genossen zählt, die von allen ausländischen Genossen die deutschen Verhältnisse am besten kennen. Aber trotzdem zeigt sich sehr oft, dass er die deutschen Verhältnisse bei weitem nicht gründlich genug kennt, um ein wirklich massgebendes Urteil abgeben zu können. Ich sage das hier nicht als Vorwurf, sondern nur als Feststellung einer Tatsache. Ich kenne auch in diesem Saale keinen Menschen, der die Verhältnisse in allen Ländern mit einem derart universalen Geiste überschaut, dass er imstande wäre, in jeder gegebenen Situation die erforderlichen politischen Richtlinien festzustellen, nach denen das Proletariat in jedem einzelnen Lande jeweils zu marschieren hat, um der Revolution am besten zu dienen. Das geht über die menschliche Kraft. Deshalb sage ich das, was ich ausspreche, nicht als Vorwurf. Wer die Verhältnisse beurteilen will, die im November-Dezember 1918 in Deutschland vorhanden waren, der kann sich nicht damit begnügen, dass ihm, wenn er nach Deutschland kommt, von einigen Genossen verschiedene Tatsachen mitgeteilt werden. Er darf nicht glauben, auf Grund dieser Tatsachen ein absolut zutreffendes Urteil abgeben zu können.

Wie lagen die Dinge? Als Deutschland militärisch auf dem Schlachtfelde zusammengebrochen war, war auch im Innern des Landes ein wirtschaftlicher Zusammenbruch da. Das Volk war physisch und moralisch zusammengebrochen. Es stand unmittelbar vor der Gefahr des direkten akuten Verhungerns. So stand damals in Deutschland die Situation. Die deutschen Militaristen hätten trotz allem, was vorgefallen war, im Oktober 1918 immer noch nicht das Spiel für verloren gegeben, wenn ihnen nicht von verantwortlicher Stelle erklärt worden wäre: Unsere Getreidevorräte reichen nur noch bis in den Anfang Januar 1919 hinein. Dann sind wir am Ende, dann verhungert das Volk.

So lagen die Dinge, und die Regierung, die damals das Ruder in die Hand nahm, musste sich bewusst sein, dass sie dafür zu sorgen hatte, dass der akute Hungertod vom Volke ferngehalten werde und dass bis zu dem Zeitpunkt, wo die vorhandenen Getreidevorräte aufgezehrt sein würden, Getreide von irgendwoher und wäre es vom Monde hereingeschafft werde. Dafür hätte niemand die Verantwortung übernehmen können, eine Politik zu treiben, durch die das ganze Volk dem Verhungern ausgesetzt würde. In dieser Situation kam das Telephongespräch von Radek und Haase am Hughes-Apparat. Was hat Genosse Haase geantwortet? Ich hätte gewünscht, Radek hätte die vollständige Antwort von Haase wiedergegeben. Er hat erklärt: Wir sehen in dem Angebot einen Akt der Solidarität des russischen Proletariats mit dem deutschen; wir sehen darin eine Symbolisierung der internationalen Solidarität; aber wir wissen, dass Russland gleichfalls schweren Hunger leidet, und, soweit die Versorgung Deutschlands in Frage kommt, hat bereits Amerika die Zusage gegeben, dass für Deutschland Getreide geliefert wird in einem Umfang, dass es möglich ist, die bisher gelieferten Rationen laufend bis zur Neuernte fortgeben zu können. Das ist damals vom Genossen Haase dem Genossen Radek am Apparat erklärt worden. Da möchte ich fragen: wo liegt hier eine Preisgabe der internationalen Solidarität des Proletariats?

Genosse Haase hat durchaus korrekt gehandelt, wenn er erklärte, wir wissen, dass ihr das Getreide selbst brauchen könnt, und andererseits wissen wir, dass uns Getreide geliefert wird. Behaltet also das Getreide selbst. Liegt darin der Wert des Angebots, dass die Züge rollen? Dass das Angebot ausgesprochen wird, darin liegt der Wert. Das genügt, um den Beweis der Solidarität darzubringen, und wenn von Haase geantwortet wird, dass wir darin einen Akt der Solidarität sehen, dass wir dafür danken, so entspricht das der gegebenen Situation, und ich verstehe nicht, wie Genosse Radek uns aus dieser Handlung vorwerfen kann, wir seien dem Wilsonismus verfallen, weil wir als Regierung das Getreide von Amerika angenommen haben.

Von wem sollten wir denn sonst in Deutschland Getreide bekommen, um unser Volk vor dem Verhungern schützen zu können, wenn nicht von dem einzigen Lande der Welt, das damals imstande war, unserem halbverhungerten Volke Getreide zu liefern? Wir mögen über Amerika denken wie wir wollen, aber Amerika hat Getreide geliefert und nicht nur Getreide, sondern auch andere Lebensmittel.

Nun zur Ausweisung der russischen Botschaft. Ich glaube, am 4. oder 5. November 1918 hat die Regierung des Prinzen Max von Baden, des letzten Reichskanzlers des wilhelminischen Regiments, die Ausweisung des russischen Botschafters aus Berlin bestimmt, und zwar angeblich deshalb, weil Joffe seine Stellung als Gesandter missbraucht habe, indem er in Deutschland revolutionäre Propaganda getrieben habe. Deshalb hat die deutsche kaiserliche Regierung ihn ausgewiesen. Als die deutsche Revolution ausbrach, sass Genosse Joffe an der deutsch-russischen Grenze. Es waren noch einige Formalitäten wegen des Grenzübergangs zu erledigen; deshalb hatte er dort Aufenthalt. In dieser Situation sind vom Genossen Joffe, als ihm bekannt geworden war, in Deutschland sei die Revolution ausgebrochen und es seien Unabhängige in der Regierung, Telegramme nach Berlin gerichtet worden. Er hat an den Genossen Haase telegraphiert, und Haase hat sofort im Rat der Volksbeauftragten – so hiess damals die Regierung, deren Mitglied ich mit Haase und Barth gewesen bin – erklärt, dass wir Unabhängigen alle drei der Meinung seien, dass Joffe sofort zurückzurufen sei. Das war die Stellung, die wir sofort eingenommen haben, aber die Rechtssozialisten, unterstützt vom Minister des Auswärtigen Solf, erklärten uns: davon kann keine Rede sein. (Zwischenruf Walcher: Das Protokoll weist etwas anderes auf.) Ich komme auch auf das Protokoll, lasst mich die Dinge darlegen; ich kenne sie besser als irgend jemand anders hier, weil ich einer der Beteiligten war. Dann haben Solf und mit ihm Landsberg, Scheidemann und Ebert erklärt, es sei ganz gleich, ob Joffe die Revolution in Deutschland habe unterstützen wollen oder ob er etwa reaktionäre Propaganda getrieben habe: ein Gesandter, so sagten sie, habe sich unter allen Umständen der Einmischung in die inneren Verhältnisse des Landes zu enthalten. Wir haben vergebens betont, das sei ein formalistischer Standpunkt, den wir als Revolutionäre keineswegs billigen könnten. Joffe habe im Interesse der deutschen und der Weltrevolution gehandelt, und wir fühlten uns mit ihm solidarisch und müssten darauf drängen, dass er als Gesandter zurückkomme. Wir haben nicht nur einmal, sondern x-mal im laufe des November und Dezember über diese Frage gestritten. (Zwischenruf Wolfstein: Abstimmung!). Der Rat der Volksbeauftragten war zusammengesetzt aus drei Rechtssozialisten und aus drei Unabhängigen. Wir hätten es also verhindern können, wenn die Rechtssozialisten einen Beschluss hätten durchdrücken wollen, Joffe aus Berlin auszuweisen, wenn das noch nicht geschehen wäre; aber um den positiven Antrag durchzubringen, Joffe zurückzurufen, dazu fehlte uns die Mehrheit. Da standen drei gegen drei, und es war uns unmöglich, durchzusetzen, dass Genosse Joffe nach Deutschland zurückberufen werde. – Euer Klatschen hinten am Vorstandstisch beweist nichts. Ihr könnt von niemand mehr verlangen, als dass er eintritt für das, was er durchsetzen kann. Ich warte, wenn man beliebt, mich so zu unterbrechen, da ich mich nur schwer verständlich machen kann. – Was konnten sie in einer solchen Situation von uns verlangen? Doch nur das, was wir durchsetzen konnten, und wir sind soweit gegangen, als die Möglichkeit für uns vorlag. Wir haben aber erklärt, wir kommen auf die Sache zurück, für uns ist sie nicht erledigt, und wir haben sie bei jeder passenden Gelegenheit aufs neue angeschnitten. Aber das wurde uns aufs äusserste erschwert durch das Verhalten gerade des Genossen Radek. Eines Tages sagte mir Genosse Haase ganz aufgeregt: Sie kennen doch den Genossen Radek; können Sie sich vorstellen, dass dieser kluge Mensch eine solche Dummheit begeht. Soeben werde ich von Moskau am Hughes-Apparat angerufen – das ist ein Apparat, der auch zugleich schreibt, so dass ein unbelauschtes Gespräch an einem solchen Apparat nicht möglich ist, eine Tatsache, die auch Radek ohne Zweifel bekannt war und die ihn veranlassen musste, Vorsicht walten zu lassen in bezug auf das, was er mitteilte –, und da hat Radek mitgeteilt, dass eine Delegation nach Deutschland kommen würde zum ersten Rätekongress, und dass diese Delegation gleichzeitig sprachkundige Leute mitbringen würde, die den Auftrag haben sollten, in den Kriegsgefangenenlagern in Deutschland unter den Engländern und Franzosen revolutionäre Propaganda zu treiben. (Zurufe: Bravo! Zwischenruf Radek: Schrecklich!). Ich begrüsse das als revolutionärer Sozialist, aber es ist etwas anderes, ob einer Regierung offiziell und gleichzeitig den Beamten, die nicht auf Seiten der Revolution stehen, mitgeteilt wird, dass die Absicht besteht, in die Kriegsgefangenenlager Agenten zu schicken, die dort revolutionäre Propaganda treiben sollen. Das heisst mit anderen Worten, der ganzen bürgerlichen Welt in Deutschland diese Tatsache zur Kenntnis bringen und auch dafür sorgen, dass es der Entente zur Kenntnis kommt, derselben Entente, mit der die deutsche Regierung einen vierwöchigen Waffenstillstand abzuschliessen gezwungen war. Die Entente hätte diese Propaganda, wenn sie von der deutschen Regierung gebilligt worden wäre, selbstverständlich als Bruch des Waffenstillstands ausgelegt. Deshalb blieb dem Genossen Haase nichts anderes übrig, als Radek am Apparat zu antworten: davon könne keine Rede sein, dass wir auf dieses Angebot eingehen. Daraufhin wurde von Radek erklärt, so würde man darauf verzichten. (Zwischenruf Levi und Radek: Also.) Das Also beweist nichts, denn das Angebot war gemacht, im Auswärtigen Amt bekannt, und es wurde Solf und den bürgerlichen Beamten, mit denen wir zu rechnen hatten, bekannt. (Zwischenruf Radek: Warum habt ihr sie nicht fortgejagt?) Ich bin der letzte, der verurteilt, dass revolutionäre Propaganda betrieben wird, aber wir müssen doch den Umständen Rechnung tragen und die Situation verstehen, wie sie vorlag. Wir brauchen uns nicht darüber zu streiten, was wir wünschen. Es war dadurch für uns Unabhängige im Kabinett eine Situation geschaffen, die unsere Bemühungen, die Beziehungen zu Sowjetrussland wieder aufzunehmen, ausserordentlich erschwerte, denn Landsberg, Scheidemann und Ebert, Solf nicht zu vergessen, haben uns sofort erklärt: Da seht ihr ja, was wir zu erwarten haben, wenn diese Gesandtschaft wieder zurückkehrt. Sie wird uns in die schlimmsten Verwicklungen mit der Entente führen und dazu, dass der Waffenstillstand gebrochen wird, jetzt, wo unsere Truppen vom linken Rheinufer zurückgeführt werden. Die Entente wird hinterher einmarschieren, und Deutschland wird besetzt werden. Das war zu jener Zeit eine Situation, die niemand ohne Not heraufbeschwören durfte, wenn er nicht die ganze Volksstimmung in Deutschland gegen sich aufbringen wollte, auch die Stimmung der Arbeiterkreise, darüber soll man sich klar sein. Und als Solf und die anderen wiederum erklärten: Es kann keine Rede von der Rückkehr Joffes sein, blieb uns nichts anderes übrig, als die Sache zunächst aufzuschieben. Wir wollten sie nicht aufgeben. Wir hofften immer noch die Möglichkeit zu haben, sie trotzdem durchzudrücken, und aus dieser Situation stammt das Protokoll, das einmal der »Vorwärts« veröffentlicht hat. Er hat aber vermieden, die anderen Protokolle zu veröffentlichen, aus denen all das, was ich hier erklärt habe, sehr klar hervorgegangen wäre. (Zwischenruf Walcher und Radek: Barth hat es bestätigt.) Ich bin nicht so unhöflich gewesen, Barth zu zitieren. Er spricht sich in sehr unhöflicher Weise gegen Sie aus, lieber Genosse Radek. Ich mutmasse, dass Sie ein Zitat aufgegriffen haben, das der »Vorwärts« gebracht hat. Im Buch Barth steht dagegen: »Die Rechtssozialisten kamen mit einem Funkspruch von Radek, in dem er den gemeinsamen Kampf am Rhein gegen die kapitalistische Entente ankündigte. Eine grosse Eselei und die denkbar schwerste Schädigung der Weltrevolution bedeutete diese blöde Phrase!« So äussert sich Barth. Sie hätten klüger getan, Barth nicht zu zitieren. Ich kann auch die Stelle verlesen in bezug auf Joffe, der an Haase und Barth für die Revolution Geld gegeben haben soll. Es heisst darüber in dem Buche: »Ich erkläre die Funksprüche Joffes für mehr als dumm; wenn ich ebenfalls Namen genannt hätte, so wären jene Genossen sicherlich nicht mehr am Leben, die Konterrevolution hätte sie gemordet.« Ich habe mit der grössten Anstrengung in der ganzen Broschüre von Barth nichts entdecken können, was irgendwie günstig für Sie lautet, Genosse Radek. Ich habe nur die paar Stellen gefunden, die ich nicht zitiert hätte, wenn Sie nicht dazwischen gerufen hätten. – Dann sind wir inzwischen aus der Regierung ausgeschieden und sind nicht verantwortlich dafür, was weiter geschehen ist. Wir sind in der Öffentlichkeit immer wieder dafür eingetreten, dass sowohl die diplomatischen als auch die wirtschaftlichen Beziehungen mit Sowjetrussland wieder auf genommen würden. Erst jetzt ist wieder ein derartiger Antrag von uns im Reichstage gestellt worden. Die Genossen Stoecker und Crispien sind beauftragt, diesen Antrag im Parlament zu begründen. Es wird darin von uns der Standpunkt vertreten, dass die Beziehungen zwischen Sowjetrussland und Deutschland selbstverständlich wieder aufzunehmen sind. Unsere Partei hat erst ganz kürzlich, als der polnische Imperialismus seinen Raubzug gegen Russland unternahm, eine gewaltige Demonstration veranstaltet mit der Parole: Hände weg von Russland und her mit den friedlichen Beziehungen zu Russland! Ich weiss nicht, ob die Genossen, die fortgesetzt alle diese Berichte und Mitteilungen über die Unabhängigen empfangen, wonach wir Sowjetrussland feindlich gesinnt wären, alle diese Dinge kennen. Ich möchte glauben, sie kennen diese Dinge nicht; sonst könnten sie nicht dieses Urteil über die Unabhängigen haben, das hier zum Ausdruck gekommen ist.

Nun zum Schluss noch ein Wort. Es haben sich eine ganze Anzahl Redner in dem Sinne geäussert, dass ihrer Meinung nach ausser anderen Parteien auch unsere Partei in die Kommunistische Internationale nicht aufgenommen werden könne, weil sie nicht revolutionär sei. Mein Freund Crispien hat in grossen Zügen nachgewiesen, wie falsch dieser Vorwurf ist, und wenn die Möglichkeit bestände, die ganze Geschichte unserer Partei seit der deutschen Revolution vor Euch aufzurollen, würde gewiss mancher sein Urteil über unsere Partei ändern. Er würde es als ehrlicher Mensch ändern müssen. Seid doch überzeugt 5 Millionen Menschen wählen nicht eine Partei, gegen die die Blätter der Kommunistischen Partei die Vorwürfe, die hier erhoben worden sind, und noch hundert andere erheben, wenn sie sich selbst nicht ein Urteil bilden können, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Wir haben unsere Position errungen im schwersten Kampfe gegen die Mehrheitssozialisten und die Bourgeoisie. Wir können für uns in Anspruch nehmen, dass hinter der Unabhängigen Partei in Deutschland die Massen des revolutionären Proletariats stehen, und weil wir wissen, dass die Weltrevolution im Fortschreiten begriffen und dass es notwendig ist, dass das Proletariat aller Länder in einer einheitlichen gemeinsamen Front marschiert und versucht, den Kapitalismus niederzuringen, deshalb sind wir nach Moskau gekommen und nicht, wie Ihr sagt, um dem Druck der Arbeitermassen nachzugeben. Wir sind selbst Arbeiter und Proletarier, wir sind Arbeiter von Herkunft und Erziehung, wir stehen seit einem Vierteljahrhundert in der Arbeiterbewegung. Unser ganzes Sein geht auf in der Bewegung, und wir haben in den schwersten Zeiten des Krieges unseren Mann gestanden, keine Opfer gescheut und haben uns auch den Schergen des kapitalistischen Klassenstaates gestellt. Wenn man hier hingestellt wird als jemand, dem jedes revolutionäre Empfinden abgeht, hat man ein Recht, darauf hinzuweisen, dass man sich seine Narben geholt hat im revolutionären Kampf des Proletariats.

Und wenn Ihr dasselbe wollt wie wir: das Proletariat Russlands und Deutschlands und darüber hinaus das Proletariat der ganzen Welt einheitlich und geschlossen zusammenfügen, dann bemüht Euch, so ernst wie wir uns hier bemüht haben, auch in den weiteren Verhandlungen einen Weg zu finden, der es uns ermöglicht, bald zusammenzukommen und die gemeinsame Schlacht gegen den Kapitalismus führen zu können zum Heil des gesamten Weltproletariats.

Rosmer. Es ist 1 Uhr morgens. Die Sitzung ist geschlossen.



Anmerkungen:
[prev.] [content] [end]

  1. Die Nummerierung der Sitzungen erfolgt nach der russischen Ausgabe des »Protokolls«. In der deutschen Ausgabe ist die Nummerierung der Sitzungen inkonsistent und unlogisch (1–11, dann 14 & 15). Zum Vergleich:

    Deutsche Ausgabe [Seitenzahl] → Russische Ausgabe/sinistra.net
    Erste Sitzung (19. Juli 1920) [6–56]Erste Sitzung (19. Juli 1920)
    Zweite Sitzung (23. Juli 1920) [57–99]Zweite Sitzung (23. Juli 1920)
    Dritte Sitzung (24. Juli 1920) [100–136]Dritte Sitzung (24. Juli 1920)
    Vierte Sitzung (26 Juli 1920) [137–166]Vierte Sitzung (26 Juli 1920)
    Fünfte Sitzung (28. Juli 1920) [167–233]Fünfte Sitzung (28. Juli 1920)
    Sechste Sitzung (29. Juli 1920) [234–286]Sechste Sitzung (29. Juli 1920)
    ↳Abendsitzung (29. Juli 1920) [287–329]Siebte Sitzung (29. Juli 1920)
    Siebte Sitzung (30. Juli 1920) [330–401]Achte Sitzung (30. Juli 1920)
    Achte Sitzung (2. August 1920) [402–442]Neunte Sitzung (2. August 1920)
    ↳Abendsitzung (2. August 1920) [443–480]Zehnte Sitzung (2. August 1920)
    Neunte Sitzung (3. August 1920) [481–508]Elfte Sitzung (3. August 1920)
    ↳Abendsitzung (3. August 1920) [509–537]Zwölfte Sitzung (3. August 1920)
    Zehnte Sitzung (4. August 1920) [538–570]Dreizehnte Sitzung (4. August 1920)
    ↳Abendsitzung (4. August 1920) [571–606]Vierzehnte Sitzung (4. August 1920)
    Elfte Sitzung (5. August 1920) [607–639]Fünfzehnte Sitzung (5. August 1920)
    Vierzehnte Sitzung (6.August 1920) [640–667]Sechzehnte Sitzung (6.August 1920)
    Fünfzehnte Sitzung (7. August 1920) [668–702]Schlusssitzung (7. August 1920)[⤒]

  2. Die Rechtschreibung wurde stillschweigend verbessert und vereinzelt dem heutigen Gebrauch angepasst. Falschgeschriebene Namen wurden berichtigt, die russischen und bulgarischen Namen sind in deutscher Transkription oder in gebräuchlicher Form wiedergegeben, Namen aus Ländern mit lateinischem Alphabet entsprechend der jeweils heimischen Form. Redaktionelle Zusätze sind in [] kenntlich gemacht.[⤒]

  3. Laut der Version aus dem Protokoll des I. Kongresses der III. Internationale lautet das Zitat folgendermassen:
    »Wenn die Erste Internationale die künftige Entwicklung vorausgesehen und ihre Wege vorgezeichnet, wenn die Zweite Internationale Millionen Proletarier gesammelt und organisiert hat, so ist die Dritte Internationale die Internationale der offenen Massenaktion, der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat.«[⤒]


Source: »Der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale, Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August in Moskau«, Verlag der Komm. Internationale, Hamburg 1921 / Второй конгресс. Коммунистического Интернационала, Июл–Август 1920 г., Стенографический отчет. Иад. Коммунистического Интернационала, Петроград 1921. Bearbeitung und Digitalisierung: sinistra.net 2021

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